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Zul-aer /lnzeiger

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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg

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Nr. 208 1930

Fulda, Samstag, 6. September

Jahrgang

Keine Reform im Völkerbund.

Englands Politik in Genf.

Kriege sind nicht durch Gewalt zu verhindern.

Am nächsten Montag werden in Genf die Beratungen des Völkerbundrates und die Auseinandersetzungen über den Briandschen Paneuropaplan beginne». Ein Teil der europäischen Vertretungen ist schon eingetroffen, die deutsche Delegation unter Führung des Reichsaußen- Ministers Dr. Curtius wird Sonntag ankommen. Als Kandidaten für die frei werdenden Sitze im Bölkerbund- rat werden nach wie vor Irland, Guatemala und Nor­wegen genannt. Zu der am Montag stattfindenden ersten .europäischen Konferenz werden 23 Außenminister in Genf erwartet.

Großes Interesse wird angesichts der italienischen Abänderungsvorschläge zur Reform des Völkerbundes der englischen Stellungnahme zu diesen Vorschlägen ent- gegengebracht. Es wird die Meinung laut, England werde sich den Abänderungen widersetzen. In dieser Richtung geht auch ein anscheinend informierter Artikel, der soeben in den LondonerTimes" erscheint. Das Blatt sagt darin, für die gegenwärtige Zusammenkunft sei dieser Punkt besonders wichtig, da eine Reihe von ernsten Fragen zur Erörterung stünde, wie z. B. die finanzielle Unterstützung von solchen Staaten, die Opfer eines An­griffes seien, ferner dre Abänderung des Völkerbund- statuts, um es mit dem Kellogg-Pakt in Übereinstimmung zu bringen. Auch der Bericht der Mandatskommission über Palästina sei von großer Wichtigkeit, und endlich stünden die Briandschen Paneuropavorschläge zur Erörte­rung.

Der Wirbelsturm über Haiti.

Die Zerstörung von Santo Domingo.

Über 10 0 0 Todesopfer.

Nach den letzten Meldungen beträgt die Zahl der in Santo Domingo auf Haiti bei der Wirbclsturmkatastrophk ums Leben gekommenen Personen 1000. Die Zahl der Verletzten ist aus 1200 gestiegen. Sehr schwer wurde von dem Wirbelsturm auch die britische Insel Dominika be­troffen; hier fanden 35 Personen den Tod.

Ein amerikanisches Flugzeug, das über der zerstörten Stadt Santo Domingo kreuzte, berichtet, daß schon ein erster Blick aus der Vogelschau zeige, daß die Stadt außer­ordentlich schwer gelitten hat. Sie biete ein Bild wie nach schwerster Beschießung. Kleinere Häuser seien einfach weggèfegt und die Villen tm vornehmen Viertel seien zu­sammengestürzt. Die ganze Armee der Dominikanischen Republik ist zur Hilfeleistung mobilisiert worden. Sehr bedrohlich gestaltete sich die Lage, als die Mauern der Irrenanstalt zusammenbrachen und die Kranken ins Freie gelangten. Die Polizei, die an allen Ecken der Stadt ein­greifen mußte, hatte große Mühe, die Irren aufzuspüren und einzufangen. In den Straßen spielten sich erschüt­ternde Szenen ab. Da Nahrungsmittel und Medika­mente fehlen, ist die Seuchengefahr groß. Die Stadt ist vom Hinterlande vorläufig noch völlig abgeschmLèen, p daß mit dem späteren

Eintreffen weiterer Hiobsbotschaften gerechnet werden muß. Der Flughafen ist durch die Sturmverwüstungen völlig unbenutzbar geworden. Das Aach der amerikanischen Botschaft ist weggerissen.

*

Die Stadt, in der Kolumbus begraben war.

, Die Stadt Santo Domingo, die durch die Wirbelsturm- mtastrophe fast völlig vernichtet worden sein soll, ist die Haupâ- md, acr Dominikanischen Republik, die aus der großen Aw- 'umiinsel Haiti zu suchen ist; diese bietet noch Raum für eine Deite Republik, die Negerrepublik Haiti. Die Stadt mit ihren >alb verfallenen Befestigungen liegt malerisch auf einer An- vohe der Südküste der Insel, an dèr Mündung des schiffbaren Mama. Unter den Bewohnern befinden sich, im Gegensay zu der benachbarten Negerrepublik, nur wenige Neger, sonst aber >eute feder Färbung und zahlreiche Europäer. Santo Domingo die älteste Europäerstadt der Neuen Welt:

Oie Roggenflützung.

