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Tageblatt für Rhön un- Vogelsberg
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Nr. 16-f — 1931
Fulda, Montag, 13. Zuli
8. Jahrgang
Vor einer neuen Notverordnung:
Gegen die bedrohliche Zahlungsstockung.
Einstellung des Effekten- und Devisenverkehrs an den Banken. Montag und Dienstag geschloffene Börsen in Preußen und Bayern.
Die Darmstädter und Nationalbank hat mitgeteilt, daß sie genötigt sei, ihre Schalter am Montag geschlossen zu halten. Die Reichsregierung hat die Darmstädter und Nationalbank zu folgender Erklärung ermächtigt: Die Reichsregierung wird auf Grund einer im Laufe des heutigen Tages ergehenden Notverordnung des Herrn Reichspräsidenten durch eine volle Garantie-Haftung für alle Einlagen für eine ruhige Abwicklung der Geschäfte der Danat-Bank Sorge tragen. Mit Rücksicht auf die Bedeutung der eingetretenen Zahlungsstockung ist den Banken die Anregung gegeben worden, ihren Verkehr mit Effekten und Devisen am Montag und Dienstag einzustellen. — Wie wir erfahren, bleiben auf Anregung des pr eußischen Handelsminrfters am Montag und Dienstag die Börsen in Preußen geschlossen. Es ist anzunehmen, daß die gleiche Maßnahme auch von den übrigen Ländern getroffen werden wird.
Kostspielige Verzögerung.
Die Reichsbank im Trommelfeuer.
In den Hoover-Plan, der rein wirtschaftlich gedacht ist, hat Frankreich politische Momente hineingebracht, die als Fremdkörper das Getriebe rasseln und knarren machen und mit schweren Beschädigungen bedrohen. Ebenso wie Frankreich seine Diplomaten und Militärs in Wirtschaftsverhandlungen hineinreden läßt, so benutzt es andererseits seine Bankiers, um sich politische und militärische Vorteile zu erpressen. Es schießt wieder einmal mit seinen berühmten „silbernen Kugeln" aus Deutschland, um die Festung sturmreif zu machen. Wir sollen auf finanziellem Gebiet zum Weißbluten gebracht werden, damit wir wirtschaftlich in die Knie ge= jungen, von dem geringen Nest staatlicher Hoheit, den uns Versailles gelassen hat, auch noch weiteres aufgeben. 1 Die Verzögerung der Kreditaktion für die Reichsbank, die durch das Verhalten von Paris eingetreten ist, hat wiederum zu einer wesentlichen Verschärfung am Devisenmarkt beigetragen.
Man schätzt die Devisenanforderungen am Sonnabend auf wenigstens 1 0 0 Millionen. Als die Hauptplätze, von denen die Devisenabzüge kommen, werden die Schweiz und Holland angesehen. Man glaubt die Feststellung machen zu können, daß neben französischen Geldabzügen, die hinter dieser Bewegung stehen, neuerdings auch deutsche über diese Plätze nach Deutschland zurückgeflossene Gelder zurückgezogen werden. Auch sonst liegen Anzeichen dafür vor, daß deutsche Kapitalflüchtlinge nicht ganz an der neuerlichen Bewegung unbeteiligt sind. Die Reichsbank hat bereits Anweisungen gegeben, die auf eine Verschärfung der Restriktionsmaßnahmen hinauslaufen, wenn auch soweit wie eben möglich, einstweilen noch an einer individuellen Handhabung festgehalten wird. Die Nachricht, daß amerikanische Bankkreise bereit sind, einen 200-Millionen-Dollar-Kredit zu gewähren, übte leine psychologische Wirkung aus, weil dieser Kredit nur als die Beteiligung an einem größeren Kredit, zu dem England und Frankreich beitragen sollen, betrachtet wird.
Von amerikanischer Seite wird an die Kreditbereitwilligkeit lediglich die Bedingung geknüpst, daß die Reichsbank ihre Krediteinschränkung beträchtlich verschärft, — ein Verlangen, dem die Reichsbank, wie gesagt, auch schon Folge gegeben hat. Auch von englischer Seite ist bereits betont und zugesagt worden, man wolle der Reichsbank tatkräftig helfen, doch scheint dem Reichsbankpräsidenten Dr. Luther mitgeteilt worden zu sein, daß die Verwirklichung dieser Zusage von der gleichzeitigen Beteiligung auch Frankreichs abhängig sei. Infolgedessen dreht sich jetzt alles um die Haltung der französischen Regierung, da die Banken in Frankreich unbedingt den Weisungen des Finanzministers Flandin folgen. Neben den bereits bekanntgewordenen „politischen" Bedingungen für die Gewährung eines kurzfristigen „Überbrückungskredits" an die Reichsbank werden dort aber schon viel weitergehende Pläne erwogen.
Ein phantastischer französischer Sanierungsplan.
Deutschland unter Finanzkontrolle.
