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Wunderliche Krankenbehandlung in alter Zeit.

Von Wilh. Hauck.

In der „Frankfurter Zeitung" war vor einiger Zeit eine Anfrage folgenden Inhalts im Anzeigenteil zu lesen: „Akademiker ersucht zw' wissenschaftlicher Behandlung des Stoffes um Angaben von alten Volksarzeneimitteln, Sympathieformeln und ähnlichem. Gutes Ho­norar zuaesichert ..." Ls ist anzunehmen, daß die Anzeige in dieser Zeitung ihren Zweck nicht voll erreicht hat, denn jene Leute, die heute noch mit diesen Mitteln den Krankheiten zu Leibe gehen, sind dünn gesät, sie lesen kaum eine Zeitung - und wenn sie eine Zeitung lesen, hüten sie ihr wissen um diese Dinge ängstlich, aus Furcht, durch „Veschreien" die Heilwirkung abzuschwächen.

wollte der Suchende aus „erster Hand" über diese Heilmittel unterrichtet sein, dann hätte er jein Ränzel schnüren und weltver. lorene einsame Gegenden in der Heide oder im Gebirge aufsuchen müssen. Sicher wäre ihm ein „wissender" Schäfer oder ein altes Rrüuterweiblein über den Weg gelaufen, von denen er ursprüng­liche Angaben zu dem interessanten Thema erhalten hätte.

Schon im Jahre 1833 gab unser Fuldaer Landsmann, Medizinal­rat Dr. J. Schneider, ein Schriftchen heraus, in der T. Müller'schen Buchhandlung verlegt, unter dem Titel: Freimüthige Gedanken über Afterärzte, Sympathie und sympathische Kuren." Vie kleine Schrift richtet sich gegen den Aberglauben in der Rrankenbehandlung und wirft ein grelles Licht auf die vor knapp hundert Jahren, nicht nur im Fuldaer Land, sondern auch im übrigen Deutschland noch stark hervortretende Rrankenbehandlung mit wunderlichen und abergläu­bigen Mitteln.

hundert Jahre vorher, im Jahre 1725, gab ein Dr. Christian Weißbach ein umfangreiches, aufklärendes Buch heraus unter dem Titel: „Wahrhaffte und gründliche Cur Aller dem Menschlichen Leibe zustoßenden Krankheiten. Nach der vernünftigen und unverrückten Methode der Natur, samt einem Physico - moralischen Vorbericht von dem Menschlichen Leibe und der darinn würckenden Seele, ent- worffen und mit vielen Medikamentis specificis versehen, von Doct. Christian Weißbach . . ." Der Buchtitel ist hiermit noch nicht zu Ende, dock ist der wesentliche Inhalt des gelehrten Buches damit gekennzeichnet. Neben zahlreichen bewährten Heilkräutern, die heute noch ihr hausrecht in der Apotheke haben, besteht die „un­verrückte Methode" des Dr. Weißbach in allerlei Rezepten, die uns heute eine gelinde Gänsehaut über den Rücken jagen würden.

Präparierte Muscheln, Krebsaugen und Hechtzähne werden als schweißtreibend empfohlen. Bei dem Gedanken, dieses Zeug ein­nehmen zu müssen, kann einem allerdings der Angstschweiß ausbre- chen. Gegen die Wassersucht und verschiedene rheumatische Leiden werden präparierte, d. h. zum Pulver gestoßene Regenwürmer warm, empfohlen, auch die Gelbsucht wird damit erfolgreich vertrieben. Zum äußerlichem Gebrauch bei Nierenentzündung wird eine Einrei­bung mit „Scorpionenöhl" als sehr heilsam gepriesen.

