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Iulöaer Anzeiger

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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg

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W. 275 1930

Fulda, Dienstag, 25. November

7. Jahrgang

Der Völkerbund soll eingreifen!

Die Reichsregierung beabsichtigt, wegen der empörenden Unter­drückungs-Herrschaft der Polen gegenüber den Deutschen in abgetrenn­ten Gebieten den Völkerbund in Genf anzurufen. Wie die deutsche Minderheit behandelt wird. 6 Todesopfer des Wahlterrors.

Sie SchrelkellSherrMa- in Polen.

Deutscher Generalkonsul nach Berlin berufen.

.Die Wahlen zum Polnischen Senat haben den deutschen Parteien eine Niederlage ge­bracht. Aber nicht der Wahlausgang ist das über­raschende angesichts der offenen Vergewaltigung jeder Meinungsfreiheit, sondern die zunächst in Polen, dann aber in besonderer Weise in den früher deutschen Ge­bieten wochenlang vorher entfesselte brutale Unter- drückungs- und Schreckensherrschaft, mit der man das Resultat herbeigeführt hat. Jede freie und unbeschränkte Regung in politischer Beziehung wurde mit Totschlag, grausamer Mißhandlung, Zerstörung von Eigentum und anderen Schandtaten zum Verstummen gebracht. Ein Hohn, daß sich solche Vorgänge, über die im einzelnen allzuviel Widerwärtiges berichtet werden mußte, Wahl nennen dürfen. In keinem europäischen Kulturstaate hat man bisher etwas Ähnliches für möglich gehalten, dem Diktator Pi l s n d s k i blieb es überlassen, diese Greuel zu entfesseln.

Die deutschen Vereinigungen Ostoberschlesiens haben sich schon an den schweizerischen Schiedsrichter Calan der gewandt, da alle früheren Hilferufe an die polnischen Be­hörden , schnöde überhört wurden. Calonder untersucht augenblicklich die Taten einer polnischen Sendlingsbande in H 0 h e n b i r k e n, die dort wie feige Räuber und Mörder hausten. Aber auch das R e i ch s k a b i n e t t konnte nicht länger stillschweigend zu dem Geschrei der Ver­zweiflung, das trotz der angewandten polnischen Ver- tuschungsmanöver über die Grenze drang.

Das Kabinett wurde zu einer Sitzung einberufen, in welcher der Ernst der durch diese Vorgänge geschaffenen Lage offen zum Ausdruck gebracht wurde, über die zu ergreifenden Schritte wurde noch kein Beschluß gefaßt, da erst der Eingang des Materials erwartet wird, um eine objektive Beurteilung^» ermöglichen. Der deutsche Ge­neralkonsul in Kattowitz, Freiherr von Grünau, ist nach Berlin berufen, um Bericht zu erstatten.

Wie man vernimmt, will die Reichsregierung unter Umständen alsbald den V ö l k e r b u n d in Genf anrufen, um sein Eingreifen gegenüber dem polnischen Terror wachzurufen und dafür zu sorgen, daß menschenwürdige Verhältnisse endlich in den abgetretenen Gebietsteilen geschaffen werden.

polnischer Despotismus.

»,.. -d olen greift an; die Bedrohung ist viel starker, als es die Öffentlichkeit ahnt." Ein Mann hat dies ausgesprochen, dem auch der politische Gegner ein stets vor­sichtiges Wägen des Wortes nicht bestreiten wird. General­oberst v 0 nSe e ck t, jetzt auch Mitglied des Reichstages, rst es, der diese Warnung zum Ausdruck brachte in einem ->ortrag überPreußens Aufgabe"; denn diese Aufgabe bestehe neben der Abwehr des Bolschewismus vor allem darm, seine O st g r e n z ekulturell, völkisch, militärisch zu halten". Wie gefährdet Ostpreußen ist, weiß ja jeder Deutsche, und es ist geradezu untragbar, daß es z. B. die Gattin des polnischen Staatspräsidenten Mosicky fertiq- vekommt, in einem Aufruf zur Svenduna von Weibnackts- gaven, die an die Polen im Ausland gehen sollen, von demnoch imme runerlösten Ermland und Masuren" zu sprechen. Obwohl man dort bei der Abstimmung vor zehn Jahren von den Polen so gar nichts wissen wollte!

