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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg

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Nr. 150 1931

Fulda, Dienstag, 30. Juni

8. Jahrgang

Ausrollung der Reparationsfrage.

Die pariser Besprechungen.

Neue Instruktionen für Mellon.

Die Besprechungen zwischen dem amerikanischen Schatzkanzler Mellon und den französischen Ministern sind am Montag wiederaufgenommen worden. Da die Beratungen hinter verschlossenen Türen vor sich gehen, ist die Öffentlichkeit nach wie vor nur auf Vermutungen über den Verlauf der Konferenz angewiesen. Bald heißt es, daß die Meinungsverschiedenheiten zwischen Amerika und Frankreich weiterbestehen, bald wird betont, daß Amerika unter gewissen Bedingungen Frankreichs nach­geben will.

Das halbamtliche französische Telegraphenbureau Havas, das gute Beziehungen zur französischen Negierung unterhält, will wissen, daß der amerikanische Unterhändler die französischen Gegenvorschläge in ihren Grundzügen annehmen, jedoch versuchen wird, gewisse Einzelabände­rung cn zu erzielen.

Jedenfalls sollen die Verhandlungen so beschleunigt werden, daß das von Hoover angeregte Reparationsfeier­jahr bereits am 1. Juli in Kraft tritt. Man rechnet damit, daß spätestens am Dienstag die Verhandlungen beendet sein werden. Der amerikanische Schatzkanzler Mellon hat auf seine ausführlichen Berichte über die erste drei­stündige Aussprache mit den Mitgliedern des französischen Kabinetts neue Instruktionen aus Washington erhalten, die als Richtlinien für die weiteren Verhandlungen dienen.

Äre Neise nach Nom.

Die Nachricht von der Einladung des Reichskanzlers und des Neichsaußenministers nach Rom wird jetzt auch amtlich durch folgende Verlautbarung bestätigt:

Aus Grund der deutschen Anregung weiterer freund- schaftlicher Aussprachen entsprechend der in Chequcrs stattgehabten Zusammenkunft hat der italienische Ministerpräsident den Deutschen Reichskanzler und den Reichsautzenminister durch Vermittlung des italienischen - ^juch in Rom w nah« Zukunft ehtfaben lassen. Der Reichskanzler und der Reichsautzenminister haben die Einladung des italieni­schen Ministerpräsidenten mit Dank angenommen. Der Zeitpunkt des Besuches bleibt späterer Vereinbarung Vorbehalten.

In der politischen Öffentlichkeit in Deutschland wird die Einladung Mussolinis an Brüning außerordentlich be­grüßt, und es wird darauf hingewiesen, daß Mussolini als einer der ersten Staatsmänner die Unhaltbarkeit der Friedensverträge betont hat. Der Besuch von Brüning und Curtius in Rom dürfte etwa Ende Juli oder Anfang August stattfinden, da am 17. Juli Macdonald nach Berlin kommen wird und anschließend daran der amerikanische Staatssekretär des Äußern, Stimson, in der Reichshaupt- stadt erwartet wird.

Der englischen Besuch in Berlin.

Für den Besuch der englischen Staatsmänner liegt bereits ein in großen Zügen ausgearbeitetes Programm vor, das nur noch Änderungen erfahren dürfte, falls un­vorhergesehene Ereignisse eintreten sollten. Danach wird der englische Außenminister Hendexson am Freitag, den 17. Juli morgens in Berlin mit dem Pariser D-Zug ein treffen. Rcichsaußenminister Dr. Curtius wird zu Ehren seines englischen Kollegen ein Frühstück im kleinen Kreise geben. Am Nachmittag desselben Tages wird dann Pre­mierminister Macdonald im Flugzeug direkt von London in Berlin erwartet.

Als Aufenthalt für die englischen Staatsmänner in Berlin ist das Hotel Kaiserhof vorgesehen. Reichspräsi­dent von Hindenburg wird die englischen Minister am Sonnabend empfangen. Nach der Audienz werden sich die englischen Gäste sodann nach Schloß Hubertusstock in der

Sieg der Linksrepu-Iik in Spanien. Die RegiEung hat in Spanien die Mehrheit der Mandate errungen.

