Zulöaer /lnzeiger
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Nr. 219 — 1930
Fulda, Freitag, 19. September
7. Jahrgang
Innenpolitischer Machtkampf.
Kohm geht die deutsche Politik?
Der Nationalsozialismus als Prinzip.
Selbstverständlich entstehen nach dem überraschenden Wahlausgang allerlei unkontrollierbare Gerüchte. So wird geredet von Vorbereitungen der Nationalsozialisten zu einer bewaffneten Erhebung. Jedoch muß man diesen Nachrichten gegenüber die genügende Zurückhaltung bewahren. An den zuständigen Stellen wird versichert, daß man von derartigen Plänen nichts wisse. Aus jeden Fall seien die staatlichen Machtmittel und die Aufmerksamkeit gewappnet, falls einige besonders aufgeregte Einzelgruppen sich mit solchen Plänen tragen sollten. Die nationalsozialistische Parteileitung hat augenblicklich genug damit zu tun, zu beraten, welches nunmehr ihre taktischen Wege sein würden.
Hitler selbst, dem man fälschlich die Absicht zusagte, nach Berlin überzusiedeln, hat im Zirkus Krone in München eine Rede gehalten. Er begann damit, daß der Nationalsozialismus nicht beabsichtige, eine neue Regierung zu bilden. Der Zweck des Staates sei die Form der Organisation zur Lebensmöglichkeit des Volkes. Aber über diesem liege die Erhaltung der Nation. Die Nationalsozialisten gehen nicht ins Parlament aus Prinzip, sondern aus Zwang, und der Zwang sei die jetzige Verfassung. Diese zwinge, sich des Mittels des Parlaments zu bedienen. Das Ziel heiße nicht Umsturz, nicht Putsch, sondern Revolution der deutschen Seele, Eroberung des deutschen Menschen. Menschen zu besiegen werde immer möglich sein, wenn der Wille des einen größer sei als der des andern.
Der Völkische Beobachter äußert sich auch zu der Sachlage und rückt dabei von einer Fusion mit den Deutsch- nationalen ab. Es sei notwendig, die nötige Distanz herzustellen. Eine sozialreaktionäre Partei wie die Deutschnationale Volkspartei könne der Nationalsozialismus niemals sein, der seine Eigenschaft als sozialrevolution äre Partei aufrechterhatt Eine Fraktionsgemeinschast mit den Deutschnationalen sei deshalb indiskutabel.
Im Vorwärts wird gesagt, die Sozialdemokratie werde der Regierung Brüning keine Hilfsdienste leisten, falls ihr nicht genügend Einfluß auf die Regierung eingeräumt werde.
Die Wahl des Vizepräsidenten.
Ob bei den Deutschnationalen Neigung zu einer Vereinigung mit den Nationalsozialisten vorhanden ist, muß sich zeigen bei der Wahl eines Vizepräsidenten im neuen Reichstag. Es ist nicht wahrscheinlich, daß hier die beiden Elemente an einem Strang ziehen werden. Das müßten sie aber, sollte es zur Wahl eines nationalsozialistischen Vizepräsidenten kommen.
Minister H i r t s i e f e r, der bekanntlich dem Zentrum angehört, hat sich in einer Unterredung mit dem Mitarbeiter des „Peuple" in Brüssel dahin ausgesprochen, daß er ganz energisch für eine Zusammenarbeit des Zentrums mit der Sozialdemokratie eintreten werde. Den Erfolg der Nationalsozialisten sieht Hirtsiefer an als einen Erfolg der Propaganda, die sich zur Hauptsache an die Nichtwähler gerichtet hätte. Man könne von den gelegent
Die Roggenpreise.
Giützung des Getreidemarktes
Beweglichere Gestaltung.