Aber noch viel untragbarer ist es, wie man schon vor Wahl zum Sejm, jetzt wieder speziell in Ostober- uylesten mit den dortigen polnischen Staatsbürgern deutschen , Blutes umspringt. Die Meldungen von

ali 1 äten schlimmster Art häufen sich zu Bergen und die Polen haben es so toll getrieben, daß endlich auch yerr C a l 0 n d e r , der Präsident der Gemischten deutsch- polnischen Kommission für Oberschlesien, eingreifen mußte, i lyn.r der Auftakt zu denWahlenfürdenober- Ghlesijchen Sejnl und den Warschauer Senat, -rohungen und fürchterliche Mißhandlungen von Deutschen ourch Mitglieder des Verbandes der Aufständischen, über­all und Einbruch in die Wohnungen von Deutschen, allgemeiner Wahlterror, der diegeheime" Abstimmung 'Msach beseitigte, machten Ostoberschlesien zu einem Ge- " w 0 nur noch der Knüppel und der R e - 0 0 l v e r r e g i e r t e n. Alles mit offener Unterstützung der Polizeibehörden oder zum mindesten unter ihrer wohl­wollenden Duldung, während man den Deutschen jeden Schutz versagte. Halbasien hob sein Haupt.

Aktiv, sogar sehr aktiv aber wurde die Polizei gegen aue oberschlesischen Organisationen des Deutschtums. Erhaltungen, Haussuchungen, unaufhörliche Zeitungs- Verbote sollten verhindern, daß allzuviel von diesen Greueltaten im Ausland bekannt wurde; alsdeutsche werireibungen" hoffte man wohl die Geschehnisse zu ''vernebeln". Ober Ostoberschlesien ist nicht Ostgalizien, 0 man in bestialischer Weise gegen die Ruthenen vor­an. ganze Kavalleriereaimeuter auf die

Bauern hetzte und die Gefängnisse vollstopfte. ' Dort aber gibt es keine internationale Kommission, die wenigstens eine Untersuchung veranstalten könnte. In Warschau, wohin der Präsident Calonder die lange Be­schwerdeschrift des Deutschen Volksbundes geschickt hat, wird man natürlich alles bestreiten; aber wenn das an­geblich auch zur Grundlage des Versailler Vertrages und des Völkerbundes gemachte Recht der nationalen Minder­heiten überhaupt noch Geltung haben soll, dann muß der Schrei des deutschen Ober Schlesiens nach Genf nicht bloß dringen, sondern dort auch wirklich gehört werden. Es fiel etwas auf, daß der deutsche Außenminister Dr. Curtius in seiner Rede vor dem Reichsrat nichts über das deutsch-polnische Verhältnis gesagt hat, aber jetzt, nachdem die Gemischte Kommission in Bewegung gesetzt wurde, hat man auch im Reichskabinett sich züm wie­vielten Male? mit dem Schicksal der Deutschen in Polen beschäftigt. Dr. Curtius hat ja das bekannte deutsch­polnische Liquidationsabkommen, das uns schwere finan­zielle Verpflichtungen auferlegte, dadurch empfohlen, daß durch diesen Vertrag das Deutschtum in Polen erhalten, daß aber auch die deutsch-polnischen Beziehungen gebessert werden sollten. Ähnliche Gründe führten auch zum deutsch-polnischen Handelsvertrag, aber es ist charak­teristisch, daß Polen das Liquidationsabkommen noch nicht ratifiziert hat, der neue Sejm es auch kaum billigen wird.

Ebensowenig ist es zu der erhofften Besserung der deutsch-polnischen Beziehungen gekommen. Ganz im Gegenteil, es ist seit den Märztagen, als der Reichstag das Abkommen genehmigte, nur schlimmer, viel schlimmer geworden. Und zwar sind es die polnischen Behörden, die dabei ganz offiziell führen und schüren. Man will die Minderheiten mit allen Mitteln der Gewalt ihrer Kultur und ihres Volkstums berauben, sollte es denn im und durch den Völkerbund keine Änderung herbeizu­führen möglich, diesem halbasiatischem Despotismus keine Schranken zu setzen sein?

