Zul-aer /lnzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zulöa- und Haunetal > Zulöaer Kreisblatt
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Nr. 168 — 1931
Fulda, Dienstag, 21. Juli
8. Jahrgang
Beginn der Londoner Beratung
Der englische Ministerpräsident Macdonald warnt vor einer Flut, die ganz Zentral-Europa bedroht. — Bevorstehende amerikanische Vorschläge zur Behebung der deutschen Finanzkrise.
GirenenklätM.
Man kann, so gern man möchte, in die Begeisterung, in die ein Teil der deutschen Presse über den Ausgang der deutsch-französischen Verhandlungen geraten ist, nicht einstimmen. Wer die schönen Proklamationen und Verlautbarungen richtig liest, wird feststellen müssen, daß positiv sehr wenig dabei herausgekommen ist. Es sei denn, daß man es schon als einen Erfolg verbuchen will, daß die deutsch-französische Besprechung nicht, wie man es schon befürchtet hatte, zu einem Abbruch der Verhandlungen geführt haben, sondern, daß man anscheinend z u - nächst einmal über die französischen politischen Sonderwünsche an Deutschland zur Tagesordnung der Londoner Konferenz übergegangen ist, die sich ausschließlich auf die Behandlung der deutschen Finanz- und Wirtschaftskrise beschränken soll. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben und mit bemerkenswerter Offenheit wird in der abschließenden deutsch-französischen Mitteilung gesagt, daß die Vertreter der französischen Regierung erklärt haben, daß Frankreich unter dem Vorbehalt gewisser Finanzgarantien und Maßnahmen für die politische Beruhigung bereit sei, zu einem späteren Zeitpunkt die Grundsätze einer finanziellen Zusammenarbeit im internationalen Rahmen zu erörtern. Das heißt also wohl aus der gewundenen Sprache der diplomatischen Verlautbarungen in gutes Deutsch übertragen, daß die Franzosen von ihrem Standpunkt, politische Garantien vonDeutsch- land zu fordern, vorläufig nur noch wenig abgerückt sind. Bleibt also noch als Resultat von Paris, daß sich die berühmte „Atmosphäre" entgiftet haben soll, und daß die verhandelnden Staatsmänner aneinander ein Wohl
gefallen, gefunden haben. Haben wir diese schönen Sirenen- kutnge nicht aber schon früher gehört und müssen wir nicht etwas mißtrauisch ihnen gegenüber sein, seitdem sie schon einmal getrogen haben? Den guten Willen und die Freundschaftsgefühle der verhandelnden Staatsmänner in allen Ehren, aber die führenden Männer sind ja keine Privatpersonen, die nach eigenem Geschmack, nach Wohlgefallen oder Mißfallen handeln dürfen, sondern sie haben hinter sich Kabinette, Parlamente, Presse usw., die ihren persönlichen Neigungen starke Fesseln und Bremsen anlegen. Oder was soll man dazu sagen, daß der französische Kriegsmini st er, während sein Ministerpräsident von neuem Vertrauen und von Verständigung redet, in einer Volksrede Deutschland als kriegslüstern beschimpft und sich jetzt noch als den Sieger aufspielt gegenüber dem besiegten Gegner.
. Als einzigen positiven Erfolg, der Pariser Konferenz wird man also wohl nur verbuchen können, daß eine Erschwerung der Londoner Besprechungen vorläufig noch nicht eingetreten ist, wobei man ja allerdings noch nicht weiß, was Frankreichs Delegierte in ihren Neisekoffern mit über den Kanal genommen haben. Amerika, England und Italien scheinen den festen Willen zu haben, Deutschland um Europas willen, zu helfen. Wird Frankreich nttun? Oder wird es hals-
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offen und ohne Rückhalt mittun? Oder wird es halsstarrig fein, und wird dann ohne Frankreich die Möglichkeit einer £ilf§aftion für Deutschland noch gefunden werden können? Das sind die Schicksalsfragen der näch- sten Stunden, von deren Beantwortung vieles, aber nicht alles, für Deutschland abhängt!