„wem Spanische Fliegen sind beygebracht worden, dem erregen sie ein unbeschreibliches brennen und reitzen die vieren ..." Schwach­heit des Gehörs wird durch warme Fußbäder und applizieren eines Balsams von Schlangen- und Biberschmalz, mit Terpentinspiritus vermischt, gebessert. Rührt die Schwerhörigkeit jedoch „von einem stärkeren zutrieb des geblühts gegen das hauppt, so mache dem geblüht lufft und öffne eine Ader auf dem Fuß."

Über die Pest berichtet Dr. Weißbach: „Lin berühmter Medicus, Herr V.J.G.R. schreibet vom 6. Jänner 1710 auß Danzig folgender­maßen: Ls sey wider die Pest kein specifikum, oder so ein mittel zu finden, welches einem wie dem andern Helffe. Je weniger artz- neyen seyen genommen worden, je besser sey es gewesen, das ader- lassen, purgieren und brechen sey höchst schädlich, ja sogar tödlich gewesen. Vie Cur sey eintzig darinn bestanden, daß man durch ge­linden schweiß und außdünstung sanfft befördernde artzneyen das gisst a centro ab peripheriam corporis (oom Mittelpunkt an die Oberfläche des Körpers) geführt."

Bei der Epilepsie zweifelt Dr. Weißbach an dem Spezifikum eines seiner Kollegen, der Vorschläge dem Patienten „das warme blut von einem in der größten Todesangst enthauppteten armen sünder zu trinken geben", denn, in diesem Falle würde bas furchtsame Blut des armen Sünders mit dem rasenden des (Epileptikers „einen streitt anfangen, ihn selbst bändigen und auff bessere Gedanken bringen." Der gelehrte Verfasser bemerkt dazu zweifelnd: „Allein es mag mir dieser berühmte und sonst geschèide Medicus verzeihen, daß ich mir nichr einbilden kann, wie zwey Geister einen andern geift hervor­bringen können, denn ich glaube doch nicht, daß es unter denen geistern so zugehet, wie in der Chymie (Chemie)". Dagegen emp­fiehlt er gegen die fallende Sucht: „Getrockneter Maulwürfer-Hertz und Regenwürmer präparieret.

Die Lähmung (Paralysis) behandelt der Medikus mit: Menschen- schmaltz 3 Loth, Regenwürmer und Schnecken-öhl von jedem 1 Loth, auch Hundsschmer, Bibergeil, Teufelsdreck und Ameisen-öhl sollen zum Linreiben sehr gut sein. - Gegen Zahnweh sind: Zahnstührer (Zahnstocher) von Lschenholz, gebraucht und blutig weggelegt als Symphafikum empfohlen, -"wassersüchtigen werden gedörrte Kröten zu pulver gestoßen" zum Einnehmen empfohlen. Als äußerliches Mittel soll Auflage von Ruh- und Schafdung gute Dienste leisten. Dagegen sollen warme Bäder und Sauerbrunnenkuren in dieser Rrankheit todbringend sein.

Diese hier angeführten weißbach'schen Originalrezepte sind nur einige von den weniger unappetitlichen des fast 660 Seiten starken Buches. Der Verfasser ist nun keineswegs ein „Afterarjt", sondern er gehört zu den Leuchten seines Standes. Um die ärztliche Wissen­schaft dieser Jahrhunderte zu verstehen, dürfen wir natürlich nur den richtigen Maßstab anlegen, indem wir uns das ganze damalige Zeitalter vergegenwärtigen. Das Ende des 18. Jahrhunderts war der Anfang einer Umwälzung auch auf diesem Gebiet. Das 19. und 20. Jahrhundert brachte völlig neue Erkenntnisse, vielleicht wird manche Theorie von heute in 100 oder mehr Jahren genau so als Kuriosum behandelt werden wie das vor 200 Jahren erschienene gelehrte Buch des Doktor Weißbach in Straßburg.

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Rheumatismus, die Krankheit des Herbstes.

Von Dr. Kurt Kayser, Berlin-Wilmersdorf.