Das Wüten der polnischen Negierungsanhänger.

Das Wüten der entfesselten polnischen Fanatiker gegen die Deutschen überstieg am Wahltage selbst alle Möglichkeit der Beschreibung. Sie drangen u a in die Wohnung eines früheren deutschen Abgeordneten ein und mißhandelten ihn und seine Tochter schwer. In den Wohnungen zahlreicher Deutscher wurden die Fensterscheiben eingeschlagen und die deutschen Schilderaufschriften mit Teer bestrichen, überall wurden Plakate angeklebt, auf denen den Deutschen gedroht wurde, daß sie es aufs schwerste zu büßen haben würden, falls sie die deutsche Liste wählen würden Notgedrungen suchten sich die gehetzten Deutschen zur Wehr zu setzen. Im Kreise Pleß, wo eine deutsche Schule stundenlang belagert und deutsche Kinder mißhandelt wurden, wurde der Poltzeibeamte Schnavke am Sonntag auf der Straße tot aufgefunden. Un­

Was geht in Rußland vor?

LiMn« -Wich MMer-sell.

Seit einigen Tagen werden Gerüchte verbreitet über Vorgänge in Rußland, denen politische Tragweite zu­geschrieben wird, die von einem Systemwechsel, von inneren Umwälzungen, von gewaltsamen politischen Be­wegungen sprechen. DcrTelephonvcrkehr über fast alle russi­schen Grenzen ist unterbrochen und auch die Züge laufen nicht mehr fahrplanmäßig. Dem Berliner Auswärtigen Amt ist es zwar gelungen, auf dem Umweg über Helsing- fors mit der deutschen Botschaft in Moskau zu telepho­nieren und den Bescheid zu erhalten, daß die politische Lage in der Sowjetunion völlig unverändert sei. Dazu kommt aber nun mit einemmäl die Nachricht, daß der russische Außenminister Litwinow, der in Genf bei der Abrüstungskonferenz arbeitete, Hals über Kopf heim- berufen worden und bereits abgereist ist, ohne daß die Konferenz beendet war.

Diese auffälligen Vorgänge geben natürlich den Ver­mutungen reiche Nahrung. So wird erzählt, der all­mächtige Stalin, der Nachfolger Lenins, sei ermordet ivorbett, eine Verschwörung in verschiedenen Offiziers­stüben sei entdeckt, 700 Offiziere feien verhaftet und mehrere erschossen worden, außerdem seien noch 3000 Ver­haftungen erfolgt. Der Kreml in Moskau, in dessen innersten Gemächern Stalin sich aufhalte, wäre streng ab­gesperrt, und was dergleichen Nachrichten mehr sind. Die Telegraphenagentur der Sowjetunion teilt mit, die für den 12. Dezember anberaumte dritte Tagung des Zentral- exekutivkomitees der Sowjetunion sei auf den 29. Dezem­ber 1930 verlegt worden. Stalin selbst hat angeblich dem Vertreter einer englischen Zeitung erklärt, alle beunruhi­genden Gerüchte seien nichtig und erfunben von sowjet­feindlichen Elementen.

bekannte Täter hatten ihm ein Messer ins Herz gestoßen. wm Sonntag erschien am Tatort eine Gerichtskomission, die die Mordtat den Deutschen anhängen wollte. Von polnischer Seite wurde das Gerücht verbreitet, daß die Ermordung des Polizisten auf Geheiß des deutschen Pastors Harfinger ge­schehen sei. In Neudorf kam es gleichfalls zu blutigen Zu­sammenstößen, und zwar zwischen Plakatanklebern der Kom­munisten und der Regierungspartei. Dabet wurde der so­genannte polnischeAufständische" Thomas Stelmach er­schossen. Der Untersuchungsrichter ließ hier zehn Personen verhaften. In Hohenbirken bei Ratibor kam es zu Aus- schreitungen gegen Deutsche. In zwei deutschen Wohnungen wurden Fensterscheiben eingeschlagen und Einrichtungen demo­liert. Zwei Deutsche wurden mißhandelt. Nach den bisher vorliegenden Meldungen sind in der Nacht zum Sonntag und am Wahltag selbst sechs Tote als Opfer des Wahlterrors zu verzeichnen.

