Zul-aer /lnZeiger
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9h. 215 — 1930
Tageblatt für Rhön und Vogelsberg» Zulöa- und Haunetal Fuldaer Kreisblatt
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Nachdruck der mit * versehenen Artikel nur mit GrzeUenangabe »Zuldaer Anzeiger'gestattel.
^Fulda, Montag, 15. September
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7. Jahrgang
Der Sieg des Hakenkreuzes.
Die Partei Adolf Hitlers wird mit 106 Mandaten in den Reichstag einziehen. — Die Nationalsozialisten zweitstarkste Partei. — Die Kommunisten stark angewachsen.
Das vorläufige Gesamtergebnis.
Es erhielten Sitze:
1. Sozialdemokraten
142 (151)
2. Deutschnationale
40 ( 36)
3. Zentrum
76 ( 60)
4. Kommunisten
76 ( 55)
5. Deutsche Volkspartei
33 ( 45)
6. Deutsche Staatspartei
19 ( 25)
7. Wirtschaftspartei
22
8. Bayrische Volkspartei
17 ( 17)
9. Nationalsozialisten
106 ( 12)
10. Landvolkparter
18
16. Konservative Volkspartei
5
Splitterparteien 36 Sitze.
Es erhielten Stimmen:
Gültige Stimmen: 35 790 340. Sozialdemokraten Deutschnationale Zentrum Kommunisten
Deutsche Volkspartei Deutsche Staatspartei Wirtschaftspartei Bayerische Volkspartei Nationalsozialisten Landvolkpartei Konservative Volkspartei Sonstige
8 536 929
2 459 996
4 549 795
4 599 375
1 996 015
1 186 717
1 352 341
1 118 556
6 375 259
1103 889
319 813
2 191 655
Was nun?
Bedeutet dieser Wahlkampf eine Wendung in der Geschichte des nachrevolutionären Deutschland? Das ist wohl die erste Frage, die sich einem bei der Betrachtung des Gesamtresultates aufdrängt. Es sollte doch um prinzipielle Fragen des deutschen Staatswesens gehen, so haben es uns die Redner aller Parteien im Wahlkampf versichert. Es
Der Wahlsonntag im Reich.
Ein Passant bei einem Zusammenstoß in Berlin getötet.
Berlin, 15, September.
Am Sonntag boten die Straßen Berlins das gewohnte Bild des Wahltages. Indessen hat der Wahlkampf infolge der starken Beteiligung der radikalen Parteien schärfere formen angenommen. In den ersten Nachmittagsstunden ließ der Betrieb etwas nach, um sich mit fortschreitendem Wählende zur letzten Kraftanstrengung der Parteien zu beleben.
Verschiedentlich ist es zu Zusammenstößen gekommen.
Außer den bis gestern Mitternacht festgenommenen Personen sind im Laufe der Nacht und am Sonntag etwa 200 Ruhestörer festgenommen worden. Im Verlaufe politischer Auseinandersetzungen wurden mehrere Personen, hauptsächlich durch Messerstiche, verletzt. Bei dem Versuche einer kommunistischen Truppe, in die Wohnung eines Nationalsozialisten im Vorort einzudringen, gab dieser zwei Schüsse auf die Kommunisten ab, durch die ein Unbeteiligter tödlich verletzt wurde. Um 2^ Uhr nachts versuchten “ etwa 100 Kommunisten, in ein Polizeirevier in Neukölln einzudringen, wobei sie auf die Beamten schossen. Verletzt wurde niemand.
