Das Reparationsfeierjahr.
Als vor kurzem die Vereinigten Staaten zur Deckung plötzlich notwendig gewordener Ausgaben eine innere Anleihe von 350 Millionen Dollar auflegten, war sie in ein paar Tagen achtfach überzeichnet, hatte das amerikanische Volk 2,6 Milliarden Dollar — 10 Milliarden Mark — zur Verfügung gestelltI Dieses kleine, fast unbeachtet schnell vorübergehende Vorkommnis zeigt — und nicht etwa bloß der Goldschatz von 20 Milliarden Mark Ame- rikas, der von 10 Milliarden Mark Frankreichs — den zu verhängnisvoller Groteskheit emporgesteigerten Widerspruch in unserem heutigen Weltwirtschaftssystem: es gibt Teile in ihm, wo Goldozeane bestehen —, und daneben so gut wie ausgedörrte Teile, aus denen die Reste der Gold- und Vermögensbestände abgesaugt werden, statt daß aus jenen fast überquellenden Vorräten „SSaffer* zur Befruchtung herübergeleitet wird.
In der Botschaft Hoovers wird dieser Zustand mit unzweideutigen Worten als vorhanden bezeichnet, und was der amerikanische Präsident den Schuldnerstaaten bringen will, ist — immer abgesehen von Frankreich — eine einjährige Unterbrechung des Abfluss es der Goldfluten, der Vermögenswerte aus jenen immer mehr eintrocknenden Gebieten. Denn in dem Goldozean zu stehen, ist auch keine reine Freude, führt auch zu großen Nachteilen, weil das Weltwirtschaftsshstem gewissermaßen ausbalanciert sein muß, um einigermaßen richtig zu arbeiten. Hoover beklagt es, daß dieser widernatürliche Zustand, wie er jetzt ist, zu einem starken Rückgang der Konsumkraft und damit der Aufnahmefähigkeit der goldentblößten Länder geführt hat, was nicht zuletzt die gesamte amerikanische Wirtschaft, ihre Erportindustrie, ihre Landwirtfchaft und von dort aus wieder die für einheimische Bedarfsdeckung arbeitenden Industriezweige verspürten und steigend verspüren. Auch dem König Midas ist es ja schließlich recht schlecht bekommen, als ihm der Gott Apollo die Gabe verliehen hatte, daß alles, was er berührte, zu Gold wurde; flehentlich bat er um Zurücknahme dieses Geschenkes, als ihm statt Speise und Trank nur Gold den Mund füllte.
Man konnte den widernatürlichen Zustand in dem störungsempfindlichen Weltwirtschastssvstem und seine Folgen nicht dadurch beseitigen, daß man ihn iti Amerika — als eine europäische Angelegenheit betrachtete und behandelte. Jetzt will man auf ein Jahr seine Steigerung verhindern. Kann es aber nach diesem Jahr alles wieder so — oder noch schlimmer — werden, wie es war? Deutschland wird, wenn Frankreich nachgibt, ein Jahr hindurch eine Entlastung von anderthalb Milliarden erfahren. Daß dies, daß überhaupt ein R e p a r a 1 i o n s- feierjahr genutzt werden mutz, um die Sanierungsarbeit in Reich, Ländern und Gemeinden mit äusserster Energie durchzuführen, ist selbstverständlich, aber jede Sanierung verlangt — Opfer. Datz wir selbst mit der Notverordnung diese Sanierung immer noch nicht erreicht hätten, ist kein Geheimnis. Denn die ständige wirtschaftlich-finanzielle „Austrocknung" führte ja ein immer weiteres Sinken der öffentlichen Einnahmen, ein Steigen der Ausgaben und der Schulden herbei, was nur zum Teil durch ein unerhört scharfes Herabdrücken unserer Lebenshaltung ausgeglichen werden konnte. Datz dies alles aber nicht in einem Jahr gründlich durchgeführt werden kann, daß ein wirklicher Erfolg der Sanierungs- arbeit ausbleiben müßte, wenn nun nach einem Jahr wieder alles so sein sollte wie zuvor, setzt unseren weiteren politischen Anstrengungen das Ziel.
