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gtr, 27» Donnerstag 19 November 1931
Kurze poliiische Nachrichten.
Das Reichswirtschaftsministerium hat auf Grund der sechsten Durchführungsverordnung zur Devisenver- o r d n u n g eine Anzahl Erleichterungen für den Grenz- verkehr getroffen
Der Staatsgerichtshof für das Deutsche Reich wird am 21. November die Klage der Fraktion der Reichspartei des Deutschen Mittelstandes (Wirt- schaf t s p a r l e i) im Preußischen Landtag gegen das Land Preußen wegen Ungültigkeit einiger Bestimmungen der preußischen Hauszinssteuerverordnung vom 2. Juli 1926 verhandeln. Die Verhandlung ist nicht öffentlich. Es handelt sich um eine Beschlußfassung
Um die Lohnfragen.
Der Stahlhelm an den Zechenverband.
Der Landesführer des Stahlhelm-Westmark, Mahnken, richtete an den Zechenverband in Essen ein Schreiben über die allgemeine Kündigung mit dem Zweck der Lohnherabsetzung. Dieser Weg zur Rettung der Wirtschaft sei rettungslos. Die Herabdrückung der allgemeinen Lebenshaltung der Nation nur zum Zwecke der Aufrechterhaltung eines sinnwidrigen Systems der Kreditwirtschaft und einer dem Arbeitnehmer nicht wirklich helfenden Sozialpolitik ist sinnlos und eine Politik, die die Befreiung nicht bringen kann. Die Unternehmer werden dadurch gegen ihren Willen zum Zwangsvollstrecker zugunsten der Tributwirtschaft unserer Feinde. Deshalb richtet der Landesverband an die Mitglieder des Zechenverbandes den dringenden Appell, den Weg zur Rettung nicht mehr in der bisherigen Richtung zu suchen, sondern in dem klaren und eindeutigen Kampf um die grundsätzliche Änderung eines für das gesamte Volk verderblichen Systems
Schlichtungsverhandlungen für Werftangestellte.
Der RetchsarbeilSminister hat den Schlichter der Nordmart mit der Einleitung eines Sonderschlich- tu n g s v e r s a h r e n s zur Regelung der Gehalts- und Rahmemanse für die kaufmännischen Angestellten der S e e s ch i s f s w e r f t e n beauftragt. Für Donnerstag sind Verhandlungen angesetzt.
Will öfteres über das
„korrupte System" in Berlin.
Bürgermeister Schneider verschenkt ein Klavier.
Im Sklarek-Prozeß stellte einer der Verteidiger den Antrag, daß nicht nur der frühere Oberbürger- m e i st e r Böß, sondern auch dessen Ehefrau vernommen werde. Willi Sklarek bemerkte hierzu, daß er und sein Pr üderd aittpai würen^ wenn das^Gericht, die Vorgänge WnfTOf breitester Grundlage erörterten, da er ein großes Interesse daran habe, dem Gericht zu beweisen, daß sie
ein korruptes System übernommen hätten. Bisher habe er die Beamten stets geschont, er habe es wtzi aber nicht mehr nötig, Rücksicht zu nehmen. Der Vorsitzende erklärte, daß er zunächst den Oberbürgermeister Böß selbst nach der Tätigkeit seiner Frau fragen und dann erst sich entscheiden wolle, ob die Vernehmung von Frau Böß noch notwendig sei Das Gericht ging dann nochmals aus die Zuwendungen ein, die Bürger^ meister^ Schneider von den Sklareks erhalten haben soll. Schneider gab zu, verschiedentlich von den Sklareks
Geschenke bekommen 'zü haben. Er Habe sich dafür erkenntlich gezeigt und Max Sklarek
ein Klavier geschenkt, das aber nichts wert gewesen sein soll. Leo S k l a r e i meinte hierzu, daß der Pfarrer Wolf einmal darauf gespielt und dann gesagt habe, die Töne klängen wie die Stimme einer alten Frau von LH Jahren. Er stellte weiter fest, daß seine Gäste oft 18 Austern in ein Glas einschlugen, wie man Eier einzuschlagen pflegt. Schneider bestritt, Barzuwendungen erhalten zu haben. Der Betrag von über 20 000 Mark, den er erhalten habe, habe lediglich aus ordnungsmäßigen Renngewtnnen bestanden. Er habe verschiedentlich auf Rennbahnen von Jockeys und Trainern Tips bekommen, habe dann zu den Sklareks gesagt, was er wetten wolle, und diese hätten die Wetten bei einem Buchmacher erledigt.
