Zulöaer Anzeiger
Erscheint jeden werktag.veZugspreis: monatlich 2.20 RM. Bei Lleferung-behin-erungen durch .höhere Gewalten", Streiks, Aussperrungen, Bahnsperre usw. erwachsen dem Bezieher keine Ansprüche. Verlag Friedrich Chrenklau, §ul-a, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungsver» leger. Postscheckkonto: Zrankftirt a. M. Nr. 1600-
Tageblatt für Rhön un- Vogelsberg
Zulöa. und Haunetal Fuldaer Kreisblatt
Re-aktlon und Geschäftsstelle: Mühlenstraße 1 ♦ Zernsprech-^nschluß Nr. -8-
Nachdruck der mit * versehenen Betitel not mit Gu»U«,angad« .fulte er Bnpiget'gelMtM.
Twzetgeuprrts: §ür Behörden, Genossenschaften, B<mke» usw. beträgt 6 le Klein zette OJO Btt., für auswärtige Auftraggeber 0.25 Mk., für -le Reklamezette 0.90 Mk. u. alle an-eren 0.15 litt., Reklamezelle 0.60 Mark ♦ Bel Rechnungsstel. hing hat Zahlung innerhalb 8 Tagen zu erfol» gen ♦ Tag. und plahvorfchrtstrn unverbindlich.
M.291 — 1930
Fulda, Samstag, 13. Dezember
7. Jahrgang
Der Filmkrieg.
Neue Filmverbote in der Reichshauptstadt. — Zn Erlangen mutz eine Tonfilm - Borführung wegen Studenten-Protest abgebrochen werden.
Erlangen, 13. Dez. (Eigene Funkm eldung.) Als in den Glockenlichtspielen der Tonfilm „O alte Burschenherrlichkeit" laufen sollte, verlangten etwa 3—400 Stundenten unter ohrenbetäubendem Pfeifen und Johlen die Absetzung des Filme s. Die Polizei konnte gegen die Masse der Studenten nichts ausrichten. Erst als die Vorstellung abgebrochen wurde, entfernten sich die Studenten.
Der Slahlhelmfilm untersagt.
Beschwerde eingelegt.
Die Filmprüsstelle in Berlin hatte sich mit dem Film zu befassen, der vom 11. Reichssrontsoldatentag in Koblenz hergcstellt worden war. Nach Vorführung des Films gaben die Vertreter der beteiligten Ministerien ihre Gutachten ab. Zunächst äußerte sich der Vertreter des Auswärtigen Amtes dahin, daß eine Gefährdung unserer Beziehungen zum Auslande durch den Film nicht vor- fiege, da er lediglich einen Bericht über ein Ereignis dar- stellc, über das im Auslande bereits ausgiebig in Wort u»d Bild berichtet worden sei. Anschließend äußerte sich der Vertreter des Reichswehrministeriums, der gleichfalls erklärte, daß gegen den Film keine Bedenken vorliegen, zumal irgendwelche militärischen Übungen nicht gezeigt würden. Schließlich erklärte der Vertreter des Reichsinnenministeriums, der Film zeige lediglich Bilder eines erlaubten Aufmarsches ohne jede hetzerische Tendenz. Eine Gefährdung der öffentlichen Ruhe und Ordnung sei daher nicht zu befürchten.
Nach drcivicrtelstündiger Beratung verkündete der Vorsitzende der Kammer den Beschluß: Die Aufführung des Films ist verboten.
In der Begründung hieß cs, der Film sei geeignet, ote öffentliche Ruhe und Ordnung zu gefährden. Ebenso gefährde er die Beziehungen Deutschlands zum Auslande, da man im Auslande aus den im Film gezeigten Bildern „die militärische Bereitschaft Deutschlands zum Kriege erkennen" könne.
Im Anschluß an die Begründung des Beschlusses teilte bei Vorsitzende der Kammer, Regierungsrat Dellinger, mit, daß er selbst Beschwerde gegen diesen Beschluß b« Kammer einlege, da dieser Beschluß in starkem Gegensatz zu den Gutachten der Sachverständigen gefällt worden sei. Dieser Beschwerde schloß sich der Vertreter des Stahlhelms an, so daß sich nunmehr die Filmoberprüfstelle mit der Frage der Zulassung des Stahlhelm- films wird beschäftigen müssen.
Der Berliner Lokalanzeiger bezeichnet dieses Verbot als „Rache der Linken".
