Zul-aer Anzeiger
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Nr.' 247 — 1930
Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
Zulüa. und Haunetal»Zul-aer Kreisblatt
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Fulda, Mittwoch, 22. Oktober
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7. Jahrgang
Fort mit Versailles!
Die Welt steht ein:
Das Werk von Versailles war ein Fehlschlag. In Amerika und England beschäftigt man sich ernstlich mit der Frage eines Aufschubs oder einer Herabsetzung der doung-Zahlungen. Aber Frankreich bleibt hartnäckig.
Moratorium oder Revision?
LebhaftesJnteresseAmerikas.
Allmählich dämmert in der ganzen Welt, vielleicht mit alleiniger Ausnahme des nationalistisch gesinnten Frankreich, die Überzeugung, daß es mit der schweren Belastung Deutschlands aus dem Versailler Vertrag nicht meitcrgeht. Die Weltwirtschaft ist in Unordnung geraten, bie Rot drängt auf allen Gebieten beängstigend in den Vordergrund, die Völker verzweifeln und kommen mehr und mehr zu der Einsicht, ohne die Erlösung des den Mittelpunkt von Europa bildenden Deutschland von seinen überschweren Lasten bleibe ein Wiederaufstieg des Erdkreises zu den notwendigen Kulturbedingungen ohne Aussicht, müßten die Nationen immer mehr in Mangel und Elend versinken. Das Werk von Versailles war ein Fehlschlag, Veränderung oder Milderung des damaligen Diktats dürfen nicht länger aufgeschoben werden, sollten endlich die Nationen aus dem Wege ins Chaos aufgehalten und mit neuer Hoffnung erfüllt werden.
In Amerika, wo der frühere deutsche Reichsbankpräsident Dr. Schacht von dem Präsidenten Hoover und dem Staatssekretär Mellon empfangen wurde, beschäftigt sich die Öffentlichkeit besonders eindringlich mit der Frage, ob die Gewährung eines Moratoriums, eines Zahlungsaufschubes, auf die Young-Zahlungen in diesem Augenblick an Deutschland gerechtfertigt sei. Der
für Bank und Währungswesen, Louis Mac Fadden, hat erklärt, daß Deutschland einer schweren wirtschaftlichen Krise entgegengehe. Es müsse irgend etwas getan werden, um die Verhältnisse günstiger zu gestalten. Jetzt sei es Zeit, an diese Frage offen heranzutreten. Anleihen von ausländischen Banken, die dazu bestimmt wären, frühere Schulden abzuzahlen, bedeuteten nicht weiter als eine Verzögerung. Ein Moratorium oder eine Herabsetzung der Zahlungen des Young-Planes sei sofort notwendig. Da die Alliierten in Europa auf der vollständigen Zahlung der gegenwärtigen Reparationen beständen, so sei der einzige Ausweg, daß die Vereinigten Staaten von Amerika eine großherzige Haltung zeigten. In der Unterredung Dr. Schachts mit Hoover und Mellon soll Schacht freimütig erklärt haben, daß seines Erachtens nach ein vorübergehendes Moratorium für die Reparationszahlungen sich als unvermeidbar erweisen werde.
OZffeniliche Aussprache Schachts.
Auf einem Festessen glaubte das ehemalige Mitglied der Reparationskommission John Faster Dulles auf eine gewisse Geldverschwendung in Deutschland Hinweisen zu müssen, so daß ein großer Teil der jetzigen Schwierigkeiten selbst verschuldet sei. Er halte es für unmöglich, daß Deutschland mutwillig die Reparationszahlungen einstellen werde. Deutschland müsse durch Selbstvertrauen und seine Fähigkeiten im Auslande Vertrauen erwecken.
Darauf antwortete der anwesende Dr. Schacht, man dürfe nicht vergessen, daß Deutschland die Reparationszahlungen, den Einfuhrüberschuß und den Zinsen- dicnst für die im Auslande aufgenommenen Kredite lediglich aus Anleihen bestritten habe. Dieser Zustand könne unmöglich lange andauern. Der jetzige Ausfuhrüberschuß sei das Ergebnis der Verminderung der Em- juhr. Um seinen Verpflichtungen nachkommen zu können, müsse Deutschland fünf Milliarden Goldmark jährlich aus Ausfuhrüberschüssen aufbringen. Eine solche Ausfuhr- steigeruntz bei allgemeiner Einfuhrverminderung ließen ach du andern Völker nicht gefallen. Die Reparatlons- lrage sei keine rein deutsche, sondern eine internationale Angelegenheit. Alle Völker müßten an der Lösung mit- arbeiten. Dadurch könnte anch eine der Hauptursachen der Weltwirtschaftskrise beseitigt werden.
