Zul-aer /Anzeiger
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Nr. 154 — 1931
Fulda, Samstag, 4. Juli
8. Jahrgang
Einigung in Paris!
Ein Kommunique. — Aufrechterhaltung der ungeschützten Zahlungen.
Nach Schluß der französisch-amerikanischen Besprechungen, die vergangene Nacht in Paris stattfanden, wurde erklärt, daß sich die französischen und amerikanischen Unterhändler über die Durchführungs-Modalitäten des Hoover-Vorschlages geeinigt hätten. Es müsse nun noch die Zustimmung der anderen europäischen Gläubigermächte Deutschlands eingeholt werden. Die noch bestehenden Meinungsverschiedenheiten werden dem französischen Ministerrat unterbreitet, der heute 16 Uhr zusammentritt. — Amerika bleibt zurückhaltend!
Vor einer Reparaiionskovferenz?
Die Auflockerung des Young-Planes.
Die Einladung Englands zu einer Konferenz der Signatarmächie des Young-Planes kam für Frankreich vollkommen überraschend. Ministerpräsident Laval hat sich nicht zu einer Zustimmung entschließen können und verschanzt sich hinter den Vorwand, daß er zunächst einmal mit Amerika ins reine kommen möchte. In Wirklich- ken scheinen die französischen Beweggründe aber anderer Natur zu sein. Die Einladung ist nämlich lediglich an die Großmächte ergangen, während die kleinen Staaten, die zum großen Teil Freunde und Helfer Frankreichs sind, außer acht gelassen wurden. Frankreich befürchtet daher wohl nicht mit Unrecht auf einer solchen Konferenz eine gewisse Isolierung. Darüber hinaus scheut es aber, wie das heiße Eisen, jede Maßnahme, die Gelegenheit geben könnte, die Reparationsfrage anzuschneiden. Eine Zusammenkunft der Mächte zu einer Beratung über das Schuldenfeierjahr würde natürlich die Probleme des Young-Planes in Bewegung setzen, was Frankreich auf jeden Fall vermeiden will. Deswegen bedeutete die Einladung Englands in gewissem Maße einen Druck auf die französischen Entschließungen. Aber selbst wenn diese Konferenz in London nicht zustande kommen sollte, würde doch eine Änderung der Zahlungen in den Garantiefonds, wie sie Frankreich anstrebt, eine Änderung der Bestimmungen des Young-Planes bedeuten, die nur durch eine Konferenz der Signatarstaaten vorgenommen werden könnte. Frankreich will unter keinen Umständen neben dem Verzicht auf seinen Reparationsanteil im nächsten Jahre auch noch das Risiko laufen, im übernächsten Jahre außerdem noch weitere 500 Millionen in den Garantiefonds hergeben zu müssen. Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als daß Frankreich eine Revision des Aoun g-Planes fordert. Ein Verlangen, in dem wir ausnahmsweise einmal mit Frankreich freudig Hand in Hand gehen können.
Auch die öffentliche Meinung in Frankreich scheint einzusehen, daß eine Lockerung des Young-Planes auf jeden Fall unvermeidlich ist. In der französischen Presse wird jedenfalls darauf hingewiesen, man dürfe nicht glauben, daß mit einer mehr oder weniger bereitwilligen Annahme des Hoover-Planes alle Dinge in Ordnung seien. Man müsse sich klar vor Augen halten, daß der Hoover-Plan, wenn auch vielleicht nicht förmlich, so doch tatsächlich eine Änderung des Young-Planes in sich schließe. Jedenfalls kann man annehmen, daß die englische Einladung nach Beendigung der französisch- amerikanischen Verhandlungen wiederholt werden wird. Die Konferenz, zu der auch Deutschland eingeladen worden ist, dürfte dann in allernächster Zeit stattfinden. Ob dabei allerdings schon etwas Ersprießliches für Deutschland herauskommen wird, bleibe dahingestellt. Eine Auflockerung des starren Neparationsbodens würde es jedenfalls bedeuten.
England fordert Tributanieil.
Die Folgen einer Verhinderung des Hoover-Planes durch Frankreich.