Aus wirtschaftlichen Kreisen, die der Bank von Frankreich nahestehen, verlautet, das? in London »ud Parts folgender Plan für die finanzielle Unterstützung Deutschlands ins Auge gefaßt worden sei:
1. Bewilligung neuer kurzfristiger Kredite an die Reichsbank, um dann in der Zwischenzeit eme q r ü ud- licheUn 1 ersuchungderfinanzlclle n - a g e des Reiches durch eine Kommission des Europäischen Ausschusses vorzunehmen. Die Untersuchung soll »m August eingelcitet und der Bericht dem Europa«»--schuß im September unterbreitet werden.
2. Falls die Untersuchung zu befriedigenden Crgeb- nifsen führt und die von den Gläubigern anfgeftelltett Empfehlungen vom Reiche angenommen werden, soll dem Reich eine l a n g f r i st i g e A n l c i h e bewilligt werden.
Der angebliche Pariser Saniermigsplan wird an zuständiger Stelle als so phantastisch bezeichnet, das für Deutschland eine Annahme and) einzelner Abschnitte unter
keinen Umständen in Frage komme. Es wrro daraus yrn- gewiesen, daß es sich hier zum großen Teil um alte Gedanken handele, die schon verschiedentlich aufgetaucht und regelmäßig auf Ablehnung gestoßen seien. Hierzu gehöre vor allen Dingen auch der erwähnte Untersuchungsausschuß des Europaausschusses.
Schicksalsschwere Ginnten.
Festes Nein gegenüber französischen Erpressungen.
Sofort nach seiner Rückkehr aus Paris erstattete Reichsbankpräsident Luther in einer Minister- besprechung dem Kabinett Bericht über das Ergebnis seiner Besprechungen in L 0 n d 0 n und Paris. Tie Besprechung dauerte bis 2 Uhr nachts. Es bestätigt sich, daß von französischer Seite für die Mitarbeit an der Stabilisierung der Finanzverhältnisse in Deutschland eine Reihe von politischen Forderungen gestellt worden sind.
An zuständiger Stelle läßt man jedoch keinen Zweifel darüber, daß das Reichskabinett mit der gesamten deutschen Öffentlichkeit in der Ablehnung derartiger Forderungen einig ist. Man versteht überhaupt nicht, wie in einer derartig kritischen Lage, die die Verhältnisse der übrigen Welt mindestens ebenso berührt, wie die Verhältnisse Dci.schlands, und in der es sich nicht um Almosen oder Wohlfahrtsspenden, sondern um dringend notwendige Maßnahmen im Interesse der gesamten Weltwirtschaft handelt, die Gelegenheit benutzt werden kann, um von dem von der Krise am meisten betroffenen Land politische Zugeständnisse zu erpressen, die mit einer Aufgabe seiner politischen Selbständigkeit gleichbedeutend sein müßten.
Was die Zollunion angeht, so erscheint es als eine unerhörte Zumutuua. in ein vor dem Internationalen
808-Rufe der Reichsregierung!
Vor einem neuen Schritt Amerikas.
Die Rcichsregierung hat in Telegrammen die hauptsächlichen am Hoover-Plan beteiligten Regierungen über den gegenwärtigen Stand der Dinge unterrichtet, wie er sich nach den bisherigen Finanzverhandlungen ergeben hat. Wie hierzu aus Washington gemeldet wird, dürfte in diesem Zusammenhang eine Aktion amerikanischer Banken bcvorstehcn.
*
Frankreich beharrt auf seinem Standpunkt.
Der letzte Notruf der Reichsregierung an die Regierungen in Washington, London, Rom und Paris ist in Paris mit der bekannten Passivität ausgenommen worden, die man in Frankreich stets an den Tag legt, wenn es sich darum handelt, Deutschland zu helfen. In der Öffentlichkeit beschäftigt man sich wohl mit der äußerst kritischen Finanzlage des Reiches, ohne aber von dem bisherigen Standpunkt abzuweichen, daß nur politische Garantien Deutschlands die französische Regierung dazu veranlassen könnten, einen Teil seiner ausge- speicherten Goldreserven der Reichsbank für eine Hilfsaktion zur Verfügung zu stellen.
Ein neuer Hoover-Schritt.
Eine Washingtoner Havasmeldung besagt, daß man in amerikanischen Kreisen dem deutschen Notruf weitgehend Gehör schenke. Präsident Hoover, der von Washington abwesend sei, trage sich mit dem Gedanken einer neuen Stützungsaktion und die großen Privatbanken Newhorks hätten sich bereit erklärt, einer eventuellen Bitte Hoovers unverzüglich Folge zu leisten.
In Newyork werden nichtamtlich drei Möglichkeiten einer Finanzhilfe erwogen: 1. Unbeschränkte Kredite der Federal Reserve Board New Bork an die Reichsbank, entweder direkt oder indirekt durch Wechselnotierung, 2. gemeinsame Gewährung großer Darlehen durch private Finanzinstitute und 3. indirekte Kredite durch die Bank von England.
Es besteht die Vermutung, daß Hoover, beim Federal Reserve-Board einen Schritt unternehmen wird, um eine deutsche Katastrophe zu vermeiden.