R.H.V. Als ungebetener Gast erscheint alljährlich, beson­ders im Herbst, begünstigt durch Regen und Wind, das Heer der rheumatischen Erkrankungen. Allerdings ist nicht alles „Rheu­matismus", was der Volksmund damit bezeichnet. Der Arzt unterscheidet im allgemeinen zwei Formen: Den Muskel- und den Gelenkrheumatismus.

Beim Muskel-Rheumatismus erkranken wie schon fein Name sagt, gewöhnlich bestimmte Muskeln oder Muskelgrup­pen. So viel wir wissen, kommt als ursächliches Moment für die Erkrankung eine Erkältung in Frage. Während aber der Muskel-Rheumatismus ein verhältnismäßig harmloses Leiden ist, das unter geeigneter ärztlicher Behandlung in ziemlich kurzer Zeit zur Abheilung kommt, stellt der Gelenkrheumatis­mus eine schwere, und lang dauernde Krankheit dar.

Der akute Gelenk-Rheumatismus wird ausgelöst durch eine Infektion des Körpers mit bestimmten Krankheitserre­gern. Als Eintrittspforte für das Krankheitsgift spielen er­fahrungsgemäß Mandelentzündung, schlechte' Zähne und dgl. neben allgemeinen Erkältungsursachen die Hauptrolle. Unter Fieber, begleitet von Schüttelfrost und heftigen Schmerzen, ent­wickeln sich in verschiedenen Gelenken, iprunghaft nacheinander Entzündung und Schwellung. Wenn auch die eigentliche Er­krankung der Gelenke in manchen Fällen ohne nachteilige Fol- cen wieder zurückgehl, so ist dieses Verhalten durchaus nicht die Regel. Vor allem hat der Gelenk-Rheumatismus eine große Neigung, in kürzerer oder längerer Frist wiederzukehren. Eine weitere Gefahr des akuten Gelenk-Rheumatismus besteht dar­in, daß er entweder zu Versteifungen der Gelenke oder aber zu genhd;|ettn Nachtrankheiten, insbesondere des Herzens und der Nieren führt Die große Mehrzahl der Herzklappenfehler ver­dankt ihre Entstehung einem Gelenk-Rheumatismus, aber auch fast alle anderen Organe des Körpers können durch eine ge- lenkrheumatifche Erkrankung in Mitleidenschaft gezogen werden.

Der chronische Gelenk-Rheumatismus geht teils aus dem akuten Gclenr-Rheumatismus hervor, teils bildet er eine ^patfcckg^ anderer chronischer Krankheiten; so z. V. gibt es einen Gerenk-Rheumotrsmus auf tuberkulöser und einen solchen aus syvhilitrschcr Grundlage. Auch Störngen der inneren Drü­sen des weiblichen Körper-, sowie Erkrankngen der Blutgefäße, können, besonders im höheren Alter, zu chronisch-rheumatischen Erkrankungen fuhren.

Neben diesen erwähnten Heilmitteln spielten von jeher die so­genannten Sympathiemittel, die sympathetischen Kuren in der Rrankenbehandlung eine große Rolle. Die Krankheiten an sich waren im primitiven Denken unserer Urvorfahren etwas Ueberna- türliches, Dämone, böse Geister und Hexen, Menschen mit dem „bösen Blick" waren die Erzeuger von Krankheiten bei Mensch und Haustier. Rrankheit wurde zum bösem Prinzip selber. Diese übernatürlichen Erscheinungen, für die man keine Erklärung fand, konnten nach An­sicht der Urvorfahren auch nur durch übernatürliche Mittel bekämpft werden. Es ist von Interesse, daß Hl. Bonifatius schon bei den alten Bewohnern des Buchenlandes den heidnischen Aberglauben in der Heilbehandlung bekämpft hat. Auszurotten war der Aberglaube nicht, an Stelle der heidnischen Gottheiten traten biblische Personen des Alten und Neuen Testamentes, auch Rirchenheilige traten in den Hsilformeln und Sympathiegebeten auf. Dabei ist zu unterscheiden der von der Rath. Kirche unter schweren Strafen verbotene Mißbrauch der heiligen Namen im Sympathieverfahrep und das gebilligte An­rufen der Kirchenheiligen in den Krankheiten und Nöten des Lebens. Beides finden wir nun in vielen sympathetischen Ruren merkwürdig verquickt, die Grenzlinie zwischen Aberglaube und christlichem Ge­bet wurde verwischt. Heidnisches finden wir mit Christlichem ver- mischt in der verpönten Sympathieformel.

