Zul-aer Mnzeiger
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Nr. 210 — 1930
Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zulüa- unö Haunetal ^Zulöaer Kreisblatt Redaktion und Geschäftsstelle: Mühlenftraße 1: Fernsprech-Anschluß Kr. 989 Nachdruck der mit * versehenen Artikel nur mit (Z^xeUenongabe .Fuldaer Anzriger'gestattet.
Fulda, Dienstag, 9. September
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7. Jahrgang
Der Umschwung in Argentinien.
Reue Regierung in Buenos Aires.
Abdankung des Präsidenten.
Die unter Mithilfe des größten Teils des Militärs durchgeführte Revolution gegen die bisherige Regierung des Präsidenten Irigoyen hat mit Vein vollen Siege der Revolutionäre geendet. Irigoyen versuchte im Auto zu entkommen, wurde aber eingeholt und verhaftet. Er soll schwer erkrankt und daher in ein Militärkrankenhaus gebracht worden sein. Bei den letzten Kämpfen, die sich zwischen Anhängern und Gegnern Irigoyens entwickelten, wurden fünfzehn Personen getötet und etwa 200 verwundet. Irigoyen soll zur Unterzeichnung seiner Ab- dankungsurkunde gezwungen worden sein. Vizepräsident Martinez, den Irigoyen vor seiner Flucht zum Stettver treter bestimmt hatte, übergab die Regierung dem siegreichen Führer der Aufständischen, dem General Uriburu.
Der neue Machthaber bildete alsbald ein provisorisches Kabinett in folgender Zusammensetzung: Ministerpräsident: General Uriburu; Vizepräsident: Enrique Santa Marina; Innenminister: Matias Sanchez Sorondo: Außenminister: Ernesto Bosch; Finanzminister: Enrique Perez; Justizminister: Ernesto Padilla; Minister für öffentliche Arbeiten: Oktavio Pico; Landwirtschaftsminister: Horatio Beccar Varela; Kriegsminister: General Francesco Medina; Marineminister: Konteradmiral Renard.
Oer Kongreß aufgelöst.
Uriburu verkündete das Kricgsrecht, löste den Kongreß' auf und kündigte an, daß er die Regierung leiten werde, bis die Ordnung wiederhergestellt sèi und das Land Gelegenheit gehabt hätte, eine neue verfassungsmäßige Regierung einzusetzen. Die erste Verordnung, die das neue Kabinett erließ, bedroht jeden, der plündert, gegen die neue Regierung arbeitet oder Verschwörungen nnzettelt, mit 6cm Tode des Erschießens. Jeder Offizier kann diese Strafe ohne Gerichtsverfahren nur nach eigenem Ermessen ausführen. Die Ereignisse in Buenos Aires verliefen ziemlich stürmisch. Vor dem Rücktritt der alten Regierung hatte Uriburu das Bombardement der Regierungsgebäude angedroht. Mehrere widerspenstige Offiziere wurden erschossen. Während der Umsturz sich vollzog, durchzogen aufgeregte Volksmassen die Straßen, plünderten und ver
Europakonferenz in Genf.
Der Völkerbund arbeitet.
Die 60. Tagung des Völkerbundrates begann Montag bei starker Anteilnahme unter dem Vorsitz des Venezolaners Z u m e i k a. Zunächst fand eine vertrauliche Sitzung statt. In einer folgenden öffentlichen Sitzung unterbreitete der Berichterstatter Procopè-Finnland dem Völkerbundrat seinen Bericht über die Durchführung des Palästinamandats durch Großbritannien. Henderson erklärte dazu, die britische Regierung nehme die Stelle in Procopès Bericht, die aus die Schwierigkeiten Großbritanniens in der Verwaltung Palästinas hindeute, dankbar zur Kenntnis. Die britische Regierung werde suchen, das gute Verhältnis zwischen Arabern und Juden zu fördern, ohne das Frieden und Wohlfahrt in Palästina nicht erzielt werden könnten. Der Völkerbundrat genehmigte die von Procopè vorgelegte Entschließung, wonach die Meinungsverschiedenheit zwischen England und der Mandatskommission beigelcgt ist. Für nachmittag war die erste Konferenz zur Besprechung über den Paneuropa- Plan angesagt. Dabei sind 27 europäische Staaten vertreten.