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Oas verhinderte Ultimatum.
Das Ergebnis von Paris.
den Lchdem nun in Berlin ausführliche Berichte über otirnVÄ Verhandlungen eingetroffen sind, wird an unterrichteter Stelle noch i^Äia^n^ Deutschland alles, was man glaubte in Vans erwarten zu können, erreicht habe Die Veriucke der französischen Presse, uns vor ein Ultimatum zu stellen, seien fehlgefchlagen. Die französische Nachrichten- Havas hatte erklärt, die V 0 r a u s s e tz u n g für dre Reise der Franzosen nach London müsse ein positives seimb®ara^ Besprechungen in Paris &, Daraus, so wird in Berlin erklärt, hätte man schließen können, daß er st eine Einiguna über die deutsch-französischen Probleme hätte erfolgen müssen. Sa» sei aber nicht der Fall. Alle schwebenden Fragen seien offen geblieben, und die Franzosen seien nach London abgerelst. Als besonders erfreulich wird in Berün ?lC m Ot-^c ^zeichnet, daß das finanzielle Problem nicht m Paris verhandelt worden sei, sondern in der günstigeren Londoner Atmosphäre. a 1
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Die Delegation in London eingeiroffen.
»„Der deutsche Reichskanzler Dr. B r ü n i n g und der
Dr. Curtius, trafen am Montag um 17.18 Uhr auf dem Victoriabahnhof in London ein. an 'bne'l zu.amnl-u kamen auch die frauzösischen Minister ^^ ^ eine große Anzahl von liSV § Diplomatischen Korps eingefunden. Der cug- M a c d 0 n a l d und der Anßen- bte lunrcn persönlich erschienen, um biutfS?^ Die Herren der sonne die in London anwesenden S und Legationsrat von Plessen sowie der Pressechefs von Zechlin waren erschienen
Der belgische Ministerpräsident Hymans und seine Herren waren kurz vorher auf einem anderen Bahnsteig eingetroffen und dort von Macdonald und Henderson sowie den Heren der belgischen Botschaft begrüßt worden.
Der Enipsang gestaltete sich in der Weise, daß Macdonald und Henderson zunächst an den vordersten Wagen gingen, aus dem die französischen Minister ausstiegen. Macdonald unterhielt sich sehr angelegentlich mit den Franzosen, insbesondere verwickelte er sich sofort in ein Gespräch mit Briand. Henderson veranlaßte dann Macdonald, sich weiter am Zuge entlang zu begeben, wo ihm dann zunächst die italienischen Delegierten entgegenkamen.
Während er sich noch mit ihnen im Gespräch befand, kamen auch Dr. Brüning und Dr. Curtius zusammen mit dem deutschen Botschafter herbei. Die Begrüßung von Dr. Brüning und Curtius war äußerst herzlich. Beim Verlassen des Bahnsteiges geriet Henderson in ein längeres Gespräch mit Dr. -Brüning, den er unter den Arm nahm und ihn beinahe bis zu dem wartenden Automobil begleitete.
Ein Zwischenfall.
Außerhalb des Bahnhofes wartete eine große Menschenmenge, die die verschiedenen Delegierten der vier Mächte sehr lebhaft begrüßte. Auch diesmal wieder eignete sich ein Zwischenfall, der durch einige deutsche Nationalsozialisten hervorgerufen wurde. Sie riefen plötzlich: „Heil Hitler! Nieder mit Brüning'" und zwar gerade in dem Augenblick, als an der Menschenmenge der belgische Außenminister Hymans vorbeifuhr
Die deutsche und französische Delegation wohnt zusammen im Carlton-Hotel, während die italienische Delegation im Clardige-Hotel abgestiegen ist, wo auch Mr. Mellon und Stimson wohnen. Der belgische Premier- und Finanzminister haben 'n der belgischen Gesandtschaft Wohnung genommen.
Der erste Verhandlungstag.