Als wirksame Kraft bei den sympathetischen Kuren betrachtete man die Sympathie des menschlichen Körpers mit Geistern, Sternen, Tieren, Planzen und Mineralien. Es wurden gemeine Wechsel- beziehungen zwischen Menschen und Gegenständen angenommen. Daher auch das Tragen von Amuletten, Talismanen und anderen Zauberschutzmitteln. Zweifellos gibt es Menschen, denen die beson­dere Gabe der Krankheitserkennung und Krankenheilung verliehen, die weder auf Suggestion noch auf abergläubigen Sympathieschwin­del zurückzufahren ist.

Noch in frischer Erinnerung ist der im Fuldaer Land vor einigen Jahren ausgetauchte „Wunderdoktor". Er wurde von berufener Seite als Scharlatan abgelehnt. Jedenfalls war er kein "Begnadeter" im obigen Sinne; er verfügte über eine große Suggestionskraft - und es gibt heute noch Leute, die auf die Heilungen des .Wunderdoktors" schwören.

Rehren wir zu den Sympathiekuren im alten Fulda zurück, weit verbreitet war bei den Sympathiedoktoren das sympathetische Pulver. Es bestand aus cyprischem Vitriol und Gummi. Tragant wurde unter Beobachtung der Gestirne unter allerlei Hokuspokus bereitet, mußte streng vor Feuchtigkeit gehütet werden und diente zur Heilung schwerer Wunden; sogar Krebsleiben sollten bei richtigem Gebrauche dieses Wunderpulvers verschwinden. Es wurde etwas Blut auf einen Lappen gebracht, der Lappen mußte an einem trockenen ©rt aufbewahrt werden und ohne alles weitere wurde der Patient gesund — oder auch nicht.'

Vie sympathetische Waffensalbe war im Fuldaer Land überall bekannt, diese Salbe machte hieb- und stichfest, keine Kugel konnte dem etwas anhaben, der die Waffensalbe richtig gebrauchte. Die Erfindung dieser Wundersalbe wird Theophrastus Paracelsus zuge- schrieben. In einem lateinisch geschriebenen Rezept aus dem Jahre 1691 wird die Zusammensetzung preisgegeben. Die wesentlichen Be­standteile sind folgende: Bärenschmalz, Schmer von einem wilden Schwein, Moos von der Hirnschale eines schon lange gehenkten Menschen, gedörrte Regenwürmer, soviel eine Eierschale fassen kann, gepulverte Froschaugen, eine halbe Eierschale voll, dann noch 7 ver­schiedene Kräuter. Vie Schäfer und Schinder heilten Beinbrüche mit dieser Waffensalbe, indem sie Stuhlbeine damit bestrichen und ver­banden. Vie Wirkung geht in die Ferne, der Kranke braucht bei der Kur nicht dabei zu sein.

Segensprüche spielten bei der Wundbehandlung eine große Rolle. Medizinalrat Dr. Joseph Schneider teilt in seinem Schriftchen einige dieser, im Fuldaer Lande gebräuchlichen Segenssprüche mit, wie z. B.

