Einzelbild herunterladen
 

Zul-aer /lnZeiger

Erscheint jeden Merktag.Bezugspreis: monatlich 2,20 RM. Bei Lieferungsbehinöerungen durch höhere Gewalten", Streiks, Aussperrungen, Bahnsperre usw. erwachsen dem Bezieher keine Ansprüche. Verlag Zrieörich Ehrenklau, §ulöa, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungsver- leger. Postscheckkonto: Krankstirt a. M. Nr. 16009

Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zul-a- und Haunetal »Zulöaer Kreisblatt

Re-aktion und Geschäftsstelle: Mühlenstraße 1 Zernfprech-flnschluß Nr. 989

Nachdruck -er mit * versehenen Artikel nur mit chgellenangabe.Zul-arr fin-eigei'aeslattrt.

Tlnzelgenprels: Zür Bchör-ev, Genossenschaf­ten, Banken usw. beträgt -le Alrinzrile OJO Mk., für auswärtige Kustraggeber 0.25 Mk^ für die Reklamezeile 0.90 Mk. u. alle anderen 0.15 Mk., Reklamezeile 0.60 Mark Sei Rechnungsstel­lung hat Zahlung innerhalb 8 Tagen zu erfol­gen Tag» und Platzvorschriften unverbindlich.

Nr. 237 1930

ES

Fulda, Freitag, 10. Oktober

7. Jahrgang

Hochwasser, Unwetter.

Unglücksnachrichten vom Rhein und aus dem Saargebiet.

Durch die anhaltenden Regenfällen der letzten Tage find die Flüsse stark ange­schwollen und haben durch Ueberschwemmungen großen Sachschaden verurscht. Nament­lich aus dem Saargebiet kommen Unglücks Meldungen. Ebenso führt der Rhein und feine Nebenflüsse Hochwasser.

Das Hochwasser im Saargebiet hat katastrophale Aus­maße angenommen. Besonders in den Ortschaften am Unterlauf der Saar hat es schwere Schäden angerichtet. Meilenweit stehen Wiesen und Felder unter Wasser, das in einzelnen Ortschaften bereits in die Straßen eingedrun- gen ist und die unteren Räume der Häuser überflutet. Die Rebenbäche der Saar sind ebenfalls stark angeschwollen. Zwischen mehreren Ortschaften ist jeglicher Verkehr auf Den Uferstraßen unterbunden. Die Feuerwehr war überall tätig, um die vom Hochwasser bedrohten Häuser zu räu­men und Menschen und Vieh in Sicherheit zu bringen. Der durch Saarburg fließende Leukbach, der am Markt einen sieben Meter hohen Wasiersall bildet, hat die an­grenzenden Straßen überflutet und führt Geröll und Fässer mit sich, die mit lautem Krachen gegen die Häuser stoßen.

Auch die Flüsse des Saargebietes führen Hochwasser. In Ottweiler rissen die Fluten die Badeanstalt fort und schwemmten sie gegen die Brücke. In Neunkirchen hat die Flut der Blies einen Umfang angenommen, wie ihn die Stadt noch nie erlebte. Der bisherige Höchststand des Jahres 1918 wurde um 10 bis 15 Zentimeter über­schritten.

Der ganze Verkehr ist unterbunden, da die Hauptgeschäftsstraße zum Teil unter Wasser steht. Die Weilsberg Koksanlage und Hochofenpartie mußten die Arbeit einstellen. In P r i m s drang das Master in den tiefer gelegenen Stellen der Sünnget Hütte ein, wodurch auch dieser Betrieb zum Stillstand gebracht wurde. Auf einigen gefährdeten Strecken mußte der Eisenbahnbetrieb eingestellt werden.

Hochwasser der Schwarzwaldflüsse.

Da die seit einigen Tagen mit kurzen Unterbrechungen anhaltenden Regenfälle im Laufe der Nacht wieder ein­setzen, führen die großen Schwarzwaldflüste wie Kinzig, Elz, Dreisam, Wiese und Murg dem Oberrhein beträcht­liche Wassermengen zu. Der Zustrom wird auch weiterhin anhalten, da sich beim Abfluß Wasserstauungen und damit nicht unbeträchtliche Ueberschwemmungen im Hochschwarz­wald ergeben haben. Der Oberrhein ist in den letzten Tagen nach kurzem Rückgang gestern- um 1.20 in gestiegen. Die Flutwelle dürfte morgen das Strombett bei Kehl erreicht haben.

Zur Erhöhung des Reichsbankdiskonts.

Kein Anlaß zur Beunruhigung.

