Zulöaer /lnzeiger
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Nr. 181 — 1931
Fulda, Mittwoch, 5. August
8. Jahrgang
Eine Rundfunkrede des Kanzlers
Vorerst ist Deutschland und seine Wirtschaft auf Selbsthilfe angewiesen. — Die Kaufkraft des Geldes steigt.
Reichskanzler Dr. Brüning hat am Dienstag abend im Rundfunk eingehend über die Krise der letzten Wochen und über die Maßnahmen der Reichsregierung gesprochen. Er wies zunächst auf die vorbildliche Ruhe hin, mit der das deutsche Volk die Prüfungen der letzten Wochen ertragen habe. Es habe seinen natürlichen Sinn für Ruhe und Ordnung bewahrt, was die Anerkennung der ganzen Welt gesunden habe.
Dann fuhr der Kanzler fort:
Die Reichsregierung mußte in den vergangenen Monaten in ihren Maßnahmen, vor allem in der Neparationspolitik, ohne Rücksicht auf Agitationsbedürsnisse behutsam vorgehen, weil sie sich gewisser, in der Lagerung unseres Geldmarktes bedingten Gefahren bewußt war. Diese Politik wurde vielfach nicht verstanden. Daher haben sich für den Außenstehenden die politischen und wirtschaftlichen Ereignisse in den letzten sechs Wochen geradezu überstürzt.
Der Hoover-Plan
ist in seinem wesentlichen Inhalt Wirklichkeit geworden, wenn auch seine mehrwöchige Verzögerung schwere Rückwirkungen auf die deutsche Wirtschaft ausgeübt hat. Die in diesen Wochen erfolgte Entziehung kurzfristiger Auslandskredite in Milliardenhöhe aus den deutschen Banken bedeutet für unsere Volkswirtschaft einen
plötzlichen gefahrvollen Blutverlust.
nehmen, v.olksschädlichen Sonderwünschen aus dem Kapitalmarkt in dieser allgemeinen Notzeit auf das entschiedenste zu begegnen. Alles, was wir in dieser Woche anordnen mußten, hat mit Jnflationsgefahr nicht das mindeste zu tun.
Eine Sorge, als ob das ersparte Geld in Gefahr sei, seinen Wert einzubüßen, ist durchaus gegen st andslos.
Im Gegenteil, die Überlegung liegt nahe, von seinem Guthaben niöglichst wenig abzuheben, ja, es, wenn möglich, noch zu erhöhen, weil
die Kaufkraft des Geldes steigt.
Die Wiederherstellung des Zahlungsverkehrs hat auch den Sinn einer Frage an das deutsche Volk selbst, der Frage nämlich, ob es in
Selbstbesinnung auf seine eigene Kraft und Würde entschlossen ist, an der Gesundung des Zahlungskreislaufs und Wirtschaftsgeschehens aktiv teilzunehmen.
Sie können auch sicher sein, daß wir nicht nur an die Großstädte, sondern mit der gleichen Sorgfalt an die Wirtschaftsvorgänge
in der Provinz, in Mittelstädten und auf dem Lande denken, wenn wir auch nicht vermeiden können, daß da und dort noch Übergangsschwierigkeiten auftreten.
Von manchen Gewerbetreibenden und mancher Hausfrau würde mir der Zuruf entgegenklingen, wie es mit dem
Geldverkehr der Sparkassen
oder weniger neben diesem ihrem Hauptzweck auch noch die Tätigkeit von Banken, also dem täglichen Geldinstitut, übernommen. Weil das so ist und weil dieser Dienst insbesondere den kleineren Handwerkern und Gewerbetreibenden unentbehrlich ist, hat die Reichsregierung und Reichsbank in voller über« einstimmig mit der Deutschen Girozentrale und den Sparkassen alles vorbereitet, um auch bei den Sparkassen den unbeschränkten Zahlungsverkehr in einem nahen Z wieder herzustellen. Diese Dinge sind im Augenblick in Arbeit. Noch in dieser Woche muß und wird Klarheit über den Termin der Wiedereröffnung des unbeschränkten Zahlungsverkehrs im Rahmen der Satzungen bei den Sparkassen geschaffen werden.
