Zul-aer Anzeiger
Erscheint jeden Werktag.Bezugspreis: monatlich 8 00 RM. Bei Dieferungsbehinöerungen durch „kwhere Gewalten", Streiks, Aussperrungen, Bahnsperre usw. erwachsen dem Bezieher keine Ansprüche. Verlag Friedrich Ehrenklau, §ulda, Mitglied des Vereins Deutscher Feitungsvee- leger. Postscheckkonto: §rankft»rt a. M. Hc.16009
Nr. 5 — 1932
Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
Zulöa- und Haunetal >§ulöaer Kreisblatt
Redaktion und Geschäftsstelle: Königstraße 42 ❖ Zernfprech-Ansthluß Nr. 2989 Nachdruck 6er mit * versehenen Artikel nur mit Quellenangabe.Zuldaer flnzeiger'gestallet.
Anzeigenpreis: Lür BehSröen, Genossenschaf ' ten,Banken usw. beträgt die Kleinzeile 0.30 HIE., ’ für auswärtige Auftraggeber 0.25 Mk., für die Reklamezeile 0.90 Mk. u. alle anderen 0.15 Mk., Reklamezeile 0.60 Mark > Bei Rechnungsstellung hat Zahlung innerhalb 8 Tagen zu erfolgen ♦ Tag- und Platzvorfchristen unverbindlich.
Fulda, Donnerstag, 7. Januar
9. Jahrgang
Lösung der „endgültigen Lösung"
Mr Zwischenlösung in Lausanne?
Für Ende Januar und Anfang Februar sind die drei großen politischen Versammlungen, die Lausanner Tributkonserenz, die Tagung des Völkerbund r a t s und die Abrüstungskonferenz geplant. Die Festsetzung ihrer genauen Anfangstermine und die ungefähre Schätzung ihrer Dauer macht bedeutende ' Sorgen nicht nur deswegen, weil einzelne der Hauptvertreter der beteiligten Staaten in allen drei Konferenzen tätig sein sollen, und man deswegen ein Überschneiden oder Parallellausen der Tagungen vermeiden will, sondern auch deswegen, weil sachlich die Verhandlungen und Entscheidungen, besonders der Tributkonferenz, von dem Verlaus der Abrüstungskonse- renz in nicht geringem Maße abhängig ist. Die Regelung der Tribute kann nicht ohne eine Stellungnahme Amerikas zu dem Problem der interalliierten Schulden erfolgen, die Vereinigten Staaten haben sehr nachdrücklich erklärt, daß ein Nachlaß der Schulden für ein Europa, das fortfährt, sein Geld in u n p r 0 d u k t i v e R ü st u n g e n zu stecken, nicht in Frage kommt. Infolgedessen wird eine Entscheidung Amerikas erst erfolgen können, wenn seststehl, daß die kommende Abrüstungskonferenz nicht nur eine Abrüstung für Deutschland, wie es der Wunsch Frankreichs ist, bringt, sondern eine allgemeine Minderung der Rüstungen, zu der sich tm Versailler Vertrag ausdrücklich die Signatarmächte verpflichtet haben.
Es machen sich daher die Stimmen, die einer nur kurzen Dauer der ersten Tributkonferenz das Wort reden und einer nur vorläufigen Entscheidung, um dann n a ch der Abrüstungskonferenz, also in etwa einem halben Jahr, eine neue Negierungskonferenz anzusetzen, die in eine Durchgreifende Revision der Tributfraac ein- treten soll. Endgültige Beschlüsse könnten dann also erst im Herbst gefaßt werden. Die Tendenz einer provisorischen Lösung der Tributfrage würde sich decken mit den Entschließungen der S t i l l h a l t e k 0 m m i s s i 0 n in London über die privaten Schulden, die jetzt bekanntlich eine endgültige Lösung auch verschoben haben und nur noch über eine Verlängerung des Moratoriums um ein Jahr verhandeln.