Im Zeichen energischer Abwehr gegen jeden Umsturz­versuch stand am Wahlsonntag ganz Spanien. Die Regie­rung scheint sich die Mehrheit gesichert zu haben: die repu­blikanisch-sozialistische Koalition als Trägerin des ganzen Umsturzgedankens hat nunmehr auch durch die Wahlen ihre revolutionären Handlungen gutheißen lasten. In ein­zelnen Bezirken, in Katalonien zum Beispiel, ist der Sieg der Regierung überwältigend, sie hat hier von den 53 nicht weniger als 42 Sitze errungen.

In Barcelona wurde der Sieg von Macia selbst ver­kündet. Er sagte u. a.:

Am 12. April wurde die Republik proklamiert. Heute zeigt das Volk, wie es diese Republik haben will. Sie muß ganz föderativ und ausgesprochen links orientiert sein. Wenn die Nationalversammlung das katalanische Statut zurüchveist und unser Recht mißachtet, dann werden wir in Katalonien das tun, tvas das Volk uns befiehlt.

Endgültige Wahlergebnisse sind noch nicht bekannt; es kam auch zu keinen besonderen Zwijchensallen.

Die Wahlen in Spanien.

. Madrid. Nach den bisherigen Meldungen bekamen du radikalen Republikaner (Lerrax) 100, dre Sozialdemokraten llll die Partei des Kriegsministers Acton

Parlament. Die rechtsliberalen Republikaner und taten Sozialisten haben schlechter wie vermutet wurde ab geschnitten Das Ergebnis der Wahlen steht noch au.

Schorfheide begeben, das dem preußischen Ministerpräsi­denten für seinen Wochenendaufenthalt sonst zur Verfü­gung steht. In Hubertusstock sollen dann die politischen Wochenendgespräche fortgesetzt werden. Am Montag wer­den Macdonald und Henderson dann wieder Berlin ver­lassen.

Schloß Hubertusstock,

in der Schorfheide nördlich von Berlin, das Jagdschloß des preußischen Ministerpräsidenten, ist nach den jüngsten Dis­positionen als Wochenendaufenthalt für die englischen Minister ausersehen.

Mellons -nngen-s Bttte.

Amerikanischer Druck auf Frankreichs

Wie aus Paris verlautet, hat der amerikanische Schatz- sekretär Mellon der französischen Regierung die dringende Bitte übermittelt, die amerikanischen Vorschläge endgültig anzunehmen. Dem Vernehmen nach gehen diese Vorschläge darauf hinaus, daß Deutschland die ungeteilte Nutznießung auch des ungeschützten Teils der Reparationen zinslos ge sichert werden soll.

Der französische Ministerrat trat zusammen, die Ent scheidung dürste nunmehr nachts zwischen Mellon und den frjmüitft&JäJU^^ feir. P^^glsulrt, saß &; französische Regierung nunmehr auf Grund gewisser Köm Prämisse bereit sein werde, dem amerikanischen Vorschla g zuzustimmen.

Belgiens Antwort an Dosver.

Die belgische Regierung hat ihre Antwort an Hoover adge sandt. In der Antwort stimmt die Regierung dem Vorschlag Hoovers grundsätzlich zu, lenkt jedoch die Aufmerksamkeit zu­gleich auf die besondere Vage Belgiens und auf den besonderen Charakter der belgischen Forderungen, die lediglich dem Zwecke bestimmt seien, die Schäden wieder gutzumachen. Die belgische Regierung erinnere daran, daß Deutschland sich auf der Kon­ferenz von Versailles bereit erklärt habe, Belgien völlig wieder­herzustellen.

Amerikanisches Kommunique über die Pariser Verhandlungen Mellons.

W a s h i n g t 0 n , 29. Juni.