Letzten Endes soll aber Hoovers Vorschlag nicht nur geld- und kreditpolitische Auswirkungen haben, sondern vor allem wirtschaftliche. Wenn man will: welt- wirtschafts-psychologische. Es sollen nicht bloß gewisse äußere, sondern auch innere Voraussetzungen für eine wirtschaftliche Initiative geschaffen werden; an die Stelle der Hoffnungslosigkeit, der fatalistischen Ergebung in ein „Es wird ja doch nicht besser!" soll ein kräftiges Wollen treten, um die Weltkrise zu überwinden. Man hat Hunderte von „Gründen" für diese Krise bei der Hand, sieht aber doch nur den krisenhaften Zustand und weiß nicht, warum er eingetreten ist. Der Träger der Wirtschaft ist eben immer und überall doch letzten Endes der Mensch — und rund um den Erdball durchzuckte die wirtschaftenden Menschen die Kunde von der Botschaft Hoovers. Um das viel mißbrauchte Wort anzuwenden: Neben der äußeren, der kreditpolitischen „Ankurbelung" soll eine innere Ankurbelung der Wirtschaft erfolgen. Darum erklärte auch der amerikanische Staatssekretär Stimson, daß jedes Handeln und Feilschen um die Vorschläge Hoovers gerade diese, die wirtschafts-psychologische Wirkung hemmen, stören, ja zerstören müßte. Man muß den guten Willen ganz unbedingt haben und ihn zeigen, um das Wollen, die Initiative, die Energie, die Hoffnung auf ein Aufwärts wieder erwecken zu können. In der ganzen Welt und für die ganze Welt.
Schärfste Sparsamkeiispoliiik.
Reichsministerbesprechung über den Hoover- Plan.
In der Reichskanzlei fand am Dienstag eine Minister- besprechung statt, die sich mit den durch den Hoover-Plan aufgeworfenen Fragen beschäftigt. Es ist anzunchmen, saß im Rahmen der Aussprache auch die inneren Auswirkungen eines Tributfeier ; ahres erörtert werden. Die Meinung geht bei allen Kaütnetts- mitglievern übereinstimmend dahin, daß den teilweise bereits an die Reichsregierung herangetragenen Wünschen auf Entlastung, die mit den Tribuiersparnissen begründet werden, unter keinen Umständen Rechnung getragen werden kann. Das Reichskabinett ver- tritt vielmehr die Auffassung, daß, falls der Hoover-Plan verwirklicht wird, alle eintretenden Ersparnisie zur Stärkung und Sicherung der öffentlichen Finanzwirtschaft unter Fortsetzung schärfster Sparsamkeitspolitik verwende«-, werden müssen.
Eine Erklärung des Reichsbanners.
Gegenüber Behauptungen, das Reichsbanner habe im Jahre 1924 fremdländische Gelder zur Wahlpropaganda gegen Hindenburg bekommen, erklärt der Bundesvorsitzende H ö r s i n g : Im Jahre 1924 seien ihm von einem Herrn Lehmann-Hutzbüldt Mittel für die Organisation des Reichsbanners angeboten worden, von denen ausdrücklich gesagt wurde, sie stammten aus deutschen republikanischen Kreisen. Herr Lehmann-Rußbüldi war zwar bis dahin dem ersten Bundesvorsitzenden persönlich völlig unbekannt, aber die über ihn eingehotten Auskünfte lauteten so einwandfrei, daß kein Anlaß bestand, die angebotenen Mittel im Betrage von 5000 Mark (30 000 französische gratis) nicht entgegenzunehmen. Irgendwelche politische Bedingungen wurden dem Reichsbanner weder damals noch später gestellt. Um so weniger sind damals dem Ober- Präsidenten Hörsing auch nur die leisesten Andeutungen gemacht worden, daß diese 5000 Mark aus fremdländischem Quellen herrührten.
Neue Kraft unb neuer Glaube.
Hundertjahrfeier der Industrie- und Handelskammer Düsseldorf.
