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Nr. 5 — 1931
Fulda, Mittwoch, 7. Januar
8. Jahrgang
Lebensmöglichkeiten für den Osten
Reichskanzler drüning in Schneidemühl
Ermäßigte, fachliche Fordcungen.
Reichskanzler Brüning ergriff in Erwiderung einer An- - ' " ~ ” ■ ■ Wege das W^rt. Er
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Reichskanzler Biumng ergriff i spräche des Reichslagsabgeordneten ! führte u. a. aus: Hier im Osten haben wir ge mäßig sachliche Forderungen kennengelernt, die viel üb, zeugender und durchschlagender wirken als alle agitatorischen Reden. Der Segenswunsch des Reichspräsidenten für den ganzen Osten begleitet die Reichsregierung auf dieser Reisc Vieles wird sich möglich machen lassen mit kleinen Mitteln, wenn nur der gute Wille vorhanden ist. Der heutige Tag hat gezeigt, daß gerade für die ostdeutsche Landwirtschaft und für das ostdeutsche Gewerbe manches mehr hätte getan werden können, wenn Fehlerquellen vermieden worden wären. Mit wenigen Mitteln, die uns eine falsche Wirtschaftspolitik übriggelassen hat, gilt es. die höchste Nutzwirkung besonders für den Deutschen Osten zu erz'elen Im Endefsen muß die Reichsregierung den Osten bitten, den Mut zur Selbsthilfe aufzubringen. Die Zeit der Phrasen ist vollkommen vorbei, wenn wir überhaupt unser Vaterland retten wollen.
Zum Schluß sprach der Reichskanzler den Dank der Regierung und des Reichspräsidenten für die treue Opferwilligkeit und Hingebung der Grenzmark Posen-Westpreußen als GrenzwWter an der gefährdeten Stelle des Deutschen Reiches aus. Reich und Staat würden alles tun, um dieser einzigen
Brücke ein sicheres Bctonfundamem für alle Zeiten zu geben.
Der Kanzler in Königsberg.
Besprechung mit den Provinzvertretern.
Mit einer längeren Rede begrüßte der Oberpräsident von Ostpreußen, Dr. Siehr, den von Schneidemühl über Aüenstein in Königsberg eingetroffenen Reichskanzler Dr. Brüning, den Reichsminister Treviranus, Staatssekretär Dr. Krüger, Direktor Dr. Lauffer, Generaldirektor Dorpmüller und Ministerialdirektor färben und drückte seine Freude darüber aus, daß Rcichsbankprüsidcnt Dr. Luther einen Teil der Reise :j#n Mcuftcm aus mitmachc. Er dantte oen Herren dafür, daß sic und; Ostpreußen gekommen seien, und legte in einer etwa cinstündigen Rede die Nöte der Provinz Ostpreußen dar.
Oberpräsident Dr. Siehr wies besonders auf die Arbeitslosigkeit, die Überproduktion an landwirtschaftlichen Rohstoffen und die gewaltige Landwirtschaftskrise hin, von der der Osten ganz besonders betroffen sei. Die Grenzziehung im deutschen Osten biete für Ostpreußen ganz besondere Schwierigkeiten. Zahlreiche Eisenbahnen a und aridere Verkehrsverbindungen seien einfach abgeschnitten NNd
der Korridor
isoliere vollständig die Provinz vom Reich, so daß Qst- preußqn seine Waren, von denen früher ein Drittel nach dem jetzigen Kyrridorgebict ging, nunmehr weiter westwärts unterbringen müsse. Er müsse, so führte der Ober- Präsident aus, den Reichskanzler pflichtgemäß darauf auf- mèrt'fam machen, daß die Osthilfenotverordnung insofern ernste Besorgnisse innerhalb der Provinz hervorgerufen habe, als man glaubte, aus ihr herauslesen zu müssen, daß der Gedanke der Sonderbehandlung Ostpreußens für die Zukunft aufgegeben oder doch in den Hintergrund gedrängt werden solle. Der Oberpräsident ging sodann im einzelnen auf die Not der Landwirtschaft ein, bei der zunächst der Hebel angesetzt werden müsse. Ostpreußen wisse, daß in ernsten, kritischen Zeiten Verzagtheit und Uneinigkeit die schlechtesten Berater seien. Ostpreußen kenne seine Aufgaben und feine Pflicht. Es wolle ehrlich und einmütig bestrebt sein, diese Pflicht gegenüber dem ganzen deutschen Vaterlande zu erfüllen.
