Vier Etappen.
Skizze von Hans Morgan.
Der Schwarm der Neugierigen hatte sich verlaufen. Lang- sam verließ 'Fred Amann an der Seite Rolf Millers den Friedhof. Er war ungewöhnlich ernst, so ernst, wie man ihn sonst nie kannte.
Und wie aus einem schweren Gedanken heraus sagte er leise: „Wie oft versündigen wir uns doch an unseren Mitmenschen und wissen es nicht! Und wenn es uns eines Tages zum Bewußtsein kommt, ist es meistens schon zu spät zum Wiedergutmachen."
Rolf Miller nickte. Fred Amann fuhr fort, und seine Stimme klang wie aus einem unwiderstehlichen Muß heraus: „Viermal sind wir ein Stück Wegs zusammen gegangen: Hans Brand, den sie da eben begruben, und ich. Und dreimal habe ich ihm in Neid und Haß Schläge versetzt, unter denen er vielleicht lange zu leiden hatte. Das vierte Mal aber schlug er zu, anders als ich, aus £an$ anderem Beweggründe heraus. Und doch war's ein Schlag, unter dem ich ein Leben lang zu leiden haben werde!"
„Ich verstehe Dich nicht."
„Du erinnerst Dich doch noch, wie wir den armen Brand in der Schule quälten, weil er sich vermaß, bei seiner Armut immer der Erste in der Klasse sein zu wollen. Er war für uns der Streber. Eines Tages wurde er hinausgeworfen, weil er einem Schulkameraden etwas gestohlen hatte."
„Ich weiß: einen silbernen Bleistift."
„Ja! Er war aber unschuldig. Ich hatte den Diebstahl begangen! Ich haßte ihn, weil er — das arme Luder — klüger war als ich und weil ihm in den Schoß fiel, was ich mit allen Mühen nicht zwingen konnte. Ich stahl den Bleistift und lenkte den Verdacht auf ihn. Er wußte es und — schwieg, weil er vielleicht damals schon ahnte, daß er nicht gegen mich aufgekommen wäre, wenn es sich um eine Gemeinheit handelte."
Rolf Miller fah den Freund von der Seite an.
„Sechs Jahre später führte uns das Schicksal wieder zusammen. Er verkehrte in einem Hause, dem er bald ganz als Schwiegersohn angehören sollte. Den Eltern war der unbedeutende Bankangestellte zwar nicht sehr willkommen, aber die Tochter gab vor, ihn zu lieben. Er liebte sie wahrscheinlich jedoch mehr. Wieder meldete sich bei mir der Neid, daß gerade er dies schöne Mädchen an sich ketten sollte. Ich führte einen Kampf gegen ihn. Mein Geld war eine Macht, mit der er es nicht aufnehmen konnte. Als ich genügend festen Boden gewonnen zu haben glaubte, führte ich die Schulaffäre ins Feld. Das verhalf mir zum Siege. Sie gab ihm den Laufpaß und verlobte sich mit — mir! Ich sehe beute noch den Blick, mit dem er mich streifte, als er das Haus verließ ..."
„Das war auch nicht schön von Dir."
„Wenn er einen Blick in meine Ehe hätte tun können, wäre ihm die Erkenntnis ausgegangen, daß ich für meinen Streich zur Genüge bestraft wurde. — Vier Jahre später trat ich als Teilhaber in ein Bankhaus ein. Bei meinem ersten Rundgang fand ich ihn unter den Angestellten. Aller Haß der Schuljahre flammte wieder in nur auf. Ihn machte ich für meine unglückliche Ehe verantwortlich. Ich will keine Einzelheiten schildern... aber so ist vielleicht noch kein Menscb schikaniert worden wie er von mir. Er arbeitete fleißig und zuverlässig — ich warf ihm Faulheit und Nachlässigkeit vor. Er war bescheiden und zurückhaltend — ich bezichtigte ihn der Anmaßung und Zanksucht. Ich nörgelte an ihm herum, schimpfte ihn vor allen anderen aus, ich machte ihm das Leben zur Hölle... bis er selbst eines. Tages kam und um seine Entlassung bat."
