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Nr. 262 - 193»
Fulda, Samstag, 8. November
7. Jahrgang
Deutscher Vorstoß in Genf.
Mstnugsvenumderung gefordert.
Gedämpfte Stimmung.
Die Arbeiten der Vorbereitenden Abrüstungskommis- sion werden fortgesetzt, obwohl sich bereits nach dem ersten Taae eine ziemlich hoffnungslose Stimmung bemerkbar zu machen scheint angesichts des Widerstandes Frankreichs und Englands gegen eine nachhaltige Abrüstung. Es begann die zweite Lesung der noch nicht erledigten Artikel des Entwurfs über die Herabsetzung und Begrenzung der Rüstungen. Hauptstreitgegcnstand war die Einteilung der Seestreitkräfte, des Unterschiedes zwischen »Offizier und Unteroffizier in der Marine und die Bestimmung der Gesamtstärke der Marinestreitkräste. Am Schluß der Sitzung kam bei dem Artikel über die Dienstzeit der Volksheere auch die Frage der ausgebildeten Reserven zur Sprache, wozu der deutsche Delegierte Graf Bernstorff den deutschen Antrag wieder einbrachte, weil hier eine Möglichkeit gegeben ist, durch die Festsetzung der Ziffern und die Festlegung der Dienstzeit auch die ausgebildeten Reserven zu beschränken.
Die Vertreter Großbritanniens und der Vereinigten Staaten haben an der Haltung nichts geändert, die sie auf der letzten Tagung eingenommen hatten und die ein Entgegenkommen gegenüber Frankreich bedeutet. Der Vertreter Deutschlands hatte seinerzeit einen Antrag gestellt, der die Möglichkeit zeigte, die ausgebildeten Reserven beim Vergleich der einzelnen Heere und bei der Festsetzung ihrer Rüstungsherabsetzung in Anrechnung zu bringen.
ErkèaruW Graf Bernstorffs.
Der Vertreter Deutschlands, Graf Bernstorff, gab »eine grundsätzliche Erklärung ab, nach der die deutsche Regierung den entsprechenden gesamten Artikel des Abkommens, der lediglich von einer Begrenzung der aktiven Truppcnbestände sowie der militärisch organisierten Formationen spricht, ab lehnt. Die deutsche Abordnung verzichte darauf, in Zukunft bei jedem einzelnen Punkte dagegen zu stimmen, und erkläre hiermit ihre gesamte ablehnende Haltung zu dieser Art der Regelung der Land- abrüstungsfragen. Zu dem Artikel 1 liegt ein allgemeiner Vorbehalt der deutschen Regierung vor. Die deutsche Regierung wird bei der späteren Verhandlung der militärischen Ausbildungszeit vom Ausschuß eine endgültige Stellungnahme und Abstimmung über die Frage dèr ausgebildeten Reservisten fordern.
Es entspann sich eine scharfe Auseinandersetzung zwischen den Seemächten England, Amerika, Japan und auch Italien auf der einen Seite und den Landmächten unter Führung Frankreichs auf der anveren Seite über die Erfassung der Personalbestände. Der Abkommensent- Wurf sieht für die Landtruppen die Festsetzung einer Höchstzahl für Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften vor. Die englische Regierung beantragte nun, daß die
„Do. X" über Amsterdam.
England in Erwartung.
Das Flugschiss „Do X" ist Freitag nachmittag zum R u n d s l u g über Amsterdam und der Z u i d c r- s e e gestartet. Schon etwa anderthalb Stunden vorher begannen die Motoren zu laufen. Die große Menge der Zuschauer erwartete mit Spannung den Augenblick des Abfluges von der Ankerstelle vor dem Flughafen in Echellingwoude. Auch in der Stadt Amsterdam selbst zeigte man sehr großes Interesse für den Rundflug. Aus dem Dam — dem Hauptplatze Amsterdams — an allen Straßenecken, auf allen Plätzen, auf vielen Brücken und Grachten und auf den Dächern der Häuser standen Sausende von Menschen. Glitzernd im Sonnenscheine, ^weitet von einem Militärflugzeug, flog „Do X" etwa ^Minuten nach dem Start über die Stadt. Um 1.47 Uhr mitteleuropäischer Zeit ging das Flugschiss wieder aus K'iicn Vmh^ bei Schellingwoude nieder.
n v j1 B'oßem Interesse sieht England dem Besuch des
V entgegen. Mitglieder der deutschen Botschaft, des vrm,chen Luftfahrtministeriums, Parlamentarier und andere amtliche Persönlichkeiten werden sich nach C als- Y o i begeben, um das Flugzeug zu besichtigen. Der 1M von Wales wird voraussichtlich in seinem bnvatslugzeug nach Bombte fliegen und von dort mit Mnasse der königlichen Luftstreitkräfte nach Ealshot
Stürmisches Wetter.
London, 8. November.
