Zul-aer /Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zulöa- und Haunetal »ßulöaer Kreisblatt
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Nr. 204 — 1930
Fulda, Dienstag, 2. September
7. Jahrgang
Aufmarsch der Parteien.
24 Reichswahlvorschläge.
Der Kampf um die Gunst des Wählers
Nach Ablauf der Frist für die Einreichung der Reichs- Wahlvorschläge hat der Reichswahlausschuß, der Montag unter dem Vorsitz des stellvertretenden Reichswahlleiters tagte, die Reichswahlvorschläge folgender 24 Parteien für zugelassen erklärt:
1. Sozialdemokratische Partei Deutschlands,
2. Deutschnationale Volkspartei,
3. Deutsche Zentrumspartei,
4. Kommunistische Partei Deutschlands,
5. Deutsche Polkspartei,
6. Deutsche Staatspartei (Deutsche Demokratische Partei, Volksnationale Reichsvereinigung und verwandte Gruppen),
7. Ncichspartei des Deutschen Mittelstandes (Wirtschafts- Partei),
8. Bäuerische Volkspartei,
9. Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (Httter- Bewegung),
10. Deutsches Landvolk (Christlichnationale Bauern- und Landvolkpartei),
11. Volksrechtspartei (Reichspattei für Volksrecht und Aufwertung und Christlichsoziale Reichspartei),
12. Deutsche Bauernpartei,
13. Landbund,
17. Christlichsozialer Volksdienst (Evangelische Bewegung),
18. Freibund des Handwerks, Kleinhandels und Gewerbes ' (Neichsbund des Deutschen Mittelstandes),
19. Nationale Minderheiten Deutschlands,
Die Grenzhilfe im Osten.
Zunächst werden nur 10 Millionen Mark ausgeschüttet.
Wie für den Westen wird mit Etatsmitteln des Reiches und Preußens auch für den Osten die angekündigte Hilfsaktion unternommen. Durch die Grenzhilfe werden Aufgaben, die sich in den Grenzgebieten als dringlich erwiesen haben, gefördert werden. Dabei sind gleichmäßig
wirtschaftliche, kulturelle und soziale Bedürfnisse berücksichtigt worden. Jedoch kann sich die Grenzhilfe räumlich bekanntlich nur auf diejenigen Gebiete erstrecken, in denen sich die Wirkungen der Grenzverhältntffe, der Verkehrsab- schnürung und des Verlustes früherer Absatzmärkte unmittelbar bemerkbar gemacht haben, also Ostpreußen, Grenzmark Posen-Westpreußen, Oberschlesien, die an der Ostgrenze gelegenen Teile der Provinz Niederschlesien sowie die Regierungsbezirke Köslin und Frankfurt a. d. O Ferner wird Preußen auch noch weitere Teile der Provinz Niederschlesien und die Grenzkreise des Regierungsbezirks Schleswig bedenken. Für die Zwecke dieser Hilfsaktion steht aus Etals- mitteln des Reiches ein Betrag von 8,3 Millionen Mark und aus Etatsmitteln Preußens ein Betrag von 10 Millionen Mark zur Verfügung. Davon sollen jedoch zunächst nur rund 10 Millionen Mark zur Ausschüttung gelangen. Der Rest bleibt
zur Verhütung des Zusammenbruches notleidender Kommunen
Die Proiokollverlesung
im Bombenlegerprozeß.
Schreckschüsse zwecks Aufrüttelung des Landvolkes.
Im Altonaer Bombenlegerprozeß wurde in der Protokollverlesung fortgefahren. Das Protokoll über
die Vernehmung Beckers
bezieht sich auf den gelungenen Anschlag auf die Villa des Rechtsanwalts Dr. Strauß und auf den mißlungenen Anschlag gegen das Gebäude der Landkrankenkasse in Lüneburg. Becker gab auch die Beteiligung an dem Anschlag gegen das Règre- rungsgebäude in Lüneburg zu. Aus dem
Protokoll Mahneckes
0cht hervor, daß die Bombenanschläge noch weiteren Umfang aniichmen sollten. Mahnecke gab seine Beteiligung an dem Anschlag auf das Regterungsgebäude in Lüneburg zu; er habe ihn mit Vick, der von KaphenAt eine Bombe erhalten habe, und Becker verübt. Es wurden dann die Protokolle über
von Salomons Vernehmungen
verlesen! Von Salomon erklärte, er habe von den Anschlägen keine Kenntnis gehabt und sei auch an keinem beteiligt gewesen. Kaphengst sei ihm wohl oberflächlich bekannt gewesen, »der die Bombenanschläge habe er jedoch mit ihm nicht gesprochen.
