Zul-aer Anzeiger
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Nr. 233 — 1930
Fulda, Montag, 6. Oktober
7. Jahrgang
Luftschiff in Flammen !
Das englische Mesenluftschiff „R. 101“ völlig vernichtet.
Das englische Luftschiff „R. 101", das größte Luftschiff der Welt, das zur Fahrt nach Indien aufgestiegen war, ist bei Beauvais in Frankreich, etwa 150 Kilometer von Paris entfernt, am Sonntag morgen gegen 2 Uhr verunglückt. Das Schiff rannte in der Dunkelheit gegen einen Hügel und explodierte. Von 54 Personen, die sich an Bord des Luftschiffes befanden, kamen 47 in den Flammen um. 5 Personen der Besatzung wurden schwerverletzt in das nächste Krankenhaus eingeliesert. Nur zwei Mechaniker blieben wie durch ein Wunder unverletzt. Unter den Toten befindet sich der englische Luftfahrtminister Thomson, der Leiter des englischen Zivil- und Flugwesens, Softon-Brancker, u. der Kommandant des Luftschiffes. Von den Passagieren des Luftschiffes wurde keiner gerettet.
Wie das furchtbare Unglück geschah.
Das Luftschiff „R. 101" passierte kurz vor 2 Uhr morgens Allonne, eine kleine Stadt, die etwa 1,2 Kilometer südlich von Beauvais liegt, als es von einer Bö gegen den Erdboden gedrückt wurde. Der Petroleumtank explodierte und das Luftschiff ging in hellen Flammen auf. Schon vorher hatten die Einwohner von Beauvais gewisse Leuchtzeichen an Bord des Luftschiffes beobachtet, die sie für Signale hielten, da das Luftschiff landen wollte. Der ersten Explosion folgte eine zweite. Das llnglücf alarmierte die Einwohner von Allonne, die sofort in vielen Hunderten zur Unglücksstelle eilten und die Umgebung nach Insassen des Schiffes absuchten. Auch die französischen Behörden trafen sofort ein und veranstalteten «lles, was zur Rettung etwaiger Überlebender hätte geschehen können. Bisher wurden 47 Leichen geborgen, di« sämtlich bis zur Unkenntlichkeit verbrannt oder verstümmelt sind. Das zerstörte Luftschiss liegt mit dem Bug in den Bäumen am Fuße des Hügels, gegen den das Luftschiff gerannt war, und mit dem Achterschiff auf der Landstraße von Allonne. Das Achterschiff ist noch teilweise erhalten. Vom Heck flattert noch die britische Flagge. Ein Überlebender sagt aus, daß das Luftschiff infolge des heftigen Sturmes und schweren Regens gezwungen war, sehr niedrig zu fliegen. Im Augenblick der Katastrophe sei der Befehl gegeben worden, die Motoren zu stoppen.
Große Erregung in London.
Die Nachricht von dem Unglück des „R. 101" schlug in London wie eine Bombe ein. Da es einigen Zeitungen gelungen war, schon kürzere Mitteilungen über das Unglück herauszubringen, war die Nachricht sehr frühzeitig bekanntgeworden, so daß Hunderte von Personen auf die Straßen eilten, um Einzelheiten über das Unglück zu erfahren. Der Eingang zum Luftfahrtministerium wurde von einer riesigen Menschenmenge belagert, die ängstlich auf Nachrichten warteten. Nach den bisherigen Mitteilungen sind vier Personen unverletzt, jedoch fehlen noch weitere Einzelheiten. Das Luftschiff „R. 101" war bekanntlich erst vor acht Tagen fertig geworden, nachdem es einen Umbau erfahren hatte. Man hatte, um die Tragfähigkeit des Luftschiffes zu erhöhen, eine neue Gaszelle eingebaut und die Motoren verbessert.
Amtlicher Bericht.
Der französische Luftfahrtminister Daurant-Lynac befindet sich bereits am Ort der .Katastrophe und hat folgenden amtlichen Bericht über das Lustschiffunglück yeraus- gegeben: „An Bord des verunglückten Luftschiffes befanden sich fünf Offiziere, 42 Mann Besatzung und 19 Fahrgäste. Die furchtbare Katastrophe des „R. 101" ereignete sich kurz vor 2 Uhr nachts, als sich das Luftschiff zwei Kilometer nördlich von Beauvaix befand. Das Luftschiff flog infolge der Witterungsvcrhältnissc sehr niedrig und ist vermutlich durch eine Sturmbö in die Bäume des Waldes gedrückt worden, woraus die Explosion erfolgte. Die überlebenden Disley, Radcliffe, Seovry, Cock, Bell, und Lesch wurden ins Krankenhaus übergeführt, während der Schwerverletzte Church an Ort und Stelle veyandelt wurde. Akan hofft, sie am Leben erhalten zu rannen. Nur Lesch und Disley sind in der Lage, Aus- machen und durch ihre Angaben die Behörden zu unterstützen."