Aus Mitteldeutschland (Freistaat Sachsen, Provinz Sachsen und Thüringen) wird ein ruhiger Verlauf des Wahltages gemeldet. In Leipzig kam es in der Nacht zum Sonntag zu Schlägereien zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten. Vor einem kommunistischen Lokal erschienen 60—70 Nationalsozialisten und suchten in das Lokal einzudringen. Bei der allgemeinen Schlägerei gab es auf
war klar, daß bei dieser Wahl eine stärkere Abwanderung in die radikalen Parteien stattfinden würde. Wer aber hätte geglaubt, daß Adolf Hitlers Partei mit über 100 Sitzen und damit als die zweitstärkste Partei überhaupt, in den neuen Reichstag einziehen würde? Diese Tatsache hat wohl selbst die kühnsten Hoffnungen seiner eigenen Anhänger übertroffen. Die „Fuldaer Zeitung" schätzte vor einiger Zeit in einem Artikel: „Wahlkalkulation" die Zahl der nationalsozialistischen Mandate auf 30 bis 40. Sie hat sich in ihrer Kalkulation ganz beträchtlich verrechnet. Wenn man sich die Erstarkung der beiden radikalen Flügelparteien ansieht, so könnte man beinahe glauben, daß das Wort Adolf Hitlers sich in nicht allzulanger Zeit bewahrheiten wird: „Der Endkampf um die politische Macht in Deutschland wird zwischen dem Hakenkreuz und dem Sowjet st ern ausgefochten werden". Vis jetzt haben die Sozialdemokraten sich allerdings noch als die stärkste Partei behauptet, aber ihr Turm ist ins Wanken geraten und sie haben eine beträchtliche Anzahl ihrer Mandate an die Kommunisten abgeben müssen. die nach dem vorläufigen Gesamtresultat etwa 77 Mandate erringen konnten. Die Deutschnationalen, die nach der Spaltung noch 36 Sitze im Reichstag innehatten, konnten die Zahl ihrer Mandate um einige erhöhen. Demgegenüber hat die Konservative Volkspartei eine schwere Enttäuschung erlebt. Sie wird mit etwa 5 Mandaten im neuen Reichstag vertreten sein, während sie nach der Absplitterung von der Deutschnationalen über immerhin 19 Abgeordnete im Reichstag verfügte. Auch die Hoffnungen der jungen Deutschen Staatspartei haben sich in keiner Weise erfüllt. Sie hat noch nicht einmal die Zahl der Mandate erreicht, die die Demokraten im alten Reichstag inne hatetn. Starke Verluste ht auch die Deutsche Volkspartei erlitten, die über 10 Mandate einbüßt. Das Zentrum konnte die Zahl seiner Abgeordneten beträchtlich erhöhen, während die Wirtschaftspartei sich gerade behaupten konnte.
Es ist sehr schwer, schon jetzt beim Vorliegen dieses vorläufigen Resultates irgend etwas über die Bildung einer neuen Regierung zu sagen. Man darf wohl annehmen, daß die Nationalsozialisten versuchen werden, ihren Erfolg auszunutzen und Regierungspartei zu werden. Viel wird hierbei davon abhängen, wie sich die Deutschnationale Partei verhalten wird. Es ist eine bekannte Tatsache, daß Hugenberg den Nationalsozialisten sehr symphtisch gegenüber steht. Trotz der gewaltigen Veränderung, die in der Zusammensetzung des Reichstags eingetreten ist, erscheint es noch sehr ungewiß ob sich bei der jetzigen Verteilung der Mandate eine arbeitsfähige Mehrheit zusammenfinden wird, die bereit ist, Politik auf lange Sicht zu machen. Wir müssen abwarten, wie sich die Parteien der Mitte verhalten werden.
beiden Seiten Verletzte. Eine größere Anzahl der Beteiligten wurde festgenommen.
Die Straßen der Städte des Essener Industriegebietes boten im allgemeinen das übliche sonntägliche Bild. Vis gegen Mittag betrug die Wahlbeteiligung etwa 60 %. Zu größeren Zwischenfällen ist es nirgends gekommen. Die Wahlbeteiligung im Münsterland war besonders rege und erreichte bi^ zum Nachmittag etwa 80 %.
Auch im Norden und Nordwesten des Reiches ist der Wahlsonntag ruhig verlaufen. In Mecklenburg-Schwerin gerieten gestern abend einige Reichsbannerleute und Nationalsozialisten aneinander. Die Gegner stachen mit Messer und schlugen mit Stuhlbeinen aufeinander ein.
Gesamtergebnis aus Hessen-Nassau.
Sozialdemokraten
353 393
(377 201)
Deutschnationale
44 451
(117 393)
Zentrum
192 669 (173 031)
Kommunisten
137 178
(93 093)
Deutsche Volkspartei
76 183
(119 402)
Deutsche Staatspartei
54 664
( 66 448)
Wirtschaftspartei
43 978
( 47 995)
Nationalsozialisten
284 810
( 42 457)
Landvolkpartei
85 770
(89 470)
Deutsche Bauernpartei
1779
( 4 581)
Konservative Volkspartei
8 003
Christl.-Soz. Volksdienst
60319
Volksrechtpartei
8 001
( 13 248)
Christl.Soz. Volksgemeinschaft
3 724
Kriegsbeschädigtenpartei
Unabhängige Sozialdem. Partei
3 072
728
Alles vorbei.
