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Zulöaer Anzeiger

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Nr. 220 1930

Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zul-a- und Haunetal * Zulöaer Kreisblatt Redaktion und Geschäftsstelle: Mühlenstraße 1 Fernsprech-Anschluß Nr.^SS

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Fulda, Samstag, 20. September

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7. Jahrgang

Nechenkünsieleien.

Parlamentarische Möglichkeiten. Unbekannte Größen. Stickluft. Drastische Illustrationen.

Nachdem der Rechenstift eifrigst die zahlenmäßigen Ergebnisse der Reichstagswahl hatte feststellen müssen, war er aus müde gewordener Hand beiseitegelegt worden; Be­richtigungen, die an dem Gesamtresultat nur ganz wenig zu ändern vermochten, haben kaum noch Interesse erregt. Aber schon sehr bald wurde der arme Stift wieder in Tätigkeit gesetzt, weil es nun galt und gilt, die parla - m e n t a r r s ch e nMöglichkeiten" herauszurechnen, jene Kombinationen, von denen die Ergebnisse deutscher Reichstagswahlen fast immer eine ganze Fülle darzubieten pflegen. Wer geht mit wem zusammen? Wer mag von dieser, von jener Partei wirklich oder vor­läufig nichts wissen? Wie ist das mit dem ,. Ewigkeits­wert" parteipolitischer Mannesworte, vor allem solcher, die i m Wahlkampf, also vor der Entscheidung, ge­sprochen worden sind? Man kann nämlich aus Erfahrung sagen, daß mannach Tisch" häufig so manchesganz anders liest". Also wird gerechnet, nicht gerade selten mit überausunbekannten Größen", und infolgedessen pflegen auch die dabei sich herausstellenden Resultate alles andere als übereinzustimmen außerdem auch darum, weil meist das parteipolitische Wünschen die Arbeit des Rechenstiftes stark beeinflußt. Im übrigen ist das alles insofern e i n ziemlich müßigesSpiel, weil ja die Entscheidung vorläufig bis nach dem Zusammentritt des Reichstages vertagt worden ist, wenigstens nach außen hin. Denn die Reichsregierung hat erklärt, sie wolle ohne jede partei­mäßige Bindung, also formell ohne jede vorher ver­abredete, vereinbarte parlamentarische Grundlage ein wirt- schasts- und finanzpolitisches Sanierungspro- g r a m m in Form ausgearbeiteter Gesetzentwürfe dem Reichstag vorlegen, die dann entweder von diesem ab­gelehnt oder angenommen oder schließlich abgeändert werden sollen. Natürlich ist es trotzdem nun durchaus nicht ausgeschlossen, daß hinter den Kulissen Bemühungen vor sich gehen, die Gesetzentwürfe rechtzeitig so zukneten" und zu formen, daß sie einigermaßen Aussicht auf Annahme durch eine Reichstagsmehrheit erhalten.

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Aber das eine läßt sich ohne jeglichen Nechenstift schon jetzt feststellen: genau so wie das parteipolitische Gegenein­ander in der Neichstagswahl und durch sie eine scharfe Zuspitzung erfuhr, wird diese Verschärfung sich auch in den kommenden Wochen und vielleicht noch länger geltend machen. Als Zeichen dieser unstreitig wachsenden Nervosität dürfen die Gerüchte gelten, die in sensationellsten Meldungen von allerhand illegaleninneren Rüstungen" und Putschabsichten radikaler Parteien wissen wollen. Da weht in diese parteipolitisch verseuchte Stickluft wie ein frischer Zug die Rede des Reichswehr­ministers Gröner hinein, die er jetzt bei Manöver­schluß gehalten hat.Wehrhaftigkeit und Landesvertei­digung dürfen nicht Parteisache sein . . . und es möge gelingen, weiterhin die Wehrmacht vollkommen heraus­zuheben über den Streit der Parteien; so wird sie zum einigenden Symbol der Nation." Und Gröner spricht d§r Wehrmacht die Aufgabe zu,abseits aller Parteipoliftk nur der Idee des Staates zu dienen". Auch über die Politik der Reichswehr" sind ja allerhand Gerüchte ver­breitet worden, denen jetzt der Minister in betonter Schärfe entgegentritt; denn die Reichswehr kenne nur eine Aufgabe, nämlich die der höchstmöglichsten Ausbildung von Führer und Mann und daran habe man infolge der bekannten Abrüstungsbestimmungen und der dadurch aufgetürmten Hemmnisse und Beschränkungen gerade genug zu tun!