Für den Fall, daß bei den französisch-amerikanischen Verhandlungen eine Lösung herauskommt, die dem ursprünglichen Hoover-Plan gegenüber eine wesentliche Abänderung bringt, wird sich die englische Politik voraussichtlich auf den Standpunkt stellen, daß eine neue Lage eingetreten sei. Hierdurch würde es ihr möglich werden, zu erklären, daß ihr ursprünglicher Verzicht auf deutsche Zahlungen gemäß dem Hoover-Plan nur noch bedingt zutreffe und daß sie sich berechtigt fühle, an etwaigen deutschen Zahlungen in einem Verhältnis teilzunehmen, wie sie zurzeit für die Young-Zahlungen gültig seien, also mit rund 22,5 Prozent.
Diese Auffassung ist anscheinend schon der französischen Regierung zur Kenntnis gebracht worden, um sie daraus hinzuweisen, daß die geschützten Zahlungen ein- tretenden Falles nicht in ihrer Gesamthöhe Frankreich zufallen würden.
*
Erklärung Snowdens i m Englischen Unterhaus.
Zum Schluß der Unterhausvcrhandlungcn über das Finanzgesetz erklärte Finanzminister Snowden, daß die Vorschläge Hoovers für ein einjähriges Moratorium den englischen Haushalt ziemlich stark beeinflußten. Er hoffe, daß zwischen den Parteien, die in Paris verhandelten, eine zufriedenstellende Einigung zuftandcgelommen sei. Die englische Regierung, das Unterhaus und, wie er glaube, auch ganz England seien an sich dazu bereit, die Opfer zu bringen, für die sie u)te Zusage bereits gegeben hätten. Aber die englische Regierung »volle keine weiteren Opfer bringen, wenn nicht die übri- gen am Hoover-Plane beteiligten Mächte im Sinne dieses Planes zu einer Zusammenarbeit bereit seien.
Hoover berät sich mit der Federal Reserve Board.
Hoover führte ein längeres Radiogespräch mit Mellon und besprach sich dann geraume Zeit mit dem Vorsitzenden des Federal Reserve Board, Eugen Meyer. In politischen Kreisen Wird der Unterhaltung größe Beachtung geschenkt, da man glaubt, daß Hoover und Mover die Möglichkeit der Gewährung langfristiger Kredite für gewisse mitteleuropäische Länder erörterten.
Rumänien stimmt dem Hoover-Plan zu.
Die rumänische Regierung übergab dem amerikanischen Gesandten in Bukarest die Antwortnote der Regierung auf den Hoover-Plan. Rumänien nimmt ohne Vorbehalte den Plan an. Die Wichtigkeit der rumänischen Antivortnote liegt darin, daß Rumänien noch vor dem Abschluß der Paris-Washingtoner Besprechungen seine Antwort konkret darlegt.
Das Kommunique über die französisch-amerikanischen Besprechungen-
Paris, 4. Zu«.
Die Besprechungen zwischen den französischen und den amerikanischen Ministern, die um 21.30 Uhr begonnen hatten, dauerten bis 40 Minuten nach Mitternacht. Es wurde dann folgendes Kommunique herausgegeben: Schatzkanzler Mellon und Botschafter Edge haben mit Außenminister Briand, Finanzminister Flandin und Unterstaatssekretär Francois Poncet heute abend verhandelt. Ministerpräsident Laval konnte nur anfangs der Sitzung beiwohnen, da er sich in die Kammer und in den Senat begeben mußte. Die Delegierten der französischen und der amerikanischen Regierung haben die Prüfung des Hoooerschen Vorschlages u. der französischen Antwortnote fortgesetzt. Schatzamtssekretär Mellon bestätigte, daß die amerikanische Regierung sich mit der Aufrechterhaltung der Verpflichtung hinsichtlich der ungeschützten Annuität des Poungplanes durch Deutschland einverstanden erklärt hat. Andere Meinungsverschiedenheiten wurden ausgeglichen. Die noch bestehenden Meinungsverschiedenheiten, die geringfügigere Bedeutung haben, werden dem französischen Ministerrat unterbreitet werden, der sie am Sonnabend um 16 Uhr behandeln wird. Es scheint, daß die Einigung über den technischen und finanziellen Teil der Verhandlungen, vorbehaltlich der Zustimmung der anderen interessierten Mächte, sehr bald erzielt werden wird.