. Die Sitzung soll, wenigstens im Anfang, vertraulich nw. Briand wird über das Ergebnis feines Schrittes den Regierungen berichten. Sodann wird die formelle Mage der Behandlung des Planes durch die Versamm- lrulg aufgeworfen werden. Die Aussprache wird am Dienstag abgeschlossen. Die öffentliche Verhandlung über den Plan findet im Rahmen der allgemeinen Aussprache in der Völkerbundversammlung am Mittwoch statt.
Der deutsche Außenminister Dr. Curtins erstattete in der öffentlichen Sitzung am Morgen Bericht über die Arbeiten der letzten Tagung des Wirtschaftskomitees. Dr. Curtius, der mit der deutschen Delegation am Sonntag eingetroffen war, fand in seinem Hotel die Einladung der französischen Regierung zu der Europakonferenz vor.
Dr. Curtius suchte Sonntag den österreichischen Bundeskanzler Dr. Schober auf und hat bei dieser Gelegenheit mit ihm wegen der in Genf zur Verhandlung stehenden Fragen Fühlung genommen.
Italien verlangt die Teilnahme Rußlands und der Türkei.
In den vertraulichen Verhandlungen, die zwischen den verschiedenen Vertretern für die europäische Konferenz stattgesunden haben, sind Schwierigkeiten zutage getreten. Auf italienischer Seite wird verlangt, daß zu den weiteren vorbereitenden Ausschußarbeiten auch Nichtmitglieder- staaten des Völkerbundes, wie S 0 w j e t r u ß l n d und die Türkei hinzugezogen werden. Die französische und die englische Regierung verlangen dagegen, daß an den Ausschußarbetten nur Mitgliederftaaten des Völkerbundes teilnehmen und perlangen unter Hinweis auf die kommunistische Propaganda den Ausschluß Sowjetrußlands.
brannten die Wohnungen Irigoyens und seiner Anhänger. Viele Bilder Irigoyens wurden den Flammen übergeben. Die zum früheren Regiment stehende Polizei wurde durch Maschinengewehrfeuer zurückgetrieben.
In Washington,
wo man an den Dingen in Argentinien stark interessiert ist, werden die Nachrichten aus Buenos Aires verhältnismäßig ruhig ausgenommen. Irigoyen galt nicht als
General Uriburu.
Freund der Vereinigten Staaten und ihrer Politik; er hat den Botschafterposten in Washington unbesetzt gelassen und auch zuletzt verhindert, daß.Argentinien dem Kellogg- Pakt beitrat. Man erwartet von seinem Nachfolger, daß er größeres Entgegenkommen zeigen werde. Bei den starken handelspolitischen Beziehungen zwischen Argentinien und den Vereinigten Staaten hat man das größte Interesse daran, auf gutem Fuß zu stehen und den Warenaustausch, der durch die Engländer stark bedroht ist, zu heben.
Das französische Weißbuch.
Das Weißbuch der französischen Regierung über die bisherigen Untersuchungen in der Paneuropafrage wurde am Nachmittag veröffentlicht. Das Weißbuch gliedert sich in vier Teile: 1. die amtliche Mitteilung an die Presse vom 9. September 1929 über die erste Anregung Briands auf dem Frühstück der europäischen Mächtevertreter, 2. die Denkschrift der französischen Regierung vom 1. Mai 1930, 3. den Wortlaut der 26 Antwortnoten der europäischen Regierungen. Im vierten Teil faßt die französische Regierung die Stellungnahmen der einzelnen Antwortnoten nach grundsätzlichen Gesichtspunkten zusammen. Hierbei stellt die französische Regierung fest, datz alle befragten
Tas Grand Hotel Metropol, das Quartier der deutschen Völkerbunddelegation tu Genf.
Regierungen einer materiellen und moralischen Organisation Europas größte Bedeutung beilegten.
