Zul-aer /lnzeiger
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M. 294 — 1930
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Fulda, Mittwoch, 17. Dezember
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7. Jahrgang
Ver rätselhafte flufftonb in Spanien.
Mâmllgen der Verliner spanischen Voischaß.
Ordnung angeblich wiederhergestellt.
Die Grenzübergänge an der spanischen Grenze nach Frankreich sind gesperrt, die Wachen verstärkt, auch telegraphische und telephonische Verbindungen funktionieren nur mangelhaft, so daß eine volle Klarheit über das, was im Innern vor sich geht, nicht zu schaffen ist. Der Putschversuch der Fliegeroffiziere soll gescheitert sein. Die Berliner spanische Botschaft veröffentlicht eine telegraphische Nachricht, die bei ihr aus Madrid vom Außenminister ein- geiroffen ist und folgendermaßen lautet: „Die Regierung hatte die Unruhen, die in San Sebastian, Santander und Sevilla ausgebrochen waren, vorhergesehen, ebenso den Aufstand der Fliegertruppen in Madrid, der als eine Folge des fehlgeschlagenen Vorgehens in Jaca angesehen wird. Überall konnte die Ordnung schnell wiederhergestellt werden. Der Fliegermajor Franco sowie drei andere Führer der Bewegung haben ihre Miwerschworenen verlassen und sind mit vier Flugmaschinen geflohen. Der Eindruck bestätigt sich, daß die revolutionäre Bewegung völlig zusammengebrochen ist, da ihr im Lande jegliche Unterstützung fehlte. Die spanische öffentliche Meinung hat unzweideutige Beweise ihrer Zuneigung zur bestehenden Staatsform und ihres Vertrauens zur jetzigen Regierung gegeben."
Das klingt zwar sehr beschwichtigend, überzeugt aber nicht ganz, zumal überall noch immer die Verbindungsstörungen andauern, Telegrammzensur eingeführt ist und nur amtliche Pressemeldungen durchgelaffen werden. Allerdings ist wohl der erste Aufstandsversuch niedergeschlagen. Ob aber tatsächlich in ganz Spanien die Ruhe wiederheregestellt ist, ist noch nicht ganz sicher. In San Sebastian sollen die Aufständischen Rathaus und Hauptpostamt geplündert haben; Militär griff ein, aber das Lèben in der Stahl ist ganz erstorben. Jedenfalls herrscht das Kriegsrecht im ganzen Lande.
Die Madrider Regierung schickte regierungstreue Truppen nach dem Flugplatz CuatroVientos aus, die sofort das Artilleriefeuer auf die Flugplatzantagen eröffneten. Schon nach kurzer Zeit ergaben sich die Aufständischen. Die Regierungstruppen fanden auf dem Flugplatz mehrere Flugzeuge vor, die mit Bomben versehen worden waren. Über die Zahl der Opfer, die die Beschießung des Flugplatzes gefordert hat, ist noch nichts bekannt. Ein Pressevertreter in Lissabon hatte Gelegenenheit, die aus Spanien geflüchteten Flieger über die Gründe des Zusammenbruchs der Umsturzbewegung zu befragen. General de Lano erklärte, daß General Galan, der inzwischen standrechtlich erschossen worden ist, die alleinige Verantwortung an dem Zusammenbruch trage. Die Aufstandsbewegung sei von ihm drei Tage früher in die Tat umgesetzt worden, als dies ursprünglich beabsichtigt gewesen sei. Genera! Galan habe stets aus eigener Initiative heraus gehandelt. Sein Ehrgeiz und die Furcht, die Zügel der Aufstands- bewegnng zu verlieren, hätien ihn wiederholt zu sehr unüberlegten Maßnahmen verleitet.
Domem'es Befinden hoffnungslos.
Durch Schlaganfall gelähmt.
In der Umgebung des schwer leidenden Raymond ^jincaré wird jeden Augenblick das Schlimmste erwartet. Er soll durch einen Bluterguß in das Gehirn halbseitig gelähmt sein, nach einer anderen LeSart hat ihn auch eine Harnvergiftung ergriffen, was als Fortsetzung der früheren, angeblich durch Operation geheilten Erkrankung gedeutet werden müßte. Die Ärzte, die fast unausgesetzt am Krankenbett weilen, verweigern jede nähere Auskunft und geben nur den ernsten Zustand zu.