Bei der Hundertjahrfeier der Industrie- und Handelskammer Düsseldorf drückte der preußische Handelsminister Dr. Schreiber nach einer historischen Würdigung der Leistungen der Kammer die Hoffnung aus, daß aus dieser Betrachtung eines Jahrhunderts deutschen wirtschaftlichen Werdens neue Kraft und neuer Glaube ausgchen möge für die Zu- unft. In der gegenwärtigen Notzeit sei es Ausgabe der öffent- nch-rechtlichen Körperschaften, mehr noch als sonst hinauszu- wachsen über die Bedeutung einer reinen Interessenvertretung und die V erantwortung besonders stark zu empfinden, die ihnen als wirtschaftlichen Berater nicht nur eines Berufsstandes, sondern der ganzen Nation auferlegt sei. Unser Volk in allen seinen Schichten krankt daran, daß cs über die großen Zusammenhänge wirtschaftlichen Geschehens nur mangelhaft aufgeklärt ist. Sonst würde es erkennen, daß die Regelung der Reparationsfrage nicht von uns allein abhängl und unsere Schwierigkeiten nicht schon durch innendcutsche Wirtschafts- reformen, so notwendig sie im einzelnen sein mögen, beseitigt werden können. . Das Gefühl für die Gemeinschaft wirtschaftlichen Schicksals, dem sich kein Berufsstand entziehen kann, würde stärker entwickelt sein und unvermeidliche Lasten in der Überzeugung einer Beteiligung aller Schichten leichter tragen lassen, als das heute geschieht. Hier erwächst den Kammern in Notzeiten mehr denn je die Aufgabe, Aufklärung zu verbreiten in ihren Berufsständen und darüber hinaus im ganzen Volke.
Handelsminister Dr. Schreiber sagte weiter: „Wir alle empfinden dankbar die Initiative, die der Präsident der Ver- eingten Staaten von Nordamerika für Erleichterung der Wirtschaftsnöte der Welt und zur Festigung der finanziellen und wirtschaftlichen Lage unseres Landes ergriffen hat. Wir legen uns mit voller Klarheit Rechenschaft darüber ab, daß dieser Schritt der Ausgangspunkt sein kann für eine allmähliche Ge- sudung der weltwirtschaftlichen Verhältniße. Hoffentlich erfolgt die Antwort aller Völker auf den amerikanichen Vorschlag in wahrhaft europäischem Geiste.
Der Präsident des Deutschen Industrie- und Haudelstages, Franz von Mendelssohn, betonte die Pflicht, mit äußerster Klarheit die Wirklichkeit zu erkennen. Er begrüße den großen und starken Schritt des Präsidenten Hoover und wünsche nichts sehnlicher, als daß Europa nicht hinter Amerika zurückbleibe.
Geheimrat Duisberg, Präsident des Reichsverbandes der Deutschen Industrie, bezeichnete als Voraussetzung für erfolgreiche Verhandlungen in der Reparationsfrage die Ordnung unserer finanz- und wirtschaftspolitischen Verhältnisse.
Verständnis in England.
Erklärungen der Reichsfinanzministcrs Dr. Dietrich.
Der Reichsfinanzminister Dr. Dietrich gewährte dem Vertreter des Reuter-Bureaus eine Unterredung, in der er erklärte: „Die Vorgänge der letzten Tage zeigen, in welcher Schick- salsverbundcnhett sich die Wirtschaftsvölker der Welt befinden. Die unerhörten Sorgen und Schwierigkeiten, welche die vergangene Woche Europa und vornehmlich Deutschland bedrückt haben, sind dadurch entstanden, daß die deutsche Wirtschaft zu einem erheblichen Teil mit Mitteln ausgebaut ist. die kurzfristig in den Jabren der Scheinblüte nach Deutchland hereingeflossen sind. Der Versuch, große Teile dieser kurzfristigen Kredite plötzlich aus Deutschland herauszuholen, hat dazu geführt, daß die Schuldner bei der Reichsbank Devisen angefordert haben in einem Ausmaße, das immer bedenklicher wurde. Der Sturm darf wohl als beschworen angesehen werden. '
Daß England, das am stärksten in die Weltwirtschaft verflochten ist und alle diese Sorgen kennt, auch selbst darunter leidet, Verständnis für diese Lage zeigen werde, hatten wir erwartet. Daß es in dieser energischen Weise, wie es in letzter Zeit geschehen ist, bei der Behebung der Schwierigkeiten mitgewirkt hat, dafür sind wir ihm Dank schuldig."
Geireide gegen Marinen.
Der Inhalt des deutsch-rumänischen Handelsvertrages.
