Zulöaer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Nr. 159 — 1931
Fulda, Freitag, 10. Juli
8. Jahrgang
Hoover-Plan und Abrüstung.
Die Gegenrechnung.
Politische Zugeständnisse von Deutschland verlangt.
Die Hoffnungen Deutschlands, daß das Schuldenfeierjahr die Einleitung sein würde zu einer allgemeines Aufrollung und Neuordnung der Reparationen und Kriegsschulden, scheinen zum mindesten verfrüht zu sein. Die Erklärung des amerikanischen Unterstaatssekretärs Castle, daß Hoover anfänglich die allgemeine Herabsetzung der politischen Schulden vorzuschlagen beabsichtigt habe, hatte allgemein den Eindruck erweckt, daß das einjährige Schuldenmoratorium lediglich als Auftakt einer substanziellen Reduzierung der Re- parationszahlungen und der interalliierten Schulden gedacht sei. Der heftige Widerspruch, den diese Auslegung im Lager der unbedingten Revisionsgegner unter den Kongreßmitgliedern ausgelöst hat, veranlaßte Castle, auf einem Presseempfang, anscheinend auf Veranlassung Hoovers, seine Erklärung zu widerrufen. Der Nnterstaats- sekrelär betonte, daß Hoover zu keiner Zeit „i r g cnd - e i n e st ä n di g e R e v i s i 0 n" der bestehenden Schuldenabmachungen vorgeschlagen oder in Erwägung gezogen halle. Zweck des Hoover-Planes sei lediglich gewesen, die durch die Weltdepression hervorgerufene wirtschaftliche Bürde zu erleichtern. Die Washingtoner Regierung habe ihren Standpunkt in der Erklärung Hoovers vom 20. Juni klar zum Ausdruck gebracht. Die Unantastbarkeit aller Schuldenabmachungen sei während der Verhandlungen ständig aufrechlerhalten worden. Im Gegensatz zu dieser Berichtigung steht eine Äußerung eines anderen amerikanischen Politikers. Der Staatssekretär im Wilson- Kabinett, Bainbridge Colby, erklärte in einer Unterredung, daß ein einjähriger Zahlungsaufschub Deutschlands Kredit zwar vorübergehend stärke, jedoch keineswegs das Weltwirtschaftsproblem der Lösung näherbringe. Der Hoover-Plan sei lediglich eine verspätete Anerkennung der Tatsache, daß Amerika untrenn- bar â. dem Geschick der übrigen Welt verbunden sei. Der Pciung-Plan sei „mausetot". Oven Young selbst habe über den Zahlungsplan das Urteil gesprochen, als er zugab, daß der Sturz der Warenpreise die Reparationsbürde des deutschen Volkes über das erträgliche Maß hinaus steigern werde.
In einer Wochenschrift erklärt Borah, daß die Schuldenstreichung widersinnig sei, so lange Europa weiter rüste und die Sieger die Besiegten demütigen wollen. Die mit Kriegsgeist getränkten Friedensverträge verhinderten den Wiederaufbau Europas; sie müßten daher durch gerechte Verträge abgelöst werden. Die letzte Äußerung läßt vielleicht den Schluß zu, daß Hoover doch noch einen allgemeinen Abbau der Reparationszahlungen und der interalliierten Schulden im Auge hat,
Hoover-Konferenz am 17. Juli.
Ist das Moratorium bereits in Kraft?
Die Sachverständigenkonferenz der am Young-Plan beteiligten Mächte wird am 17. Juli in London eröffnet werden. Dieses Datum ist auf Grund von Besprechungen zwischen der englischen und französischen Regierung bestimmt worden. Nach Beendigung der Arbeiten der Sachverständigen wird eine M i n i st e r k o n s e r e n z einbe- rufen werden. Der Beginn dieser Konferenz ist jedoch noch nicht bestimmt. Man befürchtet, daß sich noch ein ziemlich langwieriger Kampf um die Einzelheiten entspinnen wird, und macht sich aus eine mehrwöchige Dauer der Londoner Verhandlungen gefaßt. ,
Im amerikanischen Regierungskreisen steht im Mittelpunkt der Erörterungen zurzeit die Frage, ob das Moratorium tatsächlich am 1. Juli in Kraft getreten ist oder ob Frankreich die am 15. Juli fällig werdende deutsche Zahlilng einfordernwird, falls nicht, wie die amerikanisch-französische Einigungsformel vorsieht, vorher eine Verständigung mit der BIZ. über die Garantiefondsfrage erzielt worden ist. Das Staatsdepartement glaubt natürlich nicht, daß die Pariser Regre- rung so weit gehen würde, hat aber zur Klärung dieser Frage mit den anderen Regierungen bereits Fühlung genommen. Die Washingtoner Regierung ist offenbar etwas besorgt, um so mehr, als das Reichskabinett schon während der Pariser Verhandlungen erklärt haben soll, daß Deutschland die Zahlung am 15. Juli nicht leisten könne.
