Zul-an Anzeiger
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Nr. 258 — 1930
Fulda, Dienstag, 4. November
7. Jahrgang
Der Kanzler an Frankreich.
Revision das Ziel der deutschen Außenpolitik.
Brüning erklärt dem Vertreter einer Pariser Zeitung: Deutschland hat das Recht auf Forderung voller nationaler Freiheit und Gleichberechtigung. — Was das Ergebnis des 14. Sept, den / Gläubigermächten zu sagen hat.
) Brüning für gleiches MG.
Kamps für Revision wird fortgesetzt.
Reichskanzler Brüning hat dem Berliner Vertreter des offiziösen Pariser Blattes „Petit Puristen" ci:- Unterredung gewährt und dabei eine Reihe bedeutsamer Erklärungen gegebenen denen die leitenden Richtlinien der deutschen Außenpolitik zum Ausdruck kommen. Briunn" betonte die Friedensliebe Deutschlands, lehnt jede Aben tcucrunternehmung ab, weist dann aber mit Entschiedenheit auf das Ziel hin, das Deutschland zu suchen hat — die Erringung der vollen nationalen Freiheit und Gleichberechtigung. Heute noch sind die Fragen, deren Lösung beim Friedenschluß von Versailles feierlich versprochen wurde, zum großen Teile auf dem gleichen Stand wie damals. Mit allen ihm zu Gebote stehenden friedlichen Mit- tcln wird Deutschland auch fernerhin aus eine Änderung der bestehenden unnatürlichen Zustande himvirkcn, deren Aufrechterhaltung seine Wirtschaft und seine Zahlung^- fuhigkelt in Frage stellen. Alle Staaten, sagte Brüning, haben Anspruch auf gleiche Sicherheit, die in Frankreich w oft betont wird. Man darf nicht aus irgendwelchen Gründen mit verschiedenen Maßen messen.
. /e^"h.stcrade in der letzten Zeit ein gewisser Rückschritt in
Entwicklung des gegenseitigen Verhältnisses eingetreten zu wn scheint, führte der Kanzler aus, so ist das wohl mit darauf zuruckzufuhren, daß verschiedene innenpolitische Vorgänge und Ereignisse eine Beurteilung und Wertung in Frankreichgesun- oen Haven, die nur in einem völligen Mißverständnis der eigeut- kaun" r’“^11 "nd^Mfammen hänge M,e ^WWß^ linden 1 < ^L^1 v"^ "'^ Kriegsdrohung sind aus den Wahlurnen deS ^^Ubptember hervorgegangen, sondern der Ausdruck eines tief- bedruckten und doch starken Volkes, das um seine nationale An kunft ringt. Die Stimmen, die wir aus Frankreich hören bringen fast übereinstimmend eine Enttäuschung zum Ausdruck daß die Konzession, die Frankreich durch Erleichterung der Repa- ratwnen und durch vorzeitige Räumung gemachi zu haben glaubte, in Deutschland nicht genügend gewürdigt würden.
Verkennung der möglichen Auswirkungen dieser vereinbarten Maßnahmen.
Frankreich übersah die Schwere der deutschen Wirtschasts- nol, die alle eingetretenen Zahluugscrleichteruugeu weit über- wog, und verstand daher nicht, daß die Minderung der Repa- ratwnslastcn nicht die erwartete wirtschaftliche und politische Entspannung brachte. Ein halbes Jahr nach dem Jnkraft- treten des
Noung-Planes
linb bereits allerorts Diskussionen über die Möglichkeit seiner Durchführung entstauben. Frankreich als Hauptgläubiger mm; einsehen, daß seine deutsche Regierung ihrem Volke eine M,l- liardenschuld, die in ihrer Gesamtheit immer wieder als druckend empfunden wird, durch die an sich begrüßenswerte
Stürme über
Gewaltiger Schaden angerichtet.
England wurde von einem schweren Gewitter- 11 r in Heimgesucht. In Shocburyncß warf die Gewalt des Sturmes Automobile in den Straßen um und schlcu- derte Fußgänger viele Meter weit fort. Es gab eine Anzahl Schwerverletzter. Schornsteine, Mauern und Dächer wurden eingerissen.
Sturmschäden in Frankreich.