Französische Lügen.
EMellvngen des französischen Kriegsministers.
Die riesige Flottenüberlegenheit Frankreichs.
Im Verlauf der Flottenaussprachc im französischen Senat sind sowohl vom französischen Kriegsminister als auch vom Berichterstatter und anderen Persönlichkeiten Behauptungen aufgestellt worden, die an amtlicher Stelle in Berlin als eine groteskeVerzerrungder Tatsachen bezeichnet werden.
Der französische Kriegsminister Hal bekanntlich Deutschland der Verletzung des Versailler Vertrages
dezlchiigl, lndein er behauptete, die Deutschen Schifssbauten gingen um 25 Prozent über das hinaus, was im Versailler Vertrag zugestanden sei. Ter Minister Hai hiermit die Tatsachen ganz offenkundig aus Den Kops gestellt Daß der fran- zösische Minister den deutschen Ersatzplan, der vom Reichstag angenommen worden ist, nicht kennt, darf, wie von amtlicher Deutscher Seite erklärt wird, nicht angenommen werden. Deutschland erreiche, wie zahlenmäßig ganz einwandfrei feststehe, noch lange nicht die Zahl von Schiffen, Die ihm nach Dem Versailler Vertrag zugestanden seien. Auch die Ersatz- hauten hielten sich völlig im Rahmen der Bestimmungen des Vertrages. Von einer Überschreitung um 25 Prozent zu sprechen, könne nur eine bewußte Entstellung sein. Um die zahlenmäßige
außerordentliche Überlegenheit der französischen Flotte über die deutsche zu kennzeichnen, genügt es. aut ein einziges Beispiel hinzuweiscu: Die deutsche Kreuzertonnage betragt nach Fertigstellung Der „Leipzig" insgesamt 33 650 Tonnen gegen- über einer französischen Kreuzertonnage von 145 000 Roch überzeugender sind die Ztfferl» für die Schlachtschiffe, bei denen Die Franzosen über eine Gesamttonnage von 194 000 Tonnen verfügen gegenüber 40 000 Tonnen der entsprechenden deutschen Schiffe, selbst nach Fertigstellung Der geplanten Panzerschiffe. Auch die beiderseitige Geschütz sta rke beweise, daß eine Überlegenheit Der deutschen Flotte über Die französische in keiner Weise in Frage komme Das gleiche treffe für Die Stärke der Panze run g zu. ^rantretch verfüge ferner über 90 Umeseeboote, während Dcutichlanv rein einziges U-Boot besitze
Die Flotlenbautcn des Reiches, so wird noch einmal betont,, hielten sich genau an die Be-
Wie aus Washington gemeldet wird, erklärte llnterstaatssekre- tär Castle Pressevertretern gegenüber, solange Frankreich nicht alle Punkte angenommen habe, auf denen die amerikanische Regierung bestehe, könne von einer Einigung noch nicht gesprochen werden. Präsident Hoover hat seine Wochenendreise verschoben, um das Ergebnis der heutigen Sitzung des französischen Ministerrates abzuwarten.
Eine Havas-Mitteilung über die Einigung.
