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â Untertialtungsblatt

Lorenz, der Schweigsame.

Skizze von Hedwig Teichmann.

Der Geistliche der Strafanstalt trat in die Kanzlei des Direktors. Er hielt einen Brief in der Hand, und sein Gesicht war ernst und betrübt. Der Direktor rief:Was gibt's? Sie scheinen eine ungünstige Botschaft zu bringen. Und ich habe soeben eine recht befriedigende erhalten."

Betrifft sie Lorenz, den Sträfling?" .....

Ja. Ein Beamter teilte mir mit, daß Lorenz demnächst das letzte Jahr seiner Strafe geschenkt erhält und er aus der Haft entlassen wird wegen seines mustergültigen Betragens. Aber Sie freuen sich ja gar nicht, Herr Pfarrer!"

Ja, weil diese Freude zu spät für ihn kommt. Dieser Brief, den ein Freund von ihm an mich richtet, enthält Furcht­bares. Er bestätigt meine Vermutung, daß Lorenz unschuldig ist. Er nahm damals einfach den Totschlag auf sich und ent­lastete seine Frau. Hören Sie, was der Freund schreibt: ,Bitte meinen Freund schonend darauf vorzubereiten, daß seine junge Frau abermals entgleiste und bei einem Einbruch schwer verletzt wurde. Sie hat eine dunkle Vergangenheit, aus der Lorenz sie ans Licht zog. Nun ist sie in seiner langen Abwesenheit wieder in schlechte Gesellschaft geraten. Noch lebt sie, aber es handelt sich nur um Stunden'."

So, so", sagte der Direktor,das ist ja schrecklich. Und da vermuten Sie, daß"

Ja, daß dies eine Wiederholung des ersten Falles ist, wobei die junge Frau, um sich zu retten, den Mann tötete, bei dem man eingebrochen war."Hat Ihnen Lorenz am Ende gestanden?"Nein, er spricht ja so wenig. Man gab ihm den Beinamen: Der Schweigsame. Er spricht auch drüben mit seinen Kameraden nichts, und doch haben ihn alle gern. Also ich darf ihm sagen, daß er bald frei werden wird?"

Nein, keinesfalls. Die Mitteilung ist mir ganz ver­traulich gemacht worden. Vielleicht morgen. Bereiten Sie ihn auf ein Erkranken seiner Frau vor! Aber was kann er denn von solch einer Person erwarten?"

Er liebt sie unbeschreiblich. Vielleicht ist sie ihm das, was dem Künstler sein Werk bedeutet. Vielleicht hat er edle Triebe in ihr entdeckt, die er groß zu ziehen hoffte. Ihre Briefe verrieten bis jetzt immer Wärme und Anhänglichkeit. Wir dürfen, denke ich, in Lorenz nicht den Sträfling sehen, sondern einen Menschen mit all seinen Gefühlen, Kämpfen und Leiden."

Der Direktor lächelte nachsichtig über das weiche Gemüt des Geistlichen und versprach, den Sträfling gleich zu ihm zu schicken.

Zwei Minuten darauf stand Lorenz vor dem Geistlichen: ein großer, schlanker Mensch mit ernsten Augen und kluger Stirn. Gesicht und Haltung verrieten geistigen Reichtum. Als Der Pfarrer zu Ende gesprochen hatte, stand Lorenz regungs­los mit schwer atmender Brust. Seine Lippen waren weiß und trocken, als er hervorbrachte:Barmherziger Himmel, Herr Pfarrer, ist das alles? Verschweigen Sie mir nichts?"

Vorläufig habe ich Ihnen nichts mehr zu sagen."

Es muß schlimm um meine Frau stehen, wenn man mich durch Sie benachrichtigt."

Es kann sich noch alles zum Guten wenden, Lorenz." _

Herr Pfarrer, bitte nur das eine: Das Schlimmste ist noch nicht eingetroffen?"

Wenn Sie damit den Tod meinen: nein. Aber das ist nicht das Schlimmste."

Mehr vermochte der Pfarrer angesichts dieser flackernden Augen nicht anzudeulen und versprach noch, telephonisch genauere Nachrichten einzuholen.

Die Nacht wanderte ruhig über die stille Erde. In der Fronfeste schlief alles, nur der schwere Schritt des Wächters war zu hören, der auf der Schanze seine Runde machte.

