Zul-aer Anzeiger
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Nr. 254 — 1930
Fulda, Donnerstag, 30. Oktober
7. Jahrgang
Eisenbahnunglück in Frankreich.
Schnellzug Gens— Bordeaux entgleist. — 16 Tote.
Aus bisher noch ungeklärter Ursache ist gestern der Schnellzug Gens — Bordeaux in Frankreich, 25 Kilometer von Perigueux entfernt, entgleist. Aus den Trümmern sind 16 Tote, darunter der Lokomotivführer und der Heizer, geborgen worden. Etwa 20 Verletzte wurden in das Krankenhaus von Perigueux überführt. Die Telephonverbindung mit Bordeaux war längere Zeit unterbrochen, da von der Lokomotive mehrere Telephonstangen umgerissen und dadurch die Leitungen zerstört worden sind.
Der D-Zug, der aus Genf kam, beförderte 210 rumänische Auswanderer, von denen einer leicht verletzt wurde. Der Zug wurde von zwei Lokomotiven gezogen, die beide aus den Schienen gesprungen sind. Weitere Einzelheiten fehlen noch. — Die Ursache des Unfalles steht noch nicht fest, doch glaubt man, daß ein Fremdkörper auf den Schienen die Entgleisung verursacht habe. Andererseits wird dem „Jntransigeant" gemeldet, daß es sich um eine durch Regengüsse verursachte
Senkung des Bahndammes
gehandelt hat. 20 Minuten vor dem verunglückten Zug passierte der Schnellzug Paris-Agen die Unfallstätte. Bei der Ankunft in Perigueux erklärten die Reisenden dieses Zuges einen heftigen Stoß genau an der Stelle, an der der nachfolgende Zug entgleiste, verspürt zu haben. Auch ein Zugbeamter des gleichen Zuges hatte eine entsprechende Meldung beim Bahnhofsvorstand von Perigueux gemacht.
Letzte Grubenfahrt
Das Gaargebiet in Trauer.
Beisetzung der Opfer des Grubenunglücks.
In Trauerschmuck prangten die Bergmannsdörfer im Saargebiet. Unzählige Fahnen waren halbmast gehißt. Von weit und breit strömten schwarz gekleidete Menschen zur Grube Maybach,
wo der Bischof von Trier die Beisetzungsfeierlichkeiten mit einem Pontifikalrequiem in der Grubenkapelle eröffnete. In der Kapelle, die nur wenigen Personen Platz bot, waren die Hinterbliebenen der Verunglückten, Reichsminister von Guörard und Vertreter der französischen Gr u b e n v e r w a l t u n g sowie die Abordnungen der Bergarbeiterverbände versammelt.
Nach dem Evangelium ergriff der Bischof das Wort zur Trauerpredigt. Er sprach den Hinterbliebenen tröstende Worte zu und verwies darauf, daß die Toten gerade in der Stunde eingefaßten sind, in der in Alsdorf ihre Kameraden zur letzten Ruhe gebettet wurden. In der Stunde ihres Todes seien sicher die Gedanken der Männer, die jetzt hier begraben würden, bei den Alsdorfer Kameraden gewesen.
Im Anschluß an das Pontifikalrequiem begann die Toten- 1 feier im Zechensaal der Maubachgrube Die
Särge der toten Bergleute waren unter Blumen völlig - begraben. Die Totenfeier wurde eingeleitet mit dem Pilgerchor aus „Tannhäuser". Es folgte dann ein Gesang des Bergmannschors. Hieraus nahm noch einmal der Bischof das Wort. Er pries das Pflichtbewußtsein der Toten Um die Gefahren des Bergbaues zu verringern, müßten alle Kräfte, die Gott dem Menschengeist gegeben habe, ausgenutzt werden
Als Vertreter des Evangelischen Oberklrchen- r a t s Berlin sprach sodann der G e n e r a l s u p e r i n t e n - »ent der Rhein Provinz. Auch er ging von dem Alsdorfer Unglück aus und brachte das Beileid der evangelischen Kirche zum Ausdruck
, Die deutschen Brüder, so sagte er, um dir Deutschland jetzt trauere, seien in unermüdlicher Pflichterfüllung vom Tode über- raschi worden. Sie seien hinabaerissen worden von unbarmherzigen Schlagenden Wettern. Uns ziemten nicht viele Worte (Hl dieser Stunde. Was sollten wir auch sagen, wir kurzsichtigen I ânschx^ nix wir angesichts der Majestät des Todes mit ""sein kleinen Gedanken vollends zuschanden würden.
Der französische Arbeitsniinister Pernot überbrachte das Beileid des Präsidenten der Französischen âpublik und Frankreichs Er wies darauf hin, daß im Augenblick des Eintreffens der Schreckensnachricht von Maybach das hâ'Uösische Volk unter dem schrecklichen Eindruck des Alsdorfer Unglücks gestanden habe. Frankreich habe die Trauer der ; Hinterbliebenen zu seiner Trauer gemacht und werde den vmlerbliebenen jede Hilfe leisten.