Die Lage, wie sie nun einmal hauptsächlich durch den Abzug der Auslandsgelder entstanden ist, zwang uns, das Problem der Großbanken zunächst in Angriff zu nehmen. Aber bei Eindruck, als ob Reichsregierung und Reichsbank
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Ein bedeutsamer Fortschritt ist aber als Ergebnis dieser Krise unverkennbar: Heute ist sich die gesamte Welt darüber einig, daß die
Geschicke der Völker auf das engste miteinander verflochten sind, daß Störungen im Organismus eines so großen Wirtschaftskörpers wie Deutschland nicht ohne ernste Folgewirkungen auch im Ausland bleiben können.
Vor 6 Wochen sagte ich deshalb, das Gedeihen Europas und der Welt werde davon abhängen, daß diejenigen, die ein traf'" ~ " ™ '' ~
gisches Geschick im Weltkrieg zu Feinden werden ließ, nun Wchcig zu den Entschlüssen sich aufraffen können, welche die metnfam beklemmende Not von ihnen fordert Ich sagte
insbesondere, daß sich die deutsche Regierung bewußt ist, welche wichtige Rolle der zukünftigen Gestaltung der Beziehung zwischen
Frankreich und Deutschland
zufallen, undsolche Erwägungen sind es, die trotz aller Hindernisse im fortschreitenden Maße bei den entscheidenden Faktoren sich durchsetzten.
Einer Einladung der italienischen Negierung folgend, begebe ich mich in Begleitung des Herrn Reichsaußenministers nach Nom. Hoffentlich werden wir demnächst den in Paris aufgenommenen
deutsch-französischen Gedankenaustausch
bei dem Gegenbesuch der französischen Staatsmänner in Berlin in freimütiger Weise fortsetzen. Die Ergebnisse dieser außenpolitischen Besprechungen sind naturgemäß nur erste Schritte auf einem Wege, an dessen Ende nach unserer Hoffnung eine dauerhafte internationale Kooperation
aussieht. Daher auch hierzu ein offenes Wort: Es ist richtig, daß wir zunächst davon absehen mußten, den vollständigen freien Kassenverkehr bei den Sparkassen so wie bei den Banken schon von Mittwoch ab in Wirksamkeit treten zu lassen. Das aber hängt mit dem Wesen und der Zweckbestimmung der Sparkassen zusammen. Die Sparkassenvermögen sind so sorgfältig als möglich angelegt, und zwar in erster Linie in der Anlageform, die man für die sicher 'te hält d. h. in erst« st eiligen Hypotheken. Die Sicherheit einer solchen Anlage aber muß zunächst damit ersauft werden, daß die angelegten Gelder nicht in beliebiger Höhe zurückgezahlt werden können, weil .Hypotheken ihrem Wesen nach langfristige Anlagen sind. Das muß eine Sparkasse einfach mit in Kauf nehmen, denn sie ist ja ein Institut, das ersparte Vermögen mit
sie ist ja ein Institut, das ersparte Vermöge einem Höchstmaß von Sicherheit verwalten und nich eines, das tägliche Gelder bewirtschaften soll. Gewiß ist dieses Wesen der Sparkassen, insbesondere mit Rücksicht auf die Kreditbedürsnisse des kleinen Mannes, nicht überall aufrechterbalten worden, und ein Teil der Sparkassen bat mehr
it etwa
weniger großes Interesse für mittlere und kleinere Wirtschaftskreise haben,
oder eine vielleicht da und dort aufgetauchte M i ß st i m m u n g aus dieser Meinung heraus^ sind völlig abwegig. Schon die Voraussetzung dieser Ansicht ist unrichtig. Denn die Ordnung der deutschen Großbanken kommt keineswegs nur oder über- wiegend den großen Firmen und Kunden zugute. Die Gläu- bigerkunden, die bei einer endgültigen Erschütterung jener Banken zu Schaden gekommen wären, hätten sich auf viel« Hundertlausende und zweifellos zum größten Teile auf mittlere und kleinere Wirtschaftskreise, auf Gewerbetreibende und Handwerker, ausgewirkt. Weit
über tausend Genossenschaften und Genossenschaftsbanken stehen mit der einen der in Frage kommenden Großbanken in innigster Beziehung und wären von der Erschütterung unmittelbar und drastisch betroffen worden. Das besondere Eingreifen der Reichsregierung in diesem Fall war eine ausgesprochene Mittelstandsmaßnahme.