Lorenz lag mit wachen, brennenden Augen auf seiner Strohmatte. Ringsum atmeten die müden Sträflinge. Er stöhnte leise in tiefer Verzweiflung. Lorelte war krank! Viel­leicht sehnte sie sich nach ihm. Wie tapfer hbtte sie sich während der vier Jahre seiner Haft gehalten! Ihre Briefe strömten Liehe und Sehnsucht aus. Er dachte des Tages, da er sie aus dem Sumps ihrer freudlosen, schuldvollen Jugend gezogen. Mit unsäglicher Mühe halte er sie zu einem tüchtigen Menschen gemacht und ihr sein ganzes leidenschaftliches Herz geschenkt. Niemand ahnte, welche Glückseligkeit sie einander gaben. Und dann kam jener entsetzliche Tag, da er sie im trauten Heim vermißt hatte. Sie war wieder in die Verbrecherwelt geraten seine süße Lorelte. Nein, er hätte es nicht ertragen, sie verurteilt und abgestraft zu sehen. Er wußte genau: Nie mehr würde sie sich aus dem Sumpf befreien können, wenn Gefängnismauern sie umschlossen hatten. Wie war sie von Reue und Selbstvorwürfen zerquält gewesen. Damals schwur sie feierlich, ein neues Leben zu beginnen. Er glaubte ihr. In jedem Briefe sagte sie ihm, daß sie später, wenn er frei wäre, nur ihrer Liebe und ehrlicher Arbeit leben wollte. Und jetzt war sie krank vielleicht schwer krank und einsam.

Lorenz lauschte in die Nacht hinaus. Von der Schanze her klangen die gleichmäßigen Schritte des Wächters. Die drei großen Wolfshunde, die ihn begleiteten, jagten wie graue Schatten vorbei. Um zwölf, wenn der Wechsel der Wache statt­fand, mußte es geschehen. In hundert Nächten hatte der Ge­fangene sich die Flucht ausgedacht. Und heute war es so weit..

Jetzt, jetzt schien der Augenblick gekommen. Die Schritte draußen verstummten. Lorenz barg das bereits zerrissene, aneinandergeknüpfte Leintuch unter seinen Kittel und schritt hinaus. Kein Mensch kümmerte sich um ihn, denn er genoß stets größere Freiheiten als die anderen. Einen Augenblick stand er draußen auf der Schanze mit weit atmender Brust. Wie schön die Welt war! Die Fronfeste, einst eine Ritterburg, lag auf einsamer Waldeshöye, über wasserdurchrauschten Tälern.

Der Gefangene beugte sich über die Mauer, die in einen schroffen Felsen überging. Tief, tief unten lief ein schmaler Weg. Das Leintuch würde nicht reichen das sah Lorenz, er mußte springen. Doch er war groß und gewandt. Und es galt den Preis des Lebens.

Jetzt hörte er von fern das leise Jaulen der Wolfshunde: Die zweite Wache nahte. Ein letzter Blick rundum und hinauf zu den flimmernden Sternen dann schwang sich die schlanke Gestalt über die Brüstung der Schanze.

Am Morgen vermißte man ihn, sah das Leintuch zu einem Strick gedreht und fand den leblosen Körper. Der Geist­liche drückte ihm die Augen zu, in denen eine ernste Frage stand, die in Ewigkeit unbeantwortet bleiben würde. Er­schüttert sagte der Direktor:Gerade jetzt, wo er die Gnade Der Freiheit erhalten sollte. Warum hat er nicht gewartet?" Leise meinte der Geistliche:Vielleicht ist es gut so. Gott hat ihm das Bitterste erspart: die Erkenntnis, daß er sein Herz und sein Leben einem Phantom geopfert hatte. Er ge­hörte zu jenen Ausnahmen, die nur in der Vereinigung mit einem einzigen Menschen glücklich sein können und an Ent­täuschungen zugrunde gehen. Er hat sie nicht mehr erlebt und ist im Vollbesitz seiner Liebe und Sehnsucht gestorben. Gott wird seiner Seele gnädig fein."

Minchen.

Skizze von Joh. Edward Brandt.

Das Gesicht Feldwebel Müllers ist aschfahl, als er die masurische Bauernstube verläßt, die sich sein Hauptmann Brennert als Kanzlei eingerichtet. Aber nicht das furchtbare Los des ostpreußischen Dörfchens hat jede Farbe aus feinen Wangen gelöscht. In feinen zitternden Händen hält er die soeben eingelaufene Feldpost, die er zetzt an seine Kompagnie verteilen soll. Und wie der Zufall das so will. Gerade zu Oberst liegt eine rasch mit Bleistift hingekritzelte, an ihn ge­richtete Postkarte.