Zur Begründung des Beschlusses des Reichsbank­direktoriums, den Diskont- und Lombardsatz um je ein Prozent zu erhöhen, führte Präsident Dr. Luther vor dem Zentralausschuß aus, daß die Maßnahme der Reichsbank keinen Anlaß zur Beunruhigung zu geben geeignet sei. Die Lage des Instituts habe durch

die starken Gold- und Devisenverluste

der letzten Zeit hierzu gezwungen. Tatsache sei, daß eine wesentliche Verringerung der Ansprüche seit dem Septem­berultimo nicht eingetreten sei. Insgesamt seien bis zum Ultimo rund 808 Millionen Mark Gold und Devisen auf Schecks und Jnhaberpapiere abgezogen worden. Die ^otenbecfung durch Gold allein betrage jetzt 54,3 Prozent, durch Gold und deckungsfähige Devisen 57,3 Prozent. Dr. Luther erinnerte dann daran, daß trotz des niedrigen Diskantes der Reichsbank bis vor kurzem noch dauernd Gold zugeführt wurde. Dieses sei in allerletzter Zeit umgekehrt gewesen. Dr. Luther betonte jedoch, daß die Reichsbank sich

durch keinerlei politische Motive bei ihren Maßnahmen leiten lasse. Sie gehe rein s a ch - 11 ch als Zentralnoteninstitut vor.

*

Sechs Eisenbahnwagen voll Gold!

Eineinhalb Jahre ist es her, seit die Deutsche Reichs­bank ihren Diskontsatz erhöhen mußte. Es war die Zeit, als während der Verhandlungen über den Young Plan 111 Paris eine Krise ausgebrochcU war; um Deutschland unter politischen Drnck zu nehmen, hatte Frankreich damals etwa eine Milliarde kurzfristiger Gelder, die es bei uns angelegt hatte, zurückgezogen und die ausge­brochene Panik ließ außerdem die Kapitals! u ch t aus Deutschland hoch anschwellen. Die Gold- und Devisendecke sur die deutsche Währung wurde beängstigend kurz wegen per gewaltigen Abgaben, zu denen die Reichsbank infolge lener beibeu Vorkommnisse gezwungen war. Die Gegen­aktion der Diskonterhöhung nutzte nicht viel und deshalb siab man ja in Deutschland dem Druck aus Paris schließ­lich nach.

Auch bei der soeben erfolgten erstmaligen Wicdcr- V e r a u f s e & u n g des Reichsbantdiskouts er war seit

' Auch vom Rhein und von der Mosel kommen Hiobsposten. In Koblenz erreichten die Moselfluten den Rand der großen Moselwerftschuppen, so daß man sich genötigt sah, die Keller dieser Schuppen zu räumen.

Die Schiffbrücke über den Rhein mußte auf beiden Seiten um ein beträchtliches Stück ver­längert werden. Bald daraus trat das Verbot der Floß- schiffahrt auf dem Rhein in Kraft. Die stündliche Stei­gung des Rheines betrug zuletzt drei Zentimeter, in Köln sechs bis sieben Zentimeter. Infolge des Hoch­wassers hat

die Moseltalbahn zwischen Zeltingen und Bernkastel den Betrieb einstellen müssen. Auch die Moselschiffahrt und der Fährbetrieb ruhen.

Llnwetterverheerungen in Oberfranken.

Die Gegend von Lichtenfels in Oberfranken wurde von einem furchtbaren Unwetter heimgesucht. Es entlud sich ein schwerer Wolkenbruch, der von heftigem Sturm begleitet war. In Lichtenfels und den umliegen­den Orten wurde großer Schaden angerichtet. Als die Bewohner von L a n g h e i m , durch ein gewaltiges Rau­schen geweckt, aus den Häusern traten, stürzten ihnen die Wastermassen bereits entgegen. Verschiedene Anwesen wurden unter Wasser gesetzt. 40 bis 50 Schweine sollen ertrunken sein. Zahlreiche Telegraphenstangen wurden Dom Sturm umgerissen. Auch in den Staatswaldungen richtete das Unwetter erheblichen Schaden an. Das ganze L^ i ch s e r t a l glich einem reißenden Strom.

Sturmmeldungen von der französischen Küste.

Das französische Küstengebiet wurde erneut von 'inem furchtbaren Sturme heimgesucht. In Brest wur­den alle Anlagen, die zum Empfang des französischen Staatspräsidenten errichtet worden waren, vollkommen zerstört. Um das Schicksal zahlreicher Fischerboote herrscht zroße Sorge.

Schneestürme in Rußland.