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Trotzdem hat der Reichswehrminister in seiner Rede einen kleinen, überaus verständlichen Ausflug ins Außenpolitische gemacht. Sogar in einen über­aus aktuellen Teil der Außenpolitik, in die Frage der jetzt la auch in Genf heftig umstrittenen allgemeinen Abrüstung hinein. Nicht bloß, weil der englische Außenminister Henderson ebenso laute und deutliche wie überraschende --one sprach, auch den Anspruch der zwangsweise ab- gerusteten Staaten auf endliche Erfüllung der allgemeinen nvrustungszusagen anerkannte, sondern, weil, gleichzeitig mtt den deutsch em Manövern auch solche jenseits unserer Westgrenze stattfanden. Dabei trat der ganze ge- Kräfteunterschied der deutschen und der kranzö- Nichen Wehrmacht in aller Deutlichkeit zutage und illu- ürierte drastisch genug die ganze Albernheit des Geredes von einer Bedrohung Frankreichs durch Deutschland, von emer Gefährdung der Sicherheit des französischen Volkes, ^llanze Unsinnigkeit des dort gepredigten Satzes:Erst öidjertjeit, dann Abrüstung." Bei unseren Manövern gab es nur Tankattrappen, gab es kein schweres Geschütz; oruben aber rasselten echte Tanks und Hunderte schwerer Geschütze durch das Manövergelände, das überschwirrt von Flugzeugbataillonen.Diese Gegenüberstellung schon straft alle diejenigen Lügen, die in der deutschen .trmee eine Bedrohung für irgendeinen Nachbarn sehen wollen." Das unterstrich Minister Gröner, der doch vom modernen Krieg und den für diesen notwendigen Rüstun­gen auch einiges versteht! Aber Vernunft und ruhiges Überlegen in der Politik vermögen sich doch nur selten, im großen wie im kleinen, zwischen den Völkern und bei den

N durchzusetzen. So haben sich die Väter des ^olterbunbftatutâ und die des VersaillerFriedens" zwar zur allgemeinen Abrüstung verpflichtet, aber leider gilt auch hier, daß Versprechen und Halten e b e n Zweierlei i st. Dr. Pr.

Flugzeugkatastrophen - Flugzeugsiege.

DieFlugzeugkatasirophe in Stuttgart

Das Spiel mit dem Tode.

Der Fluglehrer und Luftakrobat Schindler, dc» auf dem Flugplatz Stuttgart-Böblingen mit drei andern Fliegern, dem Hauptmann Eng wer, dem Flugzeug­führer Spengler und dem Monteur Hagenmeycr den Tod fand, betrieb seit 1919 die Luftgymnastik: er turnte am Mast aus dem Flugzeug und am Trapez unter den Tragflächen. Kein Wagnis war ihm groß genug. Obwohl nach dem unter ähnlichen Umständen erfolgten

Pilot Schindler bei einer flugakrobatischen Vorführung.

Tode des Luftakrobaten Hundertmarck derartige Vorführungen verboten wurden, trieb Schindler das «-prel mit dem Tode weiter. Schindler stand unmittelbar vor seiner Verheiratung mit seiner langjährigen Mit­arbeiter,n, der Fallschirmpilotin Hedi Schumann. Er hat im Jahre 1929 die Schindler-Flug-G. m. b. H. ins Leben gerufen, um durch seine Luftkünste das angeblich schwindende Interesse der breiten Massen an der Luftfahrt neu zu beleben.

