Zulöaer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Nr. 226 — 1930
Fulda, Samstag, 27. September
7. Jahrgang
Botschaft Hitlers an England.
„Engländer und Deutsche können nicht für immer Feinde bleiben!"
L o n d o n, 27. September.
(Eigene Funkmeldung.)
Lord Rothermeres „Daily Mail" veröffentlicht eine
Botschaft Hitlers an England. Der Sonderberichterstatter des Blattes in Leipzig, der diese Botschaft übermittelt, schreibt, Hitlers Macht liege nicht in seiner Beredsamkeit und seiner Gewalt über den Pöbel, sondern in seiner Ueberzeugung. Hitler habe natürlich über Lord Rothermeres Artikel gesprochen; er habe darüber gesagt: Was Lord Rother- mere dem englischen Volk zum Bewußtsein gebracht hat, ist, daß Deutschland dieselben Rechte haben muß, wie die anderen Länder, nachdem es 12 Jahre im Versailler Zuchthaus gesessen hat. Wenn Europa beschließt, Deutschland zu lebenslänglichem Zuchthaus zu verurteilen, dann muß es der Gefahr gegenübertreten, eine verbitterte Nation, verzweifelt bis zum Rande des Verbrechens, in seiner Mitte zu haben. Was dieses bedeuten würde, kann jedes Kind erraten: Bolschewismus! Nothermere hat die Gefahr der
Pilsudski bleibt bei der Gewaltpolitik.
Korfanty verhaftet- Sej,a aufgelöst
Wirrwarr in Ostoberschlesien.
, 3« Kattowitz wurde Freitag früh der bekannte frühere deutsche Reichstagsabgeordnete Korfanty verhaftet. Er gilt als Führer der ChriMch-demokratischen Parrei und als schärfster Gegner des von Marschall Pilsudski betriebenen Systems und der von ihm ziemlich gewaltsam eingesetzten Beamten. Ein großes Polizeiaufgebot umstellte die von Korfanty bewohnte Villa, durchsuchte sie und nahm den Bewohner mit. Die Regierungs- lreise hatten schon seit Tagen Stimmung für die Verhaf- tirng Korfantys gemacht. Er wurde angeblich nach dem ^estungsgesängnis in B r e st am Bug gebracht. Gleichzeitig wurde aus Verfügung aus dem Kabinett des Staatspräsidenten in Warschau der Oberschlesische Sejm, die Provinzialregierung, a u s g e l ö st.
. Die Staatsanwaltschaft hat den Auftrag erhalten, weitere schlesische Abgeordnete der Christlich-Demokratischen und Sozialdemokratischen Partei zu verhaften. Die Polizei ist in Alarmzustand versetzt, weil man angeblich den Ausbruch von Unruhen befürchtet. In der Nacht verübten Stoßtrupps der Regierungsrichtung deutschfeindliche Exzesse. Mit Pflastersteinen zertrümmerten sie bei der Kattowitzer Zeitung sämtliche Schaufensterscheiben im Gcschäftslokal, sowohl im Parterre als auch im ersten Stock, und fingen eine Schlägerei mit Passanten an. Die Tater sollen vorher an einer Aufständischenversammlung teügenommen haben, in der der Beschluß gefaßt worden sein soll, fortan wieder gegen die Deutschen sehr energisch vorzugehen.
Die Volksstimmung.
Die Vorgänge in Kattowitz haben in Oberschlesien allergrößtes Aufsehen erregt. Schließlich ist Korfanty für den polnischen Oberschlefier immer noch der Mann, der das Land an Polen brachte, der lange Jahre vor dem
^. Deutschen Reichstag der Führer der polnischen t-nnderheit war, und man erinnert sich noch daran, wie einem polnischen Wahlsieg vor dem Kriege mit unendlicher Begeisterung auf den Schultern durch die
„De^ Minier ifl ermordet"
Literarisch-politischer Unfug im Rundfunk.