Selbstverständlich kann die Reichsregierung nicht darauf verzichten, längst überlegte Maßnahmen auf dem Gebiete des gesamten Kredit- und Kapitalverkehrs und des Aktienrechts vor- zubereiten. Nachdem einmal der Staat auf dringendes Ersuchen der Beteiligten sich rettend und schützend hat einschalten müssen, mutz er auch Maßnahmen vorbeugender Art für di« Zukunft treffen, wie es andere Völker längst getan haben.
In den Schlußsätzen erklärte Dr. Brüning, notwendig sei nun vor allem Vertrauen. Wenn die Welt sehe, daß die
Selbstbesinnung des deutschen Volkes in schwerer Stunde sich steigere, dann zweifle er nicht daran, daß die Fortsetzung der internationalen Verhandlungen zusätzliche Kraftquellen in der Weltwirtschaft erschließen werde. Notwendig sei für di« kommende Entwicklung Ruhe und Ordnung. In diesem Zusammenhang kam dann der Kanzler noch aus den Volksentscheid zu "sprechen und erklärte, daß er als Staatsbürger nicht zur Wahlurne gehe, weil er das Gebot der Stunde darin sehe, alle Kräfte zusammenzufassen, die bereit sind, einer in wahrem Gemeinschaftsgeist aufgefaßten Wirtschaftsreform und einer aufbauenden Staatspolitik rückhaltlos und uneigennützig Herz und Hand zu weihen.
Die Ministerbesuche in Rom
stehen soll. Zwischen den Erstlingsergebnissen solcher Z sammenkünfte und den dadurch erregten Hoffnungen wii immer ein schmerzlicher Unterschied bestehen. Es wäre bedauerlich, wenn solche Anfangsenttäuschungen imstande wären, Deutschland auf dem einmal beschrittenen aussichtsreichen Wege weitergehen zu lassen.
Was das bisher
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auf der Londoner Konferenz erzielte Ergebnis anlangt, so wiederhole ich, daß der der Neichsbank bewilligte 400-Millioncn-Kredit für drei Monate erneuert worden ist, daß aber durch gemeinsamen Beschluß der beteiligten Regierungen ein
weiterer Abzug von Krediten verhindert
worden ist, und daß schließlich ein K o m i te e erster Banken die Frage weiterer deutscher Kreditbedürsnisse prüfen und geeignete Vorschläge machen soll. Eine durchgreifende Finanzhilfe großen Stils ist damit einstweilen allerdings nicht erreicht.
In der deutschest Öffentlichkeit ist da und dort von einer umfassenden Ausländsanleihe gesprochen und
der Reichsregierung der Vorwurf gemacht
worden, daß sie aus mißverstandenen Prestigegründen den Anleihegedanken nicht ernst genug verfolgt habe. Dieser Aufsassung ist die Reichsregierung mit Nachdruck entgegengetreten.
Ich stelle erneut fest, daß eine große Ausländsanleihe augenblicklich und für geraume Zeit außerhalb der Möglichkeit liegt.
Wog beim Papst und Mussolini.
Der italienische Außenminister Grandi, der seit der Londoner Ministerbesprechung aus Urlaub in Südtirol weilt, ist wieder nach Rom zurückgekehrt. Wie verlautet, hatte er gleich eine Unterredung mit dem deutschen Botschafter von Schubert, die dem bevorstehenden Besuch des Reichskanzlers und des Reichsaußenministers gegolten hat. Es ist anzunehmen, daß das Programm ihrer Jtalienreise danach bald endgültig festgesetzt werden wird. Die Kürze des Aufenthalts in Rom erfordert eine genaue Berechnung der verfügbaren Zeit, und dabei ist noch der Besuch des Reichskanzlers beim Papst besonders zu berücksichtigen, weil der Papst nur ganz bestimmte Audienzstunden hat. Vorbehaltlich einer amtlichen Bestätigung ist damit zu rechnen, daß die deutschen Minister als G ä st e der italienischen R e g i e-r u n g im Grandhotel absteigen werden. Nach dem Austausch der gegenseitigen Besuche dürfte dann in der Villa Borghese ein Frühstück stattfinden, das Grandi zu Ehren seiner Gäste gibt.
