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Zul-aer Anzeiger

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Nr 267 1930

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Fulda, Freitag, 14. November

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7. Jahrgang

Nur Deutschland muhte abrüsten.

Für die Alliierten dagegen ist Abrüstung eineMöglichkeit"! x M H

Briand und Tardieu sind sich darüber einig, dah Deutschland kein Recht auf Revisions-Forderung hat. Vertrauensvotum für die französische Kammer.

Briands Bekenntnis zu Locarno.

Paris, 14. November.

(Eigene Funkmeldung.)

Zn der gestrigen Kammerdiskussion über die außenpolitischen Interpellationen erklärte Briand u. a., daß er sich über das Ergebnis von Locarno nicht getäuscht habe. Er wandte sich gegen die Verleumdungen, die die Stoßkraft der franzö­sischen Regirung in ihren Bemühungen um den Frieden ver­minderten. Für die Minderheiten habe Frankreich seine These durchgesetzt. Durch die Locarnoverträge hätte Deutschland das Versprechen abgegeben, daß es niemals mit Gewalt

die deutsch-polnische Grenze

ändern wolle. Die Verträge seien unterzeichnet und würden nicht zerrissen werden. Frankreich wünsche lediglich, sich gegen jede Kriegsgefahr zu schützen. Ferner wandte sich Briand ge­gen die Auffasiung, daß eine Fühlungnahme mit Deutschland nicht möglich wäre und daß eine ständige Kriegsdrohung zwi­schen beiden Ländern schwebe. Der Poungplan sei gegenwärtig noch nicht angegriffen worden.

Die Nachtsitzung der Kammer.

Im Verlaufe der Nachtsitzung der französischen Kammer hielt Ministerpräsident Tardieu eine Rede, in der er u. a. ausführte: Seit vier Jahren arbeite ich mit Briand zusammen. Wir beide sind vielleicht in der Vergangenheit nicht immer der gleichen Ansicht gewesen, aber wir haben als Außen­minister und als Ministerpräsident miteinander gearbeitet, und es gibt keine Zweideutigkeit. Tardieu fuhr fort: Den Aus­führungen Briands über die Locarnoverträge habe er nichts hinzuzufügen. Der Räumung der 3. Zone, also eines 3. Teiles des besetzten Gebietes, sei die tatsächliche Kommerzialisierung voraufgegangen.

Der Offizier, der mit der Kontrolle der deutscherseits zu schleifenden Vefestigungswerke beauftragt war, habe genau nach­geprüft und festgestellt, daß

diese deutschen Festungswerke gemäß den Vertrags­bestimmungen zerstört

waren. Er ging ein auf die Kundgebungen des Stahlhelms und Reden über den Anschluß über den Danziger Korridor und über die Erenzfrage. Das Erstaunliche an diesen Reden sei, daß sie von Männern gehalten worden seien, deren Unter­schriften sich nicht nur unter dem Versailler Vertrag, sondern auch unter dem Locarnovertrage befänden, der doch ein frei­willig übernommener Vertrag sei. Hinsichtlich der Abrüstungsfrage gibt es innerhalb des Völkerbundes eine Mei­nungsverschiedenheit zwischen Frankreich und Deutschland. Frankreich hält sich an den Friedensvertrag, der es Deutschland zur Pflicht macht, abzurüften, während

die Abrüstung für die Alliierten nur eine Möglichkeit ist. Tardieu fragte, weshalb die deutsche Regierung so großen Wert darauf lege, so viele Gebäude des ehemaligen Heeres zu erhalten, da sie doch nur Uber die nach dem Versailler Vertrag erlaubte Armee verfügte? Das müsse geregelt werden. Hin­sichtlich der Abrüstung hat Frankreich, so fuhr Tardieu fort, seine Militärkredite im Vergleich zu denen von 1914 auf drei Hertel ermäßigt, und die Militärdienstzeit auf ein Drittel gegenüber der früheren Zeit herabgesetzt. Frankreich hat wohl 42 000 Soldaten mehr als Amerika, aber 183 000 Mann weni­ger als Italien und 195 Mann weniger als England.

Tardieu kam dann auf Artikel 19 des Völkerbundsstatuts, "er die Revision der Verträge vorsieht, zu sprechen, und er­klärte: Man muß sich vor jeder Unvorsichtigkeit hüten. Die Deutschen, die die Revisionskampagne eingeleitet hatten, haben übersehen, daß die Friedensverträge die Folge des Krieges ge­wesen sind, und daß es nicht möglich ist, die durch den Krieg hervorgerufenen Störungen zu verwischen.

Wenn man die territorrialen Klauseln wieder in Frage stellen würde, und wenn es eine Mehrheit für die Revision geben würde, dann würde einige Monate später, nicht durch den Willen von einzelnen Männern, sondern durch die Ge­walt der Menge zunächst einmal wieder Krieg ausbrechen und dann die Revolution.