EmZ§rwümche.
Der Direktor des Landesfinanzamtes Königsberg, W e i d e m a n n , teilte mit, daß in finanzieller Hinsicht eine Reihe von Vorschlägen in Berlin unterbreitet wurde. Der Präsident des Provinziallandtages, von Berg, betonte: „Wir wollen uns nickst von Polen verschlucken lassen. Wir hungern nach starken Worten und Taten Polen gegenüber." Landeshauptmann Dr. Blunk brachte zahlreiche Wünsche der Provinz vor. Oberbürgermeister Dr. Lohmeyer schilderte die Notlage Körügs- bergs infolge der Lasten der Wohlfahrtserwerbslosen. Der Präsident der Landwirtschaftskammer, Dr. Brandes, legte die Notlage der Landwirtschaft dar, der Vizepräsident der Handelskammer, Litten, die des Handels. Es sprachen noch der Präsident der Handwerkskammer, Groß, der Präsident des Landesarbeitsamtes, Gaßner, der Präsident des Landeskultüramtes, P a u l u , Generallandschaftsdirektor v.o n Hippel und Landrat S t a n k c w i tz.
Schließlich erklärte Reichsminister Treviranu der eine Zweck dieser Reise ist die Vorbereitung eines Hilfswerkes, das für Jahre hinaus festgelegt werden soll Ich glaube, daß der Versuch gemacht werden muß, zwischen den Wünschen nach einer generellen Lastensenkung und der Prüfung des Einzelfalles die Möglichkeit zu finden, auch mit den bescheidenen Mitteln, die dem Reich zur Verfügung stehen, die Provinz in die Möglichkeit zu ber letzen, aus ihrer Notlage herauszukommcn.
Ostpreußen wird nie aufgegeben.
Der Reichskanzler führte nunmehr aus, wir wissen, daß eine gewisse Nervosität in Volke von Verlautbarungen - ense i t s der Grenze in den vergangenen Monaren m Ostpreußen eingetreten ist. Wir sind der Ansicht, daß
Gr,md für eine solche Nervosität nicht vorhanden ist, wenn wir gemeinsam — Reichs- und Staatsregierung - auc Kräfte daransetzen, um zunächst einmal wirtschaftlich
die eiternde Wunde im Osten zu schließen. Das andere kommt und muß kommen. Denn es gibt eine Gerechtigkeit. Es ist gefordert worden, daß nicht nur starke Worte gemacht werden, sondern auch starke Taten entstehen mögen. Ich möchte deshalb in dieser Beziehnng keine starken Worte reden, sondern mich darauf beschränken, was ich eben gesagt habe. Den Wohlwollenden und Einsichtigen ist absolut klar, was ich damit gemeint habe. Es gibt nur eines für uns, klar zu sehen, frei von Illusionen zu sein und uns aus die Lebensinöglichkeiten zurückzuziehen, die uns zurzeit gegeben sind, und mit dem Vorhandenen naus Inhalten.
Produktions-Ankurbelung
Dietrichs Pisne in Nr
Arbeitslofenfrage.
Lohnzuschüfse statt S t e m p e l g e l d e r.
Reichssinanzminister Dr. Dietrich weilt zurzeit in Stuttgart und hielt dort in der Landesversammlung der Württembergischen Demokraten eine hochbedeutsame Rede über die Wirtschaftskrise, das damit verbundene Arbeits- loscnproblem und die Reparationen. Man sah in der Versammlung zahlreiche namhafte Vertreter aus Wirtschaft, Handel und Industrie, der Parlamente und der Behörden Württembergs. Zunächst verteidigte der Minister die letzte Notverordnung und bedauerte die Kürzung der Beamtengehälter. Dann kam er auf die Arbeitslosigkeit find ihre Folgen zu sprechen.