Als gesellschaftlich bedeutsame Veranstaltung ist ferner ein Diner im Hotel Excelsior vorgesehen, das Mussolini gibt, und ein Essen in der deutschcn Botschaft, Bei dieser Gelegenheit würde Mussolini nach
Päpstlichen Stuhl, von Bergen, wird Donnerstag in Rom zurückerwartet.
Die Reise der deutschen Minister wird von Berlin aus im Schlafwagen angelretcn. Ein besonderer Salonwagen ist aus Sparsamkeitsgründen nicht gestellt worden. Der Kanzler und der Außenminister werden die Mahlzeiten unterwegs im gewöhnlichen Speisewagen ein- nehmen.
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Hierfür gibt es verschiedene G liegt besonders in der Tatsache, ba' die Garantie mehrerer großer 8än'
> r ü n d e. Ein Hindernis atsache, daß für eine solche Anleihe Die Garantie mehrerer großer Länder verlangt wird, deren Zusage teils aus staatsrechtlichen, teils aus finanztechnischen Gründen zurzeit ausgeschlossen ist.
Vorerst ist Deutschland und seine Wirtschaft auf Selbsthilfe angewiesen, die aufgcbaut ist auf dem Vertrauen in seine eigene Kraft. Niemand möge hierbei die Besorgnis haben, daß diese Stellungnahme der Rcichsregicrung der Ausfluß eines übertriebenen Nationalismus sei. Es ist ausgeschlossen, daß wir Deutschland mit einer chinesi- 1»)cn Mauer umgeben konnten, innerhalb deren das deutsche Volk unter Befriedigung seiner eigenen Bedürfnisse ansschlietz- Uch eigenem Handel und Wandel n a ch g e h c n konnte. Deutschlands Wirtschaft ist und bleibt "us das enge handelspolitische Zusammenarbeiten mit dem Auslande angewiesen. Ohne Zaudern ist die Reichsregierung schon vor und während der Vanscr unb Londoner Verhandlungen dnrangcgangcn, die MZerungen aus dieser Sachlage zu ziehen. Einen gewissen Nvschlutz haben die ersten gewissermaßen technischen Maßnahmen am vergangenen Sonnabend gefunden.
Der Kanzler schilderte daun eingehend die bekannten Maßnahmen zur Wiedcringangsctzung des Zahlungsverkehrs, zur M^erung der Banken und zur Bekämpfung der Kapitalflucht.
der Schärfe der Bestimmungen, so erklärte Dr. Brüning weiter, die bis zur Festsetzung von Zuchthausstrafen -neven. moa? man die Entschlossenheit der RFichsregieruna ent«
Das deutsche Botschaftsgebäude in Rom, wo Mussolini empfangen werden wird.
Der Palast Chigr, wo Mussolini die deutschen Minister empfängt.
An der italienischen Grenze allerdings wird ein Salonwagen für die deutschen Gäste bereitstehen, den Mussolini ihnen zur Verfügung gestellt hat. _
Die Verständigung zwischen den Staatsmännern wird nicht schwerfallen, da Mussolini bekanntlich a u s g e - zeichnet deutsch versteht und sowohl Brüning wie Mussolini sich auch französisch unterhalten können. Dr. Curtius und Außenminister Grandi sind überdies schon von den Genfer Tagungen her persönlich miteinander bekannt.
vielen Jahren wieder zum erstenmal in der deutschen Botschaft den Boden deS Deutschen Reiches betreten.
Wann die Unterredungen stattfinden, ist bisher noch nicht festgesetzt. Es liegt Veranlassung vor, anzunehmen, daß vor allem der Sonnabend für die Unterredungen in Aussicht aeuommen ist. Der deutsche Botschafter heim
Kleine Zeitung für eilige Leser.
♦ Bei den Banken wurden die vollen Auszahlungen von Bargeld wieder ausgenommen.
* In dem südslawischen Hafen Susak bei Fiume explodierte» in zwei Eisenbahnwagen fünf Höllenmaschinen. Fünf Personen wurden getötet, viele andere schwer verletzt.
* In Hankau sind infolge eines Bruches des StaudaMmes des Iangtsesluskev mehrere hundert Personen ertrunken.