Nach deutscher Ausfassung kann über das bereits erfolgte Inkrafttreten des Moratoriums nicht der geringste Zweifel bestehen, nachdem das Telegramm des Reichspräsidenten von Hindenburg an den Präsidenten Hoover unwidersprochen geblieben ist. Die deutschen Vertreter aus der bevorstehenden Sachverständigenkönserenz sind noch nicht ernannt.
Die Londoner Gachverftändigenkonferenz.
Pressemeldungen zufolge soll die Sachverständigenkönserenz über den Hoover-Plan im Schatzamt stattfinden Die englischen Sachverständigen sollen unter Führung von Frederic Leith-Rvß, dem Sachverständigen des Schatzamtes für Repara- tionèfrageN, stehen.
Die Londoner Presse mißt den Ausführungen der Wembon „Times" große Bedeutung bei, bte die Rotwendigkeil der Revision des Young- Planes angesichts der Legenwcbrtigen Lage betont habe.
sich aber diesen Trumps vorbeyalt sur dre Abrüstung s- k 0 n f e r e n z, zu der die amerikanische Regierung jetzt vom Völkerbund eine Einladung erhalten hat.
Im übrigen scheint man jetzt daran zu gehen, Deutschland die Gegenrechnung vorzulegen für das ihm angeblich gezeigte Entaegenkommen. Offensichtlich auf den Einfluß höherer Stellen hin fordert die englische Presse von Deutschland als Gegenleistung für die Hilfe, die es durch das Hoover-Moratorium erhalte, von sich aus freiwillig zur Verbesserung der europäischen Atmosphäre beizutragen. Deutschland soll, wie die „Times" und der der Regierung besonders nahestehende „Daily Herald" übereinstimmend sagen, von sich aus erklären, daß es die Arbeiten an dem neuen Panzerschiff „Ersatz Elsaß-Lothringen" während des Hoover- Moratoriums und die österreichisch-deutsche Zollvereini- auno bis auf weiteres verschieben will.
Nie Nüstungsausgaben
und die Wirtschaftskrise«
Die Atempause zur Überlegung.
Unterstaatssekretär Castle sprach im Rundfunk vor Millionen von Hörern über die Geschichte und Bedeutung des Hoover- Planes. Die Rede war im wesentlichen eine Wiederholung dessen, was in den amtlichen Verlautbarungen des Staatsdepartements zum Ausdruck gekommen ist. Besondere Beachtung verdient die Bemerkung des Unterstaatssekretärs, daß die durch die französischen Vorbehalte hervorgerufene Verschleppung der Pariser Verhandlungen eine neue Depression aus den Weltmärkten und mithin
neue Störungen in Deutschland zur Folge gehabt habe.
Castle betonte erneut, daß Hoover keineswegs eine dauernde Revision der bestehenden Schuldenverträge in Erwägung gezogen habe. Das Moraloriumsjahr solle eine Atempause sein, Deutschland Gelegenheit zu geben, sein Haus in Ordnung zu bringen. Das Reich habe versprochen, das dadurch ersparte Geld ausschließlich für Haushaltzwecke und nicht für militärische Ausgaben zu verwenden Man beginne in der Welt zu verstehen, daß das Wohlergehen des eigenen Landes von dem Wohlergehen und
nicht dem El.nd der Nachbarländer abhänge.
Castle kam dann weiter aus die N n st u n g s a u s g a b e n zu sprechen und erklärte, daß diese ungeheure Last ein weit wesentlicherer Faktor der Wirtschaftskrise sei als alle politischen Schulden. Die amerikanische Regierung hoffe, daß die vorübergehende Enthebung von den Zahlungsverpflichtungen in allen Ländern ein Gefühl gegenseitigen Verantwortungsbewußtseins erzeugen werde, mit Entschlossenheit und Stärke die Abrüstungskonferenz erfolgreich zu gestalten.
Castle erklärte weiter, daß Hoover allein den wirtschaftlichen Aufbau nicht durchführen könne. Das sei Pflicht der Bürger aller Nationen, die die Probleme
mit Mut und Optimismus anpacken müßten.
Amerika vor ver Londoner Konferenz.
