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Zulöaer /lnzeiger

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Nr. 190 1931

Fulda, Montag, 17. August

8. Jahrgang

Notzeit!

Vor einem schlimmen Winter.

Brünings Befürchtungen und Hoffnungen.

In einer Unterredung, die Reichskanzler Dr B r ü n t u g einem Sonderkorrespondenten derDaily Mail" gewährte, er- Härte er, der kommende Winter werde der schlimmste für Europa in den letzten 100 Jahren sein. Die Deutschen würden am meisten von ihm zu spüren bekommen. Es werde in Deutschland wenigstens sieben Millionen Ar­beitslose geben, und die Schwierigkeiten, sie zu unterhalten, werden gleich schwer kein für Reich, Länder und Gemeinden. Außerdem stecke unsere finanzielle Unsicherheit unsere Nach­barländer an und falle von dort wieder auf uns zurück, wo­durch wir immer tiefer in den Sumpf hineingerieten.

Ein einziges Hilfsmittel gebe es. und zwar die inter­nationale Zusammenarbeit, um der gemeinsamen Gefahr mit gemeinsamen Kräften zu begegnen. Er richte einen Appell an die verantwortlichen Staatsmänner Europas, sobald wie mög­lich zusammenzukommen, um die Preise für Waren gleicher Qualität international festzusetzen und

den vernichtenden Konkurrenzkampf in Handel und Industrie

auszuschalten, der setzt zwischen den Ländern lobt. Außerdem würde er eine internationale Regelung der bestehenden hohen Zolltarife begrüßen. Er sei erfreut, sagen zu können, daß dies nicht nur ein frommer Wunsch sei: er habe über diesen Punkl auch bereits prlvale Besprechungen mit den Minister­präsidenten Englands und I l a l t e n s gehabt, könne je« doch hierüber nichts weiter sagen, bis er nicht auch Den fran­zösischen Ministerpräsidenten gesprochen habe. Die Möglichkeit ür Abänderungsvorschläge sei begrenzt, doch sei ein Fortschritt elbst in kleinen Dingen notwendig, um das Vertrauen wieder- serzustellen, das Europa so dringend benötige. Er hoffe zu­versichtlich, daß in dieser Richtung bald greifbare Ergeb­nisse erzielt werden könnten. Eine andere Voraussetzung für die Rettung Europas fei

das politische Vertrauen;

es sei von grundlegender Bedeutung, daß die Völker Europas an die Erhaltung des Friedens auf lange Sicht glaubten.

Aus die Frage, ob er irgendwo in Europa eine ähnliche Sehnsucht nach Frieden verspürt habe, antwortete der Kanzler, er habe in der letzten Zeit verschiedene Länder in Westeuropa besuchi. und er sei überzeug!, daß

die führenden Staatsmänner den Frieden wollten.

Nur die Furchl und das Bestreben, sich aus den äußersten Not­fall oorzubereilen, seien für die Abneigung gegen eine allge­meine Abrüstung verantwortlich, die das große Hindernis für die wirtschaftliche Gesundung Europas bilde. Kein Land könne letzten Endes den tödlichen Folgen eines Mangels an poli­tischem Vertrauen entgehen, der das Vorhandensein eines Krieasapparaies zur Vorbedingung habe.

Er habe Frankreich von der Wahrheit des deutschen Willens zu dauerndem Frieden zu überzeugen versucht, Frankreich, dem die deutsche Wehrlosigkeit der beste Beweis dafür sein sollte, daß es mit Deutschland in keinen Krieg verwickelt werden könne. Wenn er den Europäern einen guten Rat geben dürfte, so möchte er ihnen zurufen:Sprecht nicht vom Kriege! Denkt nicht einmal an den Krieg als eine Möglichkeit für die Zu­kunft!" Er sei überzeugt, daß solches Kricgsgeschwätz zum Weltkriege geführt habe: denn dadurch würden selbst die Re­gierungen empfindlich und nervös.

Die Gründe der gegenwärtigen Schwie­rigkeiten Europas

faßte Dr. Brüning in folgende vier Punkte zusammen: 1. Die Überindu strtealisierung der kleineren Staaten; 2. die Abnahme der Kaufkraft in China und Indien; 3. die hohen Zollmauern in der ganzen Welt; 4. die Richtung, in der die deutschen Reparationszahlungen flößen. Er scheue sich es auszusprechen; aber bei der Suche nach besseren Aussichten für Europa stoße man immer wieder auf

den Vertrag von Versailles.