rirfwi' " Schriftsteller ErichEbermayer — wenn wir sind, ein Sohn des früheren Rcichs- n 1 e- Ebermayer — hat ein sogenanntes „Hör- "" dem Titel „Der Minister ist ermordet" ge- i „den. Im Berliner Rundfunk bekam man dieses lite- Wortlose Stück zu „hören". Es handelt sich um die ,nordung des Ministers Rathenau, und die „Hand- ? desteht in der Wiedergabe von Zeitungsberichten, ^.Dralogform gebracht worden sind. Zu diesem Behuf smayer zahllose Personen aufgeboten, und erste 'r Berliner Bühnen sprachen die „Hauptrollen": Minister, die beiden Mörder, den Polizeipräsidenten, d-e Mutter des Ermordeten usw.
H âr das „Hörspiel" von A bis Z mit anhörte, wußte, If^nm ging. Wer jedoch sich mittendrin in den Rund- I einschaltete, prallte vielleicht entsetzt zurück, denn er konnte dann folgendes zu hören bekommen: „Achtung! Ach- « - ^^ Berlin-Königswusterhausen! Soeben trifft die -cachncht ein, daß auf der Rückkehr von der Konferenz der Außenminister ermordet worden ist." Oder später: „Ach- Zyg- Achtung!" usw.: „Zu der vor dem Bahnhof ^nedrichstraße erfolgten Ermordung des Außenministers "fahren wir folgende Einzelheiten" usw. Diese Rundfunk- anfagen usw. gehörten zu Ebermayers Stück. Wer das ^uck aber, wie gesagt, nicht vom Anfang an kannte, mußte "bedingt annehmen, daß der Reichsaußen- mrnister Dr. Curtius auf der Rückfahrt von
Verzögerung erkannt, die im Genfer Humbug enthalten ist.
Es ist zu hoffen, dah seine wertvollen Anregungen den
Weg für eine nützliche Erörterung und eine baldige freund- schaftliche Regelung der europäischen Angelegenheiten freimachen werden. Hitler sagte: „Weshalb soll ich einen Aufstand entfachen, wenn ich heute 107 Mitglieder meiner Par
tei im Reichstag habe und damit rechne, im nächsten Reichs
tage die doppelte Zahl zu haben? Engländer und Deutsche
können, so fuhr Hitler fort, nicht für immer Feinde bleiben.
Eine starke Partei in Deutschland zu haben, die ein Boll
werk gegen den Bolschewismus bildet, liegt im Interesse
nicht nur Englands, sondern auch aller Nationen. Eng
land wird vielleicht auf Schwierigkeiten stoßen, und die
Zeit kann kommen, wo die deutsche Freundschaft nicht ohne
Wert sein wird. Die Botschaft Hitlers schließt mit der Bemerkung: Die Tatsache, datz Lord Nothermere erkannt hat, datz neues Leben und neue Energie in Deutschland vorhanden ist, zeigt, datz Lord Nothermere die wahre Gabe intuitiver Staatskunst besitzt.
Korfanty, der Führer der polnischen Oppositionspartei.
Stadt Kattowitz getragen wurde. Korfanty hatte schon einmal die stellvertretende Ministerpräsidentschaft in Warschau inne. Seitdem beschränkte er seine Tätigkeit vor allem auf Oberschlesien und das westliche Polen. In dem jetzt aufgelösten Schlesischen Sejm war der Korfanty-Block mit dreizehn Mandaten die stärkste polnische Fraktion. Tit- Regierungspartei mußte sich bei den diesjährigen Maiwahlen mit zehn Mandaten begnügen. Die deutsche Minderheit — immer noch die stärkste Gruppe im ober- schlcsischen Parlament — hatte ihre Mandatsziffer um zwei auf fünfzehn erhöhen können. Der Schlag gegen die Opposition in Polnisch-Oberschlesien trifft auch die deutsche Minderheit, die nunmehr wieder einmal die Möglichkeit, innerhalb des Polnischen Staates ungehindert zu Worte zu kommen, verloren hat.