Der vorsichtige Hinweis in der deutschen Note auf die Notwendigkeit einer Änderung der Grenzen wird selbstverständlich im Bericht der französischen Regierung nicht erwähnt. Die französische Negierung hebt aber weiter nochmals ihren Standpunkt hervor, nach dem eine europäische Vereinigung unter keinen Umständen die souveränen Rechte eines Staates berühren dürfte.
In den Schlußfolgerungen macht die französische Regierung in vorsichtiger Form die Feststellung, daß sämtliche Regierungen darüber einig seien, die europäische Union unter die moralische Autorität des Völkerbundes zu stellen und sich über die Bedingungen und die Form der Stellungnahme zum Völkerbund zu einigen.
Die französische Regierung behandelt sodann in der Denkschrift die Stellungnahme der einzelnen Regierungen zu den organisatorischen Fragen, zu der Not- Wendigkeit eines allgemeinen Paktes, eines Mechanismus uni) zu der Notwendigkeit allgemeiner Richtlinien,. Ferner
Die Entwicklung der Reichstagsparteien.
Die Wahlen zum Deutschen Reichstag von 1919 bis 1928.
Nur wenige Tage noch trennen uns von der Wahl, die über die künftige Gestaltung des Deutschen Reichstages entscheiden soll. Neue Parteien sind aus dem Plane erschienen, alte haben ihr Firmenschild verändert und sich mit Nachbar- Parteien zu neuen Parteigruppierungen zusammengefunden, und Grüppchen, die nie auf eine Vertretung im Reichstag rechnen können, ihren Namen aber trotzdem genannt sehen möchten, haben Wahlvorschläge eingereicht und stehen, genau so wie die landbekannten großen und größeren Parteien, mit Spitzenkandidaten und allem, was sonst dazu gehört, auf den Stimmzetteln. Die Spannung und die Aufregung sind groß, lind niemand weiß, was werden wird. Mutmaßungen unb Ratespiele sind in solchem Falle »ein müßiges Beginnen und eine durchaus unfruchtbare Arbeit. Aber was gewesen ist, was wir seit der Begründung der Deutschen Republik an Wahlen und Abstimmungen erlebt haben, darüber läßt sich nicht gut streiten: da man es schwarz auf weiß besitzt, kann man daran nicht deuteln und nicht kritteln. Zahlen beweisen, und es dürfte daher von Interesse sein, wenn wir über die Entwicklung der Reichstagsparteien seit dem 19. Januar 1919, an dem die Wahlen zur Nationalversammlung stattfanden, Aach den genauen Feststellungen des Statistischen Jahrbuches für das Deutsche Reich vom Jahre 1929, einige Mitteilungen machen.
Im Jahre 1919 betrug die Gesamtzahl der Bevölkerung Deutschlands 63 052 000, die Zahl der Stimmberechtigten 36 766 000. Bei der Wahl zur Nationalversammlung wurden abgegeben (in runden Zahlen) 30 400 000 Stimmen; es hatten also 82,68 Prozent der Stimmberechtigten gewählt. Von den gültigen Stimmen entfielen auf die Deutschnationale Volkspariei 3121000, auf die Teutsche Volkspartei 1345 000, auf das Zentrum 5 980 000, auf die Deutsche Demokratische Partei 5 641 000, auf die Sozialdemokratische Partei 11509 000, aus die Neichspartei des Deutschen Mittelstandes (Wirtschaftspartei) 275 000, auf die Deutschhannoversche Partei 77 000, auf die Unabhängige Sozialdemokratisck? Partei 2317000, auf andere Parteien (Nationalsozialistische Freiheitsbewegung, Kommunistische Partei, Bayerische Volkspartei, Christlichnationale Bauern- und Landvolkpartci, Deutsche Bauernpartei, Landbund) 132 000. Tie Gesamtzahl der Abgeordneten der Nationalversammlung betrug 421. Es gehörten an: der Deutschnationalen Volkspartei 44, der Teutschen Volkspartei 19, dem Zentrum 91, der Deutschen Demokratischen Partei 75, der Sozialdemokratischen Partei 163, der Wirtschastspartei 4, der Deutschhannoverschen Partei 1, der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei 22, anderen Parteien 2.