Dr. Brüning kam dann auf die Lage des französischen Geldmarktes und auf den Kommunismus in Deutschland zu sprechen, den er für die größte innere deutsche Gefahr hält, und erklärte bezüglich der

Ausschaltung des Reichstages,

er sei ein überzeugter Anhänger des demokratischen Prinzips und nehme sicher an, daß der Reichstag im Herbst wieder zu­sammentreten werde. Er sehe aber keine Notwendigkeit für eine lange Sitzungsperiode. Das gegenwärtige System der kurzen Sltzungsabschnitte arbeite ausgezeichnet.

Zum Schluß erklärte Dr. Brüning, er habe niemals viel von großen internationalen Sitzungen, wie z. B. dem Völker- bund, gehalten. Er sei aber unbedingt von dem Werte persön- kicher Besprechungen zwischen den Ministerpräsidenten der ein­zelnen Lander üöerzeugt; denn persönliche Vertrautheit flöße

Ganz wie bei uns!

Ein Aufruf Macdonalds an das englische Volk.

Macdonu l d richtet von Lossiemouth aus, wohin er sich wahrend des Wochenendes begeben hat, durch die Presse einen Aufruf an das englische Volk, in der gegenwärtigen Krise nicht die Nerven zu verlieren. In dem Aufruf heißt es: , Wir müssen aus halten! Hörl nicht aus die Alarmnach- richtcn! Im Grunde genommen

ist das Land gesund.

Unsere Schwierigkeiten sind kein Ergebnis schlechter Finanz- metlwden, sondern eine Folge der schlechten Weltwirt- schaftslage und bedeutet nicht, daß gerade England allein sich in einer schwierigen Lage befindet. Gerüchte, daß nichts geschehe, um der Schwierigkeiten Herr zu werden, sind unwahr. Die Regierung gehe mit allen Mittelt

Lite Negierung gehe mit allen Mitteln an die Arbeit. Mit verringertem Volkseinkommen müssen aber

verringerte Ausgaben

N 0 l m a ß n a h m e n sind erforderlich, 8in h J Hilfsquellen des Landes haushälterisch umzugehen. traft l°a "der nicht eine Bevölkerungsschichi allein be­ll e j sondern jedermann muß heran, idinfm^ "in dem Land über die schlechte Wirt- meroen^ Kürzungen in den Ausgaben ieniaen st »erben muffen durch besondere Lasten der- ba§ uM^ Aber diese Lasten sollen auf erhubt $ e ^ b herabgeschraubt werden, das die Lage

Sparen, sparen, sparen!

Bei den Verhandlungen der Ländervertreter im Reichsrat und den Besprechungen der Ministerprä­sidenten ist vor allem auch die katastrophale Finanzlage der Länder und Gemeinden zur Sprache gekommen. Preußen, dem es noch verhältnismäßig am besten geht, hat nach einer Berechnung, die vor einiger Zeit angestellt wurde, für 1931 mit einem Gesamtfehl­betrag im ordentlichen Haushalt in Höhe von rund 350 Millionen zu rechnen. Das bedeutet, daß auch der preu­ßische Finanzminister neue drakonische Spar- maßnahmen vornehmen muß, und zwar wird im preußischen Finanzministerium eine dahingehende Vor­lage ausgearbeitet, die nach Fertigstellung dem Staats- ministerium zugehen wird. In Württemberg ist es gelungen, die Finanzen noch einigermaßen gesund zu halten. Schwieriger ist es schon in Bayern. Die badische Regierung hat von sich aus über den Reichs­rahmen hinaus Gehaltskürzungen bereits vornehmen müssen, und die Notlage H e s s e n s ist bekannt. Besonders ernst ist aber die Finanzlage in Sachsen. In Bremen hat der Rücktritt des Finanzsenators den Ernst der Situa­tion zur Genüge ausgehellt. Eine weitere Kürzung der Beamtengehälter ist für Oldenburg zu erwarten, und ebenso schwierig ist die Lage in den beiden Mecklenburg. Das gleiche gilt für Anhalt. In­folge der Rückgänge der Steuerüberweisungen ist Anhalt in eine sehr schwierige Lage gekommen.

Ein einschneidendes Sparprogramm gab der Präsident des HamburgerSenats bekannt. Die wesentlichsten Punkte des Sparprogramms sind folgende: Der jetzt 16 Mitglieder zählende Senat wird auf zwölf Mitglieder reduziert. Alle öffentlichen Arbeiten, insbesondere die öffentlichen Bauten, werden eingestellt. Die Finanzierung des Wohnungsbaues durch die staat­lichen Beleihungskassen wird auf die bereits laufenden Bauten beschränkt. Die Schulbehörden werden zusammen­gelegt. m

Die Gehälter und Löhne der Hamburger Be­amten werden denen der Reichsbeamten angeglichen. Der Urlaub ver Beamten wird reduziert, ihre Arbeitszeit durch Einschränkung der Pausen auf 8!4 Stunden erhöht, sowie die Herabsetzung der Altersgrenze der Beamten von 65 aus 63 Jahre durchgeführt. Besonders scharfe Sparmaß­nahmen sind im Schulwesen beschlossen. Die frei­werdenden 4 5 0 Lehrkräfte sind gekündigt worden. Ähnliche Einschränkungen treten bei den wissenschaftlichen Anstalten in Kraft. Infolge der Einstellung der öffent­lichen Bauten werden auch bei den Baubehörden zahl­reiche Arbeiter und Angestellte zur Entlassung gelangen.

