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.212 1931

Fulda, Freitag, 11. September

8. Jahrgang

Der Besuch aus Paris.

Ein deutsch-französischer Verständigungsausschuß".

Was der französische Besuch bringen soll.

Die Genfer Vorbesprechungen über den Berliner Be­such Lavals und Briands sind beendet. Staatssekretär von Bülow ist wieder nach Berlin zurückgekehrt. Wäh­rend der 48stündigen Anwesenheit des Staatssekretärs in Genf hat keinerlei Zusammenkunft zwischen ihm und den ftanzösischen Ministern stattgefunden. Der Genfer Besuch des Staatssekretärs bat. wie von deutscher zuständiger

Hier wird der französische Ministerbesuch wohnen.

Das Hotel Adlon Unter den Linden in Berlin, wo Außenminister Briand und Ministerpräsident Laval wäh­rend ihres Berliner Besuches Wohnung nehmen werden.

Seite erneut fes!gestellt wird, ausschließlich internen Be­sprechungen über die Vorbereitung des Berliner Besuches der französischen Minister gegolten. Bülow wird, wie betont wird, dem Reichskanzler die Wünsche und Anregun­gen des Reichsautzenministers für den Berliner Besuch der Franzosen übermitteln. Der neue französische Bot­schafter in Berlin, Francois Poncet, hat sich nach Paris zurülkbcgeben, um auch dort gemeinsam mit Laval die Vorbereitungen für den Berliner Besuch zu treffen. In französischen Kreisen wird ausdrücklich geltend gemacht, daß Briand an den zurzeit geführten vorbereitenden Ver- Mdlungen keinerlei Anteil nimmt.

Das Programm der Berliner Besprechungen zwischen den deutschen und französischen Ministern wird entgegen dm in der französischen Presse entwickelten Programm mptsächlich die Einsetzung eines deutsch-französischen ^rischaftlichen Verständigungsausschusses zum Gegen- haben. Es besteht bereits der feit längerer Zeit Arterie Plan, sowohl auf deutscher wie auf französischer ^je einen Ausschuß wirtschaftlicher Sachverständiger ^susetzen, die dann gemeinsam die Fragen einer An- Nung der deutschen und französischen Wirtschafts- Nfen prüfen sollen.

.A dem bisherigen Zeitpunkt für den Franzosen- "M 26. und 27. September, wird ebenso wie an Berlin S Treffpunkt festgehalten. Von deutscher zuständiger m?e wird nachdrücklich betont, daß eine Verlegung des Mches nach Baden-Baden bisher überhaupt nicht er- ^rt worden sei.

*

Die Fahrt nach Berlin.

Seit jener Rundfunkrede des deutschen Reichskanzlers, er es als wünschenswert erklärte, mit den fran- blchen Staatslenkern zu einer persönlichen Aussprache men- sind Monate vergangen. Zahlreiche, bedeut- AZchicksalhafte Ereignisse liegen in der Zeit von da- L bté heute, Ereignisse und Erfahrungen. Der Dr. Brünings in Paris und die gemeinsame W mit Laval und Briand nach London zur Konferenz, "uch die Reise des deutschen Außenministers nach i und die jüngsten Vorgänge, die sich dort abspielten, tz^^lles sind nicht bloß ein paar äußere Daten, sondern Außenwelt sichtbare Etappen einer, für k» .Eiland ungünstigen Entwicklung, die st ä n d i g be m französischen Druck stand. Daß wir ^" keine übermäßige Liebe zu Frankreich heaen, ist ru verstehen. Und wenn die französischen Staats- iwjuw Gegenbesuch nach Berlin kommen, können ste nicht vom deutschen Volk verlangen, Ehrenpforten "der einen über die selbstverständlich einem Gaste Mn Len^e Höflichkeit hinausgehenden Empfang zu ver- ^ reif' ^M* wäre heute die Zeit wirklich noch

