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Zul-aer /lnzeiger

Erscheint jeden werktag.Bezugsprels: monatlich 2.20 NM. Bei Lieferungsbehinöerungen öurch höhere Gewalten"/ Streiks, Aussperrungen, Bahnsperre usw. erwachsen dem Bezieher keine Ansprüche. Verlag Friedrich Chrenklau, Fulda, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungsver­leger. Postscheckkonto: Frankstirt a. M. Ur. 16009

Nr. 3 1931

Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zul-a- und Haunetal Zulöaer Kreisblatt

Re-aktion und Geschäftsstelle: Königstraße 42 Zernsprech-Rnschluß Nr. 989

Nachdruck der mit * versehenen Artitel nur mit StzreUenangade .Fuldaer stnzeiger"gestaaet.

Fulda, Montag, 5. Januar

Anzeigenpreis: Für Behörden, Genossenschaf, ten,Banken usw. beträgt die Kleinzeile 0.30Mk., für auswärtige Auftraggeber 0.25 Mk., für die Reklamezeile 0.90 Mk. u. alle anderen 0.15 Mk., Reklamezeile 0.60 Mark Bei Rechnungsstel­lung hat Zahlung innerhalb 8 Tagen zu erfol­gen Tag- und Plahvorschriften unverbindlich.

8. Jahrgang

Die Wirren an der Ruhr.

Lur radikale Rahrbergleule streiken.

Geringes Anwachsen der Zahl der nicht Arbeitenden.

Die infolge der allgemeinen Kündigung ausgebrochene Streikbewegung hält noch an. Nach den Meldungen, die beim Zechenverband eingelaufen sind, war die Strcih beteiligung in der Sonnabendfcühfchicht 11,96 Prozent. Die stärkste Beteiligung findet nach wie vor in den links­rheinischen und in den nördlichen Revieren statt. So sind über 50 Prozent der Belegschaft ausständig auf den links­rheinischen Zechen Diergardt, Friedrich-Heinrich, Neu­mühl, Niederrheinische Bergwerksgesellschast, Friedrich Thyssen, Beekerwerth und Lohberg. Ebenso ist die Streik- beteiligung auf den staatlichen Zechen Westerholt und Scholven und auf Graf Bismarck Schacht 7 bis 8, Zeche Königsgrube und Westfalen. Der südliche Teil des Bezirks ist wieder fast ganz unberührt vom Streik ge­blieben.

Die Gewerkschaften lassen Flugblätter verteilen, in denen sie vor dem Eintritt in den Streik warnen und die politischen Beweggründe der aufreizenden kommunistischen Propaganda klarlegen. Als Demonstration gegen die große Revierkonferenz des Bergbauindustriearbeiterver- bandes beriefen die Kommunisten eine Schachtdelegierten- versammlung ans Sonntag nach Bochum. Sie wollen auch Massenaufzüge veranstalten. Von dem Abschluß neuer Arbeitsverträge haben auch die Vereinigten Gewerkschaften (Verband der Bergbauindustriearbeiter Deutschlands, Gewerkverein christlicher Bergarbeiter Deutschlands, @e= Werkverein Hirsch-Duncker, Polnische Berufsvereinigung) abgeraten. Sie verweisen auf die noch bevorstehenden Verhandlungen und sagen:Die Not der Bergarbeiter soll noch vergrößert werden. Sie sollen die Schäden der Krise allein tragen. Kameraden, macht die Absicht zu­schanden, zeigt, daß ihr nicht gewillt seid, euch dem Diktat zu beugen, lehnt den Abschluß von neuen Arbeits- verträgen ab, weigert euch, die Bedingungen der Arbeit geber ânzunehmen." -Gleichzeitig aber verwerfen sie die kommunistische Streikhetze.

Tumulte.

Die Zechengegenden bieten teilweise ein ungemein bewegtes Bild, da die Tore der Schachtanlagen, besonders zu den Zeiten des Schichtwechsels, von großen Menschen- massen umlagert sind. Um die Unruhe und Verwirrung zu steigern, schreckten die Kommunisten nicht davor zurück, Frauen und Kinder zu den Massenansammlungen zuzu­ziehen. Verschiedentlich gelang es den Streiktrupps, in die Zechenanlagen einzudringen, sie wurden aber durch die Polizei vertrieben.