Nach längeren Beratungen mit dem Präsidenten Hoover gab Unterstaatssekretär Castle heute abend über die Verhand­lungen zwischen Schatzsekretär Mellon und dem französischen Ministerpräsidenten Laval ein formelles Kommunique aus, in dem die französische Regierung als die einzige bezeichnet wird, die sich n i ch t e i n m a l p r i n z i p i e l l mit dem Plan Hoovers einverstanden erklärt hat. Castle sagte wörtlich:Soweit wir unterrichtet sind, haben jetzt sämtliche Regierungen im Prinzip dem Plan Hoovers zugestimmt mit Ausnahme der französischen. Es haben sich einige Schwierigkeiten ergeben, den französischen Standpunkt mit dem des Präsidenten Hoover in Uebereinstim­mung zu bringen. Zwischen dem Botschafter Edge und dem Schatzsekretär Mellon sowie den französischen Staatsmännern finden noch Erörterungen statt." Diesem Kommunique fügte Castle noch hinzu:Wir verhandeln immer noch, das ist das, was wir gegenwärtig sagen können."

Generarstrett in Granada

Madrid. Für Montag erklärten die Syndikalisten in Granada den Generalstreik, der ungefähr 14 (100 Arbeiter um- fafet zwecks Erreichung des Sechsstundentages als Mittel zur Lösuna des Arbeilslosenproblcms. In der Provinz Huelva sind die Chauffeure in den Streik getreten. In Valencia dauern hie Teilstreiks fort.

In Sevilla bat die Polizei auf dem Militärflugplatz 600 Fliegerbomben beschlagnahmt, die der Major Franco erst vor einiaen Taaen mit Zündern hatte versehen lassen, was auf die außerordewltchc Gefahr schließen läßt in der sich Andalusien befand, wenn nicht General «Sanjurjo sich zum Herrn der Laae hätte machen können.

Schlägereien an der Berliner Universität.

Vor ü vergeh ende Schließung der Universität.

An, Montag mittag kam es in der Berliner Univer- sität, wo die nationalsozialistischen Studenten als Erwide- rung auf eine kommuuistische Studentenkundgebung, die zwei Tage vorher stattgcsundeu hatte, einen Stehkonvent abhiellcn, zu Schlägereien. Als die Polizei eingriff, zogen sich die Nationalsozialist-: ' in die Haupthalle der Univer- sität zurück und sangen dort ihre Kampflieder. Darauf wurde vom Rektorat die einstweilige Schließung der Uni» versitât verfügt, woraus die Polizei das Gebäude räumte.

Ob die Universität bis zum Schluß des Semesters ge­schlossen bleiben wird, steht noch dahin.

DieRettung" des Noung- planes.

Mehrals nur eigenartig dürfte es alle Nicht-Franzosen anmuten, daß in der Kammersitzung, als das Kabinett Laval auch DieRettung" der ungeschützten Zahlungen des Young-Planes festgelegi und damit jedes Opfer Frankreichs auf dem Altar der Hoover-Rotschaft abgelehnt wurde, etwa Die gleiche hierfür in Frage kommende Summe für Den weiteren Ausbau des Befesti­gungswerkes an Der französischen Ost - grenze bewilligt wurde. Weniger eigenartig freilich ist, daß in der Kammer eine Art partei-politischen Burg­friedens abgeschlossen wurde, weil und so lange es sich um Die sogenannteVerteidigung Der Interessen Frank­reichs" Die Erhaltung Der Unversehrtheit des Young- Planes handelte. Nur Herr Herriot, Den wir in Deutschland bisweilen als unserenFreund" feierten, wolltepäpstlicher als der Papst" sein in seinen Angriffen auf Deutschland, und das war sogar Dem französischen Ministerpräsidenten zu viel: Die scharfe Zurückweisung Herriots durch Laval führt Dann allerdings dazu, daß jener ehemalige Mitschöpfer des Dawes-Planes zur Oppo­sition hinüberschwenkte. Hatte er doch mit gleichem Eifer im März auch schon gegen das Projekt der deutsch-öster­reichischen Zollunion gewettert.