Krankengeschichten im Calmette Prozeß.
Ein Verfahren gegen Unbekannt beantragt.
Im Calmette-Prozeß wies ein Vertreter der Nebenkläger darauf hin, daß verschiedene Krankengeschichten in der Urschrift fehlen. Er bat den Oberstaatsanwalt, ein Verfahren gegen Unbekannt wegen
Beseitigung von Urkunden einzuleiten. Der Oberstaatsanwalt ließ daraufhin durch einen Kriminalbeamten Ermittlungen nach den Krankengeschichten anstellen. Sodann wurde die Vernehmung des Zeugen Dr. Wiener fortgesetzt. Er äußerte sich über den Verlauf der Krankheit bei mehreren Kindern. Verschiedene Fragen des Oberstaatsanwaltes und der Sachverständigen gehen darauf hinaus, ob nicht Professor Klotz die Zusammenhänge verschiedener Erkrankungen mit der Fütterung früher hätte erkennen müssen. Professor Klotz äußerte sich dahin, daß die Krank- Hertserscheinungen bei den Kindern nicht besonders auffällig und sehr verschiedenartig gewesen seien.
Man hört das Gras wachsen.
Neuartige Meßversuche mit Elektronenröhren.
Der Leiter des Instituts für angewandte Elektrizitäts- lehre der Universität Göttingen, Professor Reich, zeigte dieser Tage neuartige Meßversuche mit Elektronenröhren, durch deren Anordnung es möglich ist, das „Gras wachsen zu hören" Ein keimendes Gerstenkorn wird zwischen die leicht gegeneinander verschiebbaren Kondensa- torplatten eines Schwingungskreises gelegt, so daß die Planen bei einem Wachstum des Korns um Tausendstel Millimeter auseinandergedrängt werden Diese geringe Verschiebung der Platten läßt sich an der Höhe des Pfeif- lons messen.
Bei seinen Versuchen bestrahlte Professor Reich ein Gerstenkorn mit einer Quecksilberlampe. Nach wenigen Minuten begann das Wachsluni und der Pfeiflon wurde immer höher und höher. Wurde die Bestrahlung eingestellt, so hörte man das Korn noch einige Minuten wachsen^ bis das Wachstum aus Mangel an Bestrahlungsenergie aufhörte. Die neuartigen Versuche können unter Umständen für Wissenschaft und Wirtschaft große Bedeutung erlangen.
Schweres Krastwagenunglück.
Zwei Tote, drei Schwerverletzte.
Aus der stark abfallenden Straße von der Rosselhöhe bet Frohmühl ereignete sich ein schweres Kraftwagenunglück. Der Führer eines mit 140 Zentner Getreide beladenen Lastkraftwagens verlor die Gewalt über das Fahrzeug. Der Wagen raste steuerlos die Straße hinab und fuhr in eine Gruppe junger Mädchen. Ein Mädchen erlitt einen tödlichen Schädelbruch, ein anderes wurde in einen Bach geschleudert, in dem es ertrank. Der Wagen stürzte dann eine vier Meter hohe Böschung hinab. Der Führer und feine beiden Begleiter erlitten schwere Verletzungen.
Der Führer des Wagens wurde unter dem Verdacht der fahrlässigen Tötung verhaftet.
Eine Bierflasche verschluckt.
Es kommt nicht allzu selten vor, daß von krankhaft veranlagten Menschen Fremdkörper aller Art, Nägel, Nadeln, Messer, Löffel, Gabeln, Eisenstücke usw. verschluckt werden. In Gefängnissen geschieht das sehr häufig bei Gefangenen, die auf dem Umweg über das Krankenhaus in die Freiheit kommen wollen. Aber daß jemand gleich eine Bierflasche verschluckt, ist doch nicht allzutäglich.' Im Distriktskrankenhaus in Kempten im Allgäu hat ein Patient eine Bierflasche zerschlagen, die Scherben in Papier gewickelt und dann zu sich genommen. Bei der Operation, über die in der Zeitschrift „Medizinische Welt" berichtet wird, wurden 150 Gramm zum Teil scharfkantige Glassplitter entfernt, und zwar hatten sie die Speiseröhre und den Magen passiert, ohne nennenswerte Verletzungen zu machen. Sie hatten sich erst im Darm festgesetzt. Drei Tage nach der imerhin recht eingreifenden Operation nahm der Kranke sich den Verband ab, verließ heimlich das Krankenhaus und marschierte drei Kilometer weit; unterwegs verschluckte er noch einige Kieselsteine. Er wurde wieder ins Spital zurückgebracht und dort völlig geheilt. Überdies stellte es sich nachträglich heraus, daß der Mann vorher in einer anderen Klinik von seiner Bierflasche befreit werden sollte; er war aber während der Vorbereitung zur Operation verschwunden.