Das Reichsernährungsministerium teilt mit, daß die Deutsche Getreidehandelsgesellschaft, die für das Reich die Getreidepreisstützung durchführt, ihre Methoden ändern wird. Die bisherigen Stützungskäufe sollen aufgegeben werden. Das Reichsernährungsministerium macht umfangreiche Spekulationen des Handels gegen die Stützungsstellen für das Roggenangebot der letzten Wochen verantwortlich. Die angebotenen 700 000 Tonnen seien ein Vielfaches von dem, was sonst in guten Erntejahren von Juli bis Mitte September zum Versand gebracht worden sei. Die bei der Stützungsstelle noch vorhandenen Reserven würden zwar die Ausnahme eines noch größeren als des bisher ausgenommenen Quantums erlauben. Da aber die Getreidepolitik des Reiches sich ihr Handeln nicht von Machenschaften des Handels vorfchreibek lassen könne, so habe sie sich cntschloffen, „durch eine beweglichere Gestattung der Stützung frie angebotenen Mengen auf das, normale Maß zurüüzusühren".
Verminderte preise.
Der Reichskommissar für die Roggenstützuug, Baade, machte vor einer beschränkten Öffentlichkeit Ausführungen über die derzeitige Lage der Stützungsaktion. Es besteht keine Möglichkeit, durch Zölle dem Roggen eine Stützung zu geben, da die Roggeneinfuhr völlig eingestellt ist. Auch durch Förderung der Ausfuhr den Roggen zu stützen ist unmöglich, weil Rußland zu noch nie dagewesenen Preisen (zurzeit zu 80 Mark die Tonne) ausführt. Um Mißverständnisse aus dem Wege zu räumen, stellte Baade fest, daß die derzeitige Lage nichts damit zu tun habe, ob die Verständigung mit Polen geglückt sei oder nicht. Diese Verständigung sei der wichtigste Teil der deutschen Roggen- stützungspvlitik. Seine Auswirkung aber sei zurzeit
lichen Wählern kein vernünftiges Urteil über die Politik selbst erwarten. Zweifellos müsse das Zentrum bei einer Zusammenarbeit mit der Sozialdemokratie Zugeständnisse in bezug auf die Sozialversicherungen machen. Hirtsiefer meinte, daß der preußische Ministerpräsident Braun, bekanntlich ein Führer der Sozialdemokratie, unter Beibehaltung seines Ministerpräsidiums in das neue Kabinett als Vizekanzler eintreten würde.
*
487 Kreiswahrvorschläge,
89 Reichswahlvorschläge.
Ergebnisse der Wahlen.
Nach Mitteilung des Reichswahlleiters sind bei den einzelnen Parteien die Reichstagsabgeordneten auf folgender Grundlage gewählt worden:
Kreiswahl. Vorschlag
Reichswahl» Vorschlag
auf.
S. P. D.
133
10
143
N. S. D. A. P.
98
9
107
Kommunisten
69
7
76
Zentrum
61
7
68
D. N. V. P.
33
8
41
D. V. P.
21
9
30
Wirtschaftspaket
15
8
23
Staatspartei
13
7
20
Bayerische Volkspartei
17
2
19
Deutsches Landvolk
11
7
18
Christlichsozialer Volksdienst
7
7
14
Deutsche Bauernpartei
4
- 2
6
Konservative Volkspartei
0
5
5
Dtsch.-HannoverschVPartei
2
1
3
Landbund
3
0
3
*
487
89
576
Bei der Reichstagswahl sind im Stadtkreis Krefeld- Uerdingen fsir die Deutschnationalen 2194 Stimmen zuviel gezählt worden. Der im Wahlkreis Düsseldorf- West aufgestellte deutschnationale Landtagsabgeordnete Dr. Deerberg ist daher nicht gewählt. Dafür ist in dem Wahlkreis Düsseldorf-Ost der frühere Reichsverkehrsminister Dr. Koch (deutschnational) durch Listenverbindung mit Düsseldorf-West gewählt worden.
Frauenstimmen in Oberschiesien.
Wahlnachklänge.
In R a t i b 0 r, einer Stadt von 50 000 Einwohnern, erhielt das Zentrum nur 2970 männliche, dafür aber 7365 weibliche Stimmen. Von seiner Gesamtstimmenzahl hat das Zentrum nur wenig mehr als ein Viertel von Männern erhalten. Ähnlich steht es mit dem Christlichsozialen Volksdienst. Diese Partei erhielt 66 Prozent ihrer Stimmen von weiblichen und nur 34 Prozent von männlichen Wählern.