Kein vorzeitiger Abbruch der Regierungsaktion.

Der Gctreidekommifsar des Reichscrnährungsministeriums, Ministerialdirektor Dr. Baade, erklärt, daß die Gerüchte über Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Reichsernäh­rungsminister und ihm selbst über die gegenwärtige Hand­habung der Roggenstützung unbegründet seien. Da sich alle Parteien, auch die Sozialdemokraten, über die Not­wendigkeit der Roggenstübung einig seien und dem Reich noch breite finanzielle Möglichkeiten zur Verfügung ständen, sei an eine plötzliche Beendigung der Stützungsaktion nicht zu denken. '

Angesichts der geringen diesjährigen Roggen- ernte handele es sich unter Einrechnung der alten Vorräte bei einem normalen Brotverbrauch von 4 bis 4,5 Millionen Tonnen und einer normalen Roggenverfütterung von 2,5 Mil- Itonen Tonnen nur um die Notwendigkeit der Unterbringung der restlichen «00 000 Tonnen Da bisher in drei Monaten

Gewaltsame Verhinderung von Kriegen ist unmöglich,

erklären dieTimes". Die englische Politik müsse unter allen Umständen eine vorsichtige Zurückhaltung gegenüber allen Tendenzen zeigen, die dahin zielen, schon jetzt mili­tärische und sonstige Machtmittel des Britischen Welt­reiches für künftige Fälle, die man im einzelnen gar nicht übersehen könne, vertraglich festlegen zu wollen. Sosehr England auch alle Maßnahmen zur Verhinderung von Kriegen unterstütze, so müsse es sich doch im Hinblick auf seine besondere Lage bewußt sein, daß man den Gebrauch von Gewalt nicht vollständig ausschalten könne.

Feste Regeln zur Behandlung internationaler Schwie­rigkeiten seien daher für die Mitglieder des Britischen Weltreiches nicht schmackhaft. Deshalb werde die britische Politik sich hauptsächlich darauf einstellen, die bestehenden Einrichtungen eher zu verstärken als neue zu schaffen. So könne man z. B. die Frage auswerfen, ob es wirklich not­wendig sei, einen neuen allgemeinen Pakt abzuschließen, dessen Annahme die einzelnen Unterzeichnermächte dazu verpflichten würde, alle internationalen Streitfälle ohne Ausnahme auf friedlichem Wege beizulegen.

Dieser Artikel wendet sich deutlich gegen die Pan­europavorschläge Briands. Bekanntlich lehnte England in seiner Antwort an Frankreich schon damals die Ein­richtung einer besonderen europäischen Organisation ab.

Der Friedenskongreß in Ostende.

Der Internationale Friedenskongreß in Ostende be­schäftigte sich gleichfalls mit der Frage Paneuropa. Es wurde beschlossen, daß die europäische Union wenigstens vorläufig nach dem Vorbild des Deutschen Zoll­vereins geschaffen werden solle.

sie wurde 1496 von Bartolomeo Kolumbus (Colon), dem älteren Bruder des Entdeckers der Neuen Welt, gegründet, und mit dem Namen Kolumbus ist sie unlöslich verbunden. Als Christoph Kolumbus am 21. Mai 1506 zu Valla­dolid in Spanien gestorben war, wurden seine Gebeine in dem Franziskanerkloster zu Valladolid beigesetzt. 1509 aber wurden sie nach dem Kartäuserkloster Las Cuevas zu Sevilla überge- führi. Nach 1540 wurden jedoch die sterblichen Reste des Ko­lumbus mit denen seines Sohnes Diego nach der Kathe­drale von Santo Domingo gebracht. Aber auch hier sollte der Entdecker Amerikas keine Ruhe finden. Nachdem seine Gebeine mehr als 250 Jahre in Santo Domingo geruht hatten, holte man sie 1795 nach Havanna aus Kuba, wo sie am 19. Januar 1796 in der Kathedrale feierlich beigesetzt wurden, um hundert Jahre später, nach der Abtretung Kubas an die Vereinigten Stcküten, noch einmal nach Sevilla gebracht zu werden, wo sie nun endgültig bestattet sind.