Nun steht er draußen auf dem Felde und liest noch ein­mal:Lieber Gotthold! Ich weiß nicht, was und wie ich Dir schreibe. Unser Minchen ist tot. Das ist das einzige, was ich denken und zu Papier bringen kann. Hier wütet die Diphtherie­epidemie. Der ist unser einziges Glück zum Opfer gefallen. Tröste Dich, armer Mann, wenn Du kannst! Ich finde keinen Trost und bin nun hier ganz allein. Deine unglückliche Dorothea."

Feldwebel Müller schluchzt. Er ist eine weiche Natur, zum Soldatenstand und nun gar in diesem fürchterlichen Kriege schon gar nicht geschaffen. Dieser Gedanke kommt ihm selbst, vielleicht zum ersten Male, in diesem Augenblick.

Hauptmann Brennert, dem es aufgefallen ist, in welch' seltsamer Verfassung ihn sein Feldwebel nach Entgegennahme der Post verlassen hat, tritt aus seiner Kanzlei.Nun, Müller?"

Der Feldwebel fährt zusammen und nimmt automatisch stramme Haltung an.Zu Befehl, Herr Hauptmann!"

Was ist denn mit Ihnen los, Feldwebel? Ich dachte, Sie halten Kompagnieappell ab."

Jawohl, Herr Hauptmann!" Diensteifrig will sich Müller davon machen.

Nee, nee", ruft da Brennert,erst sagen Sie mir, Feld­webel, was denn eigentlich mit Ihnen los ist! Ich kenne Sie ja gar nicht wieder, Sie sind ja leichenblaß. Doch keine schlechten Nachrichten aus der Heimat, was?"

Wortlos reicht da der Feldwebel seinem Hauptmann die Postkarte, und die hellen Tränen kollern ihm über die blassen Wangen in den Schnauzbart.

Nachdem er die Karte gelesen, bringt Hauptmann Bren­nert zunächst kein Wort über die Lippen. Endlich sagt er ganz leise:War es Ihr Einziges, Müller?"

Mein einziges, Herr Hauptmann!" Der Feldwebel kann nicht weiter sprechen. Der wilde Schmerz schnürt ihm die Kehle zusammen, und er schluchzt.

Hören Sie, Müller, Sie müssen das als Mann tragen", mahnt da der Hauptmann.

Ach ja, Herr Hauptmann. Aber der Herr Hauptmann können sich ja gar keine Vorstellung machen."

Das tann ich schon, Muller, das sann ich schon! Hören Sie... Ich werde Ihnen einen Urlaub in die Heimat er­wirken, wenn Sie das wollen. So schwer es mir auch fällt, Sir- gerade jetzt zu entbehren. Aber ich werde es! Nur müssen Sie mir aushalten, bis die Aufräumungsarbeiten beendet sind. Ist das Ihnen recht?"

Danke, Herr Hauptmann!"

Nichts von Dank, Müller. Aber jetzt halten Sie endlich Ihren Appell ab! Die Leute wollen doch auch ihre Post haben, denke ich. Da wartet sicher manch' einer seit Wochen darauf."

Jawohl, Herr Hauptmann!"

Müller rafft sich zusammen. Sein Weg führt ihn durch das verwüstete Dorf, in dessen Ruinen seine Kompagnie, die als Nachschub den kämpfenden Truppen folgt, Ordnung schaffen soll.

Wie sah das aus! Unfaßbar, unbeschreiblich, arausam. Die

Die Kunst, sich zu erholen.

Ein Kapitel zur Sommerreise von Dr. med. et phil. Gerhard Venzmer - Stuttgart.

Sie müssen sich erholen!" hat der Arzt gesagt. Also werden die Koffer gepackt, man reist irgendwo hin, kommt, wenn der Urlaub zu Ende, zurück; findet eine Unmenge un­erledigter Arbeit vor und stürzt sich wieder in das gewohnte Alltagsleben. Eine Weile geht alles gut; aber es dauert gar nicht lange, so ist man wieder genau so weit wie vor der Erholungs"-Reise. Und übel gelaunt fragt man sich, warum man eigentlich das viele Geld ausgegeben und die Reise ge­macht habe; denn das Ergebnis war eigentlich gleich null!

Warum dieser Mißerfolg? Aus dem einfachen Grunde, weil man es nicht verstand, sich zu erholen. Denn wirkliche Erholung ist eine Kunst, die in unserer überhastigen und tempowütigen Zeit die meisten Menschen verlernt haben. Ich spreche nicht von denen, die wegen irgend eines Leidens Erholung suchen; bei ihnen wird wofern die Krankheit überhaupt besserungsfähig und der richtige Ort gewählt wurde der Erfolg ja nicht ausbleiben. Ich meine viel­mehr jene Gesunden, die das ganze Jahr hindurch in an­strengender Berufsarbeit tätig sind und eine Erholung ebenso nötig haben wie das tägliche Brot. Vielen von ihnen ist die dafür zur Verfügung stehende Zeit nur allzu karg bemessen; umso mehr also gilt es, diese richtig anzuwenden und aus­zunutzen. .

