Kü-aer Anzeiger
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JIt 264
Mittwoch, 11 November
1931
Kurze poliiische Nachrichien.
Am 17. November findet im Reichsinnenministerium cjne Konferenz der Innenminister der «linder statt, die sich mit der innerpolitischen Lage be- schäftigen wird. Insbesondere werden, wie auch bei lilheren Gelegenheiten, Maßnahmen zur Aufrechterhal- Wg von Ruhe und Ordnung besprochen. Eine eigentliche Tagesordnung liegt für diese Konferenz nicht vor.
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Der Ausweis der Reichsbank für die erste Novemberwoche zeigt eine Entspannung um 307 Millionen, ©er Notenumlauf ging um 204 Millionen zurück. Von den Notendeckungsmitteln hat der G o l d b e st a n d einen Abfluß von 43 Millionen erfahren, dagegen sind die deckungsfähigen Devisen um 30 Millionen gestiegen, so daß insgesamt ein Abfluß von 13 Millionen eingetreten ist. Das Deckungsverhältnis hat sich von 26,9 leicht aus 27,8 Prozent gebessert.
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Anträge und Anfragen, die sich auf die Devisen- bewirtfchaftung beziehen, sind ausschließlich an die zuständige Stelle für Devisenbewirtschaftung beim Landesfinanzami zu richten. Der Reichswirtschaftsminister wird unmittelbar an ihn gerichtete Gesuche in Zukunft lediglich an die Stelle für Devisenbewirtschaftung zur Bearbeitung weiterleiten. Es empfiehlt sich daher, um unnütze Verzögerungen zu vermeiden, Gesuche und Vorstellungen nur bei den Devisenstellen einzureichen.
Geschädrgies Weihnachisgeschäst.
Irreführende Meldungen über Preissenkung.
Zu anderweitigen Meldungen, daß der Wirtschaftsbeirat der Reichsregierung eine Notverordnung mit dem Ziele einer 20prozentigen Senkung der Warenpreise, der Zinssätze und einer Aufhebung von Kartellund Markenartikelbindungen plane, teilt die Haupt- gemeinschaft des Deutschen Einzelhandels nach Fühlungnahme mit den zuständigen Stellen mit, daß die Meldungen in dieser Art auf s r e i e r Kombination beruhen. Die Hausgemeinschaft des Einzelhandels hat schon vor kurzem die Bitte ausgesprochen, mit Rücksicht auf die wirtschaftsschädigenden Wirkungen solcher irreführender Meldungen, besonders angesichts der bevorstehenden Weihnachtssaison, möglichste Zurückhaltung und Vorsicht in der Berichterstattung gerade auf dem Gebiet der Preisbewegung obwalten, zu lassen, um Irrtümer im Publikum zu vermeiden, da dies zu gefährlichen Stockungen des Warenumsatzes führt und die Kosten der Warenverteilung und Produktion vermehrt, statt sie zu mindern. Die Hauptgemeinschaft will gemeinsam mit anderen Spitzenverbänden der Wirtschaft demnächst Maßnahmen und Vorschläge vorbereiten, die solcher Leichtfertigkeit der Berichterstattung in Zukunft wirksamer entgegentreten.
Lebenshaliungskosten und Löhne.
Der Schiedsspruch im Lohnstreit der Berliner Metallarbeiter ist von den Arbeitgebern abgelehnt worden. Der Schiedsspruch, der eine Verlängerung des Lohnabkommens vorsicht, wurde u. a. folgendermaßen begründet: Solange die Lebenshaltung nicht durch eine Herabsetzung der Lebensmittelpreise wesentlich verbilligt wird oder wenn sie aus agrarpolitischen Erwägungen nicht erreichbar ist, solange die Mieten nicht gesenkt, die Tarife für die städtischen Unternehmungen — Gas, Wasser, Elektrizität und Verkehr — nicht herabgesetzt und die Abzüge für Steuern und soziale Versicherungen nicht verringert werden, ist eine weitere Kürzung der Bezüge der Arbeitnehmer nicht möglich.
Lärm im Calmette-Prozeh
Die Sitzung unterbrochen.
Im weiteren Verlauf des Calmette-Prozesses wies der Vorsitzende darauf hin, daß es unangebracht erscheine, wenn schon jetzt von einem Gerichtsbeteiligten darüber ein Urteil ausgesprochen werde, wer als Schuldiger an dem Lübecker Unglück anzusehen sei. Mit einer kurzen Vernehmung wurde dann die Beweisaufnahme bezüglich der gefütterten und gestorbenen Säuglinge beendet. Darauf begann die Beweiserhebung hinsichtlich der
gefütterten und erkrankten Kinder.
