Zulöaer Anzeiger
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Nr. 112 — 1931
Fulda, Freitag, 15. Mai
8. Jahrgang
Niederlage Briands!
Doumer zum neuen Präsidenten Frankreichs gewählt. — Auhenminister Briand hat sein Rücktrittsgesuch eingereicht, ist aber diesmal noch nach Genf gegangen. — Neuer außenpolitischer Kurs Frankreichs?
Die Ueberraschung.
Die französische Präsidentschaftswahl in Versailles endete im zweiten Wahlgang mit dem überwältigenden Sieg des Senatspräsidenten Doumer mit 504 Stimmen gegen den radikalsozialistischen Kandidaten Marraud, der nur 334 Stimmen auf sich vereinigte. Im ersten Wahlgang wurden 901 Stimmen abgegeben, davon erhielten Doumer 442 und Briand 401 Stimmen. Darauf legte Briand seine Kandidatur nieder, und von den Anhängern Briands wurde als Verlcgenhcitskandidat Marraud aufgestellt.
Paul Doumer ist 74 Jahre alt. Er war von Hause aus Lehrer und Publizist, wandte sich dann aber der Politik zu und begann seine politische Laufbahn als Deputierter für das Aisne-Departemem. Nachdem er bet der Präsidentenwahl 1906 gegen Faillires unterlegen war, wurde er im siebenten Kabinett Briands Finanz- mi ni st er. Bei der Präsidentenwahl von 1927 wurde er mit 238 von 273 Stimmen zum Präsidenten des Senats gewählt.
Durchaus nicht zum erstenmal hat die Geheimabstimmung der Französischen Deputierienkammer und des Senats in der „Nationalversammlung" schließlich einen andern Mann auf den Präsidentcnftuhl der Französischen Republik gehoben, als dies allgemein erwartet wurde. Nr land schien als Kandidat seinem Wettbewerber r oumer haushoch überlegen zu sein. Er hatte in der vcMugenen Woche noch durch seine Jieoe über die ventsch- osterrerchrsche Zollunion und die Schärfe, die er darin ganz unverhüllt zeigte, in der Deputiertenkammer für sich persönlich einen Sieg erfochten, der ihm den Weg zur Präsidentschaft ohne weiteres zu ebnen schien. Allerdings entbrannte im letzten Augenblick noch, als nun Briand sich wirklich bereit erklärt hatte, zu kandidieren, der Kampf der Rechten gegen ihn mit größter Heftigkeit. Daß Bnand die Mehrheit des Senats nicht hinter sich hat, weiß er selbst sehr genau. Vielleicht spricht aus dem Endergebnis der Wahl auch die innere Ablehnung der Volksvertreter, eine politisch so ausgeprägte Persönlichkeit, wie es Briand nun einmal ist, an die oberste Stelle im Staat hinaufzuführen. Auch anderen vor ihm geschah gleiches.
Schon der erste Wahlgang war eine Überraschung. -Alt seinen 432 Stimmen war Doumer der auf Briand entfallenden Zahl nicht nur überlegen, sondern es fehlten überhaupt nicht mehr viel Stimmen daran, daß der bisherige Senatspräsident Doumer sofort zum Präsidenten der französischen Republik gewählt worden wäre. Erst die Stichwahl ergab seinen Sieg.
Als eine irgendwie markante Persönlichkeit ist der neue Präsident nicht zu bezeichnen; er wird daher ebenso wie sein Vorgänger Doumergue kaum irgendwie hervortreten. Wir Deutsche erinnern uns daran, daß er 1921 öuf her Pariser Konferenz der alliierten Finanzminister UN damaligen Kabinett Briand gegen Deutschland Forderungen auf eine 'Kriegsentschädigung aufstellte, weniger als 1^2 Milliarden betragen sollten. Im Londoner Ultimatum erzwangen dann auch die Alliierten 'N entsprechendes deutsches Zugeständnis. Der Haß Wen Deutschland ließ ihn jedes Augenmaß für das -^gliche verlieren, ein Haß, der seine Ursache wohl auch "dem Verlust von drei Söhnen während des -Weltkrieges gehabt haben maa.