Ein Bahnbeamter war sofort an Ort und Stelle entsandt worden, traf aber zu spät ein und konnte nur noch das Unheil feststellen. Die meisten Wagen sind völlig ineinandergeschoben, so daß die Bergung der Leichen und der Verletzten große Schwierigkeiten bereitete.
Schwerer Eisenbahnunfall bei Alm.
Zwei Beamte getötet, drei verletzt.
Zwischen den Bahnhöfen Giengen an der Brenz und Herbrechtingen auf der Strecke Mm—Aalen stieß der Leicht güterzug Nr. 8566 mit einem Leerpcrsoncnzug auf freier Strecke zusammen. Bon dem Güterzug wurden ein Schaffner leicht und der Lokomotivführer schlver verletzt, von dem Leerzug wurden ein Schaffner und der Lokomotivführer getötet, der Heizer schwer verletzt.
Die Untersuchung der Schuldfrsge ist noch im Gange; angeblich trifft den Fahrdienstleiter in Giengen oic Schuld
Der ^räiibcnt der Rcgierungskommission des Saargebiets, Maurice, verwies auf die Anteilnahme, die das Unglück überall in der Welt gesunden habe.
Reichsverkehrsminister von Guörard
sagte u. a.: „Fast hundert deutsche Bergleute sind wieder gefallen als Opfer ihrer Pflicht, als Helden der Arbeit Schmerz und Kummer sind eingezogen in so manche Stätte, wo bescheidenes Glück wohnte. An diesen Särgen hier steht trauernd das gesamte deutsche Volk. In Wehmut und Schmerz sind vereint mit Ihnen der Herr Reichspräsident, die Reichsrcqie- rung und die preußische Staatsregierung, für die ich hier spreche. Diese Stunde tiefsten Ernstes zeigt aber auch die Verbundenheit des deutschen Bergmannes an der Saar mit allen deutschen Bergknappen. Im ganzen deutschen Vaterlande
Die Aufbahrung der Opfer der Maybachgrube.
wehen heute die Fahnen halbmast, vor diesen Särgen senkt sich des Reiches Panier. Innigstes Beileid und werktätige Hilfe allen denen, die hier weinen und in deren Hütte die Sorge cin- gczogcn ist. Möge Gott Trost spenden Das ist der Wunsch des deutschen Volkes, des Herrn Reichspräsidenten, der Reichs- und Staatsregierung, in deren Namen Kränze des Schmerzes und der Erinnerung ich niedergelegt habe."
Zum Schluß sprachen die Vertreter der Bergarbeitervcr- bände und ein Vertreter des Grubenausschusfes der Grube Maybach Gesang und Konzcrlvorträge umrahmten die Feier. Die Kapellen der Bergarbeitcrvcrbände geleiteten sodann die Särge zu den Wagen, die die Toten in ihre Heimatgemeinden bringen: dort werden sie beigefeßt.
Die Lohn- und Preissenkung.
Der Reichsarbeiisminister über die Wirtschaftspolitik der Regierung.
Der Reichsarbeitsminister Dr. Stegerwald gab beachtliche Äußerungen über seine Stellungnahme gegenüber den Gesamt- sragen der wirtschaftlichen Lage bekannt. Zunächst verwahrt sich Dr. Stegerwald gegen die Vorwürfe zu großer Nach. Slebrgkert gegenüber dem Unternehmertum. Dte Wlrtfchaft könne feinen neuen Antrieb erhalten, wenn sie mcht auf Erleichterungen seitens der Staatsführung rechnen könne. Da sich in steuer- und frachtpolitischer Hinsicht für den Augenblick keine Erleichterungen ergeben, gäbe es keinen an- deren Ausweg, als in der Lohnfrage nachzugeben. Der Ausgleich müsse in
Zusammenarbeit aller Faktoren
gesucht werden. Dr. Stegerwald unterzieht in diesem Zusammenhang die Ursachen, die zu der gegenwärtigen Wrrt- fchastskrists geführt haben, einer Nachprüfung. Er kommt zu dem Schluß, daß die deutsche Wirtschaftskrisis nur auf zwei Wegen behoben werden könne: Durch eine vernünftige wirtschaftliche Regelung der Tributleistungsfrage und durch verstärkte Kaufkraft im Innern. Man soll den Streit darüber, ob die verstärkte Kaufkraft im Innern von der Produktions- oder von der Konsumseite her zu schaffen ist, aus den Erwägungen ausschalten. Sie sei nur zu erreichen durch eine ertragbringende landwirtschaftliche Erzeugung und von der Verbilligung der gewerblichen und industriellen Produktion sowie vom Massenverbrauch her. Für letzteres müßte» in der Industrie die Gestehungskosten und in der Gesamtwirtschaft die Ver- teilungskostrn gesenkt werden.
Daraus ergäbe sich, daß man nicht blind an der Lohnfrage Vorbeigehen könne. Sollte» in der Privatwirtschaft — ohne die verschiedenen Bcamtcnkategorien — etwa 18 Millionen Arbeitnehmer 32 bis 33 Milliarden Mark Löhne und Gehälter beziehen, um davon drei Millionen Arbeitslose mit jährlich drei Milliarden Mark zu unterstützen, oder sollten 21 Millionen Arbeitnehmer in den Produktionsprozeß gebracht werden, um vorübergehend ebenfalls nur eine ähnliche Gesamt- lohnsumme zu beziehen? Die Antworte lieg auf der Hand.
