Erscheint jeden Werktag.Vezugspreis: monatlich 2.20 RM. Bei Liefemngsbehinöerungen durch „höhere Gewalten", Streiks, Aussperrungen, Bahnsperre usw. erwachsen dem Bezieher keine Ansprüche. Verlag Kriedrich Ehrenklau, Zulda, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungsver- leger. Postscheckkonto: Krankfurt a. M. Hü. 16009
Tageblatt für Rhön un- Vogelsberg Zul-a- un- Haunetal -Zul-aer Kreisbla«
Re-aktlon und Geschäftsstelle: Mühlenstraße 1 ♦ Zernfprech-Anfthluß Nr.-S-
Nachdruck der mit * versehenen Betitel nur mit (ßyelltnongabt »Zul-arr ftageigtr'geflettet.
Mzeigenprels: §ür Behörden, Genossenschaften,Banken usw. beträgt die Kleinzeile S^D Mk., für auswärtige Rustraggeber 0.25 Mk., für die Reklamezeile 0.90 Mk. u. alle anderen 0.15 Mk., Reklamezeile 0.60 Mark ♦ Bel Rechnungsstellung hat Zahlung innerhalb 8 tragen zu erfolgen ♦ Tag- und platzvorschristen unverbindlich.
Nr. 248 — 1930
Fulda, Donnerstag, 23. Oktober
7. Jahrgang
Alsdorf in Trauer.
Bis jetzt 248 Tote des schweren Grubenunglücks. Etwa 100 Verletzte in den Krankenhäusern, von denen mehrere mit dem Tode ringen. Noch Ungewißheit über die Ursache der Explosion. — Allseitige Anteilnahme.
Oie Ursache der Katastrophe
war auch am Tage nach dem Unglück noch nicht geklärt. Die Verwaltung teilte mit, daß alle Munitionslager unversehrt aufgefunden worden feien. Demnach komme eine Dynamitexplosion nicht in Betracht. Es kämen aber auch schlagende Wetter oder Kohlstaubexplosionen nicht in Frage, da die ausgefundenen Toten und Verletzten alle in Richtung zum Schacht lagen. Bei solchen Katastrophen liegen nämlich die Toten in der vom Schacht abgewandten Richtung. Die Untersuchung der Wettertüren hat auch die Merkwürdigkeit ergeben, daß sie von außen nach innen gedrückt sind. Der Explosionsherd müßte also
außerhalb der Grube
liegen. Dafür sprechen auch die oberirdischen furchtbaren Verheerungen. Das Eindrücken der Wettertüren von außen nach innen soll übrigens den Vorteil gehabt haben, daß die Grubengase ziemlich gleichmäßig in die Reviere nach unten gedrückt und so verteilt wurden, daß sich schlagende Wetter nicht bilden konnten. Einwandfrei wird von Zeugen auch bestätigt, daß nur ein Schlag gehört worden ist. Das merkwürdigste an dieser Katastrophe ist, daß eine aus noch unbekannten Gründen erfolgte Explosion im Förderschacht oder in dessen nächster Umgebung neben der oberirdischen Zerstörung auch noch eine bis auf die 460-Meter-Sohle gehende Wirkung hatte. Der ungeheure Verlust an Menschenleben ist besonders darauf zurückzuführen, daß in den unteren Sohlen verschiedene Reviere keinen unmittelbaren zweiten Ausgang nach dem Schacht „Anna I" hatten, so daß die dort ein- geschlossenen Bergleute nach Zuschüttung ihres eigenen Schachtes sich nicht nach einer anderen Seite zurückziehen konnten.
Das Trümmerfeld mit bem umgelegten Förderlurm.
Die Rettungsarbeiten zeitweise unterbrochen.