Der französische Ministerpräsident ist innenpolitisch aber in einer so unsicheren Lage, daß er es kaum riskieren könnte, Dennormalen Weg" bei den Verhandlungen mit Amerika über die Vorschläge Hoovers zu gehen. Dieser Weg wäre, eine Abmachung mit dem Staatssekretär Mellon zu treffen und diese dann Der Kammer zur Rati­fikation vorzulegen, Da ein Verzicht auf Teile der deut­schen Tributleistungen das parlamentarische Budgetrecht berühren würde. Statt Dessen versteckten sich Der Minister­präsident und sein Außenminister Briand hinter einem vorweggenommenen Beschluß der Deputiertenkammei und dürften Damit zunächst schon den ersten Erfolg erzielt haben, Der nun allerdings Die Idee Der Botschaft Hoovers starkdenaturiert". Denn es hat den Anschein, als seien die Amerikaner bereits Damit einverstan­den, daß Die Zahlung derungeschützten" Jahresleistungen Deutschlands sortge- s e $1 weisen [pH Nur darüber scheint man in Paris zwischen den Franzosen und Mellon sowie dem amerika­nischen Botschafter noch zu verhandeln, was mit Dieser Summe nun eigentlich zu geschehen hat. Hierüber bat Die französische Antwortnote an Hoover ja derartig zahlreiche Wünsche zum Ausdruck gebracht, daß vermutlich für Die Rückzahlung" an Deutschland nicht mehr viel übrig blei­ben würde. Soll doch auch ein Teil der jetzt laufenden Sachlieferungen deutscher Firmen an das Ausland aus diesem Fonds bezahlt werden, der unter Der Überschrift Kredit an Deutschland" geht und einem zwar nicht aus­drücklich geäußerten, aber doch auf der Hand liegenden Verlangen Frankreichs zufolge auch noch verzinst werden soll.

Der französische Gegenangriff scheint also schon so weit vorgetragen zu sein, daß die Amerikaner bereits in die Verteidigung gedrängt sind und ihre Front hier und da zurückgenommen haben. Ganz wohl ist ihnen Dabei nicht, und infolgedessen mehren sich die Nachrichten, die von einer bevorstehenden Heranziehung Deutschlands zu Den amerikanisch fran­zösischen Verhandlungen sprechen. Es sieht fast so aus, als wolle man dadurch die Verantwortung für jene Denaturierung" der Vorschläge Hoovers auch Deutsch­land mittragen lassen. So etwa folgendem Sinne nach: Wenn Deutschland mit diesenEinschränkungen", mit dieser tatsächlichen Verstümmelung der ursprünglichen Idee Hoovers einverstanden ist, die darauf abzielte, für allepolitischen" Schulden ein einjähriges -"Moratorium durchzuführen, wenn also Deutschland einwilligt, trotz­dem Die ungeschützten Zahlungen des Young-Planes, die alsReparations'leistungen reinpolitischer" Art sind, auch in diesem Jahre weiter zu entrichten, dann hat auch Amerika nichts mehr hiergegen einzuwenden. Denn als eine Hilfeleistung auch für Deutschland war der Vorschlag Hoovers ja gedacht!

Vielleicht sind Die K 0 ntr 0 ll- unD Die Ein- schränk ungsforderungen der französischen Ant­wortnote wegen der Verwendung desKredits" der Internationalen Bank an Deutschland und Der sonstigen deutschen Ersparnisse aus Der einjährigen Nichtzahlung der Young-Plan-Verpflichtungen überhaupt nur des­wegen aufgestellt worden, um Frankreich bei feinen Ver­handlungen mit Amerika die Möglichkeit vonZu­geständnissen" zu geben. Man verlangt einfach mehr, als man tatsächlich erreichen will, undläßt mit sich reden" Was man wirklich herausholen will, hier also dieRettung" des Young-Plans durch Fortsetzung der deutschen Zahlungen wenigstens für einen Teil der uns auferlegten Verpflichtungen, wird Damit doch ge­wonnen und wird noch mit dem falschen Heiligenschein desEntgegenkommens" versehen. Daß gleichzeitig damit aber die eigentliche, die weltwirtschaftlich bedeutsame Idee der Vorschläge Hoovers zerstört wird, bleibt dann wohl unbeachtet, wenn überhauptetwas herausgekommen' ist.

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Der sogenannte Berliner Vertrag ist zwischen Deutschland und Rußland verlängert worden.

* Zm preußischen Staatsministerium wurde der Austausch der Urkunden zu dem Vertrage Preußens mit den evangeli­schen Landeskirchen vorgenommen.

* Zn der Paulskirche in Frankfurt a. M. und auf Schloß Nassau, der Eeburtsstätte Steins, fanden Stein-Gedenkfeiern statt, bei denen die Minister Severing und Wirth Reden hielte«.