Bericht eines Augenzeugen.
an die Unglücksstelle entsandter Sonderbericht- i E ^et: Das Luftschiff „R. 101" erschien um dr (französische Winterzeit) über Beauvais und M ™ großen Schwierigkeiten zu sein, da es trotz des 9K ^uwlndes uur etwa mit einer Geschwindigkeit von liwk ^Metern in der Stunde flog. Die Explosion, die sich ? °meter uördlich von Beauvais in der Nähe des ' uon Fecqu ereignete, wurde von den Bewohnern hoi™ deutlich vernommen. Das Luftschiff befand |iu, d-n"Vin einer Höhe von etwa 100 Metern. Durch Aufprall fing es Feuer und stand im 9lu in S1 flammen. Außer dem englischen Luftfahrtminister waren an Bord noch weitere Mitglieder hoa sowie ein Vertreter liln,»» n Staatssekretärs und ein Vertreter der austra- 6ekouuneu f ^^räfte, die ebenfalls in den glommen um»
Die Passagierliste.
Die vollständige Liste der Passagiere des verunglückten „R. 101“ weist folgende Namen auf: Lord Thomson, britischer Minister für Flugwesen; Sir Sefton Vrancker, Direktor der Zivilluftfahrt; Geschwaderchef Palstra von der australischen Militäraviatik; Geschwaderführer O'Neill, Vertreter des Staatssekretärs für Indien; Kommandant Colmore, Direktor des Luftfahrtdienstes; Oberstleutnant Richmond; Major Scott; Eeschwaderführer Rope; Ingenieur Leach; Inspektor Vushfield; Major Bichop; Chefinspektor der englischen Aviatik; Buck, Attache des Luftfahrtministeriums.
Der Bericht des Bordingenieurs.
Von der Katastrophe des englischen Luftschiffs „R. 101“ gibt der Bordingenieur Leach folgende Schilderung:
Im Augenblick der Katastrophe schlief, abgesehen von den Wachen und den Piloten, alles an Bord. Die Motoren arbeiteten glänzend, und die Annahme von Bewohnern der Ortschaften um Beauvais, wonach die Motoren schlecht funktionierten, stimmt nicht. Das Luftschiff war mitten in einen Regensturm geraten. Dreimal neigte es sich dem Erdboden zu, bis eine äußerst starke Regenböe es zu Boden drückte. In diesem Augenblick ereignete sich die Explosion.
„R. 101" bildet nur noch eine unförmliche Masse, aus der an einer Stelle noch immer Flammen auflodern. Die Motoren, die zur Hälfte in die Erde gerammt sind, ragen stumm aus dem Gewirr hervor.
Das Luftschiff „R. 101"
Nach den Schilderungen des Bordingenieurs Leach ist das Heck des „R. 101“, als das Unglück eintrat, gebrochen, worauf das Luftschiff abstürzte. Der Führer versuchte, als das Luftschiff sich neigte, es mit aller Gewalt wieder hoch zu bekommen, doch das Steuer versagte. Die acht Ueber- lebenden, die sich in Beauvais befinden, sind außer Gefahr. Drei konnten das Krankenhaus nach Anlegung von Verbänden wieder verlassen. Der getötete Lord Thomson war 51 Jahre alt und Junggeselle. Unter den Toten befindet sich ebenfalls Major Scott, der das Luftschiff „R. 100“ bei seinem kürzlich nach Kanada unternommenen Flug führte und der auch das Luftschiff „R 34“ bei seinem ersten Flug über den Atlantischen Ozean befehligte. Das schwierige Rettungswerk nahm seinen Anfang als der Tag anbrach. Zahlreiche Feuerwehrleute und Gendarmen drangen in die Trümmermassen ein, und fanden zunächst vier nackte und verbrannte Körpr, die bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt waren. Sie wurden auf Vahren gelegt und an einer Hecke in Reihen gestellt. Die Reche wurde schnell
größer, da bei dem weiteren Rettungswerk immer mehr Leichen gefunden wurden, doch ist es noch nicht möglich, die letzten zu finden. Es wurden Brettersärge herbeigeholt und die Leichen zum Rathaus von Alonne gebracht. Die letzte Nachricht von „R. 101", die man um 1.50 Uhr erhielt und im Hinblick auf das bald darauf erfolgte Unglück von erschütternder Tragik ist, lautet: „Zurzeit befinden sich die Passagiere nach einem ausgezeichneten Mahl und nachdem sie ihre Zigarre geraucht haben, im Begriff, schlafen zu gehen."
Der Eindruck in Deutschland.
Fachmännisches Urteil über die gute englische Konstruktiv«. — Dr. Eckener über die englischen Luftschiffe.
Die Nachrichten von der Katastrophe des englischen Luftschiffes „R. 101“ haben in deutschen Luftfahrtkreisen tiefe Erschütterung ausgelöst. Man betrachtet das Schicksal des R. 101 nicht nur als eine nationale englische Katastrophe, sondern als einen schweren Schlag für die gesamte Luftschiffahrt, an der Deutschland nicht den letzten Anteil hat. Auf der anderen Seite wird darauf verwiesen, daß ja auch die Katastrophe der „Titanic" di« Welt nicht abgehalten hat, weiter Dampfschiffe zu bauen.