„Da warst Du zufrieden?"
^a!" gestand Fred Amann. „Die vierte Episode war sehr kurz. So kurz, daß man sie kaum so nennen kann. Vor einigen Tagen traf ich ihn bei einem Rechtsanwalt wieder als einfachen Schreiber. Er wurde bleich, als er mich sah. Aber er tat, als kenne er mich nicht mehr. Als ich bei dem Anwalt im Privatzimmer war, geschah das Unglück. Neben dem Anwaltsbüro befand sich ein chemisches Laboratorium, in dem eine plötzliche Explosion die Wände zerriß. Ein Brand entstand. Du hast ja davon gelesen. Der Anwalt wurde zwischen zwei stürzenden Balken zerquetscht und war sofort tot. Ich lag halb bewußtlos am Boden und konnte mich nicht erheben, weil meine Arme eingekeilt waren. Da riß jemand die Tür auf. Hans Brand stürzte herein. Alle anderen waren Hals über Kopf geflohen. Er übersah sofort die Lage. Sah mich am Boden liegen. Ich wagte nicht, ihn um Hilfe zu bitten.
Der Blick, mit dem èr mich anschaute, rief alles in mir wach, was ich ihm getan. Minuten lang stand er vor mir. Um uns herum knisterte und krachte es. Flammen züngelten aus den zerrissenen Wänden hervor. Da beugte er sich herab zu mir, ich sah den Schweiß auf seiner Stirn und den Kampf in seinem Innern ... aber er half mir! Er zerrte die Trümmerstücke beiseite. Und als ich mich nicht allein erheben konnte, riß er mich hoch, trug mich zur Tür. Der Ausweg war ver- sperrt. Zum Feuster mit mir. Unten stand die Feuerwehr. Ich sah nichts mehr, indßte nicht, was um mich vorging... fühlte nur plötzlich, daß ich durch die Luft sauste und unten im Sprungtuch landete. Als ich wieder zu mir kam und nach Brand fragte, erfuhr ich, daß jenes Zimmer, in dem er stand, gerade in dem Augenblick zusammenstürzte, als er mich hinausfallen ließ. Er wurde unter den Trümmern begraben."
Die beiden Freunde gingen schweigend die Straße hinab.
„Du also warst es, den er rettete", sagte Rolf Miller nach einer langen Pause.
„Ja, ich war's!" kam es schwer von Freds Lippen. „Und ich werde schwer daran zu tragen haben, schwerer als an dem Bewußtsein des Unrechts, das ich ihm zufügte."
„Daß er Dich rettete, ist ein Beweis, daß sein Verstehen und Verzeihen größer waren als Deine Schuld."
„Das ist es ja gerade, was mich so niederdrückt", sagte Fred Amann leise und gab dem Freunde die Hand.
Und schritt allein weiter mit gesenktem Kopf, wie einer, der eine schwere Last auf den Schultern hat.
Der hoffnungslose Fall.
Skizze von Hans Werdenfels.
„Na, hören Sie mal, Doktor, haben Sie an diesem land- fahrenden Volk solchen Narren gefressen? Das ist nun schon der dritte Bettelmann, dem Sie einen blanken Fünfziger spendieren."
Der dicke Bürgermeister schob den funkelnden Römer von sich und schaute sein Gegenüber mißbilligend an. Der Arzt lächelte in sich hinein und blickte dem jungen Burschen nach, der unter fröhlichem Pfeifen über den besonnten Kies des Gartens von dannen schritt. Von der nahen Mosel klang das Geschrei badender Knaben herauf.
„Zum Wohle, Bürgermeister! Möge das Kröver Reich blühen, wachsen und gedeihen! Himmel, ist das schön, mal nichts von den Chloroform- und Lysol- und all den anderen Gerüchen der Klinik zu spüren!"