Die Zutagesörderung der unter Tage festgestellten Opfer der Katastrophe wurde in der zweiten Hälfte des Mittwochnachmittags eingestellt, da die Grubenkvmmission ihre Untersuchungsarbeiten ausgenommen hat. Die Toten sollen erst im Lause der Nacht zutage gefördert werden. Aus der 360 Meter-Sohle wurden in einem zu Bruch gegangenen Stollen neun Bergleute aufgcsundeu; sechs waren tot, drei lebten noch. Alle drei sind aber verletzt bzw. gas- vcrgistei.
Allgemeine Anteilnahme.
Beileid des ^Reichspräsidenten und der Rnchsregierung.
Reichspräsidem von Hindenburg ha: an den preußischen Regierungspräsidenten in Aachen folgendes Telegramm ge- nchtel: „Die Nachricht von dem Explosionsunglück auf Grube Anna II bei Aachen hat mich tief erschüttern Hoffentlich ge- lingt es, die noch eingeschlossenen Bergleute zu retten. wi Hinterbliebenen der bei ihrer Arbeit Verunglückten bitte ich, den Ausdruck meiner aufrichtigen Anteilnahme, den Verletzten meine besten Wünsche für baldige Genesung zu übermitteln.
Außerdem hat der Reichskanzler zugleich im Namen der Retchsregierung sowie der Reichsarbeitsminister der Gruben- berwaltung und der Betrebsvertreiung der Grube Anna II und dem Landat des Landkreises Aachen durch Beileidstelegramme chre Anteilnahme zum Ausdruck gebracht Indem sie den Verletzten die besten Wünsche für ihre Genesung zu übermitteln mtten, sprechen sie die Hoffnung aus, daß es gelingen möge, die noch in der Grube ciugeschlossenen Bergleute zu retten.
Auch aus dem Auslande sind zahlreiche Beileidskundgebun- gen eingegangen. Der belgische Gesandte tn Berlin hat der Reichsregierung das Beileid im Namen seiner Regierung ausgesprochen. Auch in Holland ist die Anteilnahme groß. Lie holländischen Zeitungen gaben Extrablätter heraus. Einige holländische Rettungsbrigaden von Limburg und in Alsdorf cingctroffen, um bet den Reitungs- arbeiten Hilse zu leisten.
Bis heute früh 1.30 Uhr 248 Tote.
Um 1.30 Uhr früh wird amtlich gemeldet: Die Zahl der bisher geborgenen Toten beträgt 248. Die Rettungs- arbeiten werden jetzt für einige Stunden unterbrochen, da man bis zum Ende sämtlicher Reviere vorgedrungen ist. Es läßt sich noch nicht genau feststellen, wie viele noch vermißt werden, da unter den haushohen Trümmermassen noch Leute verschüttet sein können. Die Rettungsmannschaften melden, daß die Strecken teilweise 300 bis 500 Meter zu Bruch gegangen sind.
*
In der Stadt Alsdorf herrscht ein furchtbares Durcheinander, da die ganze Bevölkerung, verstärkt durch sehr viele Auswärtige, die aus allen Teilen des Rheinlandes, aus Belgien und Holland herbeigeströmt sind, sich auf den Straßen aufhält. Von Zeit zu Zeit kommen geschwärzte Gestalten aus dem Verwaltungsgebäude heraus, die sich am Rettungswerk beteiligten, oder auch solche, die durch andere Schächte ausgefahren sind. Sie werden mit Fragen nach den Angehörigen bestürmt, können aber alle keine bestimmte Auskunft geben.
Das Vordringen in die zu Bruch gegangenen Strecken ist außerordentlich erschwert. Es ist noch nicht völlig geklärt, ob es sich um eine Sprengstossexplosion, um eine Kohlenstaubexplosion oder um Schlagwetter handelt. Nach der verheerenden Wirkung der Explosion an dem Seilturm und dem Verwaltungsgebärdr nimmt man als sicher an, daß es sich um eine Spreng st ossexplosion handelt.
Spenden des Reichspräsidenten
und der Retchsregierung.