Rot ist die Wunde, Glückselig die Stunde, wo der liebe Jesus Christ Drin geboren worden ist. Diese Worte mußten in einem Atem dreimal leise über die Wunde gesprochen werden, dabei mußte auch dreimal auf die Wunde ge­haucht werden. Bei schlimmeren Wunden wurde das Blut auf fol­gende Weise besprochen:

Über unseres Herrn Gottes Bett Da stechen drei Rpfen, Die eine ist rot,

Die andere sieht wie Biet (Blut), Die Vritt' hat ihren freien will', Soll Blut, Geschwulst und Brand still'! Gegen den „kalten Brand" galt der unfehlbare Sympathiespruch: „Der Sohn Gottes und Marie gingen über ein baar Land, begegnete ihnen der Rotlauf und der kalte Brand, wo willst du hin? Zu jenem Menschen und will ihm sein Herz und seine Glieder wägen und brechen. Das sollst du nicht thun, geh hin in jenen weiten Wald, da steht ein Hollerbusch, dem sollst du seine Glieder wägen und bre- chen. Alle Rlöcklein haben geklungen, alle Englein haben gesungen, alle heiligen Messen sind gelesen, das ist die wahre Buß' gewesen, Amen!“. - Die Zahl dieser Sprüche ist sehr groß, für jedes Leiden und für jeden Unfall hatten die Sympathiedoktoren ein solches 'Sprüchlein mit allerlei abergläubigem Drum und Dran. Es gab Sprüche für Haustiere, z. B. wenn Rühe keine Milch gaben; man konnte Stecken schneiden und Entfernte damit prügeln — wenn die richtige Formel dazu gesagt wurde. Diebe konnten feftgebannt werden, kurz, es gab nichts, wobei die Sympathie nicht zu gebrau­chen war.

Groß ist die Literatur der alten Sympathiemittel. Lines der ältesten gedruckten Bücher in lateinischer Sprache stammt aus dem Jahre 1531 und ist in verschiedenen alten Bibliotheken noch vor­handen.

Gichtbriefe, Dichtringe, Waffensegen, Glückssteine, Freikugeln und ähnliches waren weitverbreitet als Lympathiemittel. vieles hat sich bis in unsere Zeit hartnäckig erhalten; in den Rriegsjahren wur­

Arbertsunfähigkeir und Invalidität durch den Gelenk-Rheu­matismus oder feine Folgezustände stellen an Invaliden- und Krankenversicherung außergewöhnlich große Ansprüche. Wie dke Statistik gezeigt hat, entfällt z. B. bei der Berliner Allge­meinen Ortskrankenkasse aus 1 Tag der Arbeitsunfähigkeit durch Tuberkulose, 3,41 Tage Arbeitsverlust durch die rheumatischen Erkrankungen! Auch hinsichtlich der Invalidisierung entsprechen 105 Invalidisierungen durch Rheumatismus 100 solchen durch Tuberkulose.

Der Rheumatismus in seinen verschiedenen Formen muß daher als eine nahezu ebenso verderbliche Volksseuche bezeichnet werden, wie die Tuberkulose. Diese Tatsache ist in einer Zeit, in der die sozialen Wohfahrtslasten ohnehin schon eine außer­ordentliche Höhe erreicht haben, von ganz besonderer Bedeu­tung. Schon vor einigen Jahren hat sich daher eine inter­nationale Organisation zur Bekämpfung des Rheumatismus gebildet. Vor allem aber mutz jeder einzelne bestrebt fein, der rheumatischen Erkrankung und ihren persönlichen und wirt­schaftlichen schweren Folgen dadurch wirksam entgegenzutreten, daß er sich so frühzeitig als möglich in sachgemätze ärztliche Behandlung begibt und nicht mit selbständiger Behandlung oder durch die Verwendung von Mitteln, die von unverantwort­licher Seite angeboten werden, kostbare Zeit verschwendet.

Wie schützt man sich gegen Typhus?