Tardieu sprach dann über die Weltwirtschaftskrise und er­wähnte, in Genf werde Frankreich Vorschläge zur Reorgani- serung Europas machen. Es werde dadurch die bolschewistische Proganda in den mitteleuropäischen Staaten zu Fall bringen und auch die Gefahr einer Kampagne zugunsten der Revision der ^riedensverträge, wenn Frankreich es verstehe, Europa wirt­schaftlich zu organisieren.

Hierauf ergriff der Abg. Franklin-Bouillon das Wort und erklärte, eine deutsch-französische Annäherung sei un­möglich, wenn Deutschland die Revision der Verträge und die Wiederrüstung der Rheinlande verfolge Tievrranus habe er» Hart, Deutschland dürfe niemals seine Ostgrenzen hinnehmen.

Polen fei aber der Verbündete Frankreichs.

Hierauf erwidert Außenminister Briand, Frankreich habe Polen stets zur Seite gestanden, und stets sei das geschehen, was geschehen mußte.

Schließlich schritt die Kammer zur Abstimmung über eine von der radikalen Linken eingebrachten, von der Regierung gebilligten Tagesordnung, die folgenden Wortlaut hat:

Die Kammer vertraut der Regierung, daß sie weiterhin die Achtung der Verträge, die Sicherheit des Landes und die Organisirung des Friedens gewährleistet und lehnt jeden weiteren Zusatz ab."

Die Kammer hat mit 323 Stimmen gegen 270 Stimmen die von der Regierung angenommene Tagesordnung Odin-Pic (Radikale Linke) angenommen und damit der Regierung ihr Vertrauen ausgesprochen. Die Sitzung wurde um 4 Uhr früh franz. Zeit aufgehoben.

Bei der Diskussion über die vorgelegten Tagesordnungen er­klärte im Namen der Radikalen der Abgeordnete Berthod, die Radikalen könnten trotz der mehr als aufrichtigen Aufforderung des Ministerpräsidenten der Regierung nicht das Vertrauen aussprechen, deshalb müßten sie gegen die Tagesordnung stim­

6tabteu von Lyon in Trümmern.

Noch immer Ungewißheit über die Zahl der Opfer.

Ueber das gestern bereits gemeldete schwere Einsturzunglück in Lyon werden nun weitere Einzelheiten bekannt. Wieviel Opfer das Unglück gefordert hat, läßt sich noch nicht mit Be­stimmtheit sagen; jedenfalls aber erweisen sich die in den ersten Meldungen genannten Zahlen als übertrieben. Es ist damit zu rechnen, daß etwa 30 Tote zu beklagen sind. Zu dem Unglück erfahren wir noch:

Eine Mauer, die an dasHotel du Petit Versailles" grenzte, brach zusammen, woraus das ganze Gebäude unter furchtbarem Getöse zusammenstürzte. Das war aber der Anfang der Katastrophe. Kaum hatte man nämlich die Aufräümungsarbeitcn begonnen, als plötzlich

mehrere H ä u s e r g r up p e n in der Nachbarschaft einstürzten und Bewohner und Hilfs- nlannschasten unter den Trümmern begruben. Sofort wurde das ganze Gelände in einem Umkreise von mehreren hundert Metern abgesperrt. Die Häuser im Absperrungökreisc mußten auf Befehl der Polizei sofort geräumt werden. Kaum war jedoch dieser Befehl ausge führt, als große Erdmassen nachrutschten und ein weiterer Häuserblock z u s a m m e n b r a ch.

Mehrere Rettungswagen, die zum Abtransport der Ver­unglückten cingetroffcn waren, wurden unter den Trüm­mern begraben. Wie groß die Zahl der Todesopfer ist, hat sich mit Sicherheit noch nicht feftftcticu lassen.

Der Schauplatz der Tragödie.

Ein ganzes Stadtviertel eingestürzt.

Einstürze in solchem Ausmaße haben sich seit Jahr­zehnten nicht ereignet. Es ist nicht übertrieben, wenn man von dem Einsturz eines ganzen Stadtviertels spricht, denn der Trümmerhaufen, aus dem das Stöhnen der Verletzten bringt und in dem sich die Unglücklichen winden, nm sich aus ihrer qualvollen Lage zu befreien, erstreckt sich über eine Breite von 300 Metern und eine Tiefe von 70 Metern. Im ganzen

stürzten zehn Wohnhäuser ein, von denen jedes mindestens sechs bis sieben Stockwerke hocb war. In fünf hinterernanderfoltzenden Erdrutschen krachten die gewaltigen Steinbauten unter furchtbarem

men, aber öffentlich bekunden, daß sie di« Politik des Außenmini­ster Briand nach jeder Richtung hin billigten und ihre Fort» setzung wünschten.

Das englische.Indienprogramm.

Die Vorschläge der britisch-indischen Regierung.