Im Carltonhoiel in London, wo die deutsche und die französische Delegation wohnt, herrschte am Montagabend lebhaftes Treiben. Um 1 8 U h r 2 0 M i n u t e n fuhren die deutschen Teilnehmer an der Londoner Besprechung ins Unterhaus, wo sie zusammen mit den dort eingetroffenen anderen Herren von Macdonald, Henderson und Snowden empfangen wurden.
Auf der Fahrt von Paris nach Calais hatten die Konferenzteilnehmer eine freundschaftliche Besprechung in dem Salonwagen des französischen Ministerpräsidenten. Nach dem gemeinschaftlichen Essen hatte der Reichskanzler eine private Unterhaltung mit dem französischen Finanzminister über den deutichen Staatshaushalt.
Konferenzdauer und englische Kost.
Die Ansichten über die voraussichtliche Dauer der Konferenz schwanken in London sehr stark. Einige behaupten, sie nähmen nur einige Tage in Anspruch, während andere mit einer längeren Zeitdauer rechnen. Der amerikanische Außenminister Stmrwn wurde hierüber befragt. Er antwortete nur lächelnd, daß er bisher noch keinen Franzosen getroffen hatte, der die englische Ko st länger als einige Tage aushalten könnte.
Der Locarno-Saal
im Auswärtigen Amt in London, in dem die Konferenzen der Minister über die internationale Finanzhilfe für Deutschland stattfinden.
Die Konferenz, die gestern um 18.30 Uhr begonnen hatte» dauerte bis 20.15 Uhr. Nach Beendigung der Konferenz lud Premierminister Macdonald die deutschen Vertreter zu einem inoffiziellen Essen im Unterhaus ein, an dem auch Snowden teilnahm.
Macdonalds Eröffnungsrede.
In der Rede, mit der Macdonald die Londoner Sieben- Mächte-Konferenz eröffnete, heißt es u. a.: Wir haben nicht nur die Maßnahmen zu erörtern, die nötig sind, um Präsident Hoovers Vorschlag in die Tat umzusetzen, sondern wir haben darüber hinaus noch die dringende Notlage zu besprechen, die sich seither in Deutschland entwickelt hat; andernfalls wird es schwierig sein, die Flut einzudämmen, be« vor sie ganz Zentraleuropa überwältigt hat. Unsere Aufgabe ist, das Vertrauen des ausländischen Geldgebers zu Deutschland wieder herzustellen. Wir sind entschlossen, unsere Beratungen mit einer Vereinbarung zu beenden, die nicht nur den Erfordernissen der gegenwärtigen Krise begegnen, sondern auch eine
Zeit aufrichtiger und gegenseitiger Bemühung um Befriedung der aufgeregten Gemüter Europas neu eröffnet wird. Laßt uns unsere Arbeit als Freunde beginnen.
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Die nach der gestern abend abgehaltenen ersten Konferenz der sieben Mächte ausgegebene Verlautbarung besagt u. a.: Der Vorsitzende Macdonald setzte Ursprünge und Ursachen der Krise auseinander, desgleichen die Wichtigkeit der Aufgabe der Konferenz. Laval drückte erneut die Hoffnung loyaler Zusammenarbeit Frankreichs und Deutschlands für Wiederherstellung des Vertrauens und des Kredits in der Welt aus. Dr. Brüning betonte den Geist der Zusammenarbeit, gab eine Darlegung über die finanzielle Lage Deutschlands und drängte auf die notwendige Unterstützung zur Besserung. Er hob hervor, daß vor allem zwei Erfordernisse erfüllt werden müssen: ein Aufhören der Abrufung der fremden Kredite und eine Erhöhung der Golddecke der Reichsbank. Die Verhandlungen wurden in einem außerordentlich versöhnlichen Geiste geführt. Eine Plenarsitzung der Konferenz wurde auf heute 10 Uhr vormittag im Foreign Office (Auswärtigen Amt) festgesetzt.
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Zur Behebung der Finanzkrise
wollen die Amerikaner heute Vorschläge unterbreiten.
Das Staatsdepartement in Washington kündigte an, daß die amerikanische Delegation heute in London „gewisse Vor
schlüge zwecks
Finanzkrise
Behebung der gegenwärtigen
in Deutschland" unterbreiten werde.