Hamkens erhärte,
vn Besprechungen über Bombenanschläge habe er nie teil- öenommen. Wohl habe Heim ihm mitgeteilt, daß man Schreckschüsse abgcbcn wolle, um das Landvolk aufzurütteln. Er selbst habe zwar energische Aufklärung durch Wort und Schrift, aber vie radikale Mittel gebilligt. Näheres über die einzelnen Anschläge habe er nicht erfahren unv auch nicht wissen wolkrn. Mit Volck, dessen Ideen er nicht gebilligt habe, Habe er nie über Gewalttaten gesprochen.
Aus Heims Protokoll
ächt hervor, daß er in der Landvolkbewegung tätig ist Dtt Angabe der Angeklagten Nickel und Johnsen, die ihn als Urheber der Anschläge bezeichneten, erklärte Heim als Unwahrheiten; vor allen Dingen bestritt er, Höllenmaschinen im Besitz gehabt zu haben. Ein engeres Zusammenarbeiten zwischen Kapitän Ehrhardt und der Landvolkbewegung habe nicht bestanden, 'ttir die Landvolkbewegung habe er, Heim, viel Geld hergegeben, aber niemals auch nur einen Pfennig für die Bombenanschläge.
20. Deutsche Einheitspartei für wahre Volkswirtschaft,
21. Partei gegen den Alkohol,
22. Kriegsbeschädigten- und Hinterbliebenenpartei der Deutschen Mannschaft einschließlich der Abgefundenen, 23. Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands, 24. Haus- und Grundbesitzer,
25. Arbeiterpartei für das arbeitende und schaffende Volk,
26. Mieter- und Volksreichspartei,
27. Handel, Handwerk, Hausbesitz.
Die vom Reichsinnenminister unter den Nummern 14, 15 und 16 vorgesehenen Reichswahlvorschläge fallen aus, da die betreffenden Parteien (Deutsch - Hannoversche Partei, Sächsisches Landvolk und Konservative Volkspartei) anderen Reichswahlvorschlägen angeschlossen sind.
Sechs Reichswahlvorschläge mußten vom Reichswayl- ausschuß zurückgewiesen werden. Die Parteien „Recht werde Macht", „Kleinbesitzer, Handwerker, Mittelbesitzer", „Zurückgedrüngter Mittelstand und Invaliden" und „Volksbuud deutscher Arbeit" hatten nur Reichswahlvorschläge, aber keinen Kreiswahlvorschlag eingereicht. Eine sogenannte „Menschheitspartei", die ebenfalls einen Reichswahlvorschlag eingereicht hatte, mußte zurück- gewiesen werden, da Mängel in der Liste der Unterschriften für einen Kreiswahlvorschlag festgestellt worden waren. Die „Radikale Deutsche Staatspartei", die einen Kreiswahlvorschlag im Wahlkreis Köln-Aachen eingereicht hatte, konnte für den Reichswahlvorschlag gleichfalls nicht zugelassen werden, da der Kreiswahlvorschlag zum Teil ungültige Unterschriften mttwies.
und für unvorhergesehene Fälle, die sich etwa während des Herbstes und des kommenden Winters noch ereignen können, einstweilen zurückgehalten. Für Wege- undBrücken- bauten werden etwa 4,2 Millionen Mark zur Verfügung gestellt. Kleinbahnbamen und Verbesserungen bestehender Kleinbahnen sollen mit etwa 1,3 Millionen Mark unterstützt werden. Für Kanalisationen und Wasserleitungen ist rund eine Million Mark vorgesehen Für Krankenhausneuvauten und -umbauten, für Errichtung von Säuglingsheimen, Altersheimen, Kinderkrippen und Wohlfahrtshäusern werden etwa zwei Millionen Mark aufgcwendet. Auf Schulbauten entfallen rund 900 000 Mark. Außerdem sollen durch Hergabe von insgesamt 600 000 Mark noch Verkehrsunternehmungen, Büchereien und sonstige kulturelle Zwecke gefördert werden. Dieser Verteilungsplan ist in entter Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Reichs- und preußischen Ressorts auf Grund der Vorschläge ausgestellt worden, welche die örtlichen Stellen über die Oberpräfidemen der Grenzprovinzen gemacht haben. Die erforderlichen Anweisungen sind bereits ergangen.