Dafür wurden zr diese Weise hatt, Luftschiff machte
bru
Ueber das Luftschiff „R. 101“ selbst und die technische Konstruktion werden uns von einem ausgezeichneten Fachmann, dem Dozenten an der Technischen Hochschule in Berlin Dr. ing. Thalau der das Schiff noch kürzlich in Cardington besichtigt hat, folgende Angaben gemacht: Das zerstörte Schiff ist nicht dasselbe, das bereits die Ozeanfahrt nach Amerika zurückgelegt hat. Es befand sich erst jetzt auf seiner ersten großen Fernfahrt, die über Aegypten nach Indien führen sollte. Bei seiner Prüfung war es als unbefriedigend in Geschwindigkeit und Nutzlast befunden worden. Deshalb wurde es umgebaut, und zwar schnitt man es auseinander und fügte eine weitere Zelle ein, um die Tragfähigkeit zu vermehren. Außerdem wurde in der Motoranlage eine Aenderung vorgenommen. Der fünfte Motor war ursprünglich nur für Rückwärtsfahrt eingerichtet, da man damals in der Technik der Oelmotoren, deren Steuerung umftell- bar ist, noch nicht so weit vorgeschritten war. Dieser Motor ist nun inzwischen ebenfalls auf Vorwärtsfahrt umgestellt worden. Dafür wurden zwei umstellbare Seitenmotoren eingebaut. Aus 'te man auch die Geschwindigkeit erhöht. Das , :e bei der Besichtigung einen ausgezeichneten Einist eine Stahlrohrkonstruktion, vom englischen Luftfahrtministerium selbst gebaut, von dem es dann ja auch in Dienst genommen wurde. Bei Bau und Umbau wurde das Problem der Sicherheit immer wieder in den Vordergrund gestellt. So wurden beispielsweise 2% Jahre lang aerodynamische Versuche zur Feststellung der besten Schiffsform und zur Erforschung des Zusammenwirkens von Steuerflächen und Schiffskörper durchgeführt. Die wichtigsten Belastungsfälle wurden durch Messung am fahrenden Schiff und in Windkanälen durchprobiert; für die Festigkeitsrechnung wurden allein etwa 300 verschiedene Fälle durchgerechnet. Alle Sicherheitsgrundsätze sind bei der Konstruktion konsequent durchgeführt worden, so beispielsweise in der Vermeidung unkontrollierbarer Kräftespiele, ferner schwer oder gar nicht zu berechnender Konstruktionen. Die Engländer sind soweit gegangen, Belastungsversuche im Maßstab 1 :1 an einer ganzen Zelle bis zum Bruch durchzuführen . Da es früher schon vorgekomen ist, daß sich Luftschiffe vom Ankermast losrissen, so die „Shenandoah" und das englische Luftschiff „R. 33“, so wurde eine besondere Befestigungskon- ftruktion ausgebildet, und außerdem waren Dehnungsmeßge- räte eingebaut, die den Wachhabenden jederzeit anzeigten, ob die höchst zulässige Ankerkraft etwa überschritten wurde. So haben die Engländer eine Menge Mühe und Geld in ihren Luftschiffbau hineingesteckt. Sie haben sich damit eine führende Stellung auf dem Gebiete der Luftschiffkonstruktion erkämpft.
Ihre Sorgfalt geht wohl nicht zuletzt auf die Katastrophe des Luftschiffes „R 37“ zurück, bei der vor etlichen Jahren auch etwa 20 Menschen den Tod fanden.
Zweifellos ist die Vernichtung des „R. 101" die schwerste Lustschiffkatastrophe, die sich bisher ereignet hat, wobei man auch berücksichtigen muß, daß es sich um das erste schwere Unglück eines Passagierlustschiffes handelt. Der Chefkonstrukteur des „R. 101", Colonel Richmond, der ebenfalls zu den Verunglückten zählen dürfte, hat sich kürzlich dahin geäußert, daß man über die konstruktiven Grundsätze vielleicht geteilter Meinung sein könne da das Traggerüst schwerer wurde als das des „Graf Zeppelin"' daß aber das grüßte Sachverständnis und die Kenntnis aller Grundlagen des Luffchiffbaues verwandt wurden^ um eine gewisse Sicherheit zu garantieren. Allerdings scheint es nicht aus- geschlossen daß diese eigene Schwere des Schiffes die durch die Regenmassen auf der ungeheuren Tragfläche noch vermehrt wurde, mit zu dem Verhängnis beigetragen hat. Auch Dr Eckener äußerte sich zu uns auf die Frage, was er von den englischen Schiffen halte, kürzlich einmal dahin, sie seien ausgezeichnet, aber zu schwer gebaut. In seiner Länge entsprach „R. 101“ etwa dem „Graf ZeppelinI der 236 Meter lang isff das englische Schiff war aber im Durchmesser stärker und deshalb im Rauminhalt etwa anderthalb mal so groß wie Graf Zeppelin". '