Zunächst wurde Dr. med. M ö g l i n g als Sachverständiger über die Krankheitsbefunde dieser Säuglinge vernommen. Es habe sich gezeigt, daß diejenigen Säuglinge, welche einen etwas kräftigeren Stoff erhalten hatten, bis zn 80 Prozent gestorben seien. Bei denjenigen Kindern, welche eine schwere Erkrankung durchgemacht hätten, müsse man mit der Möglichkeit rechnen, daß die Krankheit vielleicht wieder einmal zum Durchbruch kommt. Dagegen dürfe man bei den Kindern, die nach der Injektion nur leicht erkrankten, annehmen, daß mit einem Rückschlag nicht zu rechnen ist. Als einer der Rechtsanwälte erklärte, es wäre erwünscht, wenn der Sachverständige in jedem Falle, in dem nur eine leichte Infektion stattgefunden hat, dies bekundete, da eine solche Infektion zu einer
Wohltat für die Kinder
geführt haben könne, entstand bei der Elternschaft lebhafte Erregung, und man hörte die Worte „Schöne Wohltat", „Unerhört". Als dann der Vorsitzende darauf hinweist, daß es nicht üblich sei, im Gerichtssaale Zurufe zu machen, erhebt sich ein großer Lärm bei der Elternschaft. Ein Elternvertreter rief in den Saal: „Wir haben unsere Kinder geopfert und sollen uns auch noch verdummen lassen!" Der Vorsitzende muß die Sitzung unterbrechen.
Wiedereröffnung der Verhandlung.
Nach der Wiederaufnahme der Verhandlung gab der Vorsitzende eine Erklärung ab, in der er sagte, daß der bedauerliche Zwischenfall durch den Rechtsanwalt, Dr. Darboven hervorgerufen worden sei, weil sich dieser im Wort vergriffen habe. Dadurch sei eine Erregung der Elternschaft entstanden, für die das Gericht Verständnis habe. Der Vorsitzende richtete die Bitte an alle Prozeßbeteiligten, solche Zwischenfälle Hinfort zu verhüten.
Rechtsanwalt Dr. Frey teilte mit, daß er auf die Vernehmung von Professor Calmette verzichte, da nach seiner Überzeugung das Mittel Calmettes und damit die Persönlichkeit Calmettes für diesen Prozeß keine Rolle spielen. Für ihn, Frey, handele es sich nur um die Schuld der Angeklagten. Rechtsanwalt Dr. Wittern schloß sich den Worten des Vertreters der Nebenkläger an.
Darauf nahm erneut der Sachverständige Dr. M ö g - ling das Wort. Im Verlauf der Erörterungen tauchte die Frage aus, ob das Gericht eine positive Reaktion auf Tuberkulin schon als eine Krankheit und damit im Sinne des Strafgesetzbuches als eine Körperverletzung ansehen könne. Die Sachverständigen gaben der Ansicht Ausdruck, daß ein positives Reagieren auf Tuberkulin noch keine Krankheit, also auch keine Körperverletzung sei. Das Gericht schloß sich diesem Standpunkt an. Nach Abschluß der Vernehmung von Dr. Mögling wurde die Verhandlung vertagt.
Sehr achibare Direkiorengehchier.
Geheimrat Kastl als Zeuge im Favag-Prozeß.
Jm Favag-Prozeß in Frankfurt c. M. wurden der ehemalige Vorsitzende des Aufsichtsrates der Vereinigten Berlinischen und Preußischen Lebensversicherungsgesellschaft, G e h e i m r a t K a st l, und der Generaldirektor der Münchener Nückversicherungsgesellschaft, Geheim- r a t K i ß k a l t, vor allem zur Frage des Ausscheidens des Direktors Mädje vernommen. Dabei wurde bekannt, daß Mädje bis zu seinem Ausscheiden jährlich
bis zu 150 000 Mark Einkommen
hatte. Durch ein Kompromiß erhielt er dann für sechs Jahre 30 000 Mark und weiter 20 000 Mark jährliche
Pension zugesprochen. Kitz kalt erklärte, daß die eut- icheidcnde Aufsichtsratssitzung ein förmlicher Kampf war, der schließlich zu dem Kompromiß führte. Geheimrat Kastl machte ungefähr die gleichen Angaben wie Kißkalt. Eine bewegte Auseinandersetzung entspann sich bei der
Erörterung über die Tirektorcnbczüge.