Nah und Kern
O Eine westfälische Spar- und Darlehnskasie um eine halbe Million Mark geschädigt. In einer außerordentlichen Generalversammlung wurden Einzelheiten über die großen Verluste der Vorhelmer Spar- und Darlehnskasie bekannt. Die Kasse ist durch unverantwortliche Kreditgewährung des Vorstandes und Aufsichtsrates um etwa eine halbe Million Mark geschädigt worden. Vorstan» und Äufsichtsrat sind von ihren Posten zurückgetreten.
O Das FieberthermoMeter in der Bauchhöhle. Bei der Sektion einer in der Heil- und Pflegeanstalt Obrawalde verstorbenen Geisteskranken wurde in der Bauchhöhle ein Fieberthermometer entdeckt, das der Anlaß zu der hochgradigen Bauchfellentzündung geworden war. Das Fieberthermometer ist vom Darm aus in die Bauchhöhle gekommen. Die Staatsanwaltschaft hat eine Untersuchung eingeleitet.
O Seine Familie und sich selbst vergiftet. Ein Geschäftsmann in Schleswig hat aus Verzweiflung über seine schwere wirtschaftliche Lage seine Frau, seine drei Kinder und sich selbst vergiftet. Die Frau und die Kinder sind gestorben, der Mann ist noch am Leben, dürfte aber kaum gerettet werden können.
O Vier Arbeiter vom Starkstrom getötet Auf der Lötschbergbahn wurden zwischen Goppenstein und Hoh- tenn vier Streckenarbeiter, die an einer Lawinenschutzgalerie bauten, vom Starkstrom getötet. Durch einen unglücklichen Zufall waren die bei den Sauarbeiten verwendeten Zugseile mit der elektrischen Fahrleitung in Berührung geraten. Dadurch wurden verschiedene Bauteile unter Strom gesetzt.
O Das deutsche Flugzeug „Ente" in Brüsiel. Auf dem Brüsseler Flugplatz zeigte sich das neuartige deutsche Flugzeug „Ente" mit sehr gelungenen Flugvorführungen, die bei Fliegern und Publikum großes Interesse auslösten. Unter den Anwesenden sah man den deutschen Gesandten, in Brüssel, Graf Lerchenfeld, den Kabinettschef im belgischen Verkehrsministerium, Devos, den früheren Minister Lippens und den französischen Militärattache Chardigny.
O Drei Hirten von einer Granate in Stücke gerissen. Aus einer Wiese bei Lofonc in der Nähe von Preßburg ereignete sich eine Explosion, die drei Menschenleben forderte. Das Militär hatte auf der Wiese eine Übung veranstaltet, bei der eine Handgranate verlorenglUg. Das Militärkommando setzte für Die Auffindung der Granate eine Belohnung von 25 tschechischen Kronen aus. Vier Hirten fanden die Granate und untersuchten sie am offenen Feuer. Ein ltzjähriger Hirt schleuderte sie dann plötzlich ins Feuer. Im nächsten Augenblick explodierte die Granate und riß den Werfer und zwei andere Hirten in Stücke.
Ursula Drenck
Geschichte einer Liebe von Paul Erabein. Copyright 1930 by Romandienst „Digo", Berlin W 80.
221 ^Nachdruck verboten.)
„Selbstverständlich, Doktor!" „Wir haben hier bloß einem soliden Pfenmgskat gemacht." Rasch ließen die Spieler die! großen Geldhaufen in den Hosentaschen verschwinden, nur? Drenck ließ in trotziger Herausforderung sein Geld auf Dem, Tische liegen. Höchst egal, was der Doktor da von ü)nv dachte! Er war doch hier in keiner Korrektionsanstalt unb' konnte tun und lassen, was ihm behagte! Es paßte ihm überhaupt ganz und gar nicht, daß der Mensch, der Wigand/ da jetzt zu ihnen an den Tisch kam und schon wieder das! eben erst erneut in Gang gekommene Spiel störte. Um seinen Aerger hinabzuspülen, griff Drenck zum Glas, es warmer, und wie er die Flasche nahm, gewahrte er, auch sie war ausgetrunken.