Darüber hinaus müsse erreicht werdem daß im Wege der Preissenkung die breiten Massen in den Stand gesetzt werden, mit 31 bis 32 Milliarden Mark an Löhnen und Gehältern mindestens nicht weniger kaufen zu können, als es heute einschließlich der Unterstützung der Arbeitslosen mit 33 bis 34 Milliarden Mark der Fall sei. Dr. Stegerwald stellt folgende Berechnung auf: Wenn
in der Berliner Metallindustrie
z. B. jährlich etwa 300 Millionen Mark Löhne gezahlt werden, die Gesamterzeugung einen Wert von 1 bis 154 Milliarde» Mark beträgt — so bedeute 1 Prozent Lohnsenkung etwa 3 Millionen Mark Lohnersparnis, 1 Prozent Preissenkung eine Verbilligung der Erzeugnisse von etwa 10 bis 12 Millionen Mark.
Im deutschen Bergbau
bedeute 1 Prozent Lohnsenkung 15 Millionen Mark, eine Preissenkung von 1 Prozent mehr als das Doppelte. Verbilligung der Kohle bedeute Ermäßigung der Eisenpreise, Erleichterungen für Gas, Elektrizität und der Verkehrstarife. Eine Milliarde Lohnsenkung muß mit mindestens 2% bis 3 Milliarden Mark Preissenkung einhergehen. Dem so verbilligten Warenangebot müsse eine verstärkte Nachfrage folgen. Bei der Preissenkung würden
alle Gestehungskosten
zu beteiligen sein. Auch an einer Scnkungder Güterverteilungs-- kosten könne nicht haltgemacht werden. Wenn nicht eine Preissenkung für die Gegenstände des täglichen Bedarfs, beim Kleinverkaufspreis wichtiger Lebensmittel in absehbarer Zeit erreicht werde, könnten Schiedssprüche mit Lohnkürzungen seitens des Reichsarbeitsministeriums nicht mehr für verbindlich erklärt werden. Nicht nur von Kartellen und Preiskon- ventionen, sondern auch vom Lebensmittelhandel und Vcr- arbeitungsgewerbe müsse Preissenkung gefordert werden.
Dreifacher Mrd und Selbstmord eines Bergmannes.
Saarbrücken. Im Walde bei Fischbach wurden bet- Bergmann Matthias Lavinger, deffen Frau und seine beiden Söhne im Alter von 6 und 9 Jahren tot aufgefunden. Alle vier Personen wiesen schwere Schußverletzungeu auf. Lavinger hatte mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen am Montag seine Wohnn, pz in Fischbach verlassen und war seither nicht meßt gesehen worden. Es wird angenommen, daß Lavinger die Tat in einem Anfall von Schwermut begangen hat.
Das große Wettrüsten.
"7 Zwei Milliarden Frank für Rüstungsverstärkiing in Belgien.
Das belgische Kabinett wird für die Verstärkung der Rüstungen sowie den Ausbau der V e r i e i d i g u n g s - Zulagen an der O st grenze einen Betrag von insgesamt zwei Milliarden Frank anfordern. Für die Deckung dieser Ausgaben soll eine Nationalanleihe ausgegeben werden. Von feiten der Regierung wird erklär», daß die allgemeine Weltlage diese Rüstungsansgaben im Interesse der belgischen Sicherheit unaufschiebbar mache.
Der thüringische Beamtenerlaß.
Amtsenthebung kommunistischer Bürgermeister.
Das thüringische Staatsministerlum Hai vor einiger Zeit sämtlichen Staats-, Kreis- und Gemeiadcbeamlen die Zu- geßörigfeit zur Kommunistischen Partei oerboten. Auf Grund dieses Erlasses ha, das thüringische Innenministerium gegen eine Reihe von Bürgermeistern, die sich als Koiii- munisten bekannten, unter vorläufiger Amtsenthebung Disziplinarverfahren mit dgm Ziel der Dienstentlassung eingcleitet. So sind die konununistischen Bürgermeister von Ruhla, Elgers- burg und Gräfenhain ihres Amtes enthoben ivordcn. Auch gegen einen kommunistischen Beigeordneten, der Vertreter des Bürgermeisters von Waltershausen ist, läuft ein Disziplinarverfahren.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Im Auswärtigen Ausschuß des Reichstages begannen die Beratungen betr. die Anträge zur Aufhebung oder Kündigung des Houng-Planes.
* Den endgültigen Schlichtungsspruch im Berliner Metall- arbetterftret! soll ein neues Schlichtungsgericht Anfang November treffen. Bis dahin wird der Streik abgebrochen. Mit- glieder des Schlichtungsgerichts sind der frühere Arbeits- mtNtster Brauns und je ein Vertreter der Arbeitgeber und Arbertnehmer.
* 3m Saarland fand unter großer Anteilnahme der Be- voNerung die Trauer,«,er für die Opfer der Maybachgru^n- kataftrophe statt.