Verzögerung bis Ende November.
, Gegenüber den Stimmen, die in Amerika für ein vnidrges Moratorium sprechen, machen sich allerdings auch gedenken geltend, die alle Gerüchte über einen baldigen Zahlungsaufschub für Deutschland als Phantasicprodukte vezelchnen. Kein Mensch zweifle zwar daran, daß einer putschen Aktion die Einstellung der entsprechenden Mucrtenzahlungcn folgen würde. Man sei sich in Washington durchaus darüber klar, daß die Welt sich augenblicklich in einer Reparationskrise befinde, und man a>ernc durchaus nicht ohne den Willen zu sein, den natür- uryen Weg zur Lösung der Krise zu gehen. Dabei kann es /"ünen, daß die erstell Anregungen und Fühler noch ab- kynend ausgenommen werden. Die amerikanische Regierung kann ihre finanzielle Lage nicht kampflos verschlech-
" lassen, aber dieser Widerstand wird vielleicht nicht unerschütterlich sein.
. Die Regierung müsse auf die bevorstehenden Wahlen -nnckstcht nehmen. Es wäre ihr zweifellos lieber gewesen, , un die Erörterung bis nach den Wahlen im November unterblieben wäre. Vor den Wahlen könne überhaupt leine Entscheidung fallen.
Was sagt England?
In England werden die Meldungen über die Moratn- riunlsfrage mit großem Ernst diskutiert Es gibt sein ernsthaftes englisches Blatt, das die Feststellung des Deutschen Reichskanzlers zu bestreiten wagt, wonach die wirtschaftlichen Voraussetzungen, die bei Abschluß des Young Planes nu Juni 1929 herrschten, grundlegend und aus einige Jahre hinaus verändert worden sind. Diese Tatsache führt in England zu zwei verschiedenartigen Schlußfolgerungen. Die erste sagt, weil Deutschlands Zahlungsfähigkeit durch eine Weltwirtschaftskrise auf eine Reihe von Jahren hin ebenso grundlegend verändert worden ist wie die Staats- und Privatwirtschaft der Reparationsgläubiger Deutschlands, bestehe eine Solidarität des Interesses zwischen Deutschland und seinen Gläubigern an einer baldigen und grundlegenden Abänderung der Schuldenabkommen, die Deutschlands Gläubiger mit den Vereinigten Staaten getroffen haben und die sie aus Deutschlands Leistungen erfüllen. Zweitens aber bedürfe der Young-Plan keiner Revision, denn er enthalt» in sich ausreichende „Milde- rungâbeftimmungen", die von Deutschland auch ohne Zustimmung seiner Gläubiger in Anspruch genommen werden können.
Frankreich schwankt augenscheinlich vorläufig noch'
230 Menschenleben
hat der Tod im Bergwerk bei Alsdorf gefordert!
165 Todesopfer sind bis 11.30 Uhr vormittags zutage gefördert worden.. Schätzungsweise
60 Leichen befinden sich noch im Schacht. — Die Ursache des Unglücks noch ungeklärt.
Die Bergung der Verunglückten.
Ueber das schwere Grubenunglück, das sich am Dienstag morgen im Wilhelmschacht der Grube „Anna" des Eschweiler Bergbauvereins in Alsdorf bei Aachen ereignete, werden nunmehr Einzelheiten bekannt, die einen ungefähren Ueberblick über die Ausmaße der gewaltigen Sprengstoffexplosion geben. Wie infolge der begreiflichen Aufregung und Ungewißheit immer, so wurden auch kurz nach der gestrigen Katastrophe riesige Zahlen genannt. Später einlaufende Nachrichten dagegen erweckten infolge der anfangs langsam fortschreitenden Bergungsarbeiten den Eindruck, als ob die Toten- und Verletztenziffern bei weitem nicht die zuerst befürchtete Höhe erreichen würden. — Leider scheinen sich auch diese Annahmen nicht zu bestätigen, obgleich zur Stunde noch nichts Endgültiges mitgeteilt werden kann. Vis zu den ersten Stunden des Mittwochs waren über 100 Tote geborgen.