Nordwestlich von Moskau herrschen starke Schnee- rtürme. Auf der sogenannten Oktoberbahn zwischen Leningrad und Moskau waren in der Nähe der Station Lalogoje die Schneeverwehungen so stark, daß der Zug­verkehr zeitweise eingestellt werden mußte.

dem Juli 1929 allmählich um 3,5 Prozent ermäßigt wor­den handelt es sich um eine notwendig gewordene Ge­genaktion. Seit der zweiten Septemberwoche wieder­holte sich der Abmarsch vor allem des französischen, kurz­fristig gegebenen Kredits. Panikmeldungen überbevor» stehende- innenpolitische Auseinandersetzungen putschisti- scher Art in Deutschland wirkten alarmierend, jenen "Ab­marsch noch beschleunigend. Dazu kam die nun wieder heftig einsetzende Kapitalflucht, also die Umwand- lung von Markguthaben in ausländische Konten. Der neue Devisensturm auf die Reichsbank kostete diese allein 210 Millionen Gold 6 Eisenbahnwaggons voll Gold!, die restlos in die Keller der Bank von Frankreich hinüber­wanderten. Aber er kostete in noch viel größerem Um­fange Devisen, so daß insgesamt schon bis Ende Septem­ber dem Gold- und Devisenschatz der Reichsbank über 800 Millionen entzogen waren; dieser Abfluß setzte sich im Oktober fort, kürzte die bestehendeG o l d d e ck e- unserer Währung um 15 Prozent und erzwang damit die Heraus­setzung des Reichsbankdiskonts, obwohl jene Decke immer noch viel größer als gesetzlich vorgeschrieben ist. Die ein­prozentige Erhöhung vergrößert den Abstand des deut­schen Satzes von dem in Newyork, London, Paris, Amster­dam usw. aber gleich derart, daß es für den auslän­dischen Geldgeber ein sehr gutes Geschäft wird, Kredit also Devisen nach Deutschland zu legen. Und dabei ist vor allem zu beachten, daß England und nament­lich Amerika jenes ganze Vorgehen Frankreichs nicht mit» gemacht haben, sogar gerade in den letzten Tagen man denke z. B. an den der Regierung Brüning in Aussicht ge­stellten Überbrückungskredit mit sehr erheblichen Geld- angeboten herausgekommen sind. Der auch jetzt wobl ziemlich mit einer Milliarde abzuschätzende Geldentzug durch Frankreich dürfte also zum großen Teil in abseh­barer Seit wieder wettgemacht werden. Allerdings spielt dabei die Art, wie sich das Finanzrefor m p ro - gram m der Reichsregierung weiterentwickeln wird, eine sehr wichtige, wohl die ausschlaggebende Rolle.

Aber das alles ändert nichts daran, daß btc Rück­wirkung dieser Diskonterhöhung auf die deutsche Wirtschaft eine Verteuerung des Kredits fern wird, und vom größten bis zum kleinsten Betrieb wird ja heute mit Bankkredit gearbeitet! Daher wird es sich auch über­all bemerkbar machen, daß mehr Zinsen verlangt werden bzw. zu zahlen sind. Preisdrückcpd wirkt das auch gerade

nicht! Aber allen wirtschaftlichen Bedenken voranzustehen hat die Rücksicht auf den Schutz unserer Währung. Unerfreuliche Rückwirkungen wird es auch auf dem Ka­pitalmarkt geben. Langsam war das Zinsniveau des lang- sristigen Kredits gesunken, damit dürste es jetzt auch zu Ende sein. Auch das mutz ertragen werden.

Jene Haltung Frankreichs Deutschland gegenüber ist eben was man alströstend- betrachten darf weiter nichts als eine Störung des G e l d n i v e a u s auf dem Weltmarkt. Durch Heraufsetzung des deutschen Bankzins- fußes locken die Hüter unserer Geldwirtschaft zwar teurer bezahlte, dafür aber auch wieder reichlicher strömende Mittel aus dem Ausland herein, öffnen auch manche bis­her verstopfte Geldquellen im Inland selbst, ein Not­mittel gegen die Kapitalflucht! Mancher überlegt sich's doch, im Ausland sein Geld zu der Hälfte der Zinsen anzulegen, die er im Inland erhält. Entscheidend freilich für die Weiterentwicklung ist und bleibt doch, ob und wann und wie sich die deutsche Wirffchaft zu gesünderen Ver­hältnissen emporarbeiten wird.

Die Anbahnung der Sanierung.

Stellungnahme des Reichsverbandes der deutschen Industrie.

Das Präsidium des Reichsverbandes der deutschen In­dustrie hat sich in einer außerordentlichen Präsidialsitzung mit dem Wirtschafts, und Finanzplan der Reichs­regierung beschäftigt und dazu folgende Stellung ein­genommen:

Der Wirtschafts- und Finanzplan der Reichsregierung ist als ein erster Schritt zu würdigen, die öffentlichen Finanzen Deutschlands in Ordnung zu bringen und die deutsche Wirtschaftspolitik den Verhältnissen anzu- paffen, die durch die Veränderungen auf dem Weltmarkt, durch die hohen Reparationsverpflichtungen Deutschlands und die verfehlten Maßnahmen der Vergangenheit entstanden sind. Ter Plan ist geeignet, das öffentliche Vertrauen wiederherzustellen, wenn er tatkräftig durchgeführt wird und wenn alle Volksteile in dem Wunsche einig sind, unter Vermeidung von Experimenten den völligen Wirtschaftszusammenbruch abzu­wehren.