1. Der Sturm, der über die nordfranzösischen Provinzen
, '.^uste, hat in Paris ein Todesopfer gefordert: ein elek- Leitungsmast wurde vom Wind Hingerissen und eii c’lten Arbeiter. Im Norden der Stadt stürzte i?e acht Meter lange Mauer um und verletzte einen Vör- '^'gehenden so schwer, daß er in ein Krankenhaus .uutacpt werden mußte. In allen Teilen der Stadt war Re Feuerwehr eifrig bemüht, eingestiirzte Schornsteine, m Nern und Gerüste wegzuschaffen. Im Bois de Bou- pgne wurden Hunderte von Bäumen entwurzelt.
di-”" Laufe des gestrigen Tages haben Regen und Sturm, S „ cü vorgestern fast alle Gegenden Frankreichs, besonders auch heimsuchen, angedauert. In Paris sind verschiedentlich angerichtet worden. So haben herabgerissene Aeste die k Ha^eitung beschädigt. Krane wurden umgeworfen Eephonleitungen beschädigt. Auch der Wasserstand der 1, !^.und anderer Flüsse ist wieder beträchtlich gestiegen. Eine Wroenimung wird aus dem Gebiet eines linken Neben- tAm "er Marne gemeldet, wo die Landstraßen zum Teil über« ein int und unpassierbar geworden sind.
Auch an der Küste bat der Sturm große Schäden angerichtet. In B 0 u - 0 g il c - s u r - M e r traf ein englischer Personendampfer schweren Beschädigungen am Heck ein. Eine Sturz- velle hatte außerdem zwei Mann seiner Besatzung gegen s w Reling geworfen, wobei die beiden Leute schwer ver- -0. , Kurden. Einem anderen englischen Dampfer, der den . ^kehr zwischen Boulognc-sur-Mer und Folkestone ver- - u, wurde bei der Überfahrt über den Kanal die Kom- .''"dobrücke weggerissen. Acht Reisende wurden durch . V.ütucke mehr oder weniger schwer verletzt.
Ermäßigung um einige 100 Millionen sagbarer erscheinen lassen kann.
Wenn gleichzeitig die schwerste Wirtschafts- und Finanzkrise dazu zwingt, mehrere Milliarden neuer Steuern und Lasten auf- zucrlcgcn, ist es selbstverständlich, daß jede deutsche Regierung sich alle vertragsgemäß zur Abwehr von Gefahren für Wirtschaft und Währung zur Verfügung stehenden Maßnahme» offen halten muß, für den Fall, daß sich die Voraussetzungen für die Erfülltttig dieser Zahlungen nicht einstellen sollten.
Andererseits erscheint uns die Enttäuschung Frankreichs über die angeblich nicht genügende Anerkennung der vorzeitigen Rheinlandräumung nicht gerechtfertigt Die immer wieder hinausgeschobene Entscheidung hat die Wirkung und den Eindruck dieser lang erwarteten Maßnahmen, die zu dem nicht ohne Härten und Belastungen vor sich ging, sehr abgeschwächt. Diejenigen, die mehr erwarteten, sollten sich doch darüber klar sein, daß es dem Stolze und der Würde eines großen Volkes widerspricht, das Aufhören einer schweren Unbill, als welche die Besetzung friedlicher Gebiete noch zwölf Jahre nach dem Kriege angesehen wird, zum Anlaß einer besonderen Dankesbezeugung zu nehmen. Die endgültige Aufgabe dieser militärischen Sicherheitsmaßnahme hat indes keineswegs die
Diskussion über die Sicherheitsfrage.
ein- für allemal aus der Welt geschafft. Immer wieder mirb das Sichcrheitsproblcm gleichsam als Ausdruck eines anhaltenden Mißtrauens in den Vordergrund gestellt. Frankreich dürfte hierbei vielleicht verkennen, daß man angesichts eines cutwafs- neten Volkes, dessen Grenzen nach allen Richtungen offen sind und das von waffenftarrenben Nachbarn umgeben ist, nicht immer von neuem die Forderung nach Sicherheit dem rechtmäßigen Verlangen nach Abrüstung entgegenstcllen kann, ohne nicht die Unantastbarkeit feierlich eingegangener Verträge anzu- zwciscln.
Nach unserer Auffassung haben alle Staaten gleiches Recht auf Sicherheit, und wir verstehen nicht, warum hier mit zweierlei Maß gemessen werden soll.