Es muß bemerkt werden, daß es sich in Böblingen nicht um eine öffentliche Veranstaltung, sondern um eine Vorführung vor der hierzu geladenen wüttem- bergischen Presse gehandelt hat. Schindler wollte durch diese Vorführung eine Milderung des behördlichen Ver­botes erreichen.

Der Reichsverkehrsministcr wird sich, wie verlautet, nach der Böblinger Katastrophe erneut im Sinne des Verbotes aussprechen und den Deut­schen Luftfahrtverband ersuchen, von einer Unterstützung artistischer Vorführungen in der Luft Abstand zu nehmen.

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Deutscher Standpunkt zu Minderheitenbeschwerden.

Die deutschen Wahlen.

Eine Darlegung des Minderheitenproblems durch den deutschen Abgeordneten Koch-Weser wurde im Politischen Ausschuß des Völkerbundrates entgegenge- nommen. Der deutsche Redner entwickelte die Geschichte des Schutzes der Minderheiten, in der manche Vernach­lässigung des Völkerbundes sestzustellen sei. Der Kern sei nicht mehr und nicht weniger, als den Minderheiten den Schutz ihrer Menschenrechte aus Wahrung ihres. Volks­tums, ihrer Muttersprache, ihrer Kultur und ihrer Re­ligion im Rahmen der Staaten, in denen sie leben, nicht nur rechtlich zu verbriefen, sondern auch praktisch zu ver­wirklichen. Die Befriedung und Annäherung Europas kann nicht nur über gefallene Zollgrenzen gehen, sondern sie geht in erster Linie über die Minderheiten. Der Völker­bund wird die Zeichen erkennen und darüber wachen müssen, daß ihm nicht die Schlüssel der fortschreitenden Entwicklung entgleiten. Deshalb sind die seinerzeit von Stresemann schon gegebenen Anregungen streng zu be­achten und ein ständiger Minderheitenausschuß einzu- setzeu.

Die Erklärung des deutschen Vertreters wurde durch den Vertreter der österreichischen Regierung unter- stützt, der der deutschen Regiernng für die Aufrollung dieser so bedeutsamen Frage dankte und die Unhaltbar­keit der gegenwärtigen Behandlung der Minderheiten in verschiedenen Staaten und die dadurch geschaffene Be­drohung des Friedens betonte. Der Vertreter der alba­nischen Regierung verlangte die Schaffung eines stän­digen Minderheitenausschusses.

B r i a n d , der später sprach, hielt den heutigen Min­derheitenschutz durch den Völkerbund für völlig aus­reichend und zufriedenstellend. Niemand könne behaupten, daß der bisherige Minderheitenschutz des Völkerbundes ungenügend sei und daß die Interessen der Minderheiten nicht genügend gewahrt würden. Briand lehnte nachdrück­

Erfolg des Kunstfliegers Achgelis in Antwerpen.

Sieger vor allen ausländischen Mitbewerbern.

Der bekannte deutsche Kunstflieger GerdAchgelis konnte auf seinem FlugzeugKiebitz" bei der zweiten Internationalen Flugveranstaltung in Antwerpen einen großen Erfolg gegen stärkste ausländische Gegner er­ringen. Achgelis flog von Münster in Westfalen nach Ant­werpen, wo die Teilnehmer an der Flugveranstaltung zu einer bestimmten Zeit eintreffen mußten. Achgelis kam als Erster am Ziele

an und blieb Sieger in dem Wettbewerb vor den bekannten englischen Fliegern Kapitän Broad und Kapitän Rose, ferner vor der Siegerin des Wettbewerbes um den eng­lischen Königspokal 1930, Fräulein Brown, und vor mehreren französischen, belgischen und holländischen Geg­nern. Achgelis konnte auch im Kunstfluge den ersten Preis gegen Broad und den Franzosen Barbot erringen, obwohl die Ausländer mit schweren Jagdflugzeugen, darunter Flugzeugen mit 500 ?8-Motoren, in den Wettbewerb gingen.

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Todessturz einer kanadischen Fliegerin.