Die Lage v^s UnglürfSorteS Alsdorf.
Die Nachricht von dem furchtbaren Unglück hatte sich in der näheren und weiteren Umgebung von Alsdorf mit Windeseile verbreitet. Zu Hunderten umstanden die Angehörigen der noch cingcschlossenen Bergleute sowie Neugierige die Schachtgebäude und warteten augftboH aus Nachrichten. Ergreifende Szenen spielten sich ab. Weinende Ehefrauen riefen die Namen ihrer Männer, Mütter fragten und forschten nach ihren Söhnen.
Die Wetterführung in, Bergwerk war bereits wenige Stunden nach der Katastrophe wieder in Ordnung. Die Explosion war durch den Schacht nach oben gegangen, so daß nach Ansicht der Sachverständigen die Zahl der Toten unter Tage nicht den schlimmen Befürchtungen, die zunächst gehegt wurden, entsprechen dürfte. Die Todesfälle sind, wie ausdrücklich betont wird
zwuchen winanungen in Der Mage Der rznangrumayme von Moratoriums- oder Revisionsverhandlungen. Das Pariser „Journal" meint, man dürfe nicht vergessen, daß die amerikanische Finanzwelt zu eng mit der deutschen verbunden sei, als daß man den Schtvierigkeiten im Reiche teilnahmslos gegenüberstehen könne. Der „Figaro" dagegen wendet sich scharf gegen ein Moratorium, da man den Vorreit unvorsichtigerweise einem Deutschland zukommen lassen würde, das aus dem besten Wege dazu sei, in Abenteuer durch seine innenpolitische Entwicklung hineingezogen zu werden.
MacFadden für sofortige Herabsetzung der deutschen Tribute.
Der Abgeordnete Louis Mac Fadden, der Vorsitzende des Ausschusses des Repräsentantenhauses für Bank- und Währungswesen erklärte, daß Deutschland einer schweren wirtschaftlichen Krise entgegengehe. Ein Moratorium oder eine Herabsetzung der Zahlungen des Young-Planes sei sofort notwendig. Da die Alliierten auf der vollständigen Zahlung der gegenwärtigen Reparationen beständen, so sei der einzige Ausweg, daß die Vereinigten Staaten von Amerika eine großherzige Haltung zeigten.
nicht auf Gase zurückzusüyren, sondern auf den durch die Explosion verursachten Druck. Ärzte und Sanitätspersonal waren in überreicher Zahl an der Unglücksstelle erschienen und in großer Zahl kamen auch Rettungsmannschaften von Zechen des Ruhrgebietes und der Hauptrettunaszentrale in Essen.
Eine Erklärung des preußischen Handeismimfters.
Wie vom preußischen Handelsministerium mitgeteilt wird, liegt eine Erklärung für die Explosion des Spreng - stosslagers auf der 252-Metcr-Sohle (denn um eine solche handelt es sich wahrscheinlich) zurzeit noch nicht vor. Derartige Fälle haben sich das letztemal, von einem kleineren Unglück im Jahre 1925 abgesehen, in der Kriegszeit zugetragen, als die Sprengstoffe nicht so zuverlässig zusammengesetzt waren wie heute. Seitdem sind glücklicherweise solche Fälle infolge der vorsorglichen Maßnahmen für die Aufbewahrung und Behandlung von Sprengstoffen nicht wieder eingetreten.
Der Unglücksschacht.
Der Schacht „Anna II", auf dem das Unglück geschehen,ist,, stand in Verbindung mit den Schächten
Der Wilhelmschacht der Grube Anna II.
„Anna I", „Anna III“ und „Adolf". Die Grube „Anna II" hat im vergangenen Jahre 1,3 Millionen Tonnen Kohle gefördert, das sind etwa 35 Prozent der Gesamtförderung des Eschweiler Bergwerkvereins oder mehr als ein Fünftel der Gesamtförderung des Aachener Bezirks.
Die Bergungsarbeiten in den Nachtstunden.
In den ersten Morgenstunden sind nur noch Tote geborgen worden. Die Aussichten auf die Ret-
Mekne Zeitung für -ilige Leser.
* Die Besprechungen über ein Moratorium für die deutschen Reparationszahlungen werden in der amerikanischen Oeffent- lichkeit mit lebhaftem allgemeinen Interesse fortgesetzt.
„ * 3m Preußischen Landtag wurden Anträge auf sofortige Auslosung des Parlaments abgelehnt.