Eine Menge hochgestellter Persönlichkeiten wollte dem ehemaligen Ministerpräsidenten einen Besuch abstatten; sie wurden jedoch nicht empfangen. Neben Tardieu waren es besonders Barthou, Chiron und die beiden Präsidenten von Kammer und Senat, die sich nach dem Zustand Pom- carës erkundigten. Im Krankenzimmer ruht Pomcare bewegungslos in seinem Bett. Jede Annäherung von Fremden ist untersagt, da seine Frau nicht wünscht, ihren Gatten in einem derartig trostlosen Zustand den Augen Unberufener preiszugeben. In Kreisen der ihn behandelnden Arzte erklärt man, daß die Krankheit Pomcares nichts mit der zweimaligen Operation zu tun habe, da das alte Leiden vollkommen geheilt worden w>. Man nimmt vielmehr an, daß Poincare sich gelegentlich der letzten Regierungskrise überanstrengt habe.
Das Urteil im Kleinen dombenlegerprozeß
Zuchthaus, und Gefängnisstrafen.
Das Altonaer Schwurgericht fällte jetzt das Urteil im Kleinen Bombenlegerprozeß. Auf Grund des Sprengstoff- gesetzes und wegen Vergehens gegen § 305 St. G. B. wurden Chemiker Dr. Hellmann zu fünf Jahren einem Monat Zuchthaus und Oblt. z. S. a. D. Georg von Wilamowitz-Mollendorf zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Sattlermeister Koch er« Wit wegen Beihilfe ein Jahr Gefängnis; wegen Bergehens Men das Sprengstoffgesetz erhielten ferner Kaufmann Ham- brock ein Jahr Gefängnis, Ammermann 220 Mark und Kroger Mark Geldstrafe Den zu Freiheitsstrafen Verurteilten wird die Untersuchungshaft angerechmt.
Ausländische Gelder für die Aufständischen.
Die spanische Botschaft in London gibt der Auffassung Ausdruck, daß die Aufständischen in Spanien mit ausländischem Geld unterstützt worden seien. Tatsächlich seien die Republikaner in der Minderheit. Hierzu komme, daß sie noch in verschiedene Gruppen gespalten seien.
Der Herd des MiUläraufslanvcs
war der Flugplatz Cuatro Vient 0 s bei Madrid, dessen Besatzung meuterte, von Flugzeugen revolutionäre Ausrufe über Madrid abwars, die Kasernen regierungstreuer Truppen mit Bomben zu belegen drohte, nach einer Artilleriebeschietzung durch Regierungstruppen jedoch die weiße Flagge hißte und sich ergab.
Die Lage in Barcelona.
Die Lage in Barcelona ist verhältnismäßig ruhig. Truppen haben die wichtigsten Punkte der Bannmeile besetzt. Die Militärbehörden haben die Geschäftsräume der catalanischen national-republikanischen Partei Accion Catalana schließen lassen. Elf Gewerkschaftsführer, die zum Streik aufforderten, sind festgenommen worden. Die telephonischen Verbindungen mti dem übrigen Spanien sind seit 24 Stunden unterbrochen.
Marokkanische Truppenverstärkung für Madrid.
Aus Madrid wird berichtet, daß ein Bataillon spanischer Fremdenlegionäre und eine Abteilung marokkanischer Zivilgarde vorgestern abend in Algeciras gelandet und nach Madrid befördert wurden. Weitere Abteilungen würden erwartet. Die regulären Regimenter sollen über die Ankunft der marokkanischen Truppen, die doppelten Sold erhalten, unzufrieden sein. In Algeciras ist das Standrecht verhängt worden. Zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen.
Die Vorgänge im Gefängnis
von Vrest-Lttowsk.
Die Pilsudski-Mehrheit muß sich im Sejm verantworten.
Der Polnische Sejm berät über die neue Geschäftsordnung, die die Pilfndski-Mehrheit zur Einschränkung der oppositionellen Kritik durchführen will, ferner über die Anträge der Oppositionsparteien zu den Vorgängen von Brest-Litowsk.