Die Filmoberprüfstelle hatte sich mit dem Antrag auf Widerruf der Zulassung des Films „Gebändigte Kraft", eines Werbelonfilms für Elektrizitätsverbrauch, zu beschäftigen. Da in diesem Film Petrus im Himmel gezeigt wird, hatte sich der Vertreter der katholischen Kirche, Prälat Wienken, gegen die Aufführung gewandt.
Die Filmoberprüfstelle kam nach kurzer Beratung zu dem Verbot der beanstandeten Rahmenhandlung mit der Begründung, daß die Darstellung des Petrus geeignet sei, das religiöse Em p f i n d e n der katholischen Volkskreise zu verletzen.
Außerdem gab die Filmoberprüfstelle noch einer thüringischen Beschwerde gegen den Film „Das Geschlechtsleben und seine Folgen" statt, so daß zwei Stellen aus dem Bildstreifen geschnitten werden mußten, da sie verrohend und entsittlichend wirken.
Proteste gegen das Filmverbot.
Das Reichsbanner hat für die nächste Zeit zu Protest- dersammlungen gegen das Verbot „Im Westen nichts Neues" -ufgerufen. In einer in Potsdam bereits abgehal- ^ncn Reichsbannerversammlung betonte der Berliner Polizeipräsident, daß der Kamps gegen den Film nur ein Borwand für den Kamps gegen die Republik war, die die Pölkerverständigung wünscht und die Wiederholung der Kriege, der furchtbarsten Geißel der Menschheit, verwirft.
Wie das Filmurteil beurteilt wird.
Das Urteil der Filmoberprüfstelle, die den Film „Im festen nichts Neues" für ganz Deutschland verbot, hat die parteipolitische Kritik mobil gemacht. Während die linksstehende Presse den Urteilsspruch scharf ablehnt, be- grüßen die übrigen politischen Kreise bis zum Zentrum das Verbot des Films. Es ist interessant, die Stimmen der einzelnen politischen Meinungen zu verfolgen.
. Nachdem wir schon gestern in kurzer Form die Beurteilung FiKnoerbotes Listiger Berliner Morgenblätter wieder- hegeben haben, sei im Folgenden auf die diesbezüglichen Aus- luhrungen näher eingegangen:
Der sozialdemokratische Vorwärts schreibt zu dem Urteilsspruch: Was nun geschehen ist, ist ein Erfolg der Nationalsozialisten in ihrem Bestreben, das, was sie „das ^ovemberverbrechcn" nennen, ungeschehen zu machen. Es em Rückfall in den Geist, der im kaiserlichen Deutschland während des Krieges herrschte. Es ist ein erster Schritt, aber das französische Sprichwort, daß es nur der erste Schrrtt tst, der kostet, gilt hier nicht. Der erste Schritt scheint noch billig 5U sein, aller wie teuer das ist, was daraus folgt, kann heute »och kein Mensch ermessen!
, . Äas demokratische Berliner Tageblatt vernem eme.B-rneriungen zu r.em summten, aut bei Überschrift äLttulan ön und Meint, er sei nicht wahr, daß bar FlM
deutsches Ansehen im Auslande gefährde. Seine Ausführungen gipfeln in dem Schluß: „Das unrühmliche Vorbild darf keine Nachahmung finden. Die deutschen Republikaner, die immer noch die große Mehrheit des deutschen Volkes bilden, müssen sich ihrer Krasl endlich bewußt werden, müssen dem Spuk ein Ende machen, mit dem eine nationalsozialistische Filmoperette, die keine Oberprüsstelle verbietet, täglich die Ordnung und Sicherheit gröblich verletzt und das Ansehen Deutschlands in der ganzen Welt herabzusetzen sich bemüht. Daß freilich diese Aufräumungs- und Aufklärungsarbeit weiter erschwert worden ist, daß der Rechtsradikalismus, des im Straßenkampf erfochtenen Triumphes froh, zu neuen Taten sich rüstet, das ist der schwere Schaden, den die jetzige verhängnisvolle Entscheidung angerichtet hat."
Das Berliner Zentrumsorgan, die Germania, begründet ihren Eintritt für das Verbot solgendernmtzen: „Wenn inan aus Dem Leben des Frontsoldaten nur die Schattenseiten, nur Minderwertigkeit, Schlechtigkeit und Erbärmlichkeit willkürlich herausgreift und zu einem Gesamtbilde rundet, dann entsteht daraus ein Zerrbild nicht des Krieges, aber des deutschen Soldaten im -Kriege. Dieses Zerrbild wird zur Tendenz, die sich bis zur schwersten Kränkung für alle jene verdichten kann, die ihre einstige Soldatenpflicht gegenüber Volk und Vaterland aus einer anbereit Seelenhaltung und aus einer ticfinncrlichcn sittlichen Einstellung heraus empfunden und in schwerster Zeit in die Tat umgesetzr haben. Wir lehnen den Film ab, trotzdem wir den Krieg und jede Spielerei mit dem wir wünâen und vcrtaugen' daß die geistigen Waffen, mit denen wir für den Frieden zu kämpfen entschlossen sind, in ihrer Art makellos und unantastbar bleiben, daß diese Waffen die echte nationale Würde nicht verletzen."