In der Rheinbabenkolonie bei Bottrop wurden Polizeibeamte von streikenden Kommunisten und Arbeits­losen angegriffen. Die Beamten machten von ihrer Schuß­waffe Gebrauch. Hierbei wurde einer der Angreifer durch einen Bauchschuß schwer verletzt, während ein zweiter einen Knieschuß davontrug. Zu einem Zwischenfall kam es in der Marienkolonie der Zeche Prosper II. Hier wurden Polizeibeamte von der Menschenmenge mit Steinen beworfen und beschossen. Die Polizei schritt ein und verhaftete sieben Personen, bei denen zum Teil Schuß- und Schlagwaffen gefunden wurden. In der Welheim-Kolonie mußten mehrere Polizeibeamte, die hart bedrängt wurden, Schliss-' abgeben, worauf die Menschen­menge auseinanderstob. Auch auf anderen Schachtanlagen des Ruhrgebietes, wo Streikende und Erwerbslose ver­suchten. Arbeitswillige von der Arbeit abzuhalten, kam es verschiedentlich zu Zusammenstößen.

Zwei neue Todesopfer am Sonntag.

Aus der Fülle der am gestrigen Sonntag vorliegenden Mel- dungen über die Lage im Ruhrgebiet seien folgende wichtigsten ^atsachen kurz zusammengefaßt: In Bochum tagten am Sonn­tag über ZOV Delegierte des Bergbau-Jndustrie-Arbeiterverban- des und m Dortmund, Hamm und Gelsenkirchen nahm der Ge- werkschaftsversin christlicher Bergarbeiter in drei großen Be- zirtskonferenzen Stellung zum Lohnkonflikt. In den genannten Konferenzen wurden die

Lohnabbaufordernngen der Zechenbesitzer entschieden abgelehnt,

die wilde Streikbewegung der Kommunisten aber mit ihren gewalttätigen Ausschreitungen gegen arbeitswillige Bergleute scharf verurteilt In Bochum fand eine von der revo­lutionären Gewerkschaftsopposition einberusene Schachtdelegier- renkonferenz statr. Die 800 Teilnehmer setzten sich aus An­hängern der Kommunistischen Partei, Erwerbslosen, Frauen und Mitgliedern der kommumstychen Jugend zusammen. Aus den Ausführungen des Hauptreserenten ging hervor, daß man am Montag auf allen Schachtanlagen des Ruhrgebietes mit ver­stärkten Maßnahmen etngretfen will, um die Streikbewegung auf das ganze Ruhrgebiet auszudehnen. Nötigenfalls will man den Kampf in die Zechenkolonien hineintragen. Ferner soll in den nächsten Tagen versucht werden, die Anhänger der verschie­denen Perkehrsverbande und die Metallarbeiter in die Be­wegung hineinzuziehen, um es zu einem Generalstreik im Ruhr­revier, zu treiben. Der Redner erklärte, daß das Endziel des Kampfes die Errichtung eines Sowjetdeutschland sei

Bon den zahlreichen Zwischenfällen im Ruhrgebiet seien hervorgehoben: In dem Dortmunder Vorort Mengede wurden am Sonntagabend Arbeitswillige aus dem Hinterhalt zwischen den Koloniehauseern von Kommun^ " -

Dabei wurde ein Bergmann durch

und drei andere erheblich verletzt. Ou BlHet erngen vmie- re t zwischen Kommunisten und der Polizei kam es am Sonnabendabend in Lintfort. Als dort die Verhaftung kom- munlstischer Rädelsführer bekannt wurde, zogen etwa 2 000 -Diann vor die Polizeiwache, um die Freilassung der Verhafte­

von Kommunisten überfallen und beschossen. .....^"'^ einen Pistolenschuß getötet . - Zu einer ernsten S ch i e -

ten zu erzwingen. Da die Polizei beschossen wurde, mußte diese auch ihrerseits von der Schußwaffe Gebrauch machen. Bei diesem Feuergefecht erhielt ein 17jähriger Arbeiter einen tödlichen Rückenschuß, wodurch sich die

Zahl der Todesopfer im Ruhrgebiet auf drei erhöht.

Außerdem wurden bei der Schießerei drei Bergleute schwer verletzt.

Die Streiklage auf den linksrheinischen Zechen hat sich seit Sonnabendmittag weiter verschärft, und noch kritischer dürfte die Sage am heutigen Montag werden, da dann alle diejeni­gen, die willkürlich drei Schichten gefeiert haben, wegen Kontraktbruch entlassen werden.

Keine weitere Verschärfung.

Essen, 5. Januar.

(Eigene Funkmeldung.)