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Briands Mcktriitsgesuch.
. In der Sitzung des französischen Ministerrates unter reitete Briand sein R ü ck t r i t t s g e s u ch.
. Sämtliche Minister haben lebhaft auf den Außcn- n. » t kingewirkt, damit er in Genf vor dem Europa- " 8 j ^^ u $ und dem Bölkerbundrat die Interessen Frankreichs in dem Sinne verteidigt, wie er in der Ab- > mmung der beiden Häuser zum Ausdruck gekommen ist. nand hat schließlich eingwilligt und sich bereit erklärt.
c a I noch nach Genf zu gehen.
. âiand hat sich inzwischen zu den Verhandlungen Genf begeben. Das würde — einer Äußerung des "'kttschefs Briands zufolge — nicht unbedingt be- bn»^',^^^ Briand die Führung der französischen Völker- unddelcgation als Außenminister b e i b e h ä l t.
Die Beurteilung in Berlin. bat ^^Ausgang der Präsidentschaftswahl in Versailles
? Berlin außerordentlich überrascht. In klä?« ^^^E^kisen wird zu der Niederlage Briands er . ^"^auk ja bekanntlich der Welt Lohn sei. toirb einer gewissen Genugtuung darüber Ruv- llkgeben, daß Briand offenbar zunächst am sei hnb ? l ? ibe und damit die Gewähr dafür gegeben fortnTtl. bisherige außenpolitische Kurs Frankreichs fassuna Auch ic Elhsèe ist nach Berliner Auf- als triik e Kursänderung nicht zu erwarten, da Doumer rcchnen^ci^ Radikalsozialist kaum der Rechten zuzu-
Der Wahlakt in Versailles.
Paris und besonders Versailles hatten ihren großen Tag. Das neue Staatsoberhaupt Frankreichs wurde gewählt, nicht durch Befragung des ganzen Volkes wie in Deutschland, sondern durch Abstimmung der zu einer Art Nationalversammlung vereinigten beiden Kammern. Der Wahlakt fand nach altem Brauch in Versailles statt, wohin ein Extrazug die 920 Abgeordneten und Senatoren sowie die Regierungsmitglieder aus Paris brachte. Der Wahlkampf war in der Presse noch einmal zur höchsten Erregung entfacht worden, dann lauschte ganz Frankreich erwartungsvoll nach Versailles hin auf die Nachricht vom Ausfall der Wahl.
Inzwischen war das fast in stillem Frieden liegende Schloß von Versailles von Trubel und regem Leben er füllt. Es glich einem großen Heerlager, denn vor dem Schloß lagerten 4000 Mann Infanterie und 1500 Gendarme bewachten die Eingänge. Eine Riescnmenge von Neugierigen drängte sich in den Straßen von Versailles und umlagerte das Schloß.
In dem großen Saal eröffnete der Senatspräsident die Wahlsitzung. Der Generalsekretär des Senatsbureaus überreichte dem Präsidenten ein Wörterbuch. Ein Brieföffner wurde zwischen die Seiten geschoben und der Buchstabe, der sich auf der getroffenen Stelle befand, war der Anfangsbuchstabe des Namens des Abgeordneten, mit dessen Aufruf der Wahlakt begann Die Abstimmung erfolgte namentlich und jeder Wähler mußte einzeln betreten, um seinen Stimmzettel in die Urne zu werfen. Dann gab er zur Kontrolle noch eine Holzkugel ab. Der Wahlgang dauerte etwa zwei Stunden. An ihn schloß sich die Sortierung der Wahlzettel. Kanonendonner der vor dem Schloß ausgestellten Salutbatterie verkündete die erfolgte Wahl.
Nachdem der neue Präsident bestimmt war, wurde er vom Senatspräsidenten in den sogenannten „Marengosalon" geführt, wo er die Glückwünsche der Mitglieder der Regierung und des Parlaments entgegennahm. Dann erfolgte die Rückfahrt nach Paris in Begleitung des Ministerpräsidenten. Ein Besuch des neuen Staatspräsidenten bei seinem Vorgänger, der aber noch bis zum 13. Jitni im Amt bleibt, beschloß den aufregenden Tag.