Für die „Polnische Minderheit" übertraf die weibliche Stimmenzahl mit 55 Prozent die männliche bei weitem. Für die Sozialdemokratie stimmten 57 Prozent Männer und 43 Prozent Frauen.
natürlich wegen der russischen Exporte unmöglich. Um bei den jetzigen Weltpreisen durch Export eine Erleichterung zu schaffen, seien niindestens 100 Millionen Mark nötig. Würde die Stützungsaktion zusammenbrechen, so würde der Roggenpreis sich dem Weltmarktpreis nähern und wenigstens vorübergehend auf 100 Mark die Tonne zurückgcheu. Diese Situation mache die Entschlüsse außerordentlich ernst. In den letzten vierzehn Tagen seien der Stützungsstelle über 400 000 Tonnen aufgehalst worden. Die Stützungspolitik stehe daher vor der Frage, ob sie beibehalten werden solle oder nicht. Die bisher auf- genommenen Mengen würden ausreichen für ein normales Verkaufsbedürfnis der Landwirtschaft innerhalb von sechs Monaten. Es liege daher die Vermutung nahe, daß große Mengen angeboten seien, die nicht zur Verfügung ständen. Das würde sich sehr bald Herausstellen, wenn die Stützungsstcllc ihre bisherige Taktik ändere. Es werde sich dann für gewisse Mengen Deckungsbedürfnis ergeben. Die Stützungsstelle werde daher sofort ihre Taktik ändern und nur noch die Mengen aufnehmen, für die normaler- Weise zu dieser Zeit ein Verkaufsbedürfnis bei der Landwirtschaft bestehe. Die örtliche Notierung werde ab heute einen Abschlag erfahren.
Voraussichtliche Erhöhung der Vermahlungsquote für Weizen.
Wie von maßgebender Seite verlautet, findet im Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft noch in dieser Woche eine Besprechung mit den beteiligten Wirtschaftskreisen über die Festsetzung der Vermahlungs- quote an i n l ä n d i s ch e m W e i z e n für den Oktober statt. Bei dem drängenden Angebot an inländischem Weizen wird man in der Annahme nicht fehlgehen, daß für den Monat Oktober mit einer nicht unwesentlichen Erhöhung der Vermahlungsquote zu rechnen ist.
Die Tragödie von Eupen-Malmedy
Zur zehnten Wiederkehr des Abstimmungstages.
Gedenktage zu begehen ist für das deutsche Volk eine sehr selten erfreuliche, meist aber sehr traurige Sache. Und das Jahr 1930 ist ein solches des zehnjährigen Gedenkens gleich an drei Volksabstimmungen, bei denen sich im Norden, im Osten und schließlich auch im Westen wichtige Teile des deutschen Volkes darüber entscheiden sollten, ob sie noch beim Reich bleiben wollten oder nicht. In Schleswig, in Ost- bzw. in Westpreußen und in Eupen-Malmedy. Und nur die ostpreußische Abstimmung führte dazu, daß Recht — soweit man dieses Wort überhaupt für die Diktatbestimmungen von Versailles anwenden darf — auch wirklich einmal Recht blieb. Zur Groteske oder vielmehr, vom deutschen Standpunkt aus gesehen, zur Tragödie ist das, was in Eupen- M a l m e d y als Volksabstimmung veranstaltet wurde, geworden; und trotzdem ist das Ergebnis dieser grotesken „Volksbefragung" am 20. September 1920, also vor zehn Jahren, durch den Völkerbundrat als ernsthaft angesehen und die Losreißung Eupen-Malmedys vom Deutschen Reich als „Recht" beschlossen worden, über die deutschen Proteste in Genf schritt man hinweg.