Die Vorschläge der britisch-indischen Regierung für die politische Neuordnung in Indien gehen nicht so weit über den Simon-Bericht hinaus, wie im nationalindischen Lager vielfach erhofft wurde. Der Bericht wird einen wesentlichen Bestandteil der Verhandlungen der Englisch- Indischen Konferenz bilden. Nach eingehender Schilde­rung der in Indien wirkenden politischen Kräfte wird in dem Bericht

die Bedeutung der nationalistischen Bewegung unterstrichen, deren Stärke man bei den letzten Unruhen erkannt habe, so daß die Art der Selbstregierung milden nötigen Einschränkungen festgestellt werden müsse. Der Gedanke eines allindischen Bundes wird an­genommen. Seine Verwirklichung hänge jedoch zum großen Teil von der Stellung der indischen Staaten ab. Den Provinzen soll ein Höchstmaß von Autonomie ge­geben werden.

Getöse zusammen. Das Katastrophengelände lehnt sich unmittelbar an einen hohen Berg. Tie riesigen Erdmassen, die sich herabwälzten, vergrößerten noch die Ausmaße des Uuglücks. Es ist unmöglich, eiu Bild von beu Schreckensszenen, die sich an der Unglücksstelle abspielten, zu geben. Im Scheine von Fackeln, Lampen und Schein­werfern liefen.die mit dem Leben davongekommenen Be­wohner der Häuser wie irrsinnig die ganze Nacht herum und suchten nach ihren Familienangehörigen. Die Polizei hat die Häuser in weitestem Umfange räumen lassen, da man weitere Einstürze befürchtet.

Die wenigen Augenzeugen der nächtlichen Katastrophe in Lyon erzählen, daß das Gebäude am Chemin Neuf Nummer 15 w i e vom Blitz zerschmettert zu­sammengebrochen sei. Der Chemin Neuf wird durch an einem steilen Abhang liegende Gärten begrenzt, die mit einer hohen Stützmauer zur Straße abschließen. Kurz vor 1 Uhr stürzte diese Mauer unter starkem Erdrutsch ein, wo­bei sich die Gesteins- und Erdmassen auf den Chemin Neuf wälzten und in gewaltiger Welle gegen die gegenüber­liegenden Häuser anbrandeten. Als etwa 35 Feuerwehr­leute mit der Bergung der Toten und Verwundeten be­schäftigt wäre», ereignete sich d i e z w e i t e E i n st u r z - k a t a st r 0 p h e, die Retter und Gerettete unter sich be­grub. Um 2,50 Uhr und um 4,10 Uhr erfolgten die weite­ren Erdrutsche. Nach dem zweiten Erdrutsch traf der Präfekt mit seinem Stabe an der Unglücksstelle ein und untersagte die Fortsetzung der Räumungsarbeiten.

Der Erdrutsch hat bereits etwa 20 000 Kubikmeter Boden erfaßt, und cs läßt sich noch nicht absehen, ob die Bewegung zum endgültigen Stillstand gekommen ist. Alle Autodroschlcn sind durch Polizeibeschl beschlagnahmt worden, um für das Hilfs- und Rettungswerk verwendet zu werden.

Trotz seiner Krankheit ist der Bürgermeister Her­riot am Ort der Katastrophe erschienen, um in der Untersuchungskommission mitzuwirken. Vorläufig nimmt man an, daß der gewaltige Erdrutsch auf Unter­spülungen durch die starken Niederschläge des Som­mers und der letzten Zeit zurückzuführen ist.

Durch die Einsturzkatastrophe sind nach den letzten Festste!« hingen 16 Häuser vernichtet worden, während 10 Gebäude als vom Einsturz unmittelbar bedroht gelten. Die Zahl der Toten wird bisher mit etwa 30 angegeben, sicher ist diese Zahl nicht, weil noch immer keine Klarheit darüber besteht, ob nicht noch Leichen unter de» Trümmern begraben liegen. Bürgermeister Herriot hat mit dem Stadtbaumeister die Trümmerstätte in Augenschein genommen. Nach ihren Erklärungen ist das Un­glück auf die eigentümliche Geländebeschaffenheit in dem be­troffenen Stadtteil zurückzuführen, wozu noch die Wirkung der in den letzten Wochen niedergegangenen verheerenden Regen­güße beigetragen hat.

M-tne Zeitung für »Mae Leser

* Der Haushaltsausschuß des Reichstages behandelte den Plan zur Ausgabe von Marken an Minderbemittelte zum Be- zug von frischem Fleisch an Stelle des in Wegfall gekommenen ausländischen Gesrrersleisches.

^"Preußischen Landtag kam es anläßlich der Besprechung der Vorfall« In der Berliner Universität zu Särmsz-nen. 5 . P^ $** Emsturzkatsstroph« w Lyon fanden nach ht«. hertgen Feststellungen etwa 30 Personen den Tod.