Der deutsch-rumänische Handelsvertrag, der in den nächsten Tagen in Genf unterzeichnet wird, steht vor, daß Deutschland Rumänien für F u t t e r g e r st e einen Abschlag von 50 Prozent des jeweiligen autonomen Zollsatzes gewährt, für Mais sogar einen 6üprozentigen Abschlag. Umgekehrt gesteht Rumänien erhebliche Ermäßigungen seines Zolltarifs für deutsche Jndustrtewaren zu. Deutschland erwartet, daß die Zollermäßigungen für Jn- dustrieprodukte die Möglichkeit bieten werden, daß Rumänien bei der Steigerung seiner Kaufkraft durch erhöhten Agrarerport nach Deutschland in der Lage sein wird, größere Mengen deutscher Jndustriewaren als bisher zu kaufen. Deutschland hat keine Abnahmeverpflichtung für bestimmte rumänische Getreidemengen übernommen, sondern die Ausnutzung des Zollabschlages für Gerste und Mais bleibt dem freien Handel überlassen. Da«« deutsche Maismonopol bleibt unberührt.
Rund vier Millionen Arbeitslose.
Berlin. Die Entlastung des Arbeitsmarkles hat nach dem Bericht der Reichsanstalt für die Zeit vom 1. bis 15. Juni 1931 in der ersten Hälfte des Monats Juni weitere Fortschritte gemacht. Die Bewegung hat sich zwar gegenüber den früheren Stichtagen verlangsamt, sie war aber günstiger als in dem gleichen Zeitraum des Vorjahres, wo die konjunkturelle Verschlechterung die saisonmäßige Belebung überdeckte. Die Zahl der bei den Arbeitsämtern gemeldeten Arbeitslosen. die am 31 Mai noch rund 4 053 000 betrug, ist zum 15. Juni auf rund t Millionen zurückgegangen In der Arbeitslosenversicherung hat die Zahl der Haupiumerstützungsempfänger um mehr als 100 000 abgenommen und lag am 15 Juni bei rund 1 476 000. Tie Zahl der Krisenunterstützten hat noch, wenn auch unerheblich, zugenommen, und zwar um rund 4000 aus rund 933 000.
Em Deutscher in Cayenne.
Um die Befreiung des letzten deutschen Kriegsgefangenen.
Zu dem Fall Paul Schwartz, des letzten deutschen Kriegsteilnehmers, der sich noch immer in der französischen Strafkolonie Cayenne befindet, wird nun bekannt, daß sich auch ein französischer Rechtsanwalt, der Abgeordnete Eugene Frot, der Sache angenommen hat. Es handelt sich bekanntlich um eine grundsätzliche Frage, die Frage der Staatsangehörigkeit.
Um die formellen Schwierigkeiten zu beheben, hat auch Rechtsanwalt Frot, ebenso wie kürzlich der deutsche Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Grimm, an das französische Kriegsministerium einen Antrag auf Entlassung des Paul Schwartz aus dem französischen Staatsverband gerichtet. Es wäre zu wünschen, daß dieser Antrag endlich Erfolg hätte und so ein deutscher Kriegsteilnehmer nach über 12 Jahren der Gefangenschaft als letztes Opfer des Krieges endlich freigelassen würde.
Neue Verschwörung in Spanien.
Madrid. In Barcelona wurde in kommunistischen Wahlversammlungen zum Klassenkamps augefordert. Besonders trat dabei der französische kommunistische Abgeordnete Marty her- vor, den der Gouverneur wegen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit sofort über die Grenze abschieben ließ. Major Franco sprach in Sevilla, wo er radikalste Forderungen ausstellte und die autonome andalusische Republik verlangte.
Fassadenkletterer und Schönheitskönigin.
Der Filmartist als Juwclcnräuber.
Vor zwei oder drei Monaten erschien in einem Juwelen- unb Uhrengeschäft in Berlin W ein junger Mann, um einen Wecker reparieren zu lassen Während der Uhrmacher sich den Wecker besah, hielt ihm der Mann plötzlich mit den Worten: „Geld her!" einen mit Chloroform getränkten Schwamm vor das Gesicht und versuchte ihn zu berauben. Der Versuch mißlang, und der Räuber wurde auf der Straße sestgenommen Wer er war, konnte lange Zeit nicht feftgeftcöt werden Jetzt aber, da er sich wegen seiner Tat vor Gerich, zu verantworten hatte, brachte seine Vernehmung eine überraschende Aufklärung über seine Persönlichkeit: er heißt
Alsred Torge und ist ein bekannter Artist.