„Hs" — er winkte dem Kellner.
Diensteifrig eilte der Angerufene herbei, aber er erklärtes „Bitte sehr um Entschuldigung, doch ich darf nichts mehr, bringen."
Drenck machte große Augen. „Was soll das heißen?"
, „Vedaure unendlich, aber nach zehn Uyr abends bars' wh nach der Hausordnung alkoholische Getränke nicht mehr verabreichen."
r „3, da soll ja doch gleich" — Heftig schlug Drenck mit der flachen Hand auf den Tisch. „ 1
, „Ja, ja, Herr Drenck, der Mann hat recht!" bestätigte! schnell der Geheimrat, heimlich durch ein Zeichen Des Dok-^ lors verständigt. „Im übrigen: wir haben auch wirklich ge-i aug gebechert. Es wird Zeit, die Sitzusig aufzuheben." !
Wällt mir ja gar nicht ein! Woll'r doch mal sehen, ob* 'ch nicht noch was zu trinken kriege!" herrschte er den Kell-s ner an, „schicken Sie mir sofort den Direktor her!" ,
„Vedaure vielmals — der Herr Direktor zieht sich um zehn Uhr in seine Privaträume zurück und ist dann nicht! wehr zu sprechen."
"So? Wer, zum Henker, ist denn sonst noch verantwort-^ für diese blödsinnige Hausordnung?" Wütend stieß es’ -Orencf hervor, den Kellner grimmig 'anblitzend mit seinen von Mein bereits erhitzten Augen.
„Ich, Herr Drenck, âls leitender Arzt dieses Haufes", ru- h^agte es Wigand .
Betroffen fuhr tötend* nach dem Sprecher yerum. Auf diese uiuwert war er allerdings nicht gefaßt gewesen — aber ckeu wiel. Sollte er sich jetzt vielleicht zurückzichen, sich wohl gar noch entsihuldigen? Fiel ihm ja nicht ein! So erklärte er denn verbissen: ,
,.-but mir leid — aber ist kann trotzdem eine derartige
der Gäste dieses Hauses nur für höchst lä-j via und unaeböria erklären."
Die Gesellschaft wurde unruhig und schon kam Wigands Antwort: „Sie vergessen, Herr Drenck, daß Sie sich hier in einer Kuranstalt und nicht in einem Wirtshaus befinden. Wenn Sie kneipen wollen, werden Sie sich schon anderwärts hin bemühen müssen."
Drenck stieg eine helle Röte ins Gesicht und schon lohte es in ihm auf, dem überlegen-kühlen Gegner mit einem beleidigenden Wort heimzuzâhlen, aber da machte der Geheimrat der bedrohlichen Situation ein Ende.
„Tja, da haben wir nun unser Fett weg!" Mit gemütlichem Lachen zog er die Sache ins Scherzhafte, verfl ht er sie alle darmn. „Das ist die Strafe für unsere heimliche Missetat! Wir haben zwiefach gegen den strengen Geist die- ses Hauses gefrevelt. Komrnt, laßt uns Buße tun!" Er erhob sich und mit ihm Wigand und der Rittmeister. „Acht jetzt, gute Nacht jetzt! Einst war ich nicht so brav — doch ehrbar wandeln ist das best'. Ich geh' ins Bett und schlaf'!"
Den Vers des Rodensteinerlieds leise vor sich hinträlle nd, verabschiedete er sich von Drenck.
„Gut' Nacht, Verehrtester! Gehn Sie in sich und folgen Sie unserem guten Beispiel!"
Die Herren gingen vom Tisch fort, wo Drenck grollend, sitzen blieb. Wigand als letzter; schon im Weggehn wandte er sich noch einmal an Drenck:
„Ich vergaß übrigens eine Bestellung von Ihrer Frau Gemahlin auszurichten. Sie fühlte sich ziemlich abgespannt und ist bereits auf ihr Zimmer gegangen, wo sie Sie erwartet."
Einige Augenblicke blieb Drenck noch, in stummem Trotz 'gegen Wigand und seine Frau, am Tisch sitzen, dann stand er auf und ging gelangweilt in den Saal hinüber. Aber auch hier nichts mehr los! Die Meisten hatten sich schon zurückgezogen. Mißmutig ließ Drenck ein paarmal seine Blicke über die Gruppen der noch Anwesenden hinwegschweifen, aber es konnte ihn nicht reizen, sich irgendwo anzuschließen. Stumpfsinn auf der ganzen Linie! Da war es wirklich schon das beste, auch er legte sich ins Bett.