Wie im Reich, so erheischt in den Ländern die finan­zielle Not die größte Sparsamkeit in allen Zweigen der Verwaltung. Eine starke Drosselung aller nicht unbedingt notwendigen Ausgaben hat sich überall als notwendig herausgestellt, da für eine Erhöhung brr Einnahmen keinerlei Möglichkeiten mehr bestehen.

Wird das Mich denGememden Helsen?

1% Milliarden Gemeindedefizit

Reichsfinanzminister Dietrich sprach kürzlich ausführ­lich über die Entwicklung der Finanzkrise und über die augenblickliche Wirtschaftslage. Minister Dietrich erklärte nach einem Rückblick auf den Hoover-Plan und die L 0 n d 0 n e r Verhandlungen: Trotz aller 'Komplikationen die die Verhandlungen in den letzten Wochen brachten, bleibt das Endergebnis bestehen, daß die Kassen des Deut­schen Reiches und der Reichsbahn keine Reichsgelder aus­zuzahlen brauchen.

Wir haben immer auf dem Standpunkt gestanden, daß die Londoner Konferenz nicht einen endgültigen Abschluß bedeutet. Wir haben jetzt das Zwischenspiel in Basel erlebt. Wie die Baseler Entscheidung auch ausfällt: über das Reparationsproblem wird früher oder später weiter verhandelt werden müssen.

Der Minister rechtfertigte die Stützung der Großbanken mit der Notwendigkeit, die verhängnis­vollen Folgen für die allgemeine Wirtschaft zu vermeiden, die sich aus einem Zusammenbruch größerer Bankinstitute ergeben hätten. Er fuhr fort mit der Erklärung, daß sich dank der Besonnenheit des deutschen Volkes die akute Zahlungsmittelknapphei 1 habe beheben lassen. Wenn am 1. September die Gehälter noch nicht voll ausgezahlt werden könnten, so sei doch zu hoffen, daß schon am 1. Oktober die Ge Haltszahlungen in der üblichen Weise stattfinden würden. Schwieriger sei die Lage bei den Ländern und Gemeinden, deren Finanzbedarf eine starke Steigerung erfahren habe. Das Reich habe die Ausgaben für eigene Zwecke seit 1928 um 550 Millionen herunterschrauben können, obwohl gleich­zeitig die Reichsausgaben für die Arbeitslosen um 840 Millionen gesteigert worden seien. Wenn die Länder und Gemeinden die, Einstufung der Beamten und A n gestellten dem Reiche entsprechend vorgenommen hatten, so würde eine wesentliche Erleichterung schon ein­getreten sein. Wenn jetzt eine R e i ch s h i l f e für die Ge­meinden verlangt werde, so sei eine Erklärung dazu im gegenwärtigen Augenblick sehr schwierig, weil wir noch unter den Nachwirkungen der Geldkrise stünden und nicht wüßten, wie sich die Einnahmen an Steuern in den nächsten Monaten entwickeln würden.

Infolge der Ersparnisse der Reparationen werde eS aber vielleicht möglich fein, den Gemeinden, die eine be­

sonders schwere Last durch die Erwerbslosen zu tragen hätten, zu helfen.

Der preußische Finanzminister Dr. Höpker- Aschoff erklärte in einer Schilderung der Finanzlage der Länder und der Gemeinden, es bleibe infolge der ge­kürzten Reichsüberweisungen, der Mindereingänge bei der Hauszinssteuer, bei der Gewerbesteuer und bei der Forstverwaltung sowie infolge der gesteigerten Lasten für die Wohlfahrtserwerbslosen eine Spanne von 1,6 Milliarden Mark, die trotz größter Sparsamkeit nicht ausgeglichen werden könne. Deshalb bedürfe es besonderer Maßnahmen, um die Notlage der Gemeinden zu beseitigen.

Die Baseler Slillhalteverhandlungen.

Langfristiger Kredit.

. A°Z Ergebnis der Einzelbesprechungen wurde dem Wig- gm-Ausschuß, also dem von der Londoner Konferenz empfoh­lenen Fmanzsachverständigenausschuß, vorgelegt. Man hofft entgegen den ursprünglichen Erwartungen unter Umständen noch zu einer Einigung zu kommen.