I M^^öen haben die Diplomaten auf beiden Seiten Nin»»^ "ud Arbeit genug gehabt, um diesem erst- x Besuch eines französischen Ministerpräsidenten putschen Reichshauptstadtdiplomatisch" die Wege Es gehört ja allerhgnd Delikatesse dazu, diesen

Besuch so zu arrangieren, daßkein Schaden geschieht'. Wenn Andeutungen über den Inhalt der beabsichtigten Besprechungen zwischen den Franzosen und ihren deut­schen Gastgebern richtig sind, so dürfte man wohl über Politik" gar nicht miteinander konferieren. Hier bluten die deutschen Wunden denn doch noch allzu frisch. Und wenig geschah bisher von Paris aus, um diese Blutung zum Stillstand zu bringen. Selbst die üblichen Nedesalben blieben aus.

Aber auch wennvom Thema nicht gesprochen werden darf", so gibt es abseits der Politik Themen genug, die der Ver- und Behandlung bedürfen und die man jedenfalls auf deutscher Seite ganz nüchtern und unpolitisch diskutieren kann. Es heißt, daß die eigentliche Frucht des Berliner Besuchs der Franzosen dieSchaffungeines gemeinsamen wirtschaftlichen Verständi­gungsausschusses sein soll, ver Plan ist vor zehn Jahren schon einmal aufgetaucht und es kam in Wiesbaden auch schon zu entsprechenden Verhandlungen zwischen dem damaligen Außenminister Dr. Rathenau und dem französischen Wiederaufbauminister Loucheur, einem der bedeutendsten Führer der Schwerindustrie Frankreichs. Aber es blieb bei demzufriedenstellenden" Versuch. Aber seit gerade vier Jahren besteht jetzt der deutsch-fran­zösische Handelsvertrag; daß er die Handels­beziehungen zwischen den beiden Ländern sich überraschend schnell zugunsten Deutschlands entwickeln ließ, empfindet man in Frankreich recht schmerzlich und daher spielt man dort mit dem Gedanken der Kündigung; außerdem leistete man sich mit dem jüngsten, unbefristeten Verbot jeglicher Wein- und Holzeinfuhr eine Maßnahme, die von Deutschland als ein Verstoß gegen den Handelsvertrag betrachtet wird. Auch wir hätten aern die Weinfluten

Abrüstung, Verständigung, Krise.

England und die deutsch-französische Verständigung.

Große Rede Lord Robert Cecils in Genf.

Lord Robert Cecil, der erste Vertreter Eng- l a n d s auf der Vollversammlung des Völkerbundes, hielt in der Generalaussprache eine politische Rede, die allgemein größtes Aufsehen erregte und vielfach von stür­mischem Beifall unterbrochen wurde. Lord Robert Cecil befaßte sich eingehend mit den Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland. Der Redner er­klärte u. a.:

Die Lage Deutschlands

sei heute ein besonderes Zeichen für die Wirtschaftskrise. Des­halb müsse sie besonders berücksichtigt werden. Eine Ver­längerung der abgelaufenen Kredite müsse unbedingt erreicht werden. Auch sei es unerläßlich, die notwendigen Be­dingungen zu schaffen, damit Deutschland die notwendigen Kredite erhalte, um seine Wirtschaft wieder in Ordnung zu bringen. Eine entscheidende Rolle in der gegenwärtigen Krise spiele heute die Politik.

Die internationale politische Lage

sei nicht ungünstig. Es wäre gefährlich, Prophezeiungen für die Zukunft zu machen, aber niemals in der Geschichte der Mensch­heit sei bisher ein Krieg so wenig wahrscheinlich gewesen wie heute. Niemand von den zahlreich versam­melten Staatsmännern könne die Auffassung vertreten, daß ein Krieg in absehbarer Zeit drohe. Es sei heute nicht an der Zeit, an die N e v i s i o n der bestehenden Verträge zu schreiten, denn ein derartiges Vorgehen würde nur Unruhe und Unsicherheit schaffen. Nichts sei so geeignet zur allgemeinen Befriedung, Überwindung der Krise, Wiederherstellung des Vertrauens sowie zu der dringend notwendigen Investierung der Kapitalien wie

die allgemeine Abrüstung.