Der Reichspräsident hat als erste Hilfe für die Hinterbliebenen in Alsdorf aus seinem Dispositionsfonds den Betrag von 10 000 Mark zur Verfügung gestellt. Die Reichsregierung und die preußische Staatsregierung spendeten je 150 000 Mark zur Linderung der dringendsten Not. Im Interesse einer einheitlichen Sammlung privater Mittel ersuchen die zuständigen Behörden, daß die Spender alle Spenden der Geschäftsstelle der Deutschen Nothilfe, Berlin W 8, Wilhelmstraße 62, zuführen möchten.
Beileids! undgebungen.
Ter Erzbischof von Köln, Kardinal Dr. Schulte, hat ein Beileidstelegramm an die Grubenverwaltung gerichtet. Ter siebente Bundestag des Deutschen Beamte nbundes richtete eine Beileidskundgebung an den Bürgermeister der Stadt Alsdorf und spendete für die Hinterbliebenen der Opser der Katastrophe 10 000 Mark. Ihr aufrichtiges Beileid brachten auch der Österreichische Bundespräsident M i k l a s , die französische Regierung und der Rat der Volkskommissare der Sowjetunion zum Ausdruck.
Sämtliche Lustbarkeiten im Kreise Düren untersagt.
Der Landrat des Kreises Düren hat aus Anlaß der Grnbenkatastrophe von Mittwoch ab aus die Dauer von acht Tagen sämtliche Lustbarkeiten im Kreise Düren untersagt. Der Kreisausschuß Düren beschloß, zur Linderung der Not der von dem Unglück Betroffenen dem Landrat des Landkreises Aachen vorläufig 5000 Marl zur Verfügung zu stellen.
Das Beileid des Papstes.
. Der Reichspräsident empfing den Apostolischen Nuntius Orsenigo, der ihm als Geschenk des Papstes ein in der vatikanischen Druckerei hergestelltes Prachtwerk mit Reproduktionen päpstlicher Papyrusurkunden aus deutschen, spanischen und italienischen Archiven überreichte. Der Nuntius benlltzte diesen Anlaß, um dem Reichspräsidenten die Tellnahme des Papstes an der Bergwerkskatastrophe zu übermitteln.
Aufbahrung der Toten.
Alsdorf in Trauer.
Erst nachmittags war es der Verwaltung der Grube „Anna" möglich, ein genaues Bild von den furchtbaren Folgen der Katastrophe zu geben: 2S1 Bergleute und Angestellte haben den Tod gefunden. Unter den Trümmern oes Verwaltungsgebäudes und des Förderturmes werden noch einige Leichen vermutet und von den 96 Schwerverletzten und Schwererkrankten
ringen mehrere mit dem Tode.
Seit vielen Jahren ist im Bergbau eine so große Zahl von Todesopfern nicht zu beklagen gewesen. Man erinnert sich in Alsdorf an die letzte schwere Katastrophe, die 1917 67 Todesopfer forderte. Aber das große Sterben am Dienstag hat die Gemeinde Alsdorf ins Mark getroffen. Zahlreichen Familien ist der Ernährer, vielen Eltern der unterstützende Sohn genommen.
In langen Reihen werden die Toten in einer leeren Halle zwischen frischem Tannengrün ausgebahrt. Sanitäter halten Totenwacht und erweisen das letzte Werk der Nächstenliebe, indem sie verhüllen, waS Naturgewalten an menschlichem Leben zerstörten
Infolge der abseitigen Verkehrslage des Reviers können die Betriebe nur unter den größten Anstrengungen aufrechterhalten werden. Durch hohe Frachtsätze ging der süddeutsche Markt, durch modernen Ausbau der holländischen Gruben der Auslandsabsatz verloren. Die daniederliegende Aachener Industrie zählt kaum noch als Abnehmer; die Steigerung der Koks- und Gaserzeugung, das als Ferngas nach Köln gelangt, kann den Verlust der Absatzgebiete nicht voll ausgleichen. Neben der selbstverständlichen Pflicht der Versorgung der Hinterbliebenen wird deshalb die Frage der Absatzförderung im Aachener Revier, die auch die Möglichkeit zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen bringt, in der nächsten Zeit nicht nur bergbauliche Kreise, sondern auch Staat und Reich beschäftigen müssen.