Die letzten außenpolitischen Vereinbarungen, die zweifellos als ein wesentlicher Schritt auf dem Wege der Liquidation des Krieges angesehen werden können, werden erst dann zur vollen Auswirkung gelangen, wenn Deutschland und Frankreich in friedlicher Zusammenarbeit mit den großen Nachbarstaaten den Boden für eine aufrichtige Verständigung weiterhin pflegen und entschlossen auf dem gemeinsam beschrittenen Wege weitergehen. Eine Politik des kühlen Abwartens ist hier nicht am Platze.
Deutschland ist noch weit entfernt von der vollen Souveränität seiner Großmachtstcllung. Viele Fragen, deren Lösung vertraglich vorgesehen ist, sind heute noch nicht bereinigt, ja, zum Teil noch nicht einmal ernstlich in Angriff genommen. Solange dieser unnatürliche Zustand anbauert, der vor mehr als einem Jahrzehnt in Ausnutzung der durch diesen Krieg geschaffenen Machtverhältnisse feftgelegt wurde, wird Deutschland mit allen ihm zu Gebote stehenden friedlichen Mitteln aus eine Änderung hinzuwirken versuchen und nach wie vor mit seinen berechtigten Ansprüchen hcrvortrctcn, deren Ausgleich, weit entfernt, Beunruhigung hervorzurnscn, zur Förderung des Friedens dienen wird."
Westeuropa.
Au der Küste hat der Sturm unter den Fischerbooten Schaden angerichtet. Ein in den Hasen von Lorient zurückgekehrter Fischerkutter hat den Verlust eines Matrosen, der über Bord gespült worden, zu beklagen.
In einen reißenden Strom
wurde durch das Hochwasser die Alte Oder, ein sonst kleiner Flußlauf auf der ^rechten Stadtsette Breslaus, verwandelt.
Der Wasserspiegel fällt.
Die Flutwelle hat Breslau passiert, womit die größte Gefahr zurzeit vorüber ist, wenn auch, da die Dämme auf- gcwcicht sind, Rückschläge cintrctcn können. Der Deichbruch bei Brieg hat trotz eifrigster Arbeit noch nicht geschloffen werden können. Da die Nothelser hier durch die seit drei Tagen und drei Nächten andauernde Arbeit völlig erschöpft sind, sind sic in der Nacht zum Sonntag durch WO Nothelfer aus Breslau abgetöft worden.
Gefährdet ist oberhalb Briegs bei Pramsen- Schönau ein Teil des Kanaldammes. Dort sind die Breslauer Nothelfer eingesetzt worden, sie versuchen durch Verstärkung der Dammkrone den Damm zu halten. In Oberschlesien hat sich die Lage infolge ständigen Fallens des Wasserspiegels weiter entspannt.
Gefahr eines neuen Deichbruches.
™ ®M schlesischen Hochwaffergebiet ist eine merkliche Besserung zu verzeichnen. Die Oderpegelstationen ober- halb Breslau melden ein weiteres Sinken des Wassers. Der Hochwafferstand bleibt um etwa 15 Zentimeter hinter bem 1903 erreichten Höchststände zurück. Trotzdem besitzt die Wafferzufuhr noch so viel Kraft, daß die Gefahr eines neuen Deichbruches bei den 13 Kilometer von Breslau entfernt liegenden Dörfern Pleischwitz und Treschen besteht. Alle Vorsichtsmaßnahmen sind getroffen worden. In ihren Ausmaßen weniger gefährliche Deichbrüche haben sich bei Grünthal, beim sogenannten Herzogkanal, und zwischen Ostrawe und Bartschdorf ereignet.
Stellllllguahme der Unternehmer.
Die Arbettgebervereinigung zum Erwerbslosenproblem.