„Prosit, Prosit, liebwertester Medizinmann! Freut mich, daß Ihnen unser Moselland so ausnehmend gefällt. Doch wäre es wohl nur halb so schön, wenn nicht der wundervolle Wein hier gediehe. Uebrigens — Sie blieben mir noch die Antwort schuldig. Weshalb sind Sie gegen diese Landstreicher immer so nobel?"
„Na, schön. Damit Sie endlich Ruhe geben, Sie neugieriges Gemeindcoberhaupt, will ich Ihnen erzählen, weshalb ich für diese Handwerksburschen oder Landstreicher oder wie Sie diese Kerle sonst neunen wollen, eine kleine Schwäche habe.
Also ich war noch junger Assistenzarzt in einer Klinik drüben am Rhein, da lieferte man eines Tages so einen jungen Burschen von der Landstraße bei uns ein. Der Fall schien hoffnungslos. Der arme Kerl — Leopold hieß er und war genau so windbeutelig und genau so hübsch wie der Held der bekannten Operette — also er hatte in einer schönen Sommernacht einen kleinen Einbruch riskiert. Nur so in den Obstgarten eines einsamen Hauses, um da an den Früchten seinen nagenden Hunger zu stillen. Aber der Tippelbruder muß Wohl einem richtigen Einbrecher in die Quere gekommen sein. Jedenfalls tauchte aus der Dunkelheit plötzlich ein riesenhafter Kerl auf, der sich auf den guten Leopold warf und ihm mit einem Armeerevolver einen derartigen Schlag über den Kopf versetzte, daß die Schädeldecke des Ueberfallenen brach.
Na, wir setzten dem armen Burschen eine Silberplatte ein. Am Leben konnten wir ihn fürs erste erhalten, aber der Unglückliche blieb vom Halse bis zu den Füßen gelähmt. Er war bei vollem Bewußtsein. Konnte auch etwas sprechen, zog es aber vor, still und regungslos dazuliegen. Er hatte den Blick eines treuen Hundes, dem durch einen grausamen Herrn schweres Unrecht zugefügt wurde. Er starb nicht, aber wir waren hier völlig hilflos. Wilde Träume schüttelten ihn, in denen immer wieder ein riesiger Mann auftauchte, und immer wieder fühlte der Kranke den furchtbaren Schlag der auf seinen armen, gequälten Kopf herabsausenden Waffe. Es war ein verzweifelter Zustand.
Da besuchte uns eines Tages ein Generaloberarzt aus der Reichshauptstadt. Der hatte irgendwie von der Krankengeschichte Leopolds erfahren und ließ sich an das Bett des Gelähmten führen. Aber als der hohe Herr — eine riesenhafte Gestalt in straffer militärischer Haltung — an das Fußende des Lagers trat, da sah ich die Augen des Kranken sich plötzlich in namenlosem Entsetzen weiten, während eine fahle Blässe sein Antlitz überzog. Ich wußte: Der junge Bursche glaubte in seinem Wahn, wieder in jenem verhängnisvollen Garten zu sein, und erwartete wieder den fürchterlichen Schlag.
Der ,General' überlegte einen Augenblick, dann ordnete er an, daß der Kranke in den Operationssaal gebracht wurde. Ich war an jenem Tage der einzige diensttuende Arzt und hatte nicht das leiseste Bedenken, alle Anweisungen des , Generals' blindlings zu befolgen. Im Operationszimmer ordnete er zu meinem Erstaunen an, daß außer ihm und mir jeder- mann den Raum zu verlassen habe. .Schließen Sie die Tür!' sagte er im Befehlston zu mir. Ich gehorchte sofort, wenn auch langsam ein seltsam prickelndes Gefühl, die dunkle Ahnung von irgend einem kommenden Unheil in mir emporkroch. Eine kalte Entschlossenheit stand in den Augen des , Generals'. Er trat an das Fußende des Operationstisches, auf dem der Kranke lag. Der verharrte ohne Regung, wie ein hilfloses Tier, das den eisigen Atem des Todes verspürt. Nur die weit aufgerissenen Augen starrten angstvoll auf den riesenhaften Mann, der da mit gekreuzten Armen vor dem Lager stand.