Die am gestrigen Sonntag auf der Bochumer Konferenz der R. G. O. (Revolutionären Gewerkschaft-Opposition) für heute angekündigte Verschärfung des Streiks ist nach den bisher vor­liegenden Meldungen allem Anschein nach nicht eingetreten. Aus den Hamborger und Recklinger Bezirk wird vielmehr ein Ab­flauen des Streiks gemeldet. Auf Schacht Wilhelm^ der Zeche Pluto in Wanne-Eickel wurde gestern ein Förderwagen in den Schacht gestürzt. Mit diesen Sabotageakten will man anschei­nend versuchen, die n«h nicht am Streik beteiligte Belegschaft der Zeche Pluto zur Arbeitsniederlegung zu zwingen.

Bor der Bölkerbundtagung.

Abrüstung und Mnderheitenrecht in Genf.

Die Beschwerden gegen Polen.

In wenigen Tagen, am 19. Januar, beginnt ix Genf die diesmalige Völkerbundtagung, die für Deutschland ein außergewöhnliches Interesse hat, weil sowohl die Be­schwerden der Reichsregierung über die polnischen Gewalt­taten bei der letzten Wahl gegen Deutsche wie auch die grundlegende» Fragen der Revision des Versailler Ver­trages behandelt werden sollen. Der deutsche Minister hat für diesmal auf den ihm zustehenden Vorsitz zugunsten des englischen Ministers Henderson verzichtet, weil Dr. Curtius bei Vertretung der deutschen Interessen in der Vvlenanaelcacnbcit müali&ft unaebundenc Hände haben

Der englische Außenminister Henderson.

will. Die deutsche Abordnung für Gens wird voraussicht­lich am 14. Januar von Berlin abreifen.

In England wird erklärt, daß die Entscheidung für Hen­derson, an Stelle von Curtius den Vorsitz der Januar­tagung des Völkerbundrates zu übernehmen, nicht leicht gewesen sei, da der englische Außenminister durch zahl­reiche Verpflichtungen gebunden sei. London habe aber diese Erwägungen gegenüber der Bedeutung der euro­päischen Fragen zurückgestellt. Hendersons Fähigkeiten alL Vorsitzender des Völkerbundrates würden erneut einer ernsten Probe unterzogen werden. Zwei Programmpunkte seien von allgemeiner europäischer Bedeutung, die Min­derheitenbeschwerden und die Festsetzung des Beginnes der Abrüstungskonferenz. Man könne erwarten, daß die polnische Antwort auf die Beschwerden einem Gegenangriff gleichkommen werde. In der Frage der Abrüstungskonferenz müsse man mit der Möglichkeit rechnen, ein früheres Datum für den Zusammentritt zu fordern, als es manche interessierten Mächte wünschten.

Die Front der Nevisionsgegner.

In Frankreich beschäftigt man sich mit dem Besuch Venizelos' in Marsch a u und sicht hierin den Auf­takt eines Zusammenschlusses der Revisionsgegner. Der Hinweis, daß Deutschland die Minderheitenfrage zum Ausgangspunkt einer Aufrollung bei gesamten Revisions­frage benutzen wolle, habe genügt, die bedrohten Länder auf den Plan zu rufen. Der Widerstandsblock beginne sich langsam zu bilden, um denjenigen eine Warnung zu er­teilen, die einen Streit heranfbeschwören wollten. Ihr -iusammenschluß sei um so sicherer, als man sich wohl oder übel davon überzeugen müsse, daß die Revisionsforderuu- gen nicht nur Polen angingen, sondern auch Tirol und die S l c i e r in a r k. Es sei eigentümlich, zu veobachten, daß jetzt, vor dem Beginn der Genfer Konferenz, auf der sich Polen und Deutschland aeaenüberstehen werden. in

Im übrigen hat die Polizei im Bezirk Recklinghausen im Hinblick auf die gestrigen Beschlüsse der R.G.O. alle Vorkehrun­gen getroffen, um die arbeitswilligen Bergleute vor Delästigun- aen zu schützen. Zusammen mit der Kriminalpolizei wurde ein besonderer Streifendienst organisiert, die gesamte Polizei be­fand sich in erhöhter Alarmbereitschaft. Schnellwogen fuhren durch die Straßen, um sofort eingreifen zu können. Diese Maß­nahmen zusammen mit den Umzugs- und Dersammlungsverboten des Recklinghäuser Polizeipräsidenten haben bewirkt, daß die Tätigkeit der Mitglieder der R.G.O. eine starke Einschränkung erfahren hat, die sich dann auch im günstigen Sinne auswirkte.

Der Reichsarbeitsminister zum Ruhrgebiet abgereist.

Reichsarbeitsminister Dr. Stegerwald hat sich heute in das Ruhrgebiet begeben, um auch an Ort und Stelle vor dem Be­ginn der Schlrchtungsverhandlungeu, die am 7. Januar 1931 unter dem Vorsitz des zuständigen Schlichters in Esten wieder ausgenommen werden, mit den Parteien Fühlung zu nehmen.