Es ist nicht Aufgabe des Augenblicks, zu den Einzel­heiten des Planes Stellung zu nehmen. Der Grund­gedanke des Programms ist rieütig, wenn er davon aus­geht, daß in erster Linie unter äußerster Sparsamkeit und unter Eindämmung der wirtschaftsschädlichen Steuern eine

einheitliche und zielsichere Gestaltung der öffentlichen Finanzpolitik

und eine vollständige Ordnung der öffentlichen Finanzen, ins- besondere auch der Finanzen der Länder und Gemein­den geschaffen werden muß. Das kann nur erreicht werden, wenn die öffentlichen Ausgaben denjenigen Einnahmen an- gepaßt werden, die unter Berücksichtigung der Veränderungen in den Preisverbältniflen auf dem Weltmärkte von der Wirt­schaft und Bevölkerung aufgebracht werden können, ohne daß die Grundlagen ihres Daseins und eines Wiederaufbaues zer- stört werden.

Die Wiedereinfügung der Arbeitslosen in den Arbeitsprozeß ist nur möglich, wenn die Höhe der öffentlichen Ausgaben und aller Bestandteile der Produktionskosten nicht mehr hemmend im Wege steht. Nur so kann auch der Preisabbau der Ver­brauchsgüter und Produktionsmittel verwirklicht werden. Neben der Einschränkung der Personalausgaben der öffent­lichen Verwaltung ist dabei eine der Lage des jeweiligen Wirt­schaftszweiges angepaßte Herabsetzung der Löhne und Bezüge aller in der Privatwirtschaft Tätigen wichtigste Voraussetzung. Wenn es gelingt, auf diesem Wege

die Produktionskosten zu vermindern

und den Preisabbau zu sichern, dann bedeutet die Herabsetzung von Löhnen und Gehältern keine Verminderung der Kauskraft und keine Beeinträchtigung der Lebenshaltung. Vielmehr be­wirkt die dadurch ermöglichte Wiedereingliederung der Arbeits- losen in das Eerwerbsleben eine Erhöhung der Gesamtkauf- kraft und der des einzelnen. In keinem Programm für die Gesundung der innerdeutschen Verhältnisse dars

die Verwaltungs- und Verfassungsreform fehlen. Sie ist von entscheidender Bedeutung und darf nicht aufgeschoben werden. Die Förderung der nationalen Wirt­schaft bedingt nicht nur die Pflege des inneren Marktes, son­dern auch die Fortführung der Handelspolitik auf der bisherigen Linie. Die Ordnung der öffentlichen Finanzen und die Beseitigung der Schwächepunkte der deutschen Volkswirt­schaft ist auch die Voraussetzung für eine vernünftige Repara- tionspolitik mit dem Ziele, die deutschen Verpflichtungeil auf ein erträgliches Maß zurückzuführen.

GOA. gegen Gehaltskürzung.

Die behördlichen Angestellten protestieren.

Der Ausschuß der Reichsfachgruppe Behörden und öffent­lich-rechtliche Betriebe im Gewcrkschaftsbund der Angestellten erhebt in einer Entschließung Einspruch gegen dte von der Reichsregierung angeordnete Maßnahme, sämtlichen Behörden- angcstellten zu' kündigen, um Einzelverträge abzuschließen, in denen die Vergütung um 6 Prozent gekürzt werden soll. Der Einspruch wird u. a. damit begründet, daß der Be- hördcnangestcllte in Deutschland der schlechtcst bezahlte Ange­stellte sei. Er fei in die niedrigsten Gruppen des Tarifvertrages eingruppiert und habe rund 13 Prozent seines monatlicher Diensteinkommens für soziale Beträge auszugeben, so daß er weit mehr belastet sei als der Beamte.

Kleine Zeitung für -lüge Leser.

* Reichspräsident von Hindenburg ist jns Rheinland ab- gereist, um in der Hauptsache die Städte Aachen und Trier zu besuchen.

* Das Hochwasser im Saargebiet hat große Ausmaße an­genommen. Auch Rhein und Mosel steigen weiter.

* Die Aufständischen in Brasilien haben die Städte Per. nambuto und Bahia erobert, nur noch zwei von den Föderativ, staaten hängen angeblich der Bundesregierung an.