.Glauben Sie, Herr Doktor, daß dieser Fall hoffnungslos ist?'
^Jawohl, das ist meine Ueberzeugung', antwortete ich.
,Die meinige auch', war die trockene Erwiderung, ,deshalb werde ich diesem Jammer ein Ende machen.'
Mir war vor Entsetzen die Kehle wie zugeschnürt. Ich stand wie gelähmt. War der Mann wahnsinnig geworden? Wollte er einen Mord begehen?
,Achtung! Treten Sie zur Seite!' schrie der ,General'. Dann riß er einen großen Armeerevolver aus der Tasche. Ich sah, wie die Todesangst in den Augen des Kranken flackerte. Sah, wie in einem furchtbaren Traum, das Aufblitzen des Schusses, hörte den scharfen Knall uhb — im gleichen Augenblick — einen hohen, spitzen Schrei: Der Gelähmte hatte ihn ausgestoßen. Mit einem Ruck war er aufgesprungen. Er schleuderte die Decke zur Seite und flüchtete in mächtigen Sprüngen aus dem Zimmer.
Ich muß kein sehr geistreiches Gesicht gemacht haben, als nun der .General' die rauchende Waffe einsteckte und mir die Hand auf die Schulter legte: ,Das war ein typischer Fall von hysterischer Paralyse, junger Freund, wie ich ihn im Kriege wiederholt kennen gelernt habe. Dieser Kranke hier ist für immer kuriert — nur mit einer Platzpatrone.'
Solch ein Erlebnis vergißt man nicht. Und ich verdanke es einem hungrigen jungen Landstreicher. Verstehen Sie mich, nun, lieber Bürgermeister? Ihr Wohlig -
Wie lesen wir?
Ueber diese interessante Frage hat Professor Dr. Wadsworth von der Columbia-Universität tiefschürfende UM- suchungen angestellt, auf Grund deren er zu nachstehenden Ergebnissen gelangt ist. Der Durchschnittsleser bringt es in der Sekunde auf rund sechs Worte; er braucht mithin für ein mittelstarkes Buch etwa viereinhalb Stunden. Natürlich besteht ein Unterschied, ob man ein schweres wissenschaftliches Werk studiert oder einen spannenden Kriminalroman „verschlingt". Uebrigens sind es nicht die Augen, welche die Lesegeschwindigkeit bestimmen, sondern das Gehirn. Das Auge bewegt sich nämlich nicht in ununterbrochenem Fortschritt, sondern seine Bewegungen setzen sich aus einer sehr großen Zahl von Rucken zusammen, zwischen denen stets kleine Pausen liegen. Auf diese Weise werden wir instand gesetzt, den Lesestoff gut und deutlich zu übersetzen, vor allem aber 7 und dies ist das Wichtigste — bekommen wir so auch die nötige Zeit, um das Gelesene geistig zu verarbeiten. Nicht weniger als 95 Prozent der auf das Lesen verwandten Zeit entfallen auf diese Pausen, während das Auge nur fünf Prozent braucht, um das Gedruckte im optischen Sinne zu erfassen. Das Auge arbeitet mithin wesentlich schneller als das Gehirn, das den Sinn des Gelesenen verarbeiten muß. Die Beschleunigung dieses letzteren Prozesses ist daher ausschlaggebend für eine Steigerung der Lesegeschwindigkeit.
Vererbung und Erziehung.
Von Professor Dr. Gerhard Budde.