Der Angeklagte Direktor Schumacher äußerte aus Befragen, daß ein Direktor der Allianz sehr erstaunt war daß Lindner als Favagdirektor nicht 200 000 Mark verdiente. Kißkalt verneinte die Zahlung von Sondervergütungen in seinem Konzern. Geheimrat Kastl erklärte, daß Sondervergütungen bei Jndustriefirmen nicht üblich seien. Solche Gewohnheiten der Nachkriegszeit müßten immer als verwerflich betrachtet werden.
Neuer Nervenzusammenbruch im Gkèarek-prozeß.
, Alle Verteidiger in Aufregung.
Im Sklarek-Prozeß überreichte der Verteidiger des Bürgermeisters Kohl dem Gerichte eine ärztliche Bescheinigung, in der erklärt wird, daß Kohl nicht verhandlungsfähig sei. In der Bescheinigung wurde auf einen früheren
Selbstmordversuch Kohls hingewiesen. Als der Verteidiger diese Stelle verlas, sprang Kohl von seinem Platze aus, packte den Anwalt am Arm, um ihn am Weitersprechen zu hindern, schrie auf und sank zusammen. Professor Störmer, der Kohl dieser Tage in ärztlicher Obhut gehabt ha:, bemerkte, daß es durchaus möglich sei, daß sich der Zustand Kohls verschlimmert habe. Sodann erhob der Oberstaatsanwalt schwere Vorwürfe gegen den Verteidiger Kohls. Es kam nun zu einem aufregenden Auftritt, als die Verteidiger aufsprangen und einer den andern überschreien wollte.
Das Gericht trat in eine Pause ein, in der Professor Dr. Störmer den Bürgermeister Kohl auf dessen Verhandlungsfähigkeit untesuchen sollte. Nach kurzer Untersuchung erklärte Professor Störmer, daß Kohl verhandlungsfähm sei, worauf der Vorsitzende verkündete, daß die Verhandlung weitergeführt werde. Der Vorsitzende verlas dann ein
Schreiben des
Vorsitzenden der preußischen demokratischen Landtagsfraktion,
Merten. Darin wird erklärt, daß in den letzten Verhandlungstagen sein (Mertens) Name verschiedentlich genannt worden sei. So sei geäußert worden, daß er Max Sklarek die Spitzenkandidatur bei den Reichstagswahlen in der Demokratischen Partei angeboren habe. Merten erklärt dazu, daß er Mar Sklarek persönlich kenne, Sklarek habe aber niemals versucht, von ihm Gefälligkeiten zu verlangen; er habe nur für die Demokratische Partei einen Sonderbeitrag gestiftet, ohne daß an diese Hergabe Bedingungen geknüpft worden seien. Die Zusage einer Spitzenkandidatur sei eine Erfindung.
Im weiteren Verlauf der Verhandlung sprang Willi Sklarek erregt auf und erklärte: „Wir sagen die reine Wahrheit. „Wir haben schon vor Eröffnung des Verfahrens gesagt, daß wir
die besten Stützen der Staatsanwaltschaft sind." Oberstaatsanwaltschaftsrat Steinäcker: „Ich kann das nur bestätigen, Sie sind die besten Stützen der Staatsanwal t s ch a f t“.
Die Verhandlung wurde dann auf Donnerstag vertagt.
«
Zunahme der Arbeiislofigkeii.
4 622 000 bis zum 30. Oktober.
Die Zahl der Arbeitslosen ist bis zum Stichtag des
der
30. Oktober auf 4 622 000 gestiegen, was gegenüber der letzten Berichtswoche eine Vermehrung von 138 000
bedeutet. Die Zahl der Hauptunterstützungsempfänger hat sich um 43 000 auf 1 185 000 vermehrt, die der Krisenunterstützten um 58 000 auf 1 350 000.
Ursula Drenck
Cejchichte einer Liebe von Paul Era bein. Copyright 1930 by Romandienst „Digo", Berlin W 30.
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(Nachdruck verboten.)