Wie macht man das? Die erste Grundregel ist die, daß Körper und Geist während der Erholung in völlig anderer, möglichst in gerade entgegengesetzter Weise beschäftigt werden als während der Berufsausübung. Die physiologische Wissen­schaft hat nämlich durch mancherlei interessante Versuche nachweisen können, daß die stete Aufeinanoerfolge gleich­gerichteter Reize ermüdend und leistungsmindernd auf den Organismus wirkt. Das gilt nicht nur für den zeitlich be­grenzten Einzelversuch, sondern im übertragenen Sinne für die ständige menschliche Lebensführung überhaupt. In biete Gleichförmigkeit eine Bresche zu legen, ist also der eigentliche Sinn der Erholung. Ein Mensch, der jahraus, jahrem tm Büro, am Schreibtisch festgebannt sitzt, wird also lernen Urlaub mit Wandern, körperlicher Ausarbeitung verbringen. Wen aber der Alltagsberuf zu ständiger Anstrengung der Körperkräfte oder zu immerwährender Ortsveranderung zwingt, der verspürt während seiner Erholungszeit am ehesten Bedürfnis nach körperlicher Ruhe.

Nun kann man beobachten, wie das Erholungsbedurfnis immer mehr anwächst, je mehr die geistige Tätigkeit die körperliche überwiegt; für den Geistesarbeiter wird daher die Erholung zu einem besonders bedeutungsvollen Problem. Eine sich in normalen Grenzen bewegende körperliche Gütig­keit kann ein gesunder Mensch ausüben, ohne recht eigent­lich erholungsbedürftig im engeren Sinne des Wortes zu werden. Das hat wohl seinen riefen Grund darin, daß eine solche Lebensweise im biologischen Sinne ursprünglich ant naturgemäßesten ist. Eine angestrengte geistige Tätigkeit da­gegen kann niemand ohne Unterbrechung leisten. Daß zudem die Ausspannung für. den. Geistesarbeiter viel schwerer ist

Kosaken verbrannten auf Befehl des russischen Generalstabes alles, ehe sie den Rückzug antraten, alles, alles, alles!

Der Kirchplatz dient für den Appell der Soldaten.

Ein Sprung über einen zerbrochenen Kinderwagen un? eine in Trümmer geschlagene Gartenbank, da gelingt es.

Der Feldwebel erreicht seine Kompagnie, und Schenk, der älteste Unteroffizier, meldet:Vierte Kompagnie vollzählig zur Stelle!"

Verteilen Sie die Post, Unteroffizier Schenk!"

Zu Befehl, Herr Feldwebel!"

Wieder wird es schwarz vor Müllers Augen. Es ist ihm alles zuviel in diesem Augenblick. Aber während Unteroffizier Schenk die Namen der Adressaten ausruft und den glücklichen Empfängern ihre Postsachen einhändigt, fällt plötzlich der Blick des Feldwebels Müller auf den in der vordersten Reihe stehenden Musketier Hartung, und er starrt diesen wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt an.

Aber was haben Sie denn da an der Hand, Musketier Hartung?"

Und der Musketier stammelt in tödlicher Verlegenheit; Ich hab», sie in einem Schweinestall gefunden, Herr Feld­webel."

Entgeistert steht Feldwebel Müller da und starrt auf das etwa vierjährige, zerlumpte Mädchen, das wie Espenlaub zittert, während der Musketier es an seiner Rechten halt.

Die ist ja... blond... und hat... blaue Äugen.,. und die sieht ja aus wie sein Minchen, fährt es da durch des Feldwebels Kopf.

Und ganz leise, ganz zärtlich, als sei das Kind wirklich eine himmlische Erscheinung, d:e er wieder verscheuchen könne, beugt sich der Feldwebel zu ihm nieder und sagt:Wie heißt Du denn, Kleine?"

Minchen!"

Und als sei er plötzlich außer sich geraten, als habe 'et seine ganze Umgebung vergessen, wiederholt Feldwebel Müller nurba§ eine Wort:Minchen! Minden! Minchen!" Dann reißt er das Kind in feine Arme und bedeckt es mit heißen und leidenschaftlichen Küssen vor den Augen der ganzen Kom­pagnie.

Die Nachforschungen, die Hauptmann Brennert auf Bitten seines Feldwebels anstellen ließ, ergaben, daß beide Eltern der Kleinen bei dem letzten Straßenkampfe in der Dorfgasse um das Leben gekommen sind.