Auf die große Aufregung folgt die große Ernüchterung, auf das hitzige Wahlfieber der Rückschlag, der, wie jeder Gutgesinnte hoffen und wünschen muß, zur Genesung führen soll! Die Wahl ist vorüber und es bleibt eigentlich nichts weiter zu tun übrig, als die Strecke abzugehen und die Gewinn- und Verlustliste aufzustellen. Was war das nicht in den letzten Tagen vor der Schlacht für ein Tohuwabohu! Kampf bis aufs Messer hätte man sich ungesagt, und wenn man auch nicht mit Messern oder anderm Ge- waffen in den Krieg ziehen durfte, weil die Polizei das auf das allerstrengste untersagt hatte, so hatte man doch die sogenannten „geistigen Waffen" messerscharf geschliffen, und die Ritter und ihre Knappen beschimpften sich wie einst die Helden in Homers „Ilias", ehe sie mit dem Losschlagen anfingen. Aber dann wurde alles nur halb so schlimm, und wenn es auch an den in solchen Fällen üblichen Krachen und Krawallen nicht gefehlt hat, so ist doch im allgemeinen, soweit sich das bis jetzt übersetzen läßt, der Wahlakt mit seinem verwirrenden Drum und Dran vernünftig verlaufen. Den Kriegsschauplatz aber bedecken, besonders in den größeren Orten, etliche Zentimeter hoch Plakate und Flugblätter und Handzettel, die noch in letzter Stunde in die Welt hinausgesandt wurden, um eine Schicksalswende herbeizuführen oder zu verhüten — je nach dem betreffenden Parteistandpunkt. Das gibt nun jetzt ein großes Aufräumen, und die Straßenkehrer und die Hauswirte fluchen: sie sind bestimmt nicht für allzuhäufiges Wählen, weil sie sich die Straße und die Häusermauern nicht verschandeln lassen möchten.
Was aber die Herren Kandidaten angehl, die gewählten und die andern, die nicht von der Parteien Gunst gefördert wurden und daher als durchgefallen gelten müssen, so folgt für sie auf den Rausch der Katzenjammer. Jawohl, auch für die gewählten, aber diese erholen sich dann wieder! Sie haben doch wenigstens das ersehnte Mandat erhascht und bringen die Unkosten wieder herein, während die unterlegenen Herrschaften an den Kriegskosten noch lange zu zehren und zu knabbern haben dürften. Man hat ausgerechnet, daß jedes Reichstagsmandat durchschnittlich 12 000 bis 15 000 Mark kostet, und wenn auch den Hauptteil dieser runden netten Summe die Partei und ihre Kasse tragen, so mußte doch auch der Herr Kandidat oder die Frau Kandidatin einen tüchtigen Griff in die Tasche — natürlich in die eigene — tun, um sich durchzusetzen. Und wenn das dann alles nutzlos vertan ist, so ist das sehr bitter. So zieht alles am „Lendemain", am Morgen nachher, Bilanz: der Kandidat, die Wähler, die Partei, und es gibt nicht viele, die restlos zufrieden sind. Jetzt ist das natürlich so, daß es jeder „gleich gesagt" hat, wie es kommen müßte, wenn es anders kommen soll. Nach der Wahl gibt es nur Neunmalweise: alle haben es von Anfang an gewußt, daß der Wahlausfall so und nicht anders sein könne. Und dann wird große Abrechnung gehalten, zuerst mit denen, welche nicht richtig gewählt haben, und dann mit der immer noch recht ansehnlichen Schar derer, die trotz der eindringlichen Mahnungen und Beschwörungen, die alle Welt vor der Wahl an sie gerichtet hatte, am Wahltage zu Hause geblieben oder ins Wochenende gefahren sind. Ihnen gibt schlechthin jede Partei die Schuld, wenn die Wahl für sie — die Partei — nicht so ausgefallen ist, wie sie sich das in ihren schönen Vorwahlträumen ausgemalt hatte.
Aber schließlich ist doch jeder zufrieden, daß alles vorüber ist und daß man die Aufregung nicht noch länger durchzumachen braucht. Dauernd wählen — nein, das möchte man denn doch nicht, da es einen ein bißchen aus der soliden bürgerlichen Fassung bringt. Man hat im übrigen jedem ohne weiteres zu glauben, daß er nach bestem Wissen und Gewissen und zum Nutzen und zum Wohle des gemeinsamen Vaterlandes, wie er es versteht — und jeder versteht es bekanntlich anders — gewählt hat, und keiner hat das Recht, seinem Nächsten den Vorwurf zu machen, daß er „nicht richtig gewählt" habe. Haben wir schlecht gewählt, so versprechen wir uns, das nächstem«! — wer weiß, ach! wie bald — besser zu wählen. Jetzt aber wollen wir zunächst einmal wieder an die Alltaasarbeit. die auf uns wartet!
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Reichsaußenminister Dr. Curtius wird Ende Oktober einer Einladung des Bundeskanzlers Dr. Schober entsprechend nach Wien reisen.
* Zu Genf verkündete Handclsminister Graham die Absicht Englands, an der Herabsetzung der europäischen Zolltarife mltzuwlrken.
* Zn England sind 67 Personen nach dem Genuß von Bonbons, die mit Arsen vergistet waren, schwer erkrantt.