Nach dem amtlichen Kommunique über die amerikanisch-französischen Besprechungen gibt Havas eine Mitteilung aus, in der es heißt: Die Verhandlungen, die seit über einer Woche in Paris zwischen dem amerikanischen Schatzsekretär Mellon und den französischen Ministern geführt wurden, haben in der Nacht zu einer Einigung geführt, die der französische Ministerrat am Sonnabend noch zu ratifizieren haben wird. Die zu treffende Regelung bestätige den wesentlichen Grundsatz des französischen Gegenvorschlages, nämlich die Unantastbarkeit der Bezahlung der ungeschützten Annuität durch Deutschland, d. h. die Bezahlung der Reparationen. Nunmehr müße man die Zustimmung der anderen an den Reparationen interessierten europäischen Mächten zu den Durchführungsmodalitäten des Hoover-Moratoriums erlangen und ferner die Wiederinkraftsetzung des Poungplanes nach der einjährigen Zahlungspause, die nach dem amerikanischen Vorschlag bis zum 1. Juli 1931 gilt. Es scheine, daß das ganze System der zwischen Amerika und Frankreich erzielten Einigung die allgemeine Verständigung erleichtern werde, da die anderen Mächte weniger stark durch die Einstellung der Zahlungen Deutschlands in Mitleidenschaft gezogen würden. Nunmehr müßten noch zwei Punkte geklärt werden, erstens die 500 Millionen Goldmark, die die ungeschützte Annuität darstellen, die Deutschland an Frankreich entrichtet und die Frankreich durch Vermittlung der BIZ. Deutschland wieder zur Verfügung stellen wird, die aber nicht dem Reich als solchem geliehen werden, sondern der Deutschen Reichsbahngesellschaft, die deutsche Anleihe also einen kommerziellen Charakter haben werde; zweitens, wenn Deutschland nach Ablauf der ILmonatigen Moratoriums-Zah- lungspause ein neues Moratorium beantragen wird, wozu der Poungplan ihm das Recht gebe, würde Frankreich nicht aufgefordert werden, weitere 500 Millionen Goldmark bei der Internationalen Zahlungsbank auf Grund des Artikels 199 des Poungplanes einschießen zu muffen; Frankreich stehe die Möglichkeit zu, von dieser Klausel befreit zu werden.
fttmmuiigen des Versailler Vertrages. Die Bestimmungen seien nicht unter unserer Mitwirkung zustande gekommen, son- dcrri uns unter hervorragender Mitwirkung von Frankreich aufgczwungen worden. Aus Dem Verhalten Frankreichs aus der Washingtoner und Londoner Flottenkonferenz gehe hervor, daß Frankreich sich eine stärkere Flotte bauen wolle. Wenn Frankreich die geplanten Bauten durchgeführt habe, werde câ der italienischen Flotte überlegen sein.
^ ‘Beratung.
Der Französische Senat begann am Donnerstag die Beratung des Gesetzesvorschlagcs über das Flottenbauprogramm für 1931/32. Der Marineäusschuß, so erklärte Der Berichterstatter, sei einstimmig Der Auffassung gewesen, daß das französische Flottcnbauprograinin vor der Abrüstungskonferenz nicht eingeschränkt werden dürfe. Es sei wohl gut, Den Frieden zu suchen. Dies sei aber kein Grund, einem Deutschland gegenüber abzurüsten, das eine Flotte von Panzerkreuzern von ganz besonderem Wert baue, und einem Italien gegenüber, das im Jahre 1930 60 000 Tonnen von Stapel gelassen habe, und schließlich gegenüber England, das die Herrschaft auf dem Meere beibehalte. Senator Lömerv betonte, daß es ohne Panzerkreuzer keine Kriegsmarine gebe. .Der ehemalige Finanzminister C h e r 0 n ivars ein, daß man sich in Frankreich wunder»» müsse, daß Deutschland Geld zum Bau einer solchen Flotte habe, während es aus der anderen Seite Elend und Not schreie.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Zn Paris fanden neue Verhandlungen statt über die Annahme des Hoover-Planes durch Frankreich.
* Zn der vergangenen Nacht haben die französisch-amerikanischen Verhandlungen in Parts zu einer Einigung bis auf einige Punkte geführt.
* Der deutsche Weltmeister im Boxen, Max Schmeling, hat seinen Meistertitel gestern in Cleveland gegen den Amerikaner Stribling erfolgreich verteidigt.
* Bei einem Dorfbrande in der Nähe von Wolgast wurden mehr als 40 Gebäude ein Raub der Flammen.
* Ein Großfeuer brach in der Bremer Altstadt im Turm und im Dachstuhl der Stephanikirche aus.