Der Reichsparteivorstand des Deutschen Zentrums erhebt feierlichen Protest vor der ganzen Welt über die Be­handlung der deutschen Minderheit, verlangt Schutz für die Zukunft unb Wiedergutmachung.

pilfodslis Mehrheit im Senat.

Der Ausfall der Wahl.

Die Wahlbeteiligung bei den Senatswahlen am Sonntag war geringer als bei den Sejmwahlen am vor­letzten Sonntag. Auch im Senat hat der Regierungsblock wie im Sejm die absolute Mehrheit erlangt. Nach den bisherigen Ergebnissen, die sich kaum noch verändern dürften, verteilen sich die 111 Mandate folgendermaßen:

Regierungsblock: 75 (bisher 47),

Zentro-Linksblock: 14 (25),

Nationaldemokraten: 12 (29),

Ukrainer und Weißrussen: 5 (13),

Deutsche: 3 (5),

Christlichdemokraten: 1 (6), Juden: 1 (6).

Die Deutsche Wahlgcmeinschaft hätte noch mit einem Mandat in Pommerellen rechnen können, aber der Wahl­bezirk wurde so eingeteilt, daß die abgegebenen Stimmen für ein Mandat nicht ausreichten, wodurch das Mandat aus der Staatsliste in Fortfall kommen mußte. Die drei erzielten Mandate entfallen auf Lodz, Posen und Ostober­schlesien.

Für die Deutsche Wahlgemeinschaft wurden in Ost­oberschlesien bei insgesamt 360 598 Wählern 68 586 Stim­men abgegeben, während sie im Jahre 1928 noch 116 123 Stimmen aufbringen konnte. Sie behält ihr Mandat, muß aber die beiden Mandate in Posen und Pomme­rellen abgeben. Das dem Regierungsblock verloren­gehende Mandat in Ostoberschlesien fällt an die pilsudski- feindliche Korfanty-Partei.

Deutschland wird in Genf weiter brüskiert.

Ein lächerlicher Beschluß des Abrüstungsausschusses.

Im Abrüstungsausschuß wurde die zivile Luft­fahrt behandelt. Der Abkommensentwurf sieht vor, daß die vertragschließenden Staaten die Zahl ihrer sämt­lichen Flugzeuge und Luftschiffe bekanntgeben. Die eng­lische Regierung hat beantragt, daß auch die Ausgaben der Regierungen und Behörden für die gesamte Luft­fahrt veröffentlicht werden sollen. M a s s i g l i (Frank­reich) benutzte die Gelegenheit, um den Ausschuß auf die

Gefahren" der deutschen zivilen Luftfahrt aufmerksam zu machen, u. a. verlas er ein von einem Flugzeugführer einer spanischen Zeitung gegebenes Inter­view, nach dem ein bestimmtes ausländisches Handels­flugzeug in ein Bombenflugzeug verwandelt werden könne. G r a f B e r n st 0 r f f erklärte, das große Interesse des Ausschusses für die zivile Luftfahrt habe ihn sonder­bar berührt, wenn man sich vergegenwärtige, daß das gesamte aktive und lagernde Kriegsmaterial aus jeder Herabsetzung der Rüstungen herausgenommen worden sei.

Der amerikanische Botschafter Gibson und der Vertreter von Holland traten gleichfalls für die Streichung der Bestimmunaen des Abkommens ein.

Kleine Zeitung für Ege Leser.

* Es wird bei der Reichsregierung die Anrufung. des Genfer Völkerbunds gegen die bei den polnischen Wahlen erfolgten Deutschenverfolgung erwogen. '

* Sie polnischen Senatswahlen haben infolge des aus« £ÄÄ^ -»