Torge war ursprünglich Kondttor. Da er sehr geschickt ist, hatte er bald verschiedenen Artisten, mit denen er bekannt geworden war, ihre Tricks abgelernt. Er trat dann als Fallschirmspringer auf und ist einmal in Leipzig aus einem Flugzeug mit dem Fallschirm mitten in einer Haupwerkehrsstraße abgefprungen und im Anschluß daran die Fassade eines großen Gebäudes emporgeklettert. Das wurde damals so besannt, daß Torge sofort als „Filmaktist" engagiert wurde; in einem großen Kriminalfilm stellte er sogar die Hauptrolle. Auch in einem bekannien Zirkus ist er aufgetreten: er sprang hier von der Ztrkusluppcl aus mit seinem Fahrrad ins Wasser. Hierbei assistierte ihm feine Freundin — und das ist ein besonders interessantes Kapitel, denn diese Freundin ist niemand anders als
„Miß Berlin 1931".
d. h. die Dame, die in Diesem Jahre bet einem der bekannten Schönheitswettbewerbe für Berliner Schönheitskönigin gewählt worden ist. Mit ihrem richtigen Namen heißt sie Margarete Köpp. Fräulein Köpp lebte lange mit Torge zusammen. Als er kein Geld mehr hatte, weil er tm Winter während eines Ausfluges nach Moniecarlo alles verspielt hatte, erklärte sie kategorisch, daß sie sich von ihm trennen würde, wenn er kein Geld beschaffen könne. Daraufhin will Torge zu dem Juwelier gegangen sein, um „Geld zu beschaffen". Vpr Gericht erschien die „Schönheitskönigin" in einer ganz modernen eleganten Toilette, um Zeugnis abzulegen. Aus die Richter machte sie offenbar keinen ganz so günstigen Eindruck wie der Angeklagte, Der trotz des schweren Raubversuches zu nur neun Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Das Gericht erklärte ausdrücklich, daß es aus den merkwürdigen persönlichen Verhältnissen Torges weitgehende Milderungsgründe bergeleitet habe.
Der „fette Deutsche" — es war einmal.
Frankfurt a. M., 23. Juni.
Die englischen Aerzte, die sich vor einiger Zeit in Frankfurt am Main zum Kongreß des „Royal Institute of Publice Health" zusammengefunden hatten, berichten jetzt in der englischen Tages- und Fachpresse über ihre Eindrücke in Frankfurt a. M. und den anderen von ihnen besuchten Plätzen. „Der fette Deutsche" (wie einst der deutsche Typ vom Engländer bezeichnet wurde), schreibt ein englischer llniversitätsprofessor, existiert heute nicht mehr. Die meisten Deutschen sind jetzt sportlich schlank, haben eine gesunde braune Hautfarbe. Die Kinder machen einen gesunden und sehr sauberen Eindruck. Verschiedene tiefer blickende englische Beobachter stellen die Folgen der schweren Krise in Deutschland an dem Aussehen der zahlreichen Erwerbslosen fest, die aber trotz aller Armut, Dürftigkeit und des schmalen Aussehens immer noch den Eindruck gewisser Gepflegtheit machten. Einstimmig wird der hohe Stand der ärztlichen Wissenschaft und Kunst bewundert. Die Säuglingspflege besonders bezeichnen Frauenärztinnen als vorbildlich für alle Frauenärzte und Kinderpjlegerinnen, namentlich äußert sich eine Aerztin begeistert über das Säuglingsturnen. Auch die Eheberatungsstellen finden die uneingeschränkte Bewunderung. Eingehend wird über die modernen Ernährungsmethoden und die zweckmäßige Zubereitung von Gemüse berichtet, wie es die englischen Aerzte nach einem Vortrag des Bad Homburger Kurarztes kennen lerntest. Auch die Gerföndiät, wie sie in Lasicl- Wilhèlmshöhe gepflegt wird, fänden den Beifall der englischen Hygieniker.
Das Gutenbergfest in Mainz.