Für die durch die Wirtschaftskrise herbHigeführte Arbeitslosigkeit, sagte der Minister, haben wir im laufenden Jahre voraussichtlich einen Aufwand von 2,2 Milliarden Mark. Die äußeren Kriegslasten betragen 1,7 Milliarden, die inneren über 2 Milliarden Mark. Wir sind also von vornherein mit einer unproduktiven Ausgabe von etwa 6 Milliarden Mark im laufenden Jahre belastet. Ich bejahe die Priwatwirtschaft und lehne die sozialistische Wirtschaft ab. Das entbindet uns aber ni*t
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Neichsfinanzminister Dr. Dietrich.
von der Pflicht, Schwierigkeiten zu sehen und zu kämpfen. Die Hauptgefahr fehe ich in der
Verdrängung des selbständigen Unternehmers,
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auf dessen Erfindergeist und Wagemut das privatkapitalistische System beruht, ferner in der Unbeweglichkeit und Unwirtschaftlichkeit großer Konzerne, die mit ihrer großen Beanspruchung des Kapitalmarktes und der Banken auf die Dauer eine Gefahr bedeuten. Die Arbeitslosenversiche rung hat das Band der A r b e i t g e b e r u n d Arbeitnehmer ebenso gelockert, wie den Verantwortungssinn der Familienangehörigen für die Familienmitglieder. Eine Unmenge von Not beruht auf diesen Dingen.
Die Frage stellt sich ganz klar so: Welche Wege gibt es, die Arbeitslosen, statt sie zu unterstützen, zu beschäs- tigen? Mit dem Wvhlsahrtsauswand der Gemeinden werden zurzeit ohne Gegenwert im ganzen für die Arbeitslosen gegen drei Milliarden Mark ausgegeben. Das ist so unachcuerlich, daß neue Wege gewagt werden
Der Segen aus Amerika.
Erwerbsloser erbt 2,5 Millionen.
In Ostfriesland ist ein erwerbsloser Familienvater zusammen mit vier Geschwistern über Nacht glücklicher Erbe einer amerikanischen Erbschaft von zweieinhalb Millionen Mark geworden. Die Erben, die Geschwister A b b e n in Neßmerfield, erwarten demnächst noch eine weitere amerikanische Erbschaft, da eine Miterbin, eine reiche Amerikanerin, kinderlos lebt.
Der erwerbslose Arbeiter Abben, der nun ein reicher Mann wurde, will in Deutschland einen Bauernhof kaufen. Die amerikanische Erblasserin, eine Tante des Abben, hat sich in ihren Lebzeiten um ihre deutschen Verwandten nicht gekümmert. Abben wurde jetzt nach dem Tod der Tante von einem amerikanischen Rechtsanwalt von der Erbschaft in Kenntnis gesetzt.
Sie haben uns Worte der Kritik ausgesprochen. Sie haben Forderungen aufgestellt. Ich begrüße das. Wir können Kritik sehr wohl vertragen. Aber um eines bitte ich Sie, sorgen Sie dafür, daß die Provinz Ostpreußen ihren ganzen Einfluß, ihre ganze politische Macht frei vom Extremen und Abenteuerlichen hält. Ich verweise auf die Person des hochverehrten Herrn Reichspräsidenten, der diese Reise mit warmem Herzen verfolgt. Er ist uns ein Muster an Pflichterfüllung auch in der schwersten Zeit und wenn es ihm am wenigsten gedankt wird. Sie können versichert fein, daß O st - Preußen niemals vom Reiche ausgegeben wird.
Oberpräsident Siehr sprach sodann die Erwartung aus, daß es ihm gelingen würde, die Einigkeit zwischen den verschiedenen Volksschichten in Ostpreußen herbeizuführen zum Wohle der Provinz.
müssen. Wir müssen versuchen, an irgendeinem Punkte einzusetzen, um den Produktionsprozeß zu beleben, entweder, indem wir bei den wichtigsten Urprodukten zusafsen und dabei gleichzeitig die Preise herunterbringen, oder aber indem wir bei verarbeitenden Industrien einsetzen, die besonders wichtige Rohprodukte verbrauchen. Ich stelle mir das nicht im Wege einer Subvention vor, sondern so, daß wir für die mehrbeschäftigten Arbeiter einen Zuschuß leisten, der der Verbilligung dient.