Vor kurzem ist der badische Ministerpräsident am Typhus gestorben. Auch aus anderen Gegenden Deutschlands mehren sich die Nachrichten über das Auftreten einzelner Typyus- erkrankungen Diese Tatsache mag ängstlichen Gemütern Anlaß zu Befürchtungen geben, allein diese Sorge ist völlig un­begründet. Es besteht für uns in Deutschland keinerlei Typhusgesahr!

Vereinzelte Typhuserkrankungen werden ärztlicherseits während des ganzen Jahres beobachtet und alljährlich im Herbst wächst ihre Zahl, oder es treten um diese Jahreszeit da und dort kleinere Gruppenerkrankungen aus, die auf den Genuß verseuchter Milch, verunreinigten Wassers, eines mit Typhuskeimen beschmutzten Lebensmitteln oder dgl. zutück- zusührkn find. Die Bazillenaufnahme in den Körper erfolgt beim Typhus stets durch direkte oder indirekte Berührung mit Ausschetdungen von Typhuskranken oder typhuskranl Ge­wesenen, deren Ausscheidungen noch Bazillen enthalten oder durch keimbeladene Nahrungsmittel. Daraus geht schon ohne weiteres hervor, wie man sich selbst, abgesehen vom staatlich- polizeiärztlichen Schutz, aeaen die Krankheit schützen kann.

den vielfach Waffensegen und Schutzbriefe anonym ins Selb q^. und mancher Soldat trug diesen Schutz nach der beigegebc^^t schrift. Auch die sogenannten Kettenbeiefe zirkulieren heute „

In Fulda und in der Umgegend lebten um die Jahrhunderte einige „Sympathiemännchen" und „Frauchen". Als Kinder bannt wir in den neunziger Jahren ein altes Weiblein, das durch jejne pathiekuren bekannt war; es konnte nach dem Volksmunde bee Brod geäß. Wir hatten großen Respekt vor dein Sympal' fräuchen und hüteten uns wohl, sein Mißfallen zu erregen. schließlich keine Kleinigkeit, irgendwo durch den willen des enu ten Frauchens festgebannt zu werden. Dienstmädchen vom bestärkten uns in dem Glauben an die Wunderkräfte dieser e. Besonderen Lindruck machte uns der fromme Anstrich, den dieses ihren Sympathiekuren gab. Das verquicken der heiligsten üam : mit den abergläubigen Dingen macht Eindruck auf naive ©em«tpn Unser Weibchen behandelte im Namen der Hl. Dreifaltigkeit ’ war sich gewiß einer abergläubigen Gotteslästerung nicht behubt weil es selbst an sein Werk glaubte und von ihren Patienten i diesem Glauben bestärkt wurde. Auch Abraham, Isaak und lau ; wurden in den Heilsformeln beschworen.

Ganz ehrbar sah es in dem Altweiberstübchen aus, Heiligenbild­zierten die Wände, und ein Prager Jesukindlein stand unter einem Glassturz auf der alten Biedermeierkommode. Nur die grasn schwarze Ratze, die maunzend um ihren Backensessel herumstrich, hz»' , etwa als ein unheimliches Symbol gelten können. Mit angéhalte. nem Atem verfolgten wir die „Besprechungen" der Wunberfra» Lin Spielkamerad hatte sich einst den Fuß verstaucht. Wir schlepp ' ihn zu dem Sympathiefräuchen, das den Schaden auf folgende besprach: „Bein zu Bein-Fleisch zu Fleisch - Blut zu Blut - Knien- | Dieser Segensspruch, in mancherlei Variationen heute noch bei Der- 1 renkungen gebräuchlich, ist ein (Erbe aus der Zeit des njodan' | Kultes.