Mainz, 23. Juni.
Im Rahmen der Gutenbergseier fand gestern im Kurfürstlichen Schloß ein Gutenberg-Abend statt, bei dem Direktor Dr. Ruppel über „Gutenberg und sein Werk" sprach. Der Vortragende gab in gedrängter Kürze eine Uebersicht über den neuesten Stand dessen, was man von Gutenbergs Leben und Erfindung sicher weiß. Er sprach über den Geburtstag, das Geburtsjahr, den Geburtsort und das Geburtshaus Gutenbergs, über die Auswanderung des Erfinders aus seiner Vaterstadt, über seine politische Gesinnung und über die Wandlung derselben, über seinen Aufenthalt in Straßburg, über seine dortigen Prozesse wegen Bruchs des Eheversprechens, Beleidigung eines Straßburger Bürgers und wegen Geheimhaltung einer Erfindung, die wir als die Anfänge der Druckkunst bezeichnen müssen. Es wurde ferner geschildert, wie der nach Mainz zurückgekehrte Gutenberg mit Hilfe des Mainzer Bürgers Fust eine große Druckerei gründete, wann er die ersten Presseerzeugnisse herstellte, und wie er etwa 1457 einen finanziellen Zusammenbruch erlitt, von dem er sich nicht mehr erholen sollte. Der alt gewordene Gutenberg wird 1465 Hofmann des Mainzer Kurfürsten, der ihm Kleidung und Nahrung bis an sein Lebensende zusichert. Nach der Beweisführung des Vortragenden blieb Gutenberg entgegen der Ansicht anderer Eutenbergforscher in Mainz. Hier ist er auch gestorben und begraben. Die Gutenberg-Gesellschaft hat in diesem Frühjahr eine Versuchsgrabung aus dem Gelände der ehemaligen Franziskanerkirche, in der Gutenberg seine letzte Ruhestätte gefunden hatte, unternommen. Da jedoch bei diesen Grabungen zwar eine ganze Anzahl Bestattungen, aber keine Grabzeichen ober sonstige Erkennungszeichen, die aus die Persönlichkeit der Bestatteten Rückschlüsse zu- lietzen, gefunden wurden, erscheint es unwahrscheinlich, daß man bei größeren Grabungen die Leiche Gutenbergs identifizieren könnte. Zum Schluß würdigte der Vortragende die Druckkunst als die größte und folgenschwerste Erfindung, die jemals von einem Menschen erdacht wurde.
Vermischte Nachrichten
Dienstentlassung eines nationalsozialistischen Studienrats.
Berlin. Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitieilt, hat das Provinztalschulkollegium Berlin den nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten Smdienrat Dr. Löpelmann von Der „Fichte-Realschule" in Berlin-Friedenau durch Disziplinar- urteil vom 23. Juni mit Dienstentlassung bestraft wegen fortgesetzter Beschimpfungen und Beleidigungen gegenwärtiger und ehemaliger Mitglieder der Reichs- und preußischen Staatsregierung.
Fahrt des Propellertriebwagens nach Westdeutschland.
Berlin. Voraussichtlich wird der Propellerrriebwagen bis Donnerstag, den 25. Juni, in Berlin bleiben. Es ist geplant, danach den Wagen im Fahrplan mit gewöhnlicher D-Zug-Geschwindigkeit über Magdeburg, Halberstadt, Goslar, Paderborn und Elberfeld nach Düsseldorf zu fahren. Die Reichsbahn wird aus dieser Fahrt Lokomotivlotsen stellen. Von Düsseldorf wird der Wagen dann über Essen nach Hannover gefahren, wo er voraussichtlich am Sonnlag eintrifft. Bis Donnerstag abend steht nach diesem Plan der Propellertrieb- wagen wie bisher auf dem Bahnhof Rennbahn Grunewald- Stadion in Berlin zur Besichtiguna frei.
Amerikanische Flieger zum Weltrundslug gestartet.
Newyorl. Aus dem Flugplatz Roosevelt-Field sind die amerikanischen Flieger Post und Gatty zum Flug nach Harbor Grace als der ersten Etappe des beabsichtigten Weltrundfluges gestartel. Sie planen einen Ohne-Hall-Flug von Harbor Grace nach Berlin.