Diese Anregungen werden als konkrete Vorschläge bezeichnet. Präsident H 0 0 v e r hat die Vorschläge gestern abend nach mehrtägigen Verhandlungen, bei denen Senator Morrow in seiner Eigenschaft als Bankier eine wichtige Rolle gespielt hat, gebilligt.
Einladung an Laval und Briand.
Reichskanzler Dr. Brüning hat beim Abschluß der deutsch-französischen Verhandlungen in Paris den franzö- fischen Ministerpräsidenten Laval und den französischen Außenminister Briand zu einem Besuch nach Berlin eingeladen. Der Zeitpunkt und die Einzelheiten dieses ersten Besuches der französischen Minister in der Nachkriegszeit sind bisher noch nicht festgelegt worden.
* )
Was wird uns London bringen?
„W e l t e n t s ch e i d u n g i n P a r i s", — fo las man es, als von allen Seiten her die Außenminister oder di« sonstigen Beauftragten der Großmächte nach der französi- schen Hauptstadt eilten, als Dr. Brüning und Dr. Curtius ebenfalls ihre Reise dorthin angetreten hatten. Und fast mit angehaltenem Atem lauschte Deutschland auf die Nachrichten, die nun Kunde über die Art dieser „Entscheidung" bringen würden. Nicht die Nachrichten blieben aus, viel- mehr erfolgten „Communiquös" in recht ausführliche, Lange, in sorgfältig überlegtem und vieldeutig stilisiertem Wortlaut, — aber was ausblieb, war eben die Entscheidung in Paris selbst. Sie ist nach London verlegt worden und dort, auf der eigentlichen Konferenz, werden die finanziellen und wirtschaftlichen Nöte, Bedürfnisse und Wünsche Deutschlands rein wirtschaftlich-finanziell behandelt: so beschloß man es in Paris. Diesmal sind die beiden Staatssekretäre Mellon und Stimson offiziell als Vertreter Amerikas dabei; nicht mehr sind Amerikaner wie bisher nur als „Beobachter" oder als bloße „Privatpersonen"' anwesend. Aber im Gepäck der deutschen und französischen Minister sind auch die beiderseitigen Unterlagen, Bedingungen, Vorschläge usw. zwecks „Anders- gestaltung" oder „Besserung" der Beziehungen zwischen den beiderseitigen Staaten mitgenommen worden. Über eine erste Aussprache kam es also in Paris nicht hinaus; cs bedeutet mehr als nur eine lokale Verschiebung der Entscheidung, daß die Konferenz nach London verlegt wurde, obgleich in Paris gerade in der Frage der deutsch- französischen Beziehungen ein handgreifliches Resultat nicht erzielt worden ist und noch vor einigen Tagen fran- zösischerseits die Teilnahme an "'r Reise nach London gerade von der Erreichung eine,- i-.chen Ergebnisses abhängig gemacht war. Aus der „Weltenscheidung in Paris" wurde also eine „Welten tscheidung in London".
Um dabei eine Art Nebenkapitel vorwegzurrehmen: Auch die „Angleichung" des Hoover-Planes an den A 0 u n g - P l a n wird auf dieser Konferenz erfolgen, wofür ja eigentlich der am Freitag vergangener Woche in London zusammengetretene Sachverständigen-Ausschuß bestimmt war. Andererseits hat die Beschränkung des Be- ratungsproaramms für die Londoster Konferenz darauf.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
^DEe Besprechungen über eine internationale Finanzhilfe an Deutschland in London haben begonnen.
* Ueber die juristischen Grundlagen des deutsch-österreichischen Zâbrommens verhandelt der Ständige Internationale Gerichtshof im Haag.
einem Autobusunfall in der Nähe von Bochum wurden 13 Personen schwer verletzt, darunter vier lebensgefährlich. * In der Kirche von Loando in Portug. Angola stürzte wahrend des Gottesdienstes ein Teil des Chores ein. Aus den Trümmern wurden 20 Tote geborgen.