Santo Domingo dürfte etwas mehr als 40 000 Einwohnet zählen. Das Land, in dem die Stadt liegt, gehört zu den fruchtbarsten Gefilden der Erde: cs werden hier Zuckerrohr, Kaffee, Gewürz, Indigo, Tabak usw. in größter Fülle erzeugt Dazu kommt der überschwengliche Reichtum an herrlichen Wäl­dern von Gelb-, Blau-, Mahagoni- und Schifsbauhölzern. Der Boden birgt Gold, Silber, Zinn, Eisen, Kupfer, Schwefel, Steinkohlen, Marmor usw. Aber zur Ausbeutung aller dieser Schätze hat es lange an Kapitalien und an Arbeitskraft gefehlt, die Stadt war bis in die neueste Zeit hinein ziemlich verwahr­lost, die Straßen waren ungepflastert, die Häuser zersallcn, und selbst von den öffentlichen Gebäuden und von den Kirchen war nicht viel Rühmliches zu sagen.

Mesenssuer in London.

Großes Lagerhaus in der City niederdebrannt

Ein gewaltiges Großfeuer in der Londoner City zcr- stvrte ein Lagerhaus, in dem Kolonialwaren eingelagert waren. Obwohl 25 Pumpen gewaltige Wassermengen in das Gebäude ergossen, breitete sich das Feuer mit rasender Geschwindigkeit aus, so daß das ganze Gebäude schließ­lich breuneud zusamuleustürzte. Der Schaden beläuft sich auf mindestens fünf Millionen Mark

Es handelt sich um den größten Brand, von dem London seit langem heimgesucht worden ist. Das Feuer breitete sich auch auf die R a ch b a r g e b ä u d e aus. Gleichzeitig vernichtete ein Großfeuer den Landsitz eines englischen ^industriellen bei London.

300 000 Tonnen Eosinroggen zu 7 0 Mark unter Aufwendung von 20 Millionen Mark verlorener Zuschüsse abgesctzt worden seien, könne

der weitere Überschuß

im Laufe des Jahres spielend abgesetzt werden, besonders wenn nach dem Verbrauch der Porcinfuhren an Gerste der Absatz von Eosinroggen mit der Berechtigung zum Erwerb zollbegünstigter Gerste verbunden würde. Bei dem Masscn- « n g e b o 1, das in den letzten Tagen den Stützungsgesell- schastcn gemacht worden sei, handele es sich in der Hauptsache um Terminwarc bei geringem Angebot von effektiver Ware, so daß sich der Handel zum äieferungëtcrmtn erst den Roggen beschaffen müsse. Angesichts der sicheren Erfolglosigkett des Versuches, die Stützungsgescllschaften zu |t?cn, habe die Speku­lation ân der Produktenbörse bei der Realisierung ihrer Ter- niinverpflichtungen mit unter Umständen größeren Verlusten zu rechnen.

Der gestörte Kreislauf.

Fehlgriff und Flickwerk. Ausgleich. Arbeitslosigkeit. Das ausschlaggebende Herzstück. Hoover will nicht. Verflechtung der Weltwirtschaft. Die Grundlage der Staaten.

Der VersaillerVertrag und in seinem Gefolge das Dawes-Abkommen wie der Aoung-Plan versuchten den Schlußstrich unter die Ergebnisse des Weltkrieges zu ziehen. Es ist n i ch t gelungen. Alles, was Grenzziehungen und Zahlungsverpflichtungen anbetraf, sollte festgelegt und verhämmert fein, gleichsam für die Ewigkeit oder doch für eine Zeit, die als dauernd in der ständig in Fluß befindlichen Umwandlung der irdischen Dinge betrachtet wird für ein oder zwei Jahrhunderte. Doch kaum hat ein dutzendmal die Kalenderziffer gewechselt, so steht die Welt vor der Erkenntnis, daß mit Versailles und den dar­aus erwachsenen Folgezuständen ein Fehlgriff getan, ein Flickwerk geschaffen wurde, das wohl Verwirrungen in überreicher Fülle brachte, aber den erforderlichen Stand der gesunden Kräfteverteilung störe. Die wirtschaftliche Krise überzieht den gesamten Erdball, die gewünschte Steigerung der Friedenswerke blieb ein Luftgespinst. Was wäre also notwendiger zu tun, als nach einem Aus­gleich zu suchen, hier zu mildern, dort anzukurbeln, um mit der gerecht verteilten Pflichtleistung den stockenden Blutumlauf wieder erneut durch den ganzen Körper zu treiben? Mit Betrübnis muß konstatiert werden, daß zu solch vernünftigem Beginnen kaum Ansätze sich regen. Deutschland ringt mühselig nach Luft unter dem auf seinen Nacken gebürdeten Zahlungsjoch. Doch Frank­reich und England, besonders das letzte, erfahren nur geringen Segen durch das von Deutschland einlaufende Frongeld, sie müssen es zum großen Teil wieder abführen nach den jenseits des Ozeans gebieterisch harrenden V e r - einigten Staaten. Deren betriebsame Bevölkerung leidet gleichfalls. Sie ist nicht imstande, die übermäßige Nahrungszufuhr zu verdauen; die früher so einträglichen Lieferungen an das damals aufnahmefähige Europa stocken, in den Fabriken rosten die Maschinen, auf den Feldern verdirbt das Gc.reide, das würgende Gespenst der Arbeitslosigkeit ergreift immer neue Opfer.