So kam er aufs Zimmer, freilich übelster Laune, aber die, Gefahr war doch noch glücklich abgewendet.
14. Kapitel.
Am anderen Morgen war Wigand gerade im Begriff, vom Frühstückstisch aus in fein Sprechzimmer hinüberzugehen, als, das Stubenmädchen zu ihm eintrat mit einer Empfehlung von Frau Drenck: Die gnädige Frau lasse Herrn Doktor bitten,- möglichst sofort hinaufzukommen, ihres Mannes roe» gen. Einen Moment zögerte Wigand, er hielt auf größte -Pünktlichkeit und ließ feine Patienten in der ohnehin über-, reichlich besuchten Sprechstunde niemals warten. Hatte es mit Drenck denn nicht Zeit bis nachher? Er war schließlich^ zu wichtigeren Dingen da, als Ursula Drenck bei der Direktion ihres unfügsamen Mannes zu helfen; aber dann sagte er sich, daß möglicherweise mit Drenck etwas Ernsteres vai-i
fiert sein könnte — gerade nach gestern! Und so ging er denn nach dem ersten Stock hinauf.
Auf sein Klopfen an der Tür wurde ihm mit einem halblauten „Herein!" sofort geöffnet; Ursula, die ihn augenscheinlich bereits erwartet hatte, stand so dicht vor ihm, daß, wie sie nun mit gedämpfter Stimme eilends zu ihm sprach — er hatte noch die Türklinke in der Hand — der Hauch ihres Mundes ihn fast berührte. Ihr blasses, überwachtes Antlitz verriet eine hochgradige Aufregung.
„Verzeihen Sie, daß ich schon wieder Ihre Hilfe in Anspruch nehmen muß, ehe ich Ihnen noch für gestrigen guten Dienst gedankt habe!"
Aus ihren umschatteten Augen, die heute namenlos traurig' blickten — ihr übermächtiger Kummer hatte den kalten Stolz ihm gegenüber gebrochen — traf Wigand ein Blick, der .bm bis ins Innerste drang, der wie mit einem Zauberschiag Die Vergangenheit mit all ihrem Glück und Weh heraufbe chwor. Er fühlte, wie es ihn überlief. Aber im nächsten Moment hatte er sich wieder in der Gewalt. Lächerlich! Um eines betörenden Augenaufschlags willen wollte er vergessen, was diese Frau ihm angetan hatte? Wer sagte ihm denn, daß nicht auch diese Freundlichkeit jetzt nur Heuchelei, eitel Lug und Trug war, wie alles damals! So blieb Denn feine Miene unnahbar und mit einer abwehrenden Bewegung lehnte er jeden Dank ab.
Ursula bemerkte es wohl. Gestern noch hätte sie dieses Verhalten in helle Empörung versetzt, aber die entsetzliche Nacht, die sie verlebt, hatte alle ihre Widerstandskraft ermatten lassen. So nahm sie denn nur mit einem dumpfen Gefühl des Schmerzes wahr, daß sie auch hier wieder ab- gestoßen und verwundet wurde, zum Zusammenbrechen elend, wie sie war. Nun, mochte es sein, — es war ja ihr Schicksal! Nur noch etwas gequälter klang ihre Stimme, als sie dann fortfuhr:
„Mein Mann hat sich seit gestern abend in den Kopf gesetzt, das Haus hier zu verlassen, und zwar sofort — heute noch! Er will üvcrhaupt in keine Anstalt mehr gehen. Ich sehe aber voraus, daß dies unfehlbar zu seinem Verderben führen wird — bitte, helfen Sie mir ihn umstimmen. Ich weiß mir ja sonst keine Hilfe!"
Unwillkürlich streckten sich ihre Hände mit einer flehenden Gebärde zu ihm hin, und aus ihren Augen schrie die Angst. Wieder wallte ein warmes Mitleid in Wigand auf: Arine, unglückliche Frau! Was sie ihm auch angetan hatte — sie büßte es aufs schwerste! Aber ehe er noch ein Wort Der Erwiderung gefunden hatte, ging plötzlich die Tür zum Nebenzimmer auf, und Drenck erschien.
„Ah — dacht' id, mir's doch!" Mit ironischem Kopfnicken nahm er von Der Anwesenheit Wigands auf der Schwelle stehen bleibend, Notiz. „Sie sind natürlich von meiner Frau berbestellr worden?"
(Fortsetzung folgt.)