Immer wieder hat man darüber gestritten, ob der einzelne Mensch das, was er ist, den ihn vererbten Eigenschaften oder der Erziehung, die er genossen hat, zu verdanken hat.
Zur Zeit der Aufklärung, also im 18. Jahrhundert, war man vielfach geneigt, der Erziehung die ausschlaggebende Rolle zuzuweisen. Ich erinnere nur an den Franzosen Helvètini, der ,zu den sogenannten Enzyklopädisten gehört. Nach ihm kam die Erziehung aller (l’éducation peut tout). Er stellt als Ziel der Erziehung hin, die Menschen tugendhaft zu machen. Die Tugend besteht aber für ihn darin, daß man das eigene Interesse dem öffentlichen opfert. Auch das Glück des Menschen .entspringt, wie er meint, allein dem richtigen Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft. Durch eine Umgestaltung von Gesetzgebung und Unterricht kann in jedem einzelnen Falle das Verhalten des Menschen zum Gesamtwohl geregelt werden. Die Verschiedenheit der Menschen in ihren Änschauungen, Begabungen und Interessen ist nicht etwa ein Produkt der verschiedenen naturgegebenen Organisation (d. h. .also der Vererbung), sondern allein der verschiedenen Erziehung, die sie im Elternhaus, in der Schule, im gesellschaftlichen Leben oder im Staate erhalten.
Aetznlich hat Kant über die Macht der Erziehung gedacht. Auch er lehrt, daß der Mensch nur durch Erziehung Mensch werden kann und daß er nichts ist, als was die Erziehung aus ihm macht. Das wird nicht genug beachtet, meint Kant, sonst würde man mehr und besser für eine gute Erziehung sorgen, als es vielfach geschieht. Es ist zu bemerken, heißt es bei ihm, daß der Mensch nur durch Menschen erzogen werden kann und soll, die selbst erzogen sind. Aber das ist oft nicht der Fall. Was die Erziehung tatsächlich vermag, könnte man erst sehen, wenn einmal ein Wesen höherer Art sich der Erziehung annehme. Es stünde mit den Ergebnissen der Er- Setzung auch schon besser, wenn die Großen ihre Bedeutung erkennen und sie fördern würden. „Aber es ist", sagt Kant, „für den spekulativen Kopf eine ebenso wichtige als für den Menschenfreund eine traurige Bemerkung, zu sehen, wie die Großen meistens nur immer für sich sorgen und nicht an dem
wichtigen Experiment der Erziehung in' der Art teilnehmen, daß die Natur einen Schritt näher zur Vollkommenheit tue."
Im Gegensatz zu Kant vertritt Schopenhauer den Standpunkt, daß der Mensch das Produkt seiner Naturanlagen und daß die Erziehung den Einflüssen der Vererbung gegenüber gänzlich machtlos sei.
Andere suchen zwischen den beiden erwähnten entgegengesetzten Standpunkten zu vermitteln und sagen, daß für die Entwicklung eines -Menschen beide, also Vererbung und Erziehung in Betracht kommen. Diesen Standpunkt finden wir z. B. bei Holb'ach, einem anderen französischen Enzyklopädisten. Er nimmt eine Verschiedenheit der physischen Organisation an, die der Mensch mit auf die Welt bringt und die für seine Individualität bestimmend sei. Was bleibt dann aber für die Erziehung übrig. Darauf antwortet Holbach: „Wenn auch das bestimmte Temperament von Natur aus gegeben ist, so unterliegt es dennoch in der Wirklichkeit den modifizierenden Einflüssen der Erziehung. Ebenso unterliegen auch die Vorstellungen vom Glück, obwohl sie von Natur aus den verschiedenen Temperamenten entsprechend bei den Einzelindividuen verschieden sein müssen, dennoch dem Einfluß eines rein sozial- psychologischen Faktors, nämlich der Gewohnheit." Dieser verdanken wir nach Holbach den größten Teil unserer Neigungen, unserer Wünsche, unserer Meinungen und unserer Vorurteile; aus ihr entspringen auch die falschen Vorstellungen, die wir uns vom Glück machen, sie ist es, die uns dem Laster oder der Tugend in die Arme treibt. Deshalb stellt es Holbach als die wichtige Aufgabe der Erziehung hin, dem Menschen zu günstiger Zeit, d. h. wenn seine Organe noch sehr biegsam sind, die Gewohnheiten der Gesellschaft beizubringen, in der er lebt. Wenn dies in der richtigen Weise geschieht, dann befestigt die Gewohnheit auch unsere Anlagen, und wir werden nützliche Glieder der Gesellschaft. In dieser Festlegung der Gewohnheit zeigt die Erziehung ihre große soziale Gestaltungskraft.