Staatssekretär Castle erklärte in einer Pressekonferenz in Washington, daß die Unterzeichner des Young-Planes nunmehr vor der wichtigen Aufgabe ständen, die Inkraftsetzung des Hoover-Planes vor dem 15. Juli sicherzustellen, damit ein Mißlingen des Moratoriums vermieden werde. Präsident Hoover und seine Ratgeber seien gegenwärtig dabei, den „besten Mann" für die Vertretung Amerikas auf der Londoner Sachverstän- dtgcnkonferenz zu finden. Die Lage Deutschlands sei trotz pessimistischer Gerüchte als vertrauensvoll anzusehen, uni so mehr, als die Reichsregierung sich die erdenkliche Mühe gebe, der schwierigen Lage Herr zu werden.
Was soll 0as Hoover-Jahr bringen?
Das Ende der Tributzahlungen.
Der Bayerische I ndustriellenverba n d erklärt zu den Aufgaben des Hoover-Jahres nach dem Hinweis auf die große Kreditaktion der Industrie: Der Reichsregierung erwächst die unabweisbare Pflicht,
in den Ausgabenbeschränkungen mit allem Nachdruck und in erhöhtem Ausmaße fortzufahren. Das gleiche gilt für Länder und Gemeinden. Die Wirtschaft und alle Volkskreise haben die Aufgabe, das Vertrauen in Deutschlands Lebenswillen und Leistungsfähigkeit wieder- hcrzustellen.
Der Oberbürgermeister von Hannover, Dr. Menge, Mitglied des Reichsrats, äußert sich in einer Rede zum Hoover-Plan:
Deutschland ist außerstande, auch nur einen Pfennig noch zu zahlen. Heute ist die Aussaugung zu Ende Deutschland kann und wird nicht mehr zahlen. Keine Regierung könnte sich in Deutschland halten, die noch die Zahlungen fortsetzen wollte. Die Erfüünngs- Politik muß ihr Ende haben. Schacht und Hugenberg haben recht behalten. Deutschland kann nicht zahlen, was im Young- Plan verlangt wird. Wir müssen uns alle hinter die Regierung stellen und ihr den Rücken stärken.
Ähnlich Graf Westarp in einer Rede in Bremen: Das Ziel der ganzen deutschen Politik, dem alles untergeordnet werden muß, kann jetzt nur sein, aus der Stundung einen völligen Erlaß
der Reparationen zu machen. Die letzte Notverordnung bedeutet den völligen Zusammenbruch der Reparationspolitik, sie beweist, daß Deutschland die Reparationsleistungen nicht mehr aufbringen kann. Das muß dem Auslande immer ioieber vor Augen geführt werden. Wir würden uns außenpolitisch ungeheuer schaden, wenn wir uns durch die augenblickliche Erleichterung einfdjläfmi ließen.
Soll ant Haben des Zeierjahree.
Nicht mit Unrecht hegt man in Deutschland einiger Mißtrauen gegenüber „R e p a r a t i o n s"konferenzen In der Regel kam es auf ihnen zu heftigen Streitigkeiten, dann schließlich zu irgendeiner Einigung, die nun aber aus dem Rücken Deutschlands erfolgte. Jetzt steht eine solche Konferenz wieder bevor, deren Arbeitsgebiet freilich nur Die Regelung „technischer" Fragen hinsichtlich der S a ch - lieferungen sein soll. Nach dem Young-Plan Ha- Deutschland für das jetzt laufende zweite Jahr Sachliefe rungen im Werte von 443 Millionen zu leisten. Auch die sind „politische" Schulden, sind ein Teil der Young-Annu: täten, fallen also unter das „Schuldenfeierjahr" un müßten demnach eingestellt werden. An sich hätte Deutsch lands Industrie für gewisse Teile dieser Sachlieferungei» das Interesse, sie fortzusetzen, weil sie Ausfuhr von Ec • Zeugnissen und Arbeitsmöglichkeiten bedeuten. Auch bi ■ belieferten Länder haben große wirtschaftliche Vorteile davon, — aber beides darf natürlich nicht in der Art ge- schehen, daß Deutschland diese Sachlieferungen selbst bezahlt. Hoover hat in der Vereinbarung mit der franko fischen Regierung bekanntlich dementsprechende Forderungen abgelehnt und damit der kommenden Konferenz der Sachverständigen auch das Arbeitsgebiet genau ab gesteckt. Ein amerikanischer Delegierter wird also auf dieser Konferenz baraitf achten, daß dort nicht aus Schleichwegen eine deutsche Belastung beschlossen wird, die besonders einige osteuropäische, solche Tachliefe- rungen in Empfang nehmende Staaten sehr gern sehen würden. Auch ihnen würde es sehr leicht fallen, solch Lieferungen und Arbeiten selbst zu bezahlen, wenn sie nur ihre militärischen Ausgaben ein wenig einschränken würden. Und wenn man dort nicht jedem, der vor den» Kriege einen Handwerksbetrieb hatte, jetzt aus Sachliefc- rungskonto eine ganze Fabrik hinstellen würde, sofern er nämlich über die notwendigen „Beziehungen" verfügt.