Botschafter Sackett bezeichnet die Lage als sehr ernst.
Washington, 13. Zuli. (Reuter.)
Es verlautet, daß der amerikanische Botschafter in Berlin, Sackett, in einer Mitteilung an das Staatsdepartement die deutsche Finanzlage als äußerst ernst bezeichnet habe. Sackett soll hinzugesügt haben, wenn es zu einem Zusammenbruch käme, würden die Folgen unübersehbar sein. j
Gerichtshof schwebendes Verfahren einzugreisen, dessen Urteilsspruch für die Übrige Welt genau so maßgebend sein müßte wie für Deuiichland. Der Bau des Panzerschiffes „B" ist dagegen nur eine Folge des Versailler Vertrages, den Deutschland nicht gewollt hat. Auch Fragen aes deutsch-französischen Handelsvertrages sollten mit der Bekämpfung der Weltwirtschafts- !rife nicht in Zusammenhang gebracht werden. Was die zu treffenden Maßnahmen der Reichsbank angeht, um von sich aus den Devisenabfluß zu bekämpfen und der gegenwärtigen Entwicklung an der Börse Einhalt zu tun, so wird selbstverständlich die Reichsbank schon in ihrem eigenen Interesse alles Nötige hierzu veranlassen, ohne dabei einer ausländischen Aufforderung zu bedürfens
Der Reparationsausschuß des Reichskabinetts setzte nach seiner Nachtsitzung am Sonntag vormittag seine Beratungen in Gegenwart des Reichsbankpräsidenten und eines Vertreters der Banken über die Kreditaklion Luthers fort Am Nachmittag trat das Reichskabinett zusammen, nm über innere Finanzmaßnahmen zu beraten. Reichs- bankpräsident Luther ist zunächst nicht zur Sitzung der BIZ. gefahren, da seine Anwesenheit in Berlin erforderlich ist. An seiner Stelle ist Geheimrat Vocke im Flugzeug nach Basel abgereist. Der Reichsbankpräsident wendet sich übrigens in einer Erklärung gegen Übertreibungen und erklärte folgendes: Ich habe in einem Teil der Presse phantastische Zahlen gelesen, die ich auf Kredit- oder Anleihewünsche in London und Paris geäußert haben soll. Ich denke gar nicht daran, einer Kreditinflation das Wort zu reden. Worauf es für Deutschland jetzt ankommt, ist lediglich die Wiederherstellung einer festen und richtigen Grundlage.
Amerikanische Bankiers wollen helfen.
Wie aus Washington gemeldet wird, hat der stellvertretende Staatssekretär Castle eine Erklärung dahingehend abgegeben, daß die amerikanischen Bankiers bereit seien, an einer Hilfsaktion für Deutschland teilzunehmen, daß sie aber die Führung in dieser Angelegenheit den europäischen Zentralbanken überlassen, deren Vertreter in Basel zu diesem Zweck zusammentreten. Castle fügte hinzu, die Leiter der beteiligten europäischen Zentralbanken einschließlich der Banken von England und Frankreich träfen am Montag in Basel zusammen und würden zweifellos mit der B.Z.Z. die deutsche Bankkrise erwägen. Es, liegt auf der Hand, daß jeder Plan für eine banktechnische Lösung von diesen Banken ausgehen müsse, und er setze voraus, daß die amerikanischen Bankiers bereit seien, die Unterstützung dieses wirksamen Planes, der in Basel ausgearbeitet werde, zu erwägen.
Der stellvertretende Staatssekretär, der vor Präsident Hoover und seiner Umgebung von Rapidan nach Washington zurückgekehrt war, begab sich sofort nach Eintreffen ins Staats- oepartement, wo er eine Besprechung mit dem französischen Botschafter Jlaudel hatte.
Schließung der Börsen in Bayern.
München, 13. Zuli.
(Eigene Funkmeldung.)
Wie der Landesdienst des Süddeutschen Korrespondenz- büros erfährt, wird auch hier der Anregung der Reichsregierung Folge gegeben, so daß die bayerischen Börsen am Montag und Dienstag geschlossen bleiben.
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Börsenausfall auch in Sachsen.
Wie von amtlicher Stelle mitgeteilt wird, hat die sächsische, Regierung die Schließung der Börsen in Sachsen für Montag und Dienstag angeordnet.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Die Danatbank ist in Schwierigkeiten geraten.
* Zn Preußen, Bayern und Sachsen ist Ltägige Börsenruhe.
* Ein Kabinettsrat nahm den Bericht des aus Paris zurückgekehrten Reichsbankpräsidenten entgegen.
* Der Entwurf einer Verordnung über den freiwilligen Arbeitsdienst ist scrtiggcstellt. Mit den Arbeiten soll noch in diesem Sommer begonnen werden.
* Bor dem Erweiterten Schöffengericht Berlin-Mitte begann der Prozeß gegen den braunschweigischen Minister Dr. Franzen, der unter der Anklage der Begünstigung des straf- sälllg gewordenen Landwirtes Guth steht.