Von den Oppositionsrednern gingen am schärfsten die rechtsstehenden Nationaldemokraten vor. Der frühere deutsche Reichstagsabgeordnete Trompczynski kündigte eine Verlegung der Parteikämpfe vor das oberste Gericht an, das die Prüfung der Wahlbeschwerden vorzunehmen hat.
Die parlamentarische Erörterung der
Vorgänge im Mèlitärgefängnis von Brest-Litowsk werden die Regierungsanhänger nicht verhindern können. Eine größere Anzahl, von Professoren der Krakauer Universität fordern einen ihrer Kollegen, der als Abgeordneter dem Regierungsblock angehört, öffentlich auf, Klarheit über Brest-Litowsk zu verlangen.
Für Revision der Reparations- und Schuldenstage.
Eine englische Stimme.
Im Anschluß an die Zahlung der englischen Schuldenrate an Amerika von 380 Millionen Mark weist das Londoner Blatt „Daily Herald" auf die Gefahr des Schuldenzahlungssystems und seine Rückwirkungen aus die Wirtschaft der Welt hin und fordert im Anschluß oaran, daß die beteiligten Völker zu- sommenkommen, um die Lage mit Weitblick und gegenseitigem Verständnis zu untersuchen, so wie es Owen Young gefordert habe. England werde jeden Heller zahlen, solange das gegen- wärtigc Abkommen bestände. Abgesehen von den englisch- amerikanischen Zahlungen träten jedoch dauernd weitere Ver- Wicklungen durch die englisch-russischen Schuldenersatzansprüche, durch die französischen Zahlungen und die deutschen Reparationen ein. Deutschland könne nicht noch für die Dauer von 86 Jahren hohe Jahresbeträge zahlen, nachdem man Deutschland schon 140 Milliarden Mark angenommen habe,
Bedrängtes Deutschtum.
Eine zweite Note über die Deutschenverfolgungen in Polen ist von der Reichsregierung veröffentlicht worden; wieder sind zahlreiche Fälle aufgeführt, erhält die Genfer Völkerbundversammlung für die kommende Tagung ein mehr wie reichliches Material vorgelegt. Die möglichst gründliche Vorbereitung zu dieser Tagung im nächsten Monat steht ganz im Mittelpunkt der augenblicklichen außenpolitischen Arbeit und auch die jetzige Reise des Außenministers nach Ostpreußen dient diesem Zweck —, eine Reise nach der deutschen „Insel", die fast rings von Polen umschlossen ist. Nur in Nordost sitzt der Litauer vor den Toren Tilsits, und man braucht auch hier nur das Wort „Memelland" auszusprechen, um daran zu erinnern, daß auch von dort her das bedrängte Deutschtum zum Reich hin- überblickt. Daß auch dort der Völkerbund eingreifen soll und daß auf die letzten Beschwerden hin gerade Dr. Curtius bei seinem letzten Aufenthalt in Genf Zusicherungen von litauischer Seite erhielt, die — nur zum geringsten Teil gehalten wurden. Nach wie vor ist das Memelland in größter Gefahr, die letzten Reste seiner feierlich verbrieften Rechte zu verlieren und tatsächlich ein Bestandteil „Groß-Litauens" zu werden.
Bei der Fahrt durch den „Korridor" wird der Minister ja selbst gesehen haben, welche Anstrengungen auch wirtschaftlicher Art Polen gemacht hat, um sich den Besitz dieses uns entrissenen Gebietes zu sichern. Und wie hierbei systematisch das Ziel verfolgt wird, dem Freistaat Danzig die Lust zum Atmen zu nehmen, bis er sich unfreiwillig, aber aus Gründen der wirtschaftlichen Selbsterhaltung, dem Polnischen Staat anschließt. Der ständig sich verstärkende Druck auf die Kehle Danzigs heißt Gdingen, und die Umgehungsbahn für die Transporte aus dem polnischen Hinterland bis hinauf ins oberschkesische Kohlenrevier ist von ihrer Fertigstellung nicht mehr weit entfernt. Französisches Kapital hat dabei einen großen Teil der Baukosten gedeckt, hat auch die Leitung der Bahn in Händen, und so liegt ein ganz bestimmter wirtschaftlicher — neben dem politischen — Sinn In dem Wort des französischen Abgeordneten Franklin-Bouillon, daß die Weichsel es fèi, an der Frankreich seine Ostgrenze zu verteidigen habe.