Ganz anders gestaltete sich das Bild in der ersten Reichstagswahlperiode 1920/22. Die Bevölkerung Deutschlands betrug damals — immer nach den Angaben der in Frage kommenden letzten Volkszählung — 59198 000. Stimmberechtigt waren 35 949 000. Gewühlt haben 28 196 000 oder 78,43 Prozent der Stimmberechtigten. Stimmen erhielten: die Deutschnationalen 4 249 000, die Deutsche Volkspartei 3 919 000, das Zentrum 3 845 000, die Demokraten 2 333 000, die Sozialdemokraten 6 104 000, die Kommunisten 589 000, die Bayerische Volkspartei 1238 000, die "Wirtschastspartei 218 000, die Deutschhannoversche Partei 319 000, die Unabhängige Sozialdemokratische Partei 5 046 000, andere Parteien 332 000. Die Zahl der gewählten Abgeordneten betrug 459, und zwar: 71 Deutschnationale, 65 Deutsche Volkspartei, 64 Zentrum, 39 Demokraten, 102 Sozialdemokraten, 4 Kommunisten, 21 Bayerische Volkspartei, 4 Wirtschastspartei, 5 Deutschhannoveraner, 84 Unabhängige. Andere Parteien waren in diesem Reichstag nicht vertreten. Diese erste Wahlperiode heißt deshalb 1920/22, weil die Wahlen am 6. Juni 1920 stattfanden, in den Wahlkreisen Nr. 1 (Ostpreußen) und Nr. 14 (Schleswig-Holstein) die Wahlen aber erst am 20. Februar 1921 und im Wahlkreis Nr. 10 (Oppeln) erst am 19. November 1922 — nach den jeweiligen V o l k s a b st i m m u n g e n in den genannten Gebieten — stattfinden konnten.
Die zweite Wahlperiode begann am 4. Mai 1924. Bevölkerung Deutschlands wie in der ersten Periode. Stimmberechtigte: 38 375 000. Gültige Stimmen: 29 281 000 (76,30 Prozent). Es erhielten an Stimmen: die Deutschnationalen 5 696 000, die Nationalsozialisten 1918 000, die Deutsche Volkspartei 2 694 000, das Zentrum 3 914 000, die Demokraten 1655 000, die Sozialdemokraten 6 008 000, die Kommunisten 3 693 000, die Bayerische Volkspartet 946 000, der Landbund 574 000, die Wirtschastspartei 693 000, die Deutschhannoveraner 319 000, andere Parteien 1165 000. Der Reichstag zählte 472 Abgeordnete, darunter: 95 Deutschnationale, 32 Nationalsozialisten, 45 Deutsche Volkspartei, 65 Zentrum, 28 Demokraten, 100 Sozialdemokraten, 62 Kommunisten, 16 Bayerische Volks- Partei, 10 Landbund, 10 Wirtschaftspartei, 5 Deutschhannoveraner, 4 Deutschsozialc.
Der zweite Reichstag ivar kurzlebig: am 7. Dezember 1924 mußte von neuem gewählt werden. Die Gesamtzahl der Bevölkerung hatte sich wieder nicht verändert, die Zahl der
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Der 69. Deutsche Katholikentag in Münster wurde mit einer großen öffentlichen Kundgebung abgeschlossen.
* Der Völkerbundrat und damit die Konferenz über den Pancuropaplan sind in Gens unter Teilnahme von 27 Staaten zusammengetreten.
* Aus Tromsö wird berichtet, daß nunmehr auch das Skelett der Leiche Fränkels, des zweiten Begleiters Andrees auf dem Ballonfluge zum Nordpol, gefunden worden sei.
,. * Die revolutionäre Bewegung in Argentinien gegen die bisherige Regierung des Präsidenten Irigoyen hat vollen Erfolg gehabt. Irigoyen und feine Regierung haben abgedankt; an ihre Stelle ist der Führer des Aufstandes, General Uriburu, mit einem neuen Kabinett ««treten