Wie ernst das Abrüstungsproblem sei, zeige die folgende Tat­sache: in vielen Ländern wie in England, Frankreich, Italien Amerika usw. seien in der letzten Zeit groß angelegte Ma­növer durchgeführt worden. Solche Manöver zeigten die wahre Bedrohung der Welt durch die Rüstungen. Wie wäre es möglich, heute vom großen Publikum die Investierung der Kapitalien zu verlangen, wenn gleichzeitig auf der anderen Seite die modernsten Mittel zur

Vernichtung der Wirtschaft und der Bevölkerung geschaffen würden, wodurch die wirtschaftliche Grundlage der Kapitalinvestierung jeden Augenblick vernichtet werden könnte.

Das gleiche gelte für die Land- und S e c a b r ü st u n g. Es müsse unterstrichen werden, daß die einmütige Zustimmung der Welt eine Vertagung der am 2. Februar 1932 beginnenden Weltabrüstttngskonfcrenz nicht zulassen würde. Die englische Regierung werde eine Vertagung der Abrüstungskonferenz auch nicht um einen Tag zulassen.

Grandis Rede

und sein Vorschlag, die Rüstungen bis zum Abschluß der Konfe­renz nicht weiterzuführen, sei von größter Bedeutung. Die englische Regierung befinde sich in voller Übereinstimmung mit diesem Vorschlag.

Zivei große Nationen, deren Führer anwesend seien, und die, jcbc in ihrer Art, an der Spitze der Zivilisation ständen, bildeten heute einen der Hauptpunkte der internationalen Lage. Wenn zwischen Deutschland und Frankreich eine wahre An­näherung nicht in Worten, sondern in Taten erreicht werde, so würden damit 75 Prozent der Unruhe der Welt ver­schwinden. (Stürmischer Beifall.) In der Presse sei daraus bingewiescu worden, daß die englische Regierung sich gegen eine solche Verständigung zwischen diesen beiden großen Nutionen wende. Dies sei

eine schamlose Verdächtigung.

Niemals Hables einen EInländer gegeben, der derartiges ge­

eingedämmt, die bis 1925 durch dasLoch im Westen" hereinströmten! Aber wir hätten es mal versuchen sollen...!

Man spricht bei den Erörterungen über die Wirt­schafts-, namentlich die kreditpolitischen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich nicht vonPolitik", aber diese sitzt wie Banque's Geist am Tisch der Verhan­delnden. Und schon nach der Haager Konferenz 1929, als der Young-Plan zustande gebracht war, sollte ja eine end­liche und wirklicheLiquidierung der Kriegsfolgen' her­beigeführt werden. Es genügt wohl auf das Scheitern der Saarverhandlungen hinzuweisen, um darzutun, daß die Politik jenen Wunsch doch nicht zur Wirklichkeit werden ließ; den Blick nach Polen hinüberzulenken, erübrigt sich völlig. Ganz abseits der Politik sind aber doch zwischen einzelnen Wirtschaftszweigen Deutschlands und Frank­reichs Verständigungen erreicht worden.