Lhe wir uns entschließen konnten, bei Zahnweh den schmerzliche I Gang zu Herrn Rauck in die Nachbarschaft zu tun, versuchten ch I unser Heil bei dem Symphatiefrauchen. War der Zahn hohl, tzM I verschaffte uns folgender alter Sympathiespruch Linderung: St. Petrus ■ stand unter einem Lichenbusch.da sprach unser lieber Herr Jesus Lhfi I zu Petro: warum bist du so traurig, Petrus sprach: warum soll i: 1 nicht traurig sein, die Zähne im Munde machen mir Pein; da fprai | unser Herr Jesus Christ zu Petro: Peter geh' hin in den ©tun» nimm Wasser in den Mund und spei" es wieder aus in den ©rmi' +++ Amen." - wir machten es so, wie St. Peter und merkwürbig — es half. — Schmerzhafter war die Behandlung eines kariöse Zahnes. Das Frauchen schob seine große Hornbrille hoch in bit Stirne und schaute sich erst den (Quälgeist an, dann nahm es ei» Stückchen zugespitztes Holz, bohrte damit in dem Zahn herum und trieb das blutige Hölzchen in den Stamm eines Hollunderbaumey dessen Stand sorgfältig geheimgehalten wurde; mit dem entsprech! enden Spruch dazu nahm der Hollunderbaum das Zahnweh in sich auf - und man war von den Schmerzen befreit. Line bestimmte Taxe hatte unsere Helferin nicht, sie heilte um Gottes Lohn, hatte aber nichts dagegen, wenn wir ein Päckchen Zichorie oder einige Kaffeebohnen — aus Mutters Vorrat stibitzt — auf der Kommode liegen ließen.

Gelbsucht wurde im Fuldaer Land nicht mit Sympathie, sondern mit Schafläusen kuriert. Noch im Jahre 1907 wurde ein Fuldaer, der Gelbsucht hatte, mit diesen Mitteln gesund gemacht. Nachdem er unzählige Flaschen „Warners Safe eure" erfolglos eingenommen hatte, riet ihm eine Frau von der Tränke, einige Schafläuse in Zwetschenmus oder Apfelbrei einzunehmen. Der Neuenberger Schäfer besorgte ein halbes Dutzend dieser Tierchen. Dem Patienten wur­den sie beigebracht, ohne daß er etwas davon wußte. Als er es dann erfuhr, kam er vor Ekel fast um, und werkwürdig - von der Stunde an wich die gelbe Hautfarbe der Mann wurde gesund und läuft heute noch in Fulda herum. Weitere Mittel gegen die Delb- sucht sind: Getrockneter Gânsekot in weißem Wein aufgelöst }u trinken, ©der: Man soll 80-100 lebende Rellerasseln auf einem heißen Lisen rösten, pulvern und, mit einer Tasse kochendem Weißbier übergossen, morgens nehmen.

Nach diesen proben „spezifischer" Heilmittel mögen noch einige Sympathiemittel Erwähnung finden, die in der Rhön, im Dogelsberg ■ und im ganzen Fuldaer Land bekannt waren. Da waren die eisen ■ nen Gichtringe. Sie wurden von den Gichtkranken getragen uni ■ zwar am Ringfinger der rechten Hand. Aus eisernen Nägeln, denen Menschen erhängt worden, mußten die Gichtringe angefertigÄ sein, in manchen Museen sind noch eizelne Exemplare zu finden. Als ■ Gichtmittel ersten Ranges galten aber die Gichtbriese. Sie wur-1 den in der Regel von Schäfern geschrieben, mußten in ungebleichter ■ Leinwand, mit Fäden ohne Knoten, auf der Brust getragen werben, ■ Der Brieftext war ein langatmiges Gefasel, in dem faßt in jedem ■ Satz die Worte „Gegicht und Gesicht" vorkamen. Medizinal»! ■ Schneider teilt in seiner Aufklärungsschrift auch die Sympathie- ■ formeln des sogenannten Marbacher Männchens mit.