Der Gedanke einer Zwischenlösung in Lausanne wird hauptsächlich von dem Gouverneur der Bank von England, Montagu Norman, befürwortet, der Damit, wie es in einem französischen Bericht heißt, Zeit gewinnen wolle, um die Diskussion über die Endlösung erst nach den Neuwahlen in Frankreich im Sommer dieses Jahres zu eröffnen.
Da inzwischen in Deutschland die Präsidenten- wah l und die P r c u tz e n w a h l c n stattgefunden haben dürften, so ist es auch nicht unmöglich, daß eine hinaus- geschobcue Tributkonserenz veränderte innenpolitische deutsche Verhältnisse antreffen wird.
Die „Konferenz von Ouchy".
Wohnungsfragen und Polizeisorgen.
Reichskanzler Dr. Brüning hat sich entschlossen, nach Lausanne zu reifen, wenn eine Vereinbarung über den Er- ösfnungstermin zustande gekommen ist. Mit ihm wird Reichsfinanzminister Dr. Dietrich und voraussichtlich auch Reichswirtschaftsminister Prof. Dr. Warmbold an der Konferenz tcilnehmen.
Die deutsche, englische und italienische Abordnung zu der Tributkonferenz, die eigentlich, da sie nicht in Lausanne direkt, sondern in Ouchy stattfindet, die K 0 n - ferenz von Ouchy heißen müßte, haben bereits im Hotel „B e a u R i v a g e" in Ouchy Zimmer belegt. Die französische Delegation steigt im Palacehotel in Lausanne ab.
Die französische Abordnung wird auf der Konferenz von Ministerpräsident Laval und Finanzminister D' l a n d i n geführt werden, die englische von Außenminister Simon und dem Schatzininister Chamberlain. Die Lausanner Polizei hat umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen für die Dauer der Tributkonferenz getroffen, so lst zum Schutze der Teilnehmer ein besonderes Polizeikorps gebildet worden.
*
Französische Verschlepyungömanöver.
®ie französische Regierung würde gern eine Hin - aus sch i e b u n g des Konferenzbeginns bis • Aum Januar sehen, wie eine halbamtliche französische Meldung besagt. Dieser Wunsch wird begründet mit der Tagung der französischen Kammer, die am 12. Januar sich versammelt. Da Laval an den parlamentarischen Beratungen gern tcilnehmen wolle, wäre cs ihm aus inne n- politischen Gründen angenehm, wenn er erst gegen Ende des Monats nach Lausanne reisen müßte.
Die französische These, die Laval auf der Konferenz vertreten wolle, sei dem deutschen Botschafter vom Finanzminister Flandin bei seiner letzten Unterredung so präzisiert worden: Die französische Regierung wäre grundsätzlich geneigt, Deutschland ein Moratorium zu gewähren, jedoch nicht über d e n 1. Januar 1 934 hinaus, unter der Bedingung, daß die ungeschützten Annuitäten des Young-Planes von Deutschland während dieser Zeit weiterbezahlt würden, wobei Deutschland wie beim Hoover-Moratorium. die Möglichkeit hätte, über diese
Summe in der Form garantierter Anleihen an die Reichsbahn zu verfügen.
Dieser französische Vorschlag bringt nichts wesentlich Neues, er kann aber unmöglich der deutsche Standpunkt werden. Die deutsche Negierung will, wie oft genug betont wurde, eine endgültige Bereinigung der Neparationsfrage und sie wird diese Forderung hoffentlich in.Lausanue mit allem Nachdruck vertreten.
Oer Engländer Hankey Generalsekretär der Tributkonferenz.
Zum Generalsekretär der Tributkonserenz in Lausanne wird voraussichtlich der Sekretär des englischen Kabinetts, Sir Maurice Hankey, bestellt werden. Hanley hat bereits auf früheren internationalen Konferenzen, so in London und im Haag, ähnliche Posten bekleidet. Die an der Tributkonferenz teilnehmenden Regierungen haben sich bereits mit der Wahl Hankeys einverstanden erklärt. Hankey hält sich zurzeit in der Schweiz auf, wo er zusammen mit der schweizerischen Regierung die Konferenz vorbereitet.