Sie Vollmachten öes neuen Herrn.
Die Vollmachten des französischen Staatspräsidenten sind eingeschränkter als Die des Deutschen Reichspräsi deuten. Das französische Staatsoberhaupt vermag Die Deputiertenkammer n u r mit Zu st i m m u n g des Senats aufzulösen, für kurze Zeit zu vertagen oder zu außerordentlichen Sitzungen zusammenzuberufen. Auch sein Veto gegen Den Beschluß eines Gesetzes durch die Kammer erreicht nur, daß der Entwurf zum ziveitenmal
Doumer.
beraten werden mutz und dann endgültig beschlossen wird. Ein Noiverordnungsrechi usw. besitzt der französische Staatspräsident aber nicht, wie denn überhaupt die Stellung des Staalsininisteriums — dessen Mitglieder er formest ernennt — ihm gegenüber sehr viel stärker ist, als die deutsche Verfassung dies fest!egf. Letzten Endes bat das aber seinen Grund darin, daß der Deutsche Reichspräsident sein Amt eben einem Akt des souveränen P 0 l k s w i l l e n s , der Wahl durch das Volk, verdankt, der französische Staatspräsident aber nur einer „indirekte n" Wahl; er hat also innenpolitisch nicht viel zu sagen.
Wesentlich anders, viel einflußreicher ist die Stellung des französischen Staatsoberhauptes n a ch a u ß c n hin, da ihm die Führung der internationalen Vertragsverhandlungen offiziell obliegt neben der äußeren Repräsentation des französischen Volkes. Dadurch ergeben sich für starke, aktive Persönlichkeiten in diesem Amte oft und leicht Wege zu sehr weitreichendem, ja entscheidendem Einfluß auf die Geschicke Frankreichs, ja der W e l t. Man braucht nur an Falliöres und Poincarè zu erinnern, um zu wissen, daß auch der französische Staatspräsident auf diesem Gebiete .herrschen" kann.
Der Dreizehnte im Clysèe.
Die 13 gilt als Unglückszahl, aber der neue Präsident de, Französischen Republik, der nach einem Monat in das Elysec einziehen wird, könnte sich damit beruhigen, daß er eigentlich nicht der dreizehnte, sondern schon der vierzehnte in der Reihe der Präsidenten der dritten Republik ist — wenn man nämlich Jules Grevy, „Papa Grevy", wie sie ihn einst nannten, zweimal zählt, weil er zweimal zum Präsidenten gewählt worden ist. Die dritte Republik besteht feit 1870, und ein Präsident bleibt in Frankreich — wie das ja auch in Deutschland der Fall ist — sieben Jahre im Amte. Rechnet man nun nach, so findet man sofort, daß nicht alle von den zwölf bis dreizehn Präsidenten, die es bisher in Frankreich gegeben hat, ihre ganze Amtszeit „abgedient" haben können. Nebenbei bemerkt: es hat in Frankreich schon vor 1871 einen Präsidenten gegeben, einen Präsidenten, der sich eines Tages die Kaiserkrone seines großen Onkels aufs Haupt setzte. Louis Napoleon, der Besiegte von Sedan, der Neffe Napoleons L, war dieser Präsident gewesen.