Gens ermordet worden sei. Und das haben tatsächlich sehr viele angenommen und es bemächtigte sich vieler Rundfunkhörer eine große Erregung. Noch in der Nacht kamen selbst aus dem Auslande Anfragen, ob Dr. Curtius tatsächlich ermordet worden sei, und am nächsten Morgen wurde auch au der Berliner Börse dieser unerhörte Vorfall lebhaft besprochen. Die Herren, die für den Rundfunk „verantwortlich" zeichnen, sollten unverantwortliche „Scherze" dieser Art wirklich unterlassen, denn das könnte sonst eines Tages sehr ernste Folgen haben. Man braucht den Rundfunkhörern wirklich nicht jeden literarischen Schmarren vorzusetzen!
Untersuchung durch das Reichsinnenministerium.
Wie verlautet, ist die merkwürdige Hörspielangelegen- heit dem Reichsinnenministerium als dem zuständige» Ressort zur Untersuchung unterbreitet worden.
Flugzeugunglück bei Lemberg.
Zwei Schwerverletzte. *
Auf hem Militärflugplatz in Lemberg ereignete sich eine Flugzeugkatastrophe, der zwei Flieger zum Opfer fielen. Während eines übungssluges versagte Plöblich das Steuer, wobei das Flugzeug das Gleichgewicht verlor, zu Boden stürzte und vollständig in Trümmer ging. Unter dem Trümmerhaufen wurde ein Fliegeroffizier und ein Unteroffizier Hervor- gezogen. Beide mußten in lebensgefährlichem Zustande ins Krankenhaus übergeführt werden.
Lleberspitzungen.
Prozesse. — „Flucht aus der Aktie." — Schobers Rücktritt. Reichstag und Reichshallen.
Die brausenden Fluten der „hochpolitischen" Protze s s e haben einen derartigen Lärm vollführt, daß sich demgegenüber sogar die Ereignisse an den deutschen Börsen kaum zu Gehör bringen, Beachtung erzwingen konnten. Und gerade darum darf und muß man die kühle Frage stellen, was denn nun eigentlich von größerer Bedeutung, von schwererem Gewicht für Deutschland ist, ob also parteipolitische Auseinandersetzungen und Gegensätzlichkeiten oder das schnelle Sinken des Wirtschaftsbarometers, der Börse. Natürlich sind jene Erregungen, jene Debatten um Wesen, Ziel und politische Methoden, vor allem um die politische Bedeutung der Nationalsozialisten für die Weiterentwicklung in Deutschland nicht ohne Rückwirkung auf die Börse gewesen. Aber es ist doch mehr als fraglich, ob die Kurseinbrüche an den deutschen Börsen der Ausdruck einer Art Massenpanik unter den Besitzern von Wertpapieren waren, sind oder noch sein werden; liegt doch gerade die verhängnisvolle Schwäche unserer Börsen darin, daß eine „zweite Hand", also ein Wertpapiere besitzendes breites Publikum, überhaupt nicht oder nur in geringem Umfang vorhanden ist. Die „Flucht aus der Aktie" ist fast restlos vollzogen, Käufer aus den Kreisen der mittleren und kleineren Kapitalbesitzer gibt es so gut wie gar nicht mehr, so daß die Börse im Bewußtsein ihrer Schwäche überaus, geradezu mimosenhaft empfindlich geworden ist. Besonders im Sinn eines tief ausgeprägten und daher nur schwer ausrottbaren Pessimismus, dem es noch obendrein feit langem an einer allzu großen Leichtgläubigkeit nicht fehlt! Da genügt jede bedenkliche Nachricht, jedes pessimistisch angehauchte Gerücht, um rein spekulative Baisseaktionen auszulösen, für die es wegen absoluten Fehlens jeder Nachfrage aus dem Publikum keine Gegenbewegung gibt. Eine Stützung ist — wenn sie überhaupt erfolgt — vollkommen abhängig von dem Willen und dem Können der Großbanken. Vielleicht ist es übertrieben, enthält aber überwiegend Wahres: An der Börse ist die Spekulation unter sich. Natürlich ist das ein Zustand, der volkswirtschaftlich größte Bedenken hervorruft, schon feit langem besteht und daher leider auch wenig'Hoffnung auf Besserung zuläßt.