Zahlen müssen wir aber auch in diesem Jahre dieZins- und Amortisationsverpflichtungen, soweit sie „u n p o l i - l i s ch", die Gläubiger also nicht fremde Staaten, sondern Privatpersonen — auch Deutsche — sind. Das sind aber einzig und allein die Besitzer von Anteilscheinen der „Dawes"- und der „Young."-Anleihe von 1924 bzw. 19Ä' Nach dem „Young-Plan"-Jahr 1931/32 — umgerechne: auf den Zeitraum vom 1. Juli 1931 bis zum 30. Juni 1932 — müssen für Zinsen und Amortisierung der 800-- Millionen-Goldmark-D awe s-A n l e i h e etwa 86 Millionen bezahlt werden. Diese Zahlungen hat Deutschland auch im „Schuldènfeierjahr" zu leisten. Das gleiche gilt für die Verzinsung und Amortisation der „Young- Anleihe", die 1350 Millionen Mark beträgt und etwa 60 Millonen Mark Zinsendienst verlangt. Von dieser Summe befinden sich allerdings 400 Millionen in deutschem Besitz; sie si c an die Reichsbahn und die Reichspost überführt wo:. t Ferner müssen die sogenannten „unaufschiebbaren Zahlungen" geleistet werden, die allerdings sofort wieder an das Reich aus dem Umweg über die Reichsbahn zurückgehen. Gemäß dem Young-Plan muß diese an sich schon etwa 660 Millionen Mark zu den Jahreszahlungen beitragen. Man kann also jene 612 Millionen „unaufschiebbarer" Zahlungen außer Rechnung setzen; allerdings müssen sie vom 1. Juli 1932 ab verzinst und in 12 Jahren genau so abbezahlt werden, wie die anderen im „Schuldenfeierjahr" gestundeten Leistun gen. Insgesamt hätte Deutschland auf Grund des Yonng-Planes — einschließlich des Zinsendicnstes für die Dawes- und die Young-Anleihe — 1718,7 Millionen zu zahlen. Außerhalb des Planes hat aber Amerika, das ja weder den Dawes- noch den Young-Plan unterzeichnet hat, auf Grund eines Sonderabkommens 66 Millionen zu bekommen: Zusammen sind das also 1 7 8 4,8 Millionen. Dabei sind auch die 21,5 Millionen einbegriffen, die Belgien gleichfalls auf Grund eines Sonderabkommens — "wegen seiner Markforderungen — erhält; aber auch dies sind „politische" Schulden Deutschlands und unterliegen der Stundung des „Schnldenfeier- jahres". Abzüglich der 150 Millionen des Zinsendienstes für die Dawes- und die Young-Anleihe ergibt sich demnach, daß Deutschland vom 1. Juli 1931 bis zum 3 0. Juni 1 932 rund 1635 Millionen nicht z u zahlen b r a u ch t.
Das ist natürlich eine nicht zu verachtende Ersparnis, aber sie macht sich beim Reichshaushalt nur durch eine Minderausgabe von rund 975 Millionen geltend, da ja 660 Millionen von der Reichsbahn aufgebracht werden müßten, die ihr nun jetzt erlassen sind. M anmußalso vor finanziellen Überschätzungen des „Schuldenfeierjahres" warnen. Es sind ungefähr 10 Prozent der Gesamtausgaben, die für 1931-32 das Reich zu leisten hat, — eine Erleichterung also, die aber nur die Hälfte des laufenden Reichsdefizits ausmacht. Daß sich hieraus keine unmittelbaren Erleichterungen auch für die Wirtschaft bzw. für den Steuerzahler ergeben, ist ohne weiteres ersichtlich. Aber eine mittelbare Erleich- terung entsteht aus dieser Ausschaltung des Zustandes, daß Deutschland 1635 Millionen ohne Gegenleistung an das Ausland zu bezahlen hätte. Und darum wird die Gelegenheit sofort wahrgenommen, diese „R e v i s i o n" des Young-Planes notwendigerweise durch den Versuch zu ergänzen, und erst wirklich fruchtbar zu machen, durcheilte große Kreditaufnahme wieder neues Blut in den deutschen Wirtschaftskörver hineinzuleiten.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Die Sachverständigenkonferenz für den Hoover-Plan wird am 17. Juli in London eröffnet werden.
* Der Preußische Landtag lehnte das Stahlhelmvolksbegehren auf Auflösung des Landtages ab.
* Zwischen der Göhrde und Bleckede ist durch ein« Windhose großer Schaden angerichtet worden.