Die der Volkspartei nahestehende Deutsche A l l - gemeine Zeitung beglückwünscht die Filmoberprüf- stclle zu ihrem Mut. „Wir sind froh," so schreibt das Blatt, „daß die gerechten Argumente der Überlegung und der gerechte Zorn der beleidigten Bevölkerung zusammen wenigstens aus- gereicht haben, die Oberhand zu behalten. Eine Reinigung der Atmosphäre des öffentlichen Lebens wird die erfreuliche Folge sein. Der Fortschritt in der Selbstbesinnung der Deutschen auf die einfachsten Erfordernisse der nationalen Würde ist zu be- arüßen."
Das neue französische Kabinett gebildet.
Steeg Ministerpräsident.
Paris, 13. Dezember.
(Eigene Funkmeldung.)
Um 2.20 Uhr früh, also um 3.20 Uhr deutsche Zeit, ist das Ministerium Steeg gebildet worden. Wie Havas meldet, setzt sich das Kabinett wie folgt zusammen: Ministerpräsidium und Kolonien: Steeg, Senator (radikal); Inneres Leygues, Abgeordneter (Linksrepublikaner); Justiz: CHeron, Senator (rep. Vereinigung); Auswärtiges: Briand, Abg. (So- zialrep).; Finanzen: Germain Martin, Abg. (Radikale Linke); Budget: Pa lm ade, Abg. (Sozialrep.); Krieg: Louis Varthou, Senator (dem. u. rad. Bereinig.); Marine: Albert Sarraut, Senator (rad.); Oeffentlicher Unterricht: Chautemps, Abg. (red.); Oeffentliche Arbeiten: Data, di er, Abg. (rad.); Nationale Wirtschaft (Handel und Industrie): Loucheur, Abg. (rad. Linke); Landwirtschaft: Victor Boret, Senator (dem. u. rad. Vereinigung); Arbeit: Griuda, Abg. (Linksrep.); Pensionen: Thoumqre, Abg. (Linksrep.); Lustfahrt: Pain le vè, Abg. (Sozialrep.); Handelsmarine: Danielou, Abg. (unabh. Linke); Post und Telegraphen: George Bonnet, Abg. (rad.); Gesundheitspflege: Queuille, Abg. (Republikaner).
Keine roten Plakate mehr in Berlin.
Der Berliner Polizeipräsident hat eine Verordnung erlassen, wonach das öffentliche Anschlägen, Anheften und Ausstellen von jeglichen Plakaten mit Inschriften aufreizenden Inhalts verboten wird. Ferner ist die Vcr- lvendung der roten Farbe für Plakate, soweit sie nicht amtliche Bekanntmachungen enthalten, verboten.
Lohnstreit in der SresiauerMetaUindustrie
Kürzung abgelehnr.
Wie der Meiallarbeiierverband mitwilt, haben die Ver- iraucnsleule der Gewerkschaften und die Betriebsräte der Breslauer Metallindustrie den Vorschlag des Reichsarbeitsministc- rmms, wonach die Akkordverdienste um 7% Prozent und die Lohnsätze um 5 Prozent gekürzt werden sollen, abgelehnt. Es ist nun zu erwarten, daß die Arbeitgeber beim Reichs- arbeitsministsrium die Berbindlichkettserklärung des Spruches beantragen.
Der deutschnationale Berliner Lokalanzeiger schreibt: „Der Spruch der Filmoberprüfstelle ist ausgefallen, wie er ausfallen mußte. Er hat bestätigt, was wir alle schon wußten: daß der Film „Im Westen nichts Neues" das trimme Ansehen gesährdei. Und wäre er jetzt in Deutschland mast vec boten worden, dann hätte man im Auslande mit Neust sagen können, daß Deutschland also anerkenne, von Natur wirklich so beschaffen zu sein, wie seine Söhne in diesem Hetzfilm geschildert werden, und daß es daher das schlechte Ansehen verdiene, das ihm durch diesen amerikanischen Film in der Welt verschafft werde. Nun ist wenigstens künstiger Schaden einigermaßen verhütet — der angerichtete allerdings nicht wiedergut- gemacht!" , . „ . ..