Wo vier Millionen Staatsbürger in Gefahr sind, in die Verzweiflung getrieben zu werden, sind positive Maßnahmen alles und Bedenken nichts. Obendrein können wir allen Gefahren begegnen, wenn wir den Versuch nur auf kurze Zeit machen, auf lange Sicht aber durch die Wirtschaftspolitik aus der Vergangenheit lernen. Wenn wir einmal eine Hochkonjunktur haben, dürfen wir nicht auch noch den Wohnungsbau forcieren, sondern diese Arbeit muß für Zeiten der Krise zurückgehalten werden, ebenso wie wir im Reich, in der Stadt, in den Gemeinden, bei der Eisenbahn und bei der Post in guten Zeiten eine Manövriermafle ansammeln müssen, die in der Stunde der Not eingesetzt wird.
Oie Tributlasten.
Das Bedenken, daß der durch die Tribuilasten bedingte Kapitalmangel uns die Möglichkeit, die Krise zu überwinden, überhaupt nimmt, darf nicht übersehen werden, kann uns aber am positiven Vorgehen nicht hindern.
Es ist richtig, daß der Kapitalentzug durch die Tributlasten uns nicht nur das Blut der Wirtschaft nimmt, sondern auch, weil infolgedessen die Wirtschaft nicht genügend befruchtet wird, mit vermehrter Arbeitslosenunterstützung belastet. Das ist aber nicht nur eine Bedrohung der deutschen Wirtschaft, sondern überhaupt der gesamten Weltwirtschaft, die aus einem normalen Güteraustausch beruht, während jetzt die Abmachungen über die Kriegsschulden ungeheure Lasten ohne Gegenleistung bedeuten. Ob und in welchem Zeitpunkt die Regierung das Reva- rationsproblem wieder aufgreifen muß, kann heute nicht entschieden werden. Auf keinen Fall wird unter Verletzung von irgendwelchen Verträgen vorgegangen werden.
Die politische Verwahrlosung
ist leider sehr hoch gestiegen. Wunderdoktoren wollen dem deutschen Volke mit Geldtheorien und mit Schlagworten helfen. Auch im Kriege hat es Menschen gegeben, die die Bevölkerung statt mit Brot mit Brotmarken gefüttert haben. Aber sowenig man Nahrungsmittel durch Nahrungsmittelkarten ersetzen kann, sowenig kann man Kapital, das nicht vorhanden ist, durch irgendein Schriftstück hervorzaubern.
Dr. Dietrich schloß mit den Worten, diejenigen, die heute an der Spitze der Regierung stehen, glauben an die Lebenskraft des deutschen Volkes. Die Regierung hat nicht die Absicht, das Steuer aus der Hand zu geben, und wird sich auch durch das ungeheure Durcheinander int Volke den Blick für das praktisch Mögliche nicht trüben lassen und den Kampf wie bisher mit Ruhe und Energie führen in dem Bewußtsein, daß die Gegenwart die geleistete Arbeit nie anerkennt, daß es aber darauf ankommt, wieviel in der Zukunft sich auswirkt.
Steine Zeitung für eilige Leser.
* Reichskanzler Dr. Brüning sagte in Königsberg, Reichspräsident und Reichsregierung würden sich nie dazu verstehen. Ostpreußen aufzugeben.
* Reichsfinanzminister Dr. Dietrich entwickelte in einer Stuttgarter Rede weitreichende Pläne zu der Arbeitsloseu- sragc. Danach sollen die Betriebe durch Zuschüsse aus der Arbeitslosenversicherung in die Lage versetzt werden, Arbeitslose einzustellen und so diese der Unterstützung zu entziehen.
* Der Tcilstreik im Ruhrgebiet ist in wesentlichem Abflauen begriffen. Mrttwoch finden, da vor dem Arbeitsminister Dr. Stegerwald keine Einigung der Parteien erzielt wurde, neue Schlichtungsverhandlungen statt.
* Das italienische Ozeanfluggeschwader ist von Portugiesisch- Guinea nach Brasilien geflogen.
* Bei einem Eisenbahnunglück bei Eleiwitz wurden 36 Personen leicht und eine schwer verletzt.
* 3m Swinemünder Hafen ist ein schwedischer Dampfer mit einem deutschen zusammengestoßen. Das deutsch« Schiff fank.