Es wurde ein Strafverfahren gegen dieses Männchen eingeleitet I und in den Gerichtsakten, die im Besitze des Fuldaer Domkapitels ■ sind, heißt es u. a.; „(Er (das Marbacher Männchen) setzte Öen Kram ■ Ken im Abnehmen des Mondes vor Sonnenaufgang auf einem IW ■ weg, bestreicht ihm mit beiden Händen sechsmal von Kopf bis zu ■ auf den Kleibern, während welcher Zeit er heimlich da; Gicht scharf ® ■ redet und ihm befiehlt, in einen dürren Baumast zu fahren, woraa! ■ ihm das Gicht willfährig antworten muß, und es auch zu thw ■ verspricht."

Für jedes Leiden gab es ein solches Mittelchen, uud darüber P- ■ aus verstand man, Feuer und Waffemot zu besprechen, Diebe und Hem ■ und sonstige Bösewichter konnte man erkennen und bannen, bei® ■ überführen. Kirchliche und weltliche Behörden führten einen W ■ Kampf gegen diesen Aberglauben, der heute nur noch im ©ehe®1 I sein zähes Leben den „wissenden" weiter vererbt.

So verwerflich dieser Aberglaube an und für sich ist, bietet" I doch in volkskundlicher Hinsicht eine Fülle von wertvollen - I Müssen. ___K

Erstes Gebot ist auch vor allem Sauberkeit. -^W trinke niemals Wasser unbekannter Herkunft, besonders n | auf Märschen oder Wanderungen, wie sie zur ^erbftiei1 M sonders beliebt sind. Man esse^ niemals ungeschältes oder ■ gewaschenes Obst. Man beziehe seine Milch stets aus einw ■ freier Quelle, halte sie geschützt, besonders vor Zutrw ■ Fliegen, und genieße sie im Zweifelssalle nicht roh, | stets gekocht. Häusiges Händewaschen, unter allen i ■ nach Benutzung des Aborts und vor jeder Mahlzeit u 1 nur zur Verhütung von Typhuserkrankungen eine ,„> I Selbstverständlichkeit Die staatlichen Maßnahmen zur I Verhütung, wie polizeiliche Meldepflicht, Äbsonderung' . ■ sperrung, Desinfektion usw., im Verein mit sorgfältige ■ licher Behandlung werden weiterhin jede Ausbreitun» y I Thphnserkrankungen zu verhindern wissen. Auch Yicr verständnisvolle Mitarbeit des einzelnen vonnöten. ■

Der Typhus hat eine, meist mehrwöchige Vorder ■ zeit, deren charakteristische Merkmale in ■ geschlagenheil und Müdigkeit, Kopfschmerzen, gereg ■ Fiebersteigerungen, Durchfällen oder Verstopfungen | Darum zögere man nicht in falscher Sparsamkeit, v n ■ treten solcher Erscheinungen sofort den Arzt um Aal z

Die neue Hutmode. ^

Aus Naturschutzkreisen wird geschrieben: Es ist fr taniit, daß die Verwendung von Vogelfedern W n ’ßat, ui’ Damenhüte für die Vogelwelt höchst bedenkliche oolV30ffl»^ daß manche Vogelart der Gefahr der Ausrottung na? - ^ se" ist. Aus diesem Grunde haben Natur- und Vage l ^ gt' Jahrzehnten den Kampf gegen die mörderische y ^MM führt. Dem Eingreifen des Naturschutzes war es z stark datz die Verwendung von Federn als Hutschmua ) tm W rückgegangen ist. Die neue Hutmode greift rn g » „ße v j fang wieder auf die Vogelfeder zurück, so daß „ herum®« fahren für die heimische und ausländische Dogelwe ^„-puiu schworen werden. Auch von, volkswirtschaftUgle^ ^ ~ kann die Einfuhr von Vogelbälgen nicht gedultgl u-> ^ zu § beste Mittel, um das Aufkommen dieser neuen M ^ 9 hindern, ist die Verfemung der mit Federn g" durch die Frauenwelt selbst, sofern es sich nicht > ^f schuh Straußenfarmen oder um Federn häufiger uu" dürftiger Vögel handelt.