Die 24jährige kanadische Fliegerin Ruth Alexander, die kürzlich die Strecke von Vancouver nach Mexiko in 16 Stunden durchflogen hatte, ist tödlich abgestürzt. Fräulein Alexander war von St. Diego in Kalifornien zu einem Dauerfluge durch die Vereinigten Staaten aufgestiegen. Bald nach dem Start stieß ihr Flugzeug im Nebel gegen einen niedrigen Hügel und stürzte ab. Die Fliegerin war a^f der Stelle tot.

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Der Jndienflug desR. 101" verzögert.

Der Abflug des englischen LuftschiffesR. 101" nach Ägypten und Indien hat sich dadurch verzögert, daß eine neue Maschine nicht rechtzeitig geliefert werden konnte. Man hatte »gehofft, das Luftschiff in diesen Tagen aus der Halle ziehen zu können, um mit den Probeflügen zu be­ginnen.

Ein Monopol für Zwischenlandungen auf den Azoren.

Der portugiesische Ministerpräsident hat einen Mono­polvertrag unterzeichnet, wonach der portugiesischen, mit französischem Kapital gegründeten GesellschaftStela", einer Tochtergesellschaft der transafrikanischen französischen Luftverkehrsgesellschaft, das alleinige Recht zugesprochen wird, aus den Azoren und den Kapverdischen Inseln Zwischenlandungen vorzunehmen.

Gegen dieses Abkommen war vor mehreren Monaten von einer Reihe von Staaten, darunter auch von den Ver­einigten Staaten von Amerika, Einspruch erhoben worden, da man der Meinung ist, daß es unmöglich sei, diese ein­zigen Stützpunkte, die für die liberfliequng des Ozeans von Europa nach Amerika in Frage kommen, durch einen solchen Monopolvertrag für den internationalen Luft­verkehrsbetrieb zu kverren.

lichst die Schaffung eines ständigen Minderheitenaus- schnsses ab, wobei er erklärte, er könne sich nicht vorstellen, womit sich ein solcher Ausschuß befassen solle. Die Min­derheiten hätten jederzeit die Möglichkeit, ihre Beschwer­den vor den Völkerbundrat zu bringen; es bestünden weitgehendste Sicherheiten für eine gerechte und sachliche Prüfung dieser Beschwerden.

Für die tschechoslowakische Regierung erklärte ihr Vertreter seine Sympathie mit den deutschen Vorschlägen. Die Tschechoslowakei sei bereit, die Minder­heitenfrage im allgemeinen zu erörtern, ohne aber einen Präzedenzfall zu schaffen. Graf A p p 0 n y i, der Ver- tr" er Ungarns, wies auf die außerordentlichen Mängel ; } Gefahren der gegenwärtigen Minderheitenbehand- 1 ig durch den Völkerbund hin. Die Minderheitenfrage in erster Linie eine große internationale Frage. Der Völkerbund habe jedoch das Recht, die Durchführung der Minderheitenschutzverträge zn kontrollieren. Ungarn meine, daß das gesamte gegenwärtige Beschwerdever­fahren des Völkerbundes ungenügend sei. Der Ver­treter der r u m ä n i s ch e n Regierung schloß sich voll­kommen den Erklärungen des tschechoslowakischen Ver­treters Benesch an.

Kleine Zeitung für «ilige Leser.

* In Genf wurde über das Minderheitenproblem ver­handelt, wobei der deutsche Vertreter Koch-Weser den Stand­punkt vertrat, es müsse ein besserer Schutz der Minderheiten durch den Völkerbund erfolgen. Briand war entgegengesetzter Ansicht.

* Gegen den Kommunisten Max Hölz ist ein Haftbefehl er. lassen worden. Dieser konnte aber nicht vollstreckt werden, da Max Hölz nicht aufzufinden ist.

* Der portugiesische Ministerpräsident hat einen Monopol- vertraa unterzeichnet, wonach der portugiesischen Lustverkehrs- gesellschastStela" das allernige Recht zugesprochen wird, auf den Azoren und den Kapverdischen Inseln Zwischenlandungen vorzunehmen.