Es ist ganz gut, an jene „Volksabstimmung" heute einmal zu erinnern, da in Genf die Frage der Minderheiten durch den deutschen Außenminister Doktor Curtius aus der Versenkung, in der sie verschwinden sollte, unmißverständlich herausgeholt worden ist. Vor zehn Jahren sollten die Bewohner von Eupen-Malmedy, soweit sie ihrem Wunsch, bei Deutschland zu verbleiben, Ausdruck geben wollten, sich mit ihrem Namen in die ausgelegten Listen eintragen. Belgisches Militär hielt das Land besetzt: Ausweisung, Vernichtung der wirtschaftlichen Existenz, Schikanen aller Art drohten nicht nur jedem, der den Mut hatte, für Deutschland zu stimmen, sondern wurden auch sofort auf ihn angewandt. Da war es wirklich keine Feigheit, daß nur 271 Stimmberechtigte ihre Namen für Deutschland eintragen ließen. Und 35 000 Männer und Frauen zu Hause blieben aus Scheu vor dieser „Volksabstimmung" im „Schutz" der belgischen Bajonette. Obwohl noch nach dieser Abstimmung über 47 000 Bewohner von Eupen-Malmedy bei der Volkszählung das Deutsche als ihre Muttersprache erklärten, während nur etwa 10 000 sich zur französischen Sprache bekannten. Da ist es denn z. B. auch weiter nicht auffallend, sondern die deutsche Zugehörigkeit Eupen- Malmedys deutlich genug illustrierend, daß auch heute noch in diesem Gebiet überhaupt nur deutsche Zeitungen erscheinen. Trotzdem ist man in Genf, und zwar ebenso beim Völkerbundrat wie in der Pölker- bundversammlung selbst, am 20. September 1920 einfach zur Tagesordnung übergegangen, hinweg über die deutschen Proteste, in denen diese „Volksabstimmung" gebührend gekennzeichnet war und von denen Belgien nichts abstreichen konnte. Aber — esging ge gen Deutsch- land und darum versuchte man in Genf schwerstes Unrecht zu „Recht" zu machen. Genau so, wie es mit dem litauischen überfall auf den Freistaat Memelland, mit der polnischen Eroberung Wilnas geschehen ist.
Wenn sich später die Archive öffnen, dann wird man wohl auch Genaueres über den deutschen Versuch erfahren, durch Verhandlungen mit Belgien in den Besitz des auf diese Weise entrissenen Landes zurückzuge- langen. Dann läßt sich feststellen, wie weit diese Verhandlungen schon gediehen waren und — woran sie schließlich gescheitert sind. Unwidersprochen blieb damals die in aller Welt verbreitete und von aller Welt auch geglaubte Behauptung, daß die französische Regierung der Störenfried war, an deren Einspruch die nicht aussichtslosen Besprechungen gescheitert sind. Den Namen des damaligen französischen Ministerpräsidenten, nämlich Poincarös, zu erwähnen, genügt wohl schon, um jenes Gerücht als nicht unwahrscheinlich zu bezeichnen.
Das eilfertige belgische Dementi über die Tatsache der Verhandlungen hat eben nur den bekannten „Wert" solcher amtlichen Ableugnungsversuche. Aber leider ist eben alles so geblieben, wie man es vor zehn Jahren in Genf gegen alles Recht dekretierte.
Da ist denn auch im vergangenen Jahre, als nach der Haager Young-Plan-Konferenz Verhandlungen zwischen Deutschland und Belgien über ein „Markabkommen" an- gekündigt wurden, sofort und ausdrücklich erklärt worden, daß irgendwelche „territorialen" Fragen hierbei nicht berührt werden sollten und auch nicht von Deutschland selbst angeschnitten werden würden. So gingen denn auch diese Unterhandlungen vorüber, ist das in den Young-Plan hin- eing^prbcitete deutsch-belgische Markabkom- m e n abgeschlossen worden, ohne daß ein Wort über Eupen-Malmedy gesprochen wurde. Inzwischen war das Gebiet ja auch der Provinz Lüttich einverleibt, es auch kirchlich von Deutschland getrennt worden. Auch hier verfolgte man eifrigst das Ziel, die Bewohner Eupen-Malmedys auch innerlich für Belgien zu gewinnen. Aber das war an sich nicht nur schwierig, weil nach wie vor die persönlichen und namentlich die wirtschaftlichen Beziehun-
Klelne Zeitung für eilige Leser.
* Die Roggenstützungsaktion des Rcichsernährungsministe- riums wird mit sofortiger Wirkung abgebaut.
* Verhandlungen des Reichskabinetts mit den einzelnen Parteien über die Regierungsbildung haben noch nicht begonnen. Verbreitete Gerüchte beruhen auf Kombinationen.
* Reichsminister Treviranus soll als Minister ohne Portefeuille nach der Aufhebung des Ministeriums der besetzten Gebiete weiteramtieren.
»Bei einem Zusammenstoß zweier Flugzeuge in Stuttgart wurden vier Personen getötet.