Dr. Curtius als früherer Wirtschaftsminister dürfte sein besonderes Augenmerk nicht zuletzt auf diese Struk - turänderungen in unserem gefährdeten Ostgebiete richten. Deutschland und das Deutschtum sind hier ganz in die Verteidigung gedrängt, die eben so ungeheuer schwierig ist, weil die Gegenseite gar nicht daran denkt, in ihren Beziehungen zu Deutschland nur nüchtern-wirtschaftliche Erwägungen geltend zu machen. Gerade Dr. Curtius, der starken und vielen Widerständen entgegen schon seit seiner ganzen Ministerzeit einen wirtschaftlichen Ausgleich mit Polen erstrebt, sich für das Liquidationsabkommen ebensosehr einsetzte rote für den Handelsvertrag, steht heute vor der Tatsache, daß gerade er eine Auseinandersetzung mit Polen vorbereiten und in Genf durchführen muß, die an Schärfe und Deutlichkeit wenigstens auf deutscher Seite wohl alles übertreffen wird, was in dieser Beziehung bisher vor den Völkerbund durch die deutschen Vertreter vorgebracht worden ist. Um sich über die Dinge, die hier in Frage kommen, so nahe und so eingehend wie möglich sozusagen aus eigenem Augenschein zu unterrichten, ist ja doch ebenso der Zweck der Reise des Außenministers nach Königsberg wie später der nach Oberschlesien.
Dort scheint übrigens der Präsident der Gemischten deutsch-polnischen Kommission, der Schweizer Calonder, einige Arbeit geleistet zu haben, — nur hat selbst sein Auftreten und schließlich auch sein Besuch beim polnischen Außenminister in Warschau nicht genügt, um die antideutsche Haltung des Woiwoden Graszynski irgendwie zu ändern. Nichts ist auch abgestellt worden hinsichtlich der Hauptbeschwerden in den deutschen Noten an den Völkerbund, daß man vielen Zehntausenden von Deutschen iv Polen das Wahlrecht nahm und daß sich auch sonst ihre tatsächliche Rechtlosigkeit besserte. Natürlich hält man sich in Polen jetzt etwas zurück von direkten Gewalttaten den dortigen Deutschen gegenüber; man nimmt doch einige Rücksicht darauf, daß in Genf diese Dinge zur Sprache kommen müssen. Denn der wirkliche Gefahrenpunkt für den Frieden Europas liegt an der Weichsel. Wir Deutsche haben es ja hören dürfen, daß dort neben dem Polen in noch schwererer Rüstung der Franzose steht. Wir wissen aber auch und die Welt soll es erfahren, daß Deutschland nichts anderes vom Völkerbund verlangt als den p r i m i= tivsten Rechtsschutz für seine V 0 lksgen 0 s- f e n jenseits einer Grenze, die nicht ein Friedens-, sondern ein Kriegsdiktat gezogen hat.
Die Reise des verantwortlichen Ministers in die Grenzgebiete ist auch mit ein Zeichen dafür, daß die Entscheidung in Genf für Deutschland von großer Bedeutung sein wird und daß unsere Delegation zur Tagung des Völkerbundrates in genügend starker Rüstung erscheinen soll.
Meine Zeitung für eilige Leser.
* 3m Preußischen ßanbtag kam es bei der Besprechung des Mißtrauensantrages gegen Braun und Severing wegen ihrer Stellungnahme zu dem Film „Im Westen Nichts Neues" zu heftigen Auseinandersetzungen.
* Nach Meldungen der spanischen Regierung soll der letzte Aufstand niedergeschlagen sein, die Rebellenführer flüchteten m Flirgzella-n «sch Portugal
* 3» Pole» find durch EchuasfturML arstze Lchyd»« Bet, urfscht warben.