! Ursula war länger draußen aufgehalten worden, als sie "Es. Nachdem in der Küche alles erledigt war und sie Meder nach vorn gehen wollte, kam gerade der Kaufmann
der Stadt — richtig, es war ja heute Freitag! — Mo es galt, mit den Mädchen den Lauszettel für ihn fer< M zu stellen. Ein ziemlich zeitraubendes Werk. Endlich aber1 p 1 f" erledigt. All ihre Pflichten waren erfüllt, nun konnte ch^eder zu Freddy hinüber . ;
•wit leichten Schritten huschte Ursula in das Schlafzim- mer zur Waschtoilette hin. Ihr war so froh zumute, daß M eine Melodie vor sich hinsang. Wie dankbar war sie ge«:
das Schicksal, das ihnen nach so viel Trübsal nun end-^ tm solchen Sonnenblick gesadnt! Was für ein präch-' qer üjtenfcf) dieser Recknitz, und wie reizend konnte nun lhr Leben werden! - ' |
Freddy hatte ja nun endlich einen Freund, der ihn aufheiterte, und wie wohltuend würde für sie beide Diese Ablenkung durch geselligen Verkehr sein. Gott sei ge-' lobt, das schreckliche Gespenst in ihrem Hause, vor dem sie
insgeheim so geängstigt hatte, es war gebannt. Nun konnte auch sie noch einmal sich ihres Lebens freuen. Ach wie kindisch freute sie sich auf dieses Kostümfest!
,'Gnä' Frau! Gnä' Frau!"
Gellend scholl der Angstruf plötzlich in ihr Ohr, sodaß sich
tm ersten Erschrecken das Herz zusammenkrampfte. Es ar die Stimme des Hausmädchens, das sie suchend, türen- werfend durch die Zimmer flog.
sie hereingestürzt, kreidebleich — mit allen Anzeichen tödlichen Entsetzens.
,,um Himmels willen — Lise, was ist?"
x r ^Sft packte Ursula plötzlich das Mädchen mit Griff. Das stierte sie mit entsetzten Augen an und zitterte, am ganzen Leibe.
N^ Frau — wie ich eben ins Eßzimmer komme, um den Tisch zu decken" —
£ ^den Sie doch! Doch nicht - der Herr?" — % Mädchen nickte schlotternd.
• auf dem Sofa und —"
!ܰ »UA B^w“' ^ â° Unsinnig- siü-z!-
w dèn sie auf den todblassen Mann !eine äußpv die letzte Hoffnung, daß vielleicht nur treten nn^ ~ 'sein! Das Furchtbare war ein-
' Dr dem die Aerzte immer so eindringlich gewarnt
hatten. Alles Schonen, alle die Opfer dieser trostlosen letzten drei Vierteljahre waren umsonst gewesen: Ein furchtbarer Blutsturz hatte Fred befallen!
! Es ging zum Abend. Im Herrenzimmer, wo schon die Lampe auf Freds Schreibtisch stand, saß Ursula. Im Schein ^des grünseidenen Lichtschirmes erschien ihr Antlitz noch fahler, als es war. Mit fest aufeinandergebissenen Lippen schrieb sie — einen Brief an Herrn v. Recknitz über das Furchtbare, das sich kurz nach seinem Abgang zugetragen hatte. Und was der Arzt gesagt, der einige Stunden später gekommen war: der Zustand Drencks sei zwar nicht hoffnungslos, aber sehr, sehr ernst. Und wenn er auch, wie wohl zu erwarten sei, diese Attacke über stehen würde, so bestände doch immer die Gefahr einer Wiederkehr. Also sei die peinlichste Schonung des Patienten dauernd geboten.
Damit seien natürlich alle ihre heutigen Pläne von Grund aus zerstört. An ein geselliges Leben sei überhaupt nicht mehr ^u denken. Sie müßten froh sein, wenn es gelänge, Freds Dasein zu erhalten. Fürs erste müsse sie daher, im Interesse des Kranken, auch bitten von einem Besuch absehen zu wollen.
I Nun war der Brief beendet. Auf Ursulas Klingeln erschien das Mädchen und erhielt Anweisung, das Schreiben dem Postboten heute abend noch mitzugeben.