Und als Feldwebel Müller acht Tage später in Urlaub ging, durfte Minchen, das in der Zwischenzeit das Hätschelkind der vierten Kompagnie geworden war, mit ihm in die Heimat fahren.

Ende.

Geheiligt werde mir dein Name Für alle Zeit.

Du hast mit einem letzten Grame Dies Herz geweiht.

Du hast mit einem letzten Kummer, Das schlafend lag, Dies Herz berührt, da riß der Schlummer, Und es war Tag.

Und es war Tag, doch nicht für beide.

O Frau, du Schwert,

Du hast mit einem letzten Leide Dies Herz versehrt.

Ich schreite fort zu künftigem Geschicke, Mein Herz schlägt heiter und befreit, Sie hatte mir mit einem letzten Glücke Das Herz geweiht.

Ern st Lissauer-

als für den körperlich Schaffenden, liegt ohne weiteres aus der Hand. Der mit der Kraft seiner Hände Arbeitende kann sem Werkzeug ohne viel Umstände beiseite legen und sich sagen: Vor so und so viel Tagen nehme ich es nicht wieoer in die Hand. Der Geistesarbeiter dagegen versteht leider nur noch in den seltensten Fällen die Kunst, die gewohnten Gedanken­gänge für eine Weile völlig aus dem Gehirn zu bannen und so eine wirkliche Umstellung und zeitweilige gedankliche Abkehr von der gewohnten Lebensweise des Alltags zu er­reichen. In weitaus der Mehrzahl der Fälle bewegt sich der Gedankenkreis ob er nun will oder nicht in den eingefahrenen Bahnen weiter; und dies ist der Hauptgrund, weshalb bei so vielen Geistesarbeitern der Erholungsurlaub versagt. Der geistige Mechanismus bekommt es einfach nicht mehr fertig, sich urplötzlich auf Kommandoumzuschalten"; und wie der in Reih und Glied gehende Soldat auch im Schlaf noch weitermarschiert, so arbeitet das Gehirn auch unter veränderten äußeren Bedingungen im gewohnten Ge­leise weiter.

Solche Menschen erklären uns, es sei ihnen unmöglich, wochenlanguntätig" an einem Orte zu sitzen; sie reisen von Stadt zu Stadt, übertäuben die sich immer wieder meldenden Gedanken mit den sonderbarsten Zerstreuungen und wundern sich dann, wenn sie so gut wie gar nichterholt" wieder nach Hause kommen. , Oder aber fte entschließen sich wirklich, ein paar Wochen irgendwo zu bleiben, aber sie lassen sich Nachrichten und Berichte nachsenden, können sich gedanklich nicht für eine noch so kurze Weile von ihrem Beruf lösen; und ihreErholungszeit" ist genau besehen weiter nichts als ein etwas veränderter Geschäftsbetrieb.

Für Menschen dieser Wesensart sie werden leider immer häufiger habe ich eine Seereise, zumal auf kleineren Schiffen mit geringem gesellschaftlichem Betrieb, immer als das weitaus wirksamste Mittel zu wirklicher Erholung ge­funden. Einmal ist trotz Radio die Verbindung zwischen Schiff und Land doch nicht jo eng wie zwischen noch so ent­legenen Orten am Lande. Zum anderen aber und das ist die Hauptsache wirkt, wie die klimatologische Wissen­schaft neuerdings festgestellt hat, die Seeluft gerade in dem Sinne, wie es für die geschilderten Naturen am wünschens­wertesten ist. Sie setzt nämlich Gedankenspannung und Auf­merksamkeit deutlich herab, während der Körper sich wohlig kräftigt und gleichzeitig eine leichte triebhafte Erregung das Nervensystem durchzittert. Tatsächlich ist es dann ja auch, wie jeder Seebefahrene weiß, außerordentlich schwer, sich an' Bord zu geistiger Arbeit zu konzentrieren.

Dieser von der Wissenschaft alspsychomotorische Er­regungssteigerung" bezeichnete Zustand ist es wahrscheinlich, bet jene eigenartige, ständige Feiertagsstimmung hervorruft, wie man sie während einer Seereise erlebt. Hinzu kommt, daß während des Aufenthalts in der bewegten Atmosphäre der Meeresluft die Wärmeabgabe stärker ist als sonst, was der Körper durch eine Steigerung des Stoffwechsels, also durch Hebung des Appetits, auszugleichen sucht. Mit einem Wort: zeitweiliges Ueberwiegen des Körperlichen über das Geistige, also gerade das, was der Geistesarbeiter am nötigsten zu seiner Erholung braucht.