„News Thronicle" meldet von heute früh aus Southampton: Bei dem an der hiesigen Küste herrschenden ^rurm von 50 Meilen Stundengeschwindigkeit wird es für NA?hrscheinlich gehalten, daß Do. X heute nach Talshot fliegen wird. Vor dem Seeflughafen Talshot, wo das oiugboot landen soll,- ist die See stürmisch bewegt. Ein ^eamter des Flughafens erklärte: Wir müssen dem Flug- , l einen ungünstigen Wetterbericht senden. Es dürfte unmehr unwahrscheinlich sein, daß Do. X vor Sonntag England abfliegen wird. — Die Wetterberichte der Matter kündigen für das Wochenende starke bis stürmische -Stunde und Regen an.
Seemächte das Recht erhalten, lediglich eine Gesamtzahl ihres Flottenpersonals ohne Einzelunterscheidung anzugeben, während die Landmächte gezwungen werden sollen, ihre Personalbestände nach Dienstgraden festzusetzen. Der Wwjetrussische Außenkommissar Litwinow bekämpfte gleichfalls den englischen Antrag. Es wurde beschlossen, daß diejenigen Mächte, die an dem höchst bedeutsamen englischen Antrag interessiert seien, vertraulich hierüber verbandeln sollen.
Der Holländer Loudon, der Vorsitzende der Vorbereitenden Abrüstungskoni,aission
Geheime FloièenverhandSungen.
Die Absichten der englischen Regierung.
Zwischen den großen Seemächten England, Amerika und Japan sowie Frankreich, Italien und Sowjetrußland sind in Genf vertraulich eVerhan d l ungen geführt worden. Zur Beratung stand der englische Antrag im Abrüstungsausschuß, nur die Festsetzung der Gesamtzahl des Flottenpersonals der Seemächte ohne Unterscheidung der einzelnen Dienstgrade vorzunehmen. Die englische Regierung beabsichtigt damit offenbar, noch vo" der Konferenz sich im Abrüstungsausschuß die Stimmen zu sichern, die ihr die freie Ausbildung des gesamten Flottenpersonals ermöglichen sollen. Zunächst werden von französischer Seite dem englischen Antrag Gegenanträge gegenübergestellt.
Start auf Sonntag verschoben!
Zu der vergangenen Nacht herrschten an der Nordseeküste schwere Stürme, und auch über Amsterdam gingen schwere Unwetter nieder. Der Start des Do. X nach England, der gestern auf heute vormittag festgesetzt worden war, ist auf morgen verschoben worden. Der Zeitpunkt des Abfluges wird von den Wetterberichten abhängig sein.
„Do X" im Hafen von Amsterdam
vor dem holländischen Marineflughasen Schclling- w o u d e an der Zuidersee, der ersten Etappe des ».lmertka- sluges. Tausende von Holländern umdrüngten und bewunderten hier das deutsche fliegende Schiff.
Verschiebung des Amcrikaslugcs.
Der Abflug des Flugschiffes „Do X" zum Am erika- f l u g ab Lissabon ist verschoben worden und werd voraussichtlich am 16. November stattfinden. Der Einsendeschluß für Postsendungen, die dem Flugschiff zur Beförderung übergeben werden sollen, wird infolgedessen vom 8. au. den 12. November, 14 Uhr, verlegt.
Militärischer Gehorsam.
Ein Erlaß des Wehrministers.
Reichswehrminister Gröner hat kürz nach der Urteilsfällung im Prozeß gegen die Ulmer Offiziere einen Erlaß an das Offizierkorps der Reichswehr herausgegeben, der in seinem Wortlaut erst jetzt bekannt wird. Der Erlaß ist vom 6. Oktober datiert und lautet:
1. Die Reichswehr ist und muß ihrem ganzen Wesen nach im höchsten Maße national sein. Es ist aber eine Überheblichkeit ohnegleichen und ein tiefbedauerlicher Mangel an Auto- ritätsgefühl, wenn junge Offiziere, die außer ihrer Jugend keine Legitimation besitzen, ihren höchsten Vorgesetzten, also auch dem in allen nationalen Fragen entscheidenden Oberbefehlshaber der Reichswehr, dem Reichspräsidenten von Hindenburg, Mangel an Nationalgefühl vorwerfen und sich anmaßen, allein zu wissen, was national ist.
2. Es ist durchaus richtig, daß die Hauptaufgabe der Wehrmacht der Schutz unseres Vaterlandes nach außen ist, und es ist eine selbstverständliche Pflicht der Führung, alles irgendwie Erreichbare zur Lösung dieser Aufgabe zu tun. Es ist aber eine Vermessenheit und eine erstaunliche Überschätzung ihrer Urteilskraft, wenn junge Offiziere, die die außenpolitischen und finanziellen Möglichkeiten in keiner Wese beurteilen können, von unzureichenden Landesschutzmaßnahmen sprechen und offen Kritik daran üben.