Zum Generalsekretär der Tributkonserenz
ist der Engländer Sir Maurice Hankey ernannt worden. Hankey hat schon mehrfach auf internationalen Konferenzen als Generalsekretär fungiert.
Europaausschuß erst im Februar?
Genf. In seiner Eigenschaft als Präsident des Europaausschusses hat Briand ein Rundschreiben am sämtliche europäischen Mächte gerichtet und vorgeschlagen, die zum 22. Januar vorgesehene Tagung des Europaausschusscs aus den Februar zu benagen In seinem Schreiben weist Briand daraus hin, daß Ende Januar die Lausanner Tributkonserenz, die Tagung des Völkerbundrates und Anfang Februar die Abrüstungskonferenz statlsinden, daher aus technischen Gründen eine Vertagung des Europaausschusses erforderlich erscheine. Briand schlägt vor, daß Die europäischen Mächte sich während der Tagung der Abrüstungskonferenz über den Zeitpunkt des Zusammentritts des Europaausschusses einigen.
Der Damm zerreißt
Sedrohüche Lage im Hochwaffer- gebiet der Mulde.
Der Mtildedamm bei Retzau gebrochen.
„Der Damm der Mulde bei Retzau ist infolge deS Hochwassers gebrochen. Die Orte Retzau und Sollnitz sind in größter Gefahr." So lauteten am Mittwoch die Nachrichten aus dem Hochwaffergebiete der Mulde. Und dann kainen immer neue Alarmmeldungen. Um Dessau hatte sich die Hochwasserlage auss äußerste verschärft. Mehrere Ortschaften sind von der Außenwelt völlig abgcschnitten, und an mehreren anderen Stellen drohten neue Dammbrüche. Gehöfte und Mühlen stehen unter Wasser. In vielen Orten heulten dauernd die Sirenen und läuteten ununterbrochen die Sturmglocken.
Für die Berechnung der Flutwelle reichen die Tabellen der anhaltischen Wasserbanverwaltung nicht aus, da das Hochwasser höher steigt als in den Hochwasserjahren 1897 und 1909. Auf der Kreisstratze Dessau- Roßlau steht das Wasser in einer Breite von etwa fünf Kilometern. Die Hochwasserwelle der Mulde nähert sich dem sogenannten Wörlitzer Winkel, der Einmündung der Mulde'in die Elbe unterhalb von Dessau. Die Gefahr wird dadurch erhöht, daß die Flutwelle sich hier mit der Hochwasserwelle der Elbe trifft, das am Mittwoch Dresden erreicht hatte.
Hilfsmaßnahmen für Hochwassergeschädigte gefordert.
Der Reichstagsabgeordnete D. Doehring hat an den Reichskanzler Dr. Brüning folgendes Schreiben gerichtet:
„Das Erzgebirge ist zum zweiten Male binnen Jahresfrist von einer schweren Hochwasserkatastrophe heim- gesucht worden. Die Hilfsmöglichkeiten der sächsischen Regierung und erst recht der Kommunen sind infolge der finanziellen Notlage derart beschränkt, daß ein Eingreisèn des Reiches unmittelbar und so schnell wie möglich unbedingt erforderlich ist. Ich bitte Sie. sehr geehrter Herr Reichskanzler, dringend die erforderlichen Maßnahmen mit größter Beschleunigung veranlassen zu wollen."
Neue französische These.
Im Namen der Zivilisation: Tribute!
Der Pariser „Temps" meint, die Tribute seien ein Symbol Der Ehrfurcht vor der Zivilisation. Die Abschaffung der Reparationen würde außerdem die handelspolitische Unmoral sanktionieren, die schon jetzt an der Wurzel der Krise liegen. Das Interesse Frankreichs stehe weniger auf dem Spiel, denn das Loch, das der Ausfall der Reparationen in seinem Haushalt hervorrufen würde, könne gestopft werden. Es handele sich vielmehr um das Interesse der europäischen Zivilisation.
Ein Sieg Deutschlands in der Tributfrage würde es nur ermutigen, neue Forderungen zu stellen.