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Man darf also die deutsche Börse heute nur mrf: einigen recht wesentlichen Vorbehalten als Wirtschaftsbaromeier bezeichnen, ebenso übrigens, wie man dies hinsichtlich jener Sensationsprozesse etwa über die politische Situation in Deutschland sagen kann. Wenn das Tribunal zur Szene wird, dann wird das Echo sehr oft überlaut. Wir kennen das in Deutschland aus der breiten Flut politischer Prozesse, bei denen sehr schnell immer die Frage der „politischen Zweckmäßigkeit" eine wichtige Rolle spielt und die rechtliche Seite in den Hintergrund treten läßt. Das erleben wir aber nicht nur in Deutschland, sondern auch die jetzt ausgebrochene Kabinettskrise in Österreich, derRücktrittderRegierung Schober, ist äußerlich durch einen solchen politisch durchtränkten Prozeß herbeigeführt worden: Denn seine Folge war ein anscheinend unheilbar gewordener Konflikt zwischen Dr. Schober und seinem Parteigenossen, dem Vizekanzler und Heeresminister Vaugoin, und im Anschluß daran eine Spaltung des Kabinetts. Natürlich wirkten dabei „unterirdische" Differenzen über die politische Haltung der Regierung Schober letzten Endes entscheidend mit und werden — über jenes Persönliche hinaus — auch das Aussehen des kommenden Kabinetts wesentlich beeinflussen. Die innenpolitischen Vorkommnisse haben es aber erreicht, daß Dr. Schober den größten Teil seiner parlamentarischen Gefolgschaft verlor, obwohl er außenpolitisch für sein Land unstreitig ganz ungewöhnlich große Erfolge erzielen konnte in dem nur einjährigen Zeitraum seiner Kanzlerschaft. Aber die Innenpolitik sprach ein rauheres Wort. Was wir in Deutschland ja auch oft genug erlebt haben!
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Allerdings treibt diese innenpolitische Interessiertheit bisweilen recht sonderbare Blüten, die aber durchaus nicht immer einer reizenden Originalität entbehren. So hat z. B. die Frage, wie die M a s s e n d e r n e u e n R e i ch s- tagsabgeordneten im Sitzungssaal des Wallot- baues untergebracht werden sollen, dem Reichstagspräsi- denten geradezu eine Flut von Vorschlägen aus „weitesten Volkskreisen" eingebracht. Eine von diesen Zuschriften z. B. behandelt dieses „Problem" so etwa â la gordischen Knoten: die Parteien sollen vereinbaren, daß sie alle nur 50 Prozent ihrer Abgeordneten in den Reichstag entsenden. Ganz schön und gut gemeint und das deutsche Volk dürfte in seiner Mehrheit diese Selbstbeschränkung der Parteien mit außerordentlicher Fassung tragen. Bloß weiß man nicht, wie denn nun diese Halbierung erfolgen soll, wenn, die Fraktionsziffer eine — ungerade Zahl ist, sich also nicht: balbieren läßt oder höchstens durch eine Erekution am
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Im Prozeß gegen die Ulmer Reichswehrofsiziere wurden mehrere Reichswehrofsiziere als Tatzeugen vernommen.
* Der Deutsche Städtctag ist in Dresden als 25. Jubiläumstagung eröffnet worden.
* Auf der Rheinuserbahn Köln—Bonn raubte ein Schwindler durch einen Streich nach dem Muster des Hauptmanns von Köpenick 6100 Mark.
* In Kattowitz wurde der ostobcrschlcsische Führer Korsantn von her Polizei verhaftet und gleichzeitig der Schlesische Schm aufgelöst.