Eine ähnliche Stellung zu dem Problem Vererbung und Erziehung wie bei Holbach' finden wir auch bei Biologen und Philosophen unserer Zeit. Sie heben die Tatsache der Vererbung vielfach noch mehr hervor als jener. Sie betonen, daß seelische Eibenschaften, auch diejenigen aus dem Gefühls- und Willensgebret, sich vererben, daß die Seele des Menschen bei
Der Geburt nicht, wie manche Philosophen gemeint haben, eine vollständig unbeschriebene Tafel ist, eine „tabula vasa", auf der die Sinneserfahrungen und die Erziehung allein ihre Linien und Furchen ziehen, sondern daß diese Seelentafel durch die vorausgegangenen unzähligen Geschlechter mit vielen Zeichen beschrieben worden ist. Aber trotzdem geben sie zu, daß ür die Entwicklung des Menschen auch die Erziehung von Bedeutung ist. Dabei weisen sie auch wieder wie Holbach be- onders darauf hin, daß die Macht der Erziehung vor allem auf Uebung und Gewöhnung beruht. „Ebenso wie der Muskel durch Uebung gestärkt wird", heißt es, „so werden auch die verschiedenen Bestandteile der menschlichen Seele durch Uebung und Gewöhnung gestärkt, entwickelt und bis zu einem gewissen Grade neu gebildet und nach einer gewissen Richtung gelenkt." Außerdem beruht nach ihnen die Macht der Erziehung darin, daß sie das menschliche Denken durch Belehrung, durch Zuführung von Kenntnissen beeinflussen kann. Zusammenfassend sagen diese Biologen und Philosophen, daß die Bedeutung und der Wert der Erziehung darin besteht, die tn der menschlichen Seele schlummernden Kräfte und Eigenschaften lebendig zu machen und zu erwecken. Zu diesem Zwecke erscheint auch ihnen die Erziehung unentbehrlich, denn ohne diese würden jene Eigenschaften und Kräfte in der Regel nur sehr kümmerlich zur Entwicklung kommen.
Wenn so auch heute nicht mehr die früher vielfach von Philosophen und Pädagogen vertretene Meinung aufrecht erhalten werden kann, daß allein durch die Erziehung das Gepräge und die individuelle Eigenart des Menschen gestatte werde, wenn vielmehr ohne weiteres anerkannt werden w daß dieses Gepräge und diese Eigenart durch Vererbung ga»» wesentlich mitbedingt sind, so bleibt doch trotzdem auch für un noch die Tatsache bestehen, daß auch die Erziehuug an der U Wicklung des Menschen mitwirkt. Durch Vererbung bringt 0 Mensch bestimmte Eigenschaften mit auf die Welt. Die ~ ziehung kann und soll nun dafür sorgen, daß die guten Erge fchaften gekräftigt und die schlechten zurückgedrängt wero • Das ist und bleibt ihre wichtige Funktion. Nicht der Vererb' » 0 d e r der Erziehung hat, um auf meinen Einleitungsgedan zurückzukommen, der Mensch d a s zu verdanken, was er I' sondern der Vererbung uni der Erziehung.