. Dr. Melchior hat eingehend die Möglichkeiten dargelegt, tote weit sich Deutschland aus eigenen Mitteln helfen kann, vor­ausgesetzt, daß die gegenwärtig laufenden kurzfristigen Kredite, die ziemlich weit gefaßt, sich auf sechs Milliarden Mark be- laufen, auf sechs Monate verlängert werden.

Wegen der mittelfristigen und langfristigen Kredite wird dann der ^inanzsachverständtgenausschuß unabhängig von dem Stillhalleausschutz in den nächsten Tagen weiter zu behandeln haben. Deutschland, wenn es nicht wirtschaftlich auf ein Mini­mum reduziert werden soll, wird unbedingt eine langfristige Anleihe brauchen, über deren Höhe jedoch genaueres noch nicht zu erfahren ist. Man spricht von einer Milliarde Mark, doch erscheint die Ziffer zu niedrig zu sein.

Die Bankenauisichi.

Vor Maßnahmen der Retchsregierung.

Der Wirtschaftsausschuß der Reichsregierung mit Be- letllgung der Reichsbank wird in der nächsten Woche unter Hinzuziehung eines kleineren Kreises von Sachverstän- dlgen aus der deutschen Wirtschaft und Wissenschaft die Entscheidung der Fragen vorbereiten, die sich in Verfolg der von der Reichsregierung für die Darmstädter und Na­tionalbank sowie für die Dresdener Bank ergriffenen Maßnahmen ergeben, einschließlich der Frage einer Auf- Hfot über das deutsche Bankgewerbe.

Weitere Entlastung der Michsbank.

Wieder 40prozentige Notendeckung?

Die Kapitalanlage der Reichsbank hat seit dem letzten Ausweis eine weitere beträchtliche Ent­lastung erfahren. Wie verlautet, wird auf Grund bei Entwicklung bis zum 13. d. Mts. damit zu rechnen sein, daß im Medioausweis der Reichsbank wieder eine vier- zigprozentige Deckung der Noten durch Gold und Devisen erreicht oder sogar leicht überschritten wird. Analog der Entlastung auf Wechsel- und Scheckkonto hat sich auch der Notenumlauf weiter vermindert. Aber auch die Giroguthaben, die am 7. August die immer­hin noch beträchtliche Höhe von 781 Millionen aufweisen, sind stärker zurückgegangen. Die Möglichkeit eines Ab­baues des hohen Lombardsatzes besteht weiterhin, doch sind diesbezügliche Entscheidungen noch nicht gefallen.

Auch Österreich soll sparen.

Die Prüfung der österreichischen Finanzlage.

Der stellvertretende Generalfekretär des Völker­bundes, der Franzose Avenol, und der Direktor der Finanzabteilung des Völkerbundfekretariats, der Eng­länder Loveday, sind nach Wien gereist, um auf Grund des an den Völkerbund gerichteten Sanierungs­antrages der österreichischen Regierung die gegen­wärtige Finanz- und Wirtfchaftslage Österreichs zu prüfen. Der Völkerbundrat könnte sodann im Laufe der Septembertagung über die zu ergreifenden Sanierungs­maßnahmen schlüssig werden. Nach Auffassung diploma­tischer Kreise handelt es sich bei dem österreichischen Sa- nierungsgesuch praktisch zunächst um die Konvertierung der für die 150-Millionen-Anleihe der B a n k v 0 n E n g- l a n d ausgegebenen Schatzscheine Österreichs. Man nimmt an, daß die Konvertierung der Schatzscheine auf unmittelbare englische Wünsche zurückgeht, da die gegenwärtige schwierige Finanzlage Englands eine Flüssigmachung der Österreich gewährten 150-Millionen- Anleihe dringend notwendig macht. In internationalen Finanzkreisen soll, wie verlautet, die Finanzlage Öster­reichs keineswegs ungünstig beurteilt werden, sofern sich die österreichifche Regierung zu einer Reihe drin gen d notlvendiger Sparmaßnahmen und zu Ein­schränkungen des gegenwärtig umfangreichen I«- Vestierungsprogramms entschließt.

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Reichskanzler Brüning erklärte in einer Unterredung, der kommende Winter wird der schlimmste für Europa in den letzten 100 Jahren sein.

* Durchgreifende Sparmaßnahmen im Haushaltsplan hat Hamburg vorgenommen.

* Die MaiNM Polizei hat eine Frau entdeckt, die zwölf Jahre lang als Mann verklerdet tätig war. 8

* Ein furchtbares Eisenbahnunglück ereignete sich in Steier, mark.