Im Zusammenhang mit den verschiedenen Vorschlägen, die zur Behebung der Arbeitslosigkeit erörtert werden, hat der Vorstand der Vereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände in Form von Beschlüssen seine Stellungnahme feftgelegt. In ihrer Beurteilung der Lage geht die Vereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände davon aus, daß ohne eine allseitige Senkung der Gestehungskosten eine Wiederbelebung unserer Wirtschaft nicht erreicht werden könne. Bei
Ablehnung aller gesetzgeberischen Zwangsmaßnahmen könne eine durchgreifende Hilfe nur durch organische Gesundung unserer Wirtschaftsgrundlagen im programmäßigen Zusammenwirken aller die Wirtschaft tragenden Kräfte erreicht werden. Aus dieser Einstellung heraus lehm der Vorstand der Vereinigung die in verschiedener Form vorgcschlagcne schematische oder generelle Verkürzung der Arbeitszeit ab, da sie eine Steigerung der Produktionskosten, aber keine Selbstkostensenkung zur Folge habe. Die Selbstkostensenkung könne bei der unmittelbaren Verbindung zwischen Arbeitszeit und Lohn nur durch Senkung des Lohnes, unter Umständen auch in Form der
Arbeitszeitverlängerung bei gleichblcibcndem Lohn erreicht werden. Eine Ausdehnung der Notstandsarbcitcu wird gleichfalls als kein geeignetes Mittel zur Verminderung der Arbeitslosigkeit angesehen. Die weitere Durchsühruug von Notstandsarbeiten in dem jetzigen beschränkten Umfang sei allerdings nicht entbehrlich. Die gleichen Gründe, die gegen eine weitere Ausdehnung der Notstandsarbeiten sprächen, ständen auch der Durchführung einer allgemeinen Arbeitsdienst Pflicht entgegen. Weiterhin werden in Übereinstimmung mit dem Reichsvcrband der deutschen Industrie die Subventionen, insbesondere Lohnzuschüsse an private Betriebe aus öffentlichen Mitteln, a b g e l e h n t, da der Begriff der privatwirtschastlichen Tätigkeit die Gewährung öffentlicher Mittel ausschließe. Im übrigen könne gesetzlicher Zwang zu keiner Besserung sühren. Jeder Betrieb müsse vielmehr selbst dauernd prüfen, inwieweit er zur Milderung der Arbeitsloscnnot beitragen kann.
Hitler in Oldenburg.
„Der Nutzen der G e s a in i h c 11.'
Der Gau Weser-Ems der Naiionalsozialistischcn Arbeiter- Partei hielt in Oldenburg eine Tagung ab Adols Hitler hielt eine Rede, tu der er it. a‘ ausführte, daß zwölf Jahre nach StriegSenbe die Regierungen der Demokrattc am Ende ihres Lateins angelangt seien. Drohend erhebe sich das Gespenst der Hungerkatastrophe Man habe die Idee des Nationalsozialismus als Schwärmerei ocrfdirien. Wenn Die Menschheit mit dieser Schwärmerei aufhöre, so bedeute das den Krieg aller gegen alle. Der oberste und einzige Lehrsatz des Nationalsozialismus fei: Unser Volk muß leben Es gebe nur dieses Ziel über Den Weg zu Diesem Ziel gebe es keinerlei Lehrsätze. Nach Dem NeichStaAsWahlerfolg habe man den Nationalsozialisten geraten, sich nun einzusügen Daran aber dächten sie nicht. Sie wollten weilerkämpfen Das Ziel sei erreicht, wenn es keine Parteien mehr gebe und Deutschland unter der Fahne des Nationalsozialismus geeint sei. Dann bedürfe es keiner Gesetze mehr für irgenbeine Klasse. Weil es unter dieser Fahne nur das Volk und keine Klassen gebe Sozialismus sei höchster Dienst am Volke, wobei Der Nutzen Dci Gesamtheit vor Dein Nutzen des einzelnen stehen müsse.
Elektrischer Strom billiger?
Wirtschaftsministerium und Elektrizitätsgescllschaften.
Zwischen dem RcichSwirtschaftsministerinm intb den drei "größten Elcktrizitätsgesellschaften finden, wie verlautet, Verhandlnnaen statt über eine Senkung d c r Strompreise. An den Besprechungen nehmen zunächst die Rheinisch Westfälischen Elektrizitätswerke, die Reichs- Elektrowerke und die Preußische Elektrizitäts-A.-G. teil. Man erwartet, daß ein Preisabbau dieser drei Konzerne auch bei den kommunalen und private n Elektrizitätswerken Nachahnlung finden wird.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Reichskanzler Dr. Brüning machte dem Vertreter des Pariser Blattes „Petit Parifien" bedeutsame Erklärungen über die Richtung der deutschen Außenpolitik.
* Anläßlich der Einweihung des neuen Reichsbankgebäudes in Dresden hielt Rcichsbankpräfidcnt Dr. Luther eine beachtliche Rede über die Sichcrheitsfordcrung der deutschen Wirt, schalt.
* Jm Rcichswirtschajtsministcrium finden Verhandlungen mit den größten Elektrizitätswerken statt über Herabsetzung der Preise für elektrischen Strom.
* Fv Addis Adedo fand mit großem Gepränge die Krönung der Rqo Satan Mânn«« zum Kaiser non Messtnie« statt Er führt als Kaiser den Namen Haile Sellasfie I,