Und doch bleibt immer, immer ein vom deutschen Standpunkt aus berechtigter politischer Rest bei dem Ge­danken an den Besuch der französischen Staatsmänner in Berlin. Ganz anders wird das sein als das Erscheinen Macdonalds, Hendersons, Stimsons vor anderthalb Monaten. Die Vertreter jener Macht kommen zu uns, die unser Hauptgläubiger ist und seit zwölf Jahren immer wieder wie Shylok auf seinem Schein oder mehr bestand und dasPfund Fleisch" von uns nicht bloß einforderte, sondern Herausschnitt, ohne Rücksicht auf das dabei vergossene Blut. Daran zu denken, ist keine unpolitische Sentimentalität". Und sich dessen zu er­innern, kann uns auch der Besuch der Staatslenker Frankreichs nicht verbieten. Mit den Dingen so zu rechnen, wie sie sind, ist Sache des Staatsmanns, aber jenseits dieser nüchternen Feststellung gibt es noch anderes, jene Imponderabilien", wie Bismarck sie nannte, jene un­wägbaren, aber vorhandenen Stimmungen, die man viel­leicht unter dem Druck übermächtiger Wirklichkeiten ver­birgt, die aber doch Leben sind, Leben besitzen und sich eines Tages doch zum Licht emporringen können.

sagt habe. Wir wissen alle, wieviel von der Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich heute abhängt. Die eng­lische Regierung und das englische Volk haben das Vertrauen, daß die Krise überwunden werden kann. Die Ausführungen wurden mit langanhaltendem stürmischen Bei­fall ausgenommen.

Italiens Rüstungsstand.

Die Denkschrift Italiens in Genf überreicht.

.Die italienische Regierung hat die Denkschrift über den Rüskungsstand Italiens dem Generalsekretär des Völker­bundes zugestellt. Die Note wird in den Nächsten Tagen veröffentlicht werden. In einem kurzen Begleitschreiben verweist die italienische Regierung auf den bisher von Italien in der Abrüstungsfrage eingenommenen Stand­punkt. Ferner sind der Note die vom Abrüstungsausschuß ausgearbeiteten und ausgefüllten Tabellen beigefügt. Daraus geht hervor, daß Italien gegenwärtig 2 8 0 0 00 Mann unter den Fahnen hat und 1500 Kampfflugzeuge besitzt. Der italienische Militär­haushalt wird mit 6 Milliarden Lire angegeben.

Abrüstungspropaganda in Holland.

30 Prozent der Bevölkerung für Abrüstung.

In sämtlichen holländischen Tageszeitungen wurden etwa vier Wochen lang Formulare veröffentlicht, durch deren Unterzeichnung die Leser ihr Interesse an der Förderung der internationalen Abrüstung bekunden konnten. Die zur Unterzeichnung vorliegende Eingabe drückte den Wunsch aus, daß die bevorstehende Ab­rüstungskonferenz Maßnahmen ergreifen möchte, die ge­eignet seien, zur Abrüstung der Völker zu führen. Tue Eingabe ist, wie jetzt bekanntgegeben wird, von wert über 2400000 Holländern im Alter von über 18 Jahren unterzeichnet worden. Das sind etwa 3 0 P r o - zent ter gesamten Bevölkerung Hollands. Die Eingabe wird vom Vorstand des Vereins der nieder­ländischen Presse in Genf überreicht werden.

DasReparasionsproblem wird nicht mehr von der Tagesordnung verschwinden.»

Bundesrat Motta vor dem Völkerbund.

Der schweizerische Bundesrat Motta befaßte sich in seiner Rede vor der Vollversammlung des Völkerbundes mit der Weltwirtschaftskrise und unterstrich, daß der

Kleine Zeitung für eilige Leser.

Ueber die nächsten Notverordnung finden gemeinsame Be­sprechungen zwischen dem Reich und Preußen statt.

* Staatssekretär von Bülow hat Genf wieder verlassen, nach­dem die dortigen vorbereitenden Besprechungen über den Berliner Besuch der französischen Minister beendet worden sind.

* Zn Genf hielt der Vertreter Englands, Lord Cecil, eine bemerkenswerte Rede über die Abrüstung und die deutsch-fran­zösische Verständigung.

* Das LuftschiffGraf Zeppelin" wird in der zweiten Ottoberhälfte eine dritte Fahrt nach Südamerika antreten.