Wieder allein, sank Ursula in den Stuhl zurück. Regungslos saß sie-und starrte vor sich hin. In dieser grauen Stunde flog ihre Seele rückwärts durch die ganze Zeit ihrer Ehe, so kurz erst, aber schon so überreich an Leid und Selbstverleugnung. Wenn sie das hätte ahnen können, damals, als sie von Mitleid und Schuldgefühl getrieben, Fred ihre Hand gereicht hatte! Sie hatte ja freilich gewußt, daß sie einer ernsten, schweren Zukunft entgegengehen würde, aber doch nicht bar einer jeden Hoffnung. Damals durste sie noch die Erwartung hegen, daß die Zeit Freds Zustand bessern würde, und vor allem, wie es auch kommen würde, daß ihr Besitz ihn entschädigen würde für das, was das Leben ihm versagen sollte. Aber nun?
Vorbei alles Hoffen! Der heutige Tag hatte Ursula ihr Los in seiner ganzen trostlosen Furchtbarkeit enthüllt: Fred war ein verlorener Mann, und sie konnte ihm nichts sein! Nicht einmal dieser letzte Trost, der ihre Selbstaufopferung vielleicht noch erträglich gemacht hätte, war ihr geblieben. Und das war das allerschrecklichste, daß dies Opfer nutzlos war!
Zum ersten Male stand ihr Schicksal in seiner entsetzlichen Wirklichkeit vor ihren Augen: an einen langsam Hinsterben- den gefesselt, lebendig begraben, sie, deren junges Blut nach dem sonnigen, bunten Leben so sehnsüchtig pulste.
Eine Totenangst schnürte Ursula die Brust zusammen. Es ward plötzlich so schwarz, so eng um sie, als müsse sie ersticken, als würde sie in die dumpfe Gruft gezwängt. .
10. Kapitel.
Laut hallten die lang schwingenden Klänge des Gong durch das Haus: Ein Uhr! Das Zeichen für die Insassen des Sanatoriums, sich in den Speisesaal zu begeben.
Drenck, der schon angezogen am Fenster gestanden hatte, ging an die Tür zum Nebenzimmer und klopfte an:
„Bist du fertig? Es ist so weit."
Statt jeder Antwort öffnete sich die Tür' und Ursula trat zu ihm. Auch sie war bereits mit der Toilette fertig gewesen, aber drinnen für sich geblieben. Sie kannte des^ Gatten nörgelnde Stimmung, jedesmal in den ersten Tagen, wenn sie in ein neues Hotel oder Sanatorium gekommen waren. Und sie waren hier, in der Heilanstalt auf der Berg- höhe,^ am Genfer See, gerade erst vor ein paar Stunden angekommen. Da hatte Ursula den sie nur verstimmenden kritischen Anwandlungen des Gatten lieber entzogen; sie mußte ihre Kraft für ernstere Aufgaben aufsparen.
Seit drei JaKen reifte sie nun schon mit Drenck durch die Welt, den Winter stets im Süden oder Hochgebirge, die Sommermonate im deutschen Bergwald zubringend. Der Zustand des Gatten war seit der Erholung von jenem schweren Anfall immer derselbe geblieben. Er war und blieb ein hoher Schonung bedürftiger Patient und sie seine Trösterin, die ihn in Stunden der Verzweiflung wieder aufrichtete mit Worten der Zuversicht, an die sie selbst im Innersten nicht mehr glaubte. Sie hatte in diesen Jahren die schwere Frauenkunst gelernt, mit blutendem Herzen zu lächeln.
Drenck furchte die Stirn, als er sie so schnell heraustreten sah, die, wie er gewähnt hatte, noch mit ihrem Anzug beschäftigt war.
„Warum läßt du mich denn so lange hier allein herumstehen?"
„Ich war ja gerade eben erst fertig geworden", beschwichtigte sie ihn, wie eine Mutter ihr kränkelndes Sorgenkind — gütig, aber mit einer überlegenen Bestimmtheit im Ton. So nahm sie auch seinen Arm und drängte ihn sanft zur Tür hin, der noch Lust zu einer längeren Debatte zu haben schien. Draußen verbot sich ja non'selbst jede Aussprache, und wenn auch Drenck allein mit ihr nur allzuoft den Ton schuldiger Rücksicht vergaß, vor den Leuten beherrschte er sich doch wenigstens noch immer.
So schritten denn auch jetzt die Gatten schweigend nebeneinander dem Speisesaal im Erdgeschoß zu. Als sie dort eintraten, fanden sie die Gäste schon an der Tafel versammelt vor. Drenck sah sich suchend nach seinem Platz um. Der das Service beaufsichtigende Direktor der Anstalt bemerkte es und trat zu ihm. ' -
(Fortsetzung folgt.)