Immer mehr, immer mehr...
Der Tod hat tief unten im Schacht reiche Ernte gehalten. Von Stunde zu Stunde kamen neue Hiobsposten, von Stunde zu Stunde wuchs die Zahl der Opfer, die der Unerbittliche dahingemäht hat „mitten in dem Leben", die dahinsanken in der Blüte der Jahre, die hinweggerafft wurden mitten aus ihrer Arbeit heraus, im Grubenkittel, den Bergmannsschlegel in der Hand, und ohne an die Lieben zu Hause, ohne an Heim und Herd einen Scheidegruß senden zu können. Lawinenartig schwoll es an — immer mehr, immer mehr! Fünfzig, hundert, hundertfünfzig, zweihundert, zweihundertdreitzig — immer mehr, immer mehr! Und noch vielleicht ist der Strecke des Todes kein Ende abzusehen, denn noch immer heißt es „vorläufig". „Vorläufig" zweihundertunddreißig — aber die Lawine ist vielleicht noch nicht zum Stillstand gekommen, die Lawine rollt weiter. Noch liegen ja in den Krankenhäusern zahlreiche Schwerverletzte, und wer weiß, wie viele von ihnen das Licht des neuen Tages erblicken. Häuer und Steiger, Förderleute und Bergknappen — keinen hat das Unglück verschont, das hereinbrach als grausames Schicksal der vielen, die ausgezogen sind, um ntmmer heimzukehren. Um die Opfer ist ein Weinen und
Suche nach Vermißten unter den Trümmern.
Wehklagen derer, welchen sie alles gewesen sind, und das ganze Deutschland trauert und klagt mit ihnen. In den Schächten aber herrscht das Schweigen des Todes, und wir andern, die wir noch im Lichte atmen dürfen, denken der Toten, der Toten . . .
Die Stuttgarter Konferenz.
Dr. Brüning und Dietrich in Stuttgart. — Übereinstimmung zwischen Reichskabinett und Ländervertretern.
Reichskanzler Dr. Brüning, Reichsftnanzminister Dr. Dietrich und Ministerpräsident Dr. Held trafen vormittags in Stuttgart ein. In Begleitung des Reichskanzlers befand sich der württembergische Gesandte in Berlin, Staatsrat Dr. Bosler, und Ministerialrar Vogels. In Begleitung des Finanzministers waren die Ministerialdirektoren Dr. Zarden, Dr. Dorn und Dr. von Krosigk. Auch der badische Staatspräsident und Finanzminister Dr. Schmitt, der badische Minister Dr. Wittemann sowie der hessische Finanzminister Dr. Kürnberger trafen mit ihren Beamten ein.
Von vormittags 11 Uhr bis 7 Uhr abends fand im Staatsministerium eine Besprechung über das Sanierungsprogramm der Reichsregierung und seine Auswirkung aus die Länder» nddieGemcin- d e n statt. Dabei wurde zwischen den Vertretern der Reichsregierung und der beteiligten Länder eine weitgehende Übereinstimmung erzielt.
Abends fand in den Räumen des Württembergischen Staatsministeriums ein geselliges Zusammensein in engstem Kreise statt.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Zu Berlin wurde die siebente Bundestagung des Deutschen Vcamtenbundes eröffnet.
* Die Zahl der Todesopfer der Alsdorfer Grubenkataftrophe ist auf 248 angewachsen.
* Die oberschlesische Steinkohlenindustrie und das Rheinische Braunkohlensyndikat haben dem Reichswirtschastsministcr mit- aeteUt, daß Re Rreisienkungen in nicht unerheblichem Ausmaße tüt ihre Kohle vornehmen werden.