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' Unter diesen Umständen sollte man der Meinung fein, auch drüben werde der rettende Gedanke einer General­reinigung mit Jubel von allen Klugen ausgenommen worden, der Gedanke einer internationalen Schuldenregelung, der den leidenden europäischen Staaten, insbesondere dem deutschen, Raum zur Er­holung brächte und in entsprechender Weise den stag­nierenden Blutüberfluß in Amerika beseitigte. Diese Idee, die sich feit langem ohne beachtliche Einwände als richtig aufdrängt, wird jedoch in maßgebenden Kreisen der Neuen Welt noch immer nicht anerkannt, vielmehr wird ein Kampf gegen sie geführt, der stark entmutigen muß. Aussicht zur Wiederaufrichtung für Deutschland, des ausschlaggebenden Herzstückes ganz Mitteleuropas, wäre in Sicht bei Verringerung der überhöhten Leistungen aus seiner Arbeits- und Vermögenskraft an die Nachbarn. Diese Nachbarn, unter denen vornan der Engländer steht, erklären sich bereit, dem Nachlaß zuzustimmen. Aber der auf seinem Hypothekenschein bestehende Amerikaner, dessen ^Mithilfe unerläßlich ist, macht nicht mit; er will seine Forderungen nicht um ein Jota zurückschrauben. In Washington läßt man soeben zum soundso vielten Riale verkünden, unter der gegenwärtigen amerikanischen Regierung sei jeder Feldzug zwecklos, der eine Minderung der englischen Schulden an die Vereinigten Staaten an­strebe. Präsident Hoover will nicht. Hoover ist ent­schlossen, sich entschieden aufzulehnen gegen Schuldennach­laß an europäische frühere Kriegsmächte. So werden diese verhindert, ihrem ehemaligen Gegner, eben Deutschland, entgcgenznkommen, und die Katastrophe muß weiterwachsen.

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Die enge Verbundenheit der Wirtschaftskrise in Deutschland mit der in der gesamten Kulturwelt herrschenden wird in diesem Augenblick wieder klar durch den neuesten Bericht des deutschen Konjunkturforschungs- institttts.Zum ersten Male", heißt es da,haben die Verflechtungen der Weltwirtschaft zu einem sehr engen Zusammenhang auch der wirtschaftlichen Bewegung der einzelnen Länder geführt. Zum ersten Male ist die deutsche Konjunktur" in Gleichtakt mit der Bewegung dep anderen großen Industriestaaten getreten." Und weiter wird bewiesen, daß die verminderte deutsche Ausfuhr die Folge gesunkener Aufnahmefähigkeit der Auslandsmärkte ist. Die Weltpreise müssen fallen, anch die amerikanischen; die von Hoover seinerzeit gerühmte heimischeProsperität" ist in erhebliche Mitleidenschaft gezogen. Deutschland wird nicht mehr allein leiden, seinen für den Winter er­warteten 3^ Millionen Arbeitslosen rücken an die Seite die sechs Millionen von gleichem Schicksal Getrof­fenen im starrköpfigen Dollarlande.

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Am Montag beginnen in Genf die Beratungen des Völ­kerbundes, zu denen die deutsche Delegation am Sonntag eintrifst.

* Als nächster Tagungsort des Deutschen Katholikentages wurde Nürnberg gewählt.

* Ein interessanter Prozeß, in dem der ehemalige Kaiser gegen eine Berliner Zeitung wegen Beleidigung klagt, wurde in Berlin verhandelt. Der Angeklagte wurde zu 1 500 Mark Geldstrafe verurteilt.

* Sie WEb-MmmGt^ in Santo Hominao Hoi über 1000 Todesopfer gefordert.