Durch die Inflation habe sich das Reich bereits seiner inneren Schuld entledigt. Das ausländische Kapital habe ihm erlaubt, seine Industrie auszurüsten. Die vollständige Aufhebung der Reparationen würde ihm nach Beendigung der Krise auf wirtschaftlichem Gebiet einen nicht zu rechtfertigenden Vorteil einräumen. Der Young-Plan sei weder ein Diktat noch ein Tribut. In normalen Zeiten sei seine Anwendung nur gerecht. Er müsse außerdem als ein Symbol nicht der Unterdrückung des deutschen Polkes, sondern der Ehrfurcht, Die man der Zivilisation schuldig sei, erhalten bleiben. — Frankreichs Sprachrohr mein also neuerdings, daß wir „normale" Zeiten haben.
Auch England zweifelt an Dauerlösung.
Unmöglich, wenn auch wünschenswert.
Der deutsche Botschafter in London, Freiherr von Neurath, stattete dem englischen Außenminister Sir John Simon einen Besuch ab. Der deutsche Botschafter wies seinerseits auf die Notwendigkeit einer baldigen zufriedenstellenden, möglichst dauernden Lösung der Tributfrage im Interesse der Erhaltung der Kreditwürdigkeit und Wiederbelebung des Wirtschaftslebens in Deutschland hin.
Der englische Außenminister erkannte voll an, daß auch die englische Regierung eine dauernde Lösung an sich für die wünschenswerteste hielte, wies aber aus die veränderten Umstände hin, die eine derartige Lösung nicht möglich machten.
Im Zusammenhang mit dieser Äußerung des englischen Außenministers gewinnt die Nachricht ein besonderes Gesicht, daß man in gut unterrichteten französischen Kreisen damit rechnet, daß es dem französischen Ministerpräsidenten angesichts der bevorstehenden .Haushaltsberatungen in der Kammer unmöglich sein werde, dem Wunsch des englischen Ministerpräsidenten Macdonald nachzukommen und sich nach London zu begeben.
In diesem Fall, so betont man, werde die beabsichtigte Aussprache der beiden Negierungssührcr voraussichtlich in Paris stattfindcn, wenn sich die englische Abordnung über die französische Hauptstadt nach Lausanne begehen werde.
Rückgang des Hochwassers bei Kehl.
Im Überschwemmungsgebiet bei Kehl geht das Hochwasser weiter zurück. Der Dammbruch ist vollständig abgedichtet. Auch die Bruchstelle am Eisenbahndamm bei Neumühl konnte geschloffen werden, so daß der normale Verkehr wieder einsetzte. Nur der Betrieb der Lokalbahn Kehl—Bühl bleibt noch gesperrt, da der Damm im Hoch- wassergebicte mehrere Unterspülungen aufweist.
Katastrophe auf der Insel Bali.
Wie aus Batavia gemeldet wird, sind sämtliche Verbindungen mit den Inseln Bali und Lombok, die in den letzten Tagen durch schwere Wirbelstürme und Hochwasser heimgesucht wurden, unterbrochen. Man befürchtet eine Naturkatastrophe, zumal da auch die Seekabel nach Singapur und Port Darwin gestört sind.
L $ ß
Die Hochwassergefahr ist nach wie vor infolge der anhaltenden Regenfälle vielerorts noch nicht vorüber. In Dessau gilt allerdings die Hochwassergefahr durch die rechtzeitig ergriffenen Maßnahmen als gebannt, zumal der Kopf der Flutwelle Dessau bereits passiert hat. — Aus Dortmund wird gemeldet: Gestern abend führte her Oberlauf der Lippe-Hochwasser, das an dem neugeschaffenen Unterlauf der Seseke eingedrungen ist und dort schweren Schaden anrichtete.
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Der Reichskanzler nahm an einem diplomatischen Frühstück des Berliner und des Pariser Botschafters Amerikas teil.
* Die neuen Postgebühren treten am 15. Januar in Kraft.
* Infolge dcâ Hochwassers ist die Lage in einem Teile deS MuldegebieleS bedrohlich geworden. Besonders gefährdet ist die Gegend um Dessau.