3. Die Reichswehr ist überparteilich und rein staatlich eingestellt. Sie muß unbedingt aus dem Streit der Parteien und den politischen Tageseinflüssen herausgehalten werden. Es gibt also keinen Rechts- oder Linkskurs. Alle militärpolitischen Maßnahmen und Anordnungen sind allein von diesem Ge- sichtspnnkt aus diktiert. Es bedeutet daher eine vollständige Verkennung der tatsächlichen Verhältnisse und einen kaum zu überbietenden Grad von Selbstüberschätzung, wenn junge Offiziere den nach ihrer Meinung vorhandenen Linkskurs in der Reichswehrleitung glauben bekämpfen zu müssen. Gegen Anordnungen oder Maßnahmen, die sie nicht verstehen, steht ihnen der Weg zu ihren Vorgesetzten bzw. der Beschwerdeweg offen. Im übrigen ist es aber eine üble Nachkriegspsychose, daß jeder junge Offizier sich berechtigt glaubt, an allen Befehlen der Führung Kritik zu üben und für jede Maßnahme eine Begründung und Erklärung verlangen zu können.
4. Die Festigkeit jeder Wehrmacht beruht auf einem vorbehaltlosen, uneingeschränkten Gehorsam. Soldaten, die vor Ausführung von Befehlen prüfen wollen, ob diese Befehle ihrer Anschauung entsprechen, sind keinen Schuß Pulver wert. Solche Gedanken bedeuten die Vorstufe zur Meuterei, zur Auflösung der Reichswehr und in der weiteren Folge zum Kampf aller gegen alle. Für die junge Wehrmacht war es einer der schwärzesten Tage, an dem Offiziere vor dem Reichsgericht ähnlichen Gedankengängen Ausdruck gegeben haben.
5. Es ist selbstverständlich, daß Offiziere mit derartigen Ansichten nicht in der Reichswehr bleiben können. Ich erwarte daher von jedem Offizier, der Ehrgefühl und den Mut zur Wahrheit bat, daß er sofort aus der Reichswehr ausscheidet, wenn er ähnlichen Gedankengängen huldigt.
6. Dieser Befehl ist allen Offizieren im Wortlaut bekanntzugeben. Vollzug ist bis zum 1. November 1930 dem Reichswehrminister auf dem Dienstweg zu melden.
gez. Gröner.
Die Wahlen in Amerika.
Unsicheres Resultat.
Nach dem Wahlergebnis in Indiana haben die Demo traten dort mit drei Stimmen Mehrheit über die Republikaner gesiegt. Die Demokraten verfügen nunmehr im Repräsentantenhause über 217 Sitze gegenüber 216 Sitzen der Republikaner und einem Farmerarbettervertreter. Ein Wahlkreis steht noch aus. Demnach können sich also mög licherweise je 217 Demokraten und Republikaner im Repräsentantenhaus«? gegenüberstehen. Ein Farmer arbeitervertretcr hätte dann die Entscheidung.
Gefährdeter erscheint die republikanische Mehrheit im Senat, da sich unter den 48 republikanischen Senatoren etwa 15 sogenannte Insurgenten, unzuverlässige Republikaner, befinden, die zusammen mit einem Senator der Farmerarbeiterpartei zwischen den restlichen 33 regulären Republikanern und den 47 Demokraten die Entscheidung in der Hand haben werden.
Skandal in der Französischen Kammer.
Blutige Balgerei zwischen französischen Chauvinisten und Soziali sten.
Die Wandelhalle der Französischen Kammer war der Schau platz eine? großen Schlägerei zwischen dem Chefredakteur der nationalistischen „Liberlè". Camille Aymard, und einigen seiner Anhänger sowie einer großen Anzahl sozialistischer Jour- nalsten und Abgeordneten. Ministerräsident Tardieu, der zu gleicher Zeil die Wandelhalle durchschritt, um den Sitzungs- saal zu erreichen, betrachtete mit einem ironischen Lächeln den Vorgang, ohne sich jedoch weiter darum zu kümmern, ebenso der Kammerrästdcnt Buisson.
Im Verlaufe der Tätlichkeiten wurde der Chefredakteur Der „Liberia durch die Fensterscheibe einer großen Tür, die zum Garten des Kammergebäudes führt, gedrückt. Auch einige Sozialisten wurden verletzt.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Auf der Vorbereitenden Abrüstungskonferenz in Genf unternahm der deutsche Vertreter Graf Bernstorff einen weiteren Vorstoß im Sinne der deutschen Vorschläge für eine grundsätzliche Abrüstung.
* Das Flugschiss „Do X“ machte einen Rundflug über Amsterdam und die Zuidersee.
* Die Schiedskammer, die die endgültige Festsetzung der umstrittenen Löhne der Berliner Metallarbeiter vornehmen soll, hat die Beratungen begonnen.
* Rykow, der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare in Rußland, ist krankheitshalber beurlaubt worden. Dieser Vorgang wird allgemein als Kaltstellung des gemäßigten Rukow durch den radikalen Stalin aufgesaßt.