Der Angriff, das Berliner Organ des nationaliozialt- stischen Abgeordneten Göbbels, schreibt: „Der Schmachfilm i|t verboten! Damit hat die nationalsozialistische Bewegung den Kamps gegen dieses jüdische Sudelwerk auf der ganzen Linie gewonnen. All die Hungernden und Frierenden, die Verlassenen und Verzweifelnden, die belogenen und betrogenen Frontsoldaten, die Arbeiter der Stirn und der Faust, die am Montag und Dienstag in hinreißenden Massendemonstrationen gegen die jüdische Provokation des Remarque-Films aufmarschierten, sind jene Armee von willettsbewutzten und radikalen jungen Deutschen, die es sich nicht mehr gefallen lassen wollen, daß das öffentliche Leben in Deutschland zu einem Skandal und zu einer Schmach und Verhöhnung der deutschen Ehre wird. Sie haben sich hinter unseren Parolen in Marsch gesetzt. Wir werden dafür sorgen, daß dieser Marsch nicht abbricht sondern daß er ein Aufbruch wird ins neue Reich."
Was das Ausland sagt.
Die Londoner Presse schenkt dem Verbot des Films „Im Westen nichts Neues" ziemliche Aufmerksamkeit Der Film fei nur ein Vorwand für eine politische Demonstration gewesen, sagt der Berliner Mitarbeiter der „Times". Das Verbot müsse die Extremen ermutigen, die jetzt Haß und Verherrlichung des Krieges unter der Jugend predigten. Die Entscheidung der deutschen Regierung, so sagt die „Morningpost", stehe im scharfen Gegensatz zu der Haltung der preußischen Regrerung; denn Herr Severing habe doch gesagt, daß er in dem Film nichts Deutschfeindliches sehen könne.
Das neue Kabinett umfaßt insgesamt 30 Mitglieder gegen 34 des vorangegangenen Kabinetts Tardieu, und zwar 18 Minister, 2 Unterstaatssekretäre, 6 Senatoren und 4 Abgeordnete. Auf die Parteien verteilen sich die Miglieder wie folgt: 3 Mitglieder der Radikalen Senatsfraktion, 1 Mitglied der Senatsfraktion der republikanischen Vereinigung, Fraktion Poincarë (Chöron), 2 Mitglieder der Senatsfraktion der demokratischen und radikalen Vereinigung (Barthou und Boret), 2 Mitglieder der sozialrepublikanischen Kammerfraktion (Briand und Painlevè), ein rechtsstehender französischer Sozialist, Richtung Chabrun (Frédéric Brunet), ein Mitglied der unabhängigen Linken (Auguste Brunèt), 8 radikale Abgeordnete (Chautemps, Daladier, Queuille, Palmade, Marchandeau, George Bonnet, Leon Meyer, Berthod), 5 Mitglieder der radikalen Linken (Loucheur, Germain Martin, Danielou, Eourdeau und Millot), 5 Linksrepublikaner (Leygues, Erinda, Thoumyre, Barèty, Renè Coty), ein Mitglied der radikalen und sozialen linken Fraktion Franclin Bouillon (Richè) ein bei keiner Partei eingeschriebener Abgeordneter (Cautru).
Ministerpräsident Steeg hat sein Kabnitt heute vormittag um 10 Uhr dem Präsidenten der Republik vorgestellt. Die Regierung wird voraussichtlich am kommenden Dienstag vor dem Parlament erscheinen.
Preisabbau marschieri.
Keine Abrundung der Gebühren mehr bei der Reichsbank.
Die Reichsbank hat die Bestimmung, nach der alle von ihr erhobenen Gebühren auf volle 5 Pfg. abzurunden sind, aufgehoben. Die Gebühren der Reichsbank werden, abgesehen von den Mindestsätzen, von jetzt ab auf- Reichs- Pfennige genau ausgerechnet und erhoben.
Meine Zeitung für Mge Leser.
* Die deutsche Regierung hat dem Völkerbund eine neud Protestnote gegen den polnischen Terror in Oberschlestent ^gestellt. H
* Der Reichstag vertagte sich bis zum 3. Februar 1931.
* Sie Reichsreiterstafette hat in der Nacht zum Freitag in Tilsit ihren Abschluß gefunden. s
* Der Mur. der die StahlhelMtrgung in Koblenz fekaeb^. tat Haß ist »an her Filmprüsstâ Serif® sesSsie«