Aber bleiben wir bei den Präsidenten der dritten Republik. Den Reigen eröffnete Thiers, der nach dem Zusammenbruch Frankreichs zunächst zum „Inhaber der ausführenden Gewalt", dann aber, da die neue Republik ein Haupt brauchte, zum Präsidenten erwählt worden war, und zwar auf drei Jahre. Das Septennal — die Präsidentenwahl für sieben Jahre — kam erst unter dem Marschall Mac Mahon, der Thiers auf dem Präsidentenstuhl ersetzte, als der Präsident am 24. Mai 1873 durch ein Tadeksvotum Der damals noch mächtigen Monarchisten zum Rücktritt veranlaßt wurde. Mac Mahon war ein Mann nach dem Sinne der Monarchisten: sie erwarteten von ihm -die Wiederherstellung eines Königreiches Frankreich und waren stark enttäuscht, als er ihre Erwartungen nicht er füllen konnte, hauptsächlich darum nicht, weil die Häuser Bourbon und Orleans sich über die Königswürde nicht einigen konnten, weil keines von beiden feinen persönlichen Ehrgeiz zurückstellen wollte. Als Mac Mahon schließlich ein- sehen mußte, daß er als reaktionärer Präsident nicht an der Spitze einer republikanischen Regierung stehen konnte, "nahm auch er seine Entlassung. Das war am 30. Januar 1879. Noch am gleichen Tage wählte der Kongreß den Kammerpräsi- Venten Jules Grevv zum Staatspräsidenten. Obwohl Grevy niemals besonders beliebt war — man warf ihm vor allem feine „Knickrigkeit" und Kleinlichkeit vor — wurde er nach Ablauf seiner Amisperiode noch einmal gewählt. Aber diesmal Dauerte, seine Präsidentenherrlichkeit nicht lange: fein Schwiegersohn Wilson war wegen Ordensschachers uno anderer unsauberer Geschäfte in eine Untersuchung verwickelt worden, was ;ur Folge hatte, daß der Schwiegerpapa seine Entlassung nehmen mußte.
Zur Würde des Präsidenten erhoben wurde am 3. Dezember 1887 Sadt Carn 0 t, ein ehrlicher, aber nicht eben hervorragender Mann, der von dem Ruhme großer Ahnen zehrte. Am "24. Juni 1894 wurde Carnot während eines Besuches in Lyon das Opfer eines Mordanschlages: der italienische Anarchist Caserio schwang sich auf den Tritt des Präsidemen- wagens und stieß Dem Präsidenten einen Dolch ins Herz, so daß Carnot nach wenigen Stunden verschied. Präsident wurde nun Casimir-Perier, auch er eines berühmten Namens Erbe. Man erwartete Großes von ihm, aber er war in sich selbst so unsicher und „unausgeglichen", daß er schon nach wenigen Monaten die Flinte ins Korn warf und aus fein Amt verzichtete. Es folgte ihm der ehrgeizige Feltr Faure, ein ehemaliger Gerber, der sich später als Reeder in Havre ein großes Vermögen erworben hatte. Unter Faure begann Frankreichs Techtelmechtel mit Rußland. Als Felix Faure am 16. Februar 1899 im Hause einer Schauspielerin an einem Hirnschlage starb, wurde der gemäßigte Republikaner Loubet, bisheriger Vorsitzender des Senates, sein Nachfolger. Aus ibn folgte wieder ein Senatspräsident: Falliöres, der, wie fein Vorgänger, bieder, treu und väterlich gesinnt war. Und dann kam „ER", kam Potncarè, der „große" Kriegspräsident, den wir noch alle frisch in nicht ganz angenehmer Erinnerung haben und dessen Einfluß in und auf Frankreich auch jetzt noch nicht ausgeschaltei ist. Als Poincarès Präsidentschaft zu Ende war, hoffte Clèmcnceau, der „Organisator des Sieges", Präsident zu werden, aber die Sachewar so, daß man ibn mehr fürchtete als liebte, und so kam es, daß nicht er, sondern der ganz unbedeutende und über nervöse Paul Deschanel, der „schöne Paul" genannt, gewählt wurde. Er hatte in seiner Auffassung von der Präsidentenwürde eine gewisse Ähnlichkeit mit Casimtr-Perier und >var, genau wie dieser, schon nach wenigen Wochen „erledigt".
Kleine Zeitung für eilige Leser.
Das Reichskabinett erledigte in feiner Sitzung in voller Elnmutigkelt tue Vorbereitungen für Genf.
* .Ges-" die letzten Agrarmahnahmen der Regierung spricht sich eine Erklärung des Retchslandbundes aus.
- * 3“ .§5"âeich wählte die Nationalversammlung den
* 3« Geu? sind zur bevorstehenden Völkerbundtagung die »vertretet der interessierten Staaten eingetroften.