Ruhrverhandlungen am 7. Januar.

Auch die Verhandlungen^

über die Eifenpreisermäßigung vertagt.

Nachdem die Verhandlungen über die Neuregelung der Bergarbeiterlöbne gescheitert lind, und neue Verhand- lungen frühestens erst am 7. Januar siattfin- den, können die für den 9. Januar anberaumlen Sitzungen der Eisenverbände, in denen über die Eisenpreissenkung Beschluß gefaßt werden sollte, nicht stattfinden.

Frankreich der Gedanke immer größere Verbreitung finde, daß es richtiger sei, die deutsch-polnische Grenze zu be- richtigen und den Korridor dem Weltfrieden zu opfern. Man dürfe jedoch nicht vergessen, daß gerade der Bestand Polens die Garantie für einen europäischen Frieden sei. In Warschau wurde nach der Abreise von Venizelos eine Veröffentlichung der Regierung herausgegeben, in der darauf hingewiesen wird, daß die Gemeinsamkeit der Interessen auch weiterhin eine harmonische und freund­schaftliche Zusammenarbeit zwischen Polen und Griechen­land bedinge, vor allen Dingen in der Frage einer loyalen Verteidigung und Wahrung der Friedensverträge. Der baldige Abschluß eines Schiedsgerichtsvertrages fei zu er­warten. Man sieht also deutlich die Grundlinien der dentschfeindlichen Front.

Protest gegen polnischen Zlutierror.

Notruf OberschlestenS an den Völkerbund.

Im Namen bei politischen und kulturellen Organisationen aller Richtungen ha, Die Gleiwther Ortsgruppe der Vereinigten Verbände beimattreuer Oberschlesier den Delegierten des Völkerbundes eine Eingabe zugehen lassen, in der es heißt:

Anläßlich einer gewaltigen Kundgebung unter Teilnahme Der gesamten Bevölkerung der Stadi Gleiwitz erheben die Ver­einigten Verbände heimaureuer Oberschlesier und die ihnen ongeschlossenen Verbände schärfsten Protest gegen den Blut- terror, unter dem die deutsche Minderheit in Ostoberschlesien leidet.

Wir klagen Den Völkerbund an, daß er trotz wiederholter Warnungen und Vorstellungen unsererseits jeine Verpflichtungen gegenüber den deutschen Minderheiten ntchi erfüllt hat. Seit Jahren machen wir den Völkerbund aus die Tatsache aufmerksam, daß in Polen amt­liche Stellen

fnftematifd) zu einem neuen Aufstande oder zum Kriege Hetzen.

Wir wenden uns in höchster Not und Besorgnis deshalb an Die Delegierten Der einzelnen Staaten und gestatten uns aus Die letzten Vorgänge noch einmal kurz aufmerksam zu machen: Bei Den letzten polnischen Wahlen wurde

Die deutsche Minderheit so ungeheuerlich terrorisiert, daß von einem Wahlrecht überhaupt nicht mehr gesprochen wer­den kann und 108 OiJO Deutsche in Osioberschlcsien der Wahl­urne ferngeblieben sind, denn Die Ausständischenhoroen Der« übten Überfälle, Drohungen, Mißhandlungen. Körperverletzun­gen mit tödlichem Ausgange, ohne daß die Polizei ein- geschritten wäre Das Bandenweser entwickelt sich genau so wie während Des Dritten Polenaufstandes im Jahre 1921. Dze polnische Regierung Hai an Der oberschlesischen Grenze Zustände geschossen, Die eine Aufrechterhaltung Der Ruhe verhindern und Die Gefahr von Zusammenstößen zwischen Deutschen und Polen auf beiden Seiten bringen. Es ist noch gar nicht abzusehen, 511 welchen Konflikten dos Verhalten der polnischen Regierung führen wird

Die Erregung in Deutschoberschlcsicn ist aufs höchste gestiegen.

Die polnischen Insurgenten scheinen daraus hinzuardetten, die Deutschen zu unbesonnenen Handlungen zu verleiten, um, der

MlèiKr Zeitung für »Mat Leser.

* In dieser Woche reist die deutsche Mordnung für die am 19. Januar beginnende Völkerbundtagung in Genf ab.

* Die Streikwirren im Ruhrkohlengebiet halten noch an und werden von den Radikalen geschürt, während die gemäßigten Elemente zur Ruhe mahnen.

* Bei Elm im Kanton Glarus wurde eine Gesellschaft von 13 Skiläufern von einer Lawine verschüttet. Drei der Ver­schütteten ein Berliner Arzt und zwei Damen fanden den Tod.