Mit den geplanten Arbeiten soll sofort begonnen werden, da die bereitgcfteüten Mittel schon in den nächsten Tagen an- gefordert werden dürfen. Vor allem sollen dieicnigcn Arbeiten mit besonderer Beschleunigung in Angriff genommen werden, bei denen eine größere Zahl Erwerbsloser beschäftigt werden kann. Auch das im Grenzgebiet heimische Handwerk und die Industrie der Grenzprovinzen werden durch die Ost- Hilfe alsbald Aufträge und Verdienstmöglichkeiten erhalten.
Bestellte Arbeit?
Außerordentliches Aufsehen erregte ein Beweisantrag des Rechtsanwalts Grafen von der Goltz, der ersuchte, Frau Ilse vonOrtzenals Zeugin zu laden. Diese Dame habe während der Bombenunlersuchung im Dienste der Polizei und in Verbindung mit führenden Persönlichkeiten der Sozialdemokratie gestanden und bei der Verhaftung Volcks maßgeblich mitgewirkt. Es soll festgestellt werden, daß Frau von Ortzen die Bombeniintersuchung gefördert und auf sie hingewirkt hat. Rechtsanwalt Dr. Bloch erklärte dazu, er habe in seiner Praxis bei dem Anschlagsversuch auf den Generalobersten von Seecki eien ähnlichen Fall erlebt, wonach die des Mordversuchs überführten Kommunisten freigesprochen werden mußten, weil es sich um bestellte Arbeit bestimmter preußischer Polizeistellen handelte.
Sodann verkündete das Gericht nach kurzer Beratung, den Antrag des Grafen von der Goltz annehmen zu wollen und Frau von Ortzen als Zeugin laden zu lassen.
General Allen t.
Der Tod des ehemaligen amerikanischen Kommandanten im Rheinland.
Im Alter von 71 Jahren ist der frühere Oberkominan- bierenbe der amerikanischen Besatzungstruppen im Rhemland, General Henry T. Allen, am Herzschlag gestorben. Im Juli 1919 wurde er Oberbefehlshaber der amerikanischen Be- satrungstruppen in Koblenz, wo es ihm gelang, ein gutes Ver- hältnis zu der deutschen Bevölkerung herzustcücn. Nachdem infolge des deutsch amerikanischen Fricdrilsvertrages vom 25. August 1921 die amerikanischen Truppen staffelweise zurück, gezogen worden waren, begann General Allen, sich einem Hilss- werk für die deutschen Kinder zu widmen, bet bem er tm naiKcit fünf Millionen Dollar für seine Schützlinge "ufbrachte.
Der Gcneral war 1859 in Sharpsburg im Staate Kentucky geboren und trat 1882 als Kavallerieoffizier, tn die amerikanische N,n?e ein Von 18S0 bis 1895 war er Militärattache m Berlin. 1903 wurde er Brigadegcneral. Sodann war rmh fällst ^m Weltkrieg orqanmertc er zunächst die 30. Vision und übernahm dann im Herbst 1917 das Kommando ber OH Division in einem Abschnitt bei Toul. >M Herbst 19 h nahm er an der Maas-Argonnen-Ofsensive teil. Er ha ein vielbeachtetes Buch über seine Erfahrungen m der Rhemland- -ommUsion zu Koblenz veröffentlicht sowte Haufta in Wort und Schrift für Deutfchland Stellung genommen.
Der osteuropäische Agrarblock.
Im Sturm und Drang der begonnenen Wahlkämpfe ist in der deutschen Öffentlichkeit eine politische Zusammenkunft vielleicht nicht in dem Maße beachtet worden, wie sie cs verdiente. Die Agrarkonferenz einer Anzahl osteuropäischer, zum Teil erst nach dem Kriege entstandener Staaten tagte mehrere Tage in Warschau und beriet darüber, wie für die Folgen der in Europa, ja in der Welt sich bemerkbar machenden Landwirtschaftskrise Milderung und Abhilfe in ihrem engeren Bereich zu finden sei. Auf der Konferenz, die soeben geschloffen wurde, fanden sich zusammen unter der Führung Polens die Vertreter der Tschechoslowakei, Südslawiens Rumäniens, Bulgariens, Ungarns, Lettlands und Estlands. Vorberatungen in diesem Kreise hatten sich schon früher bei den Wirtschaftsberatungen in Genf abgespielt, wo aber noch Dänemark, Griechenland, Finnland und Litauen erschienen waren. Dänemark, Griechenland und Finnland fehlten diesmal, Litauen hatte mit deutlicher Spitze gegen die polnische außenpolitische Haltung abgesagt.
In Warschau sollte das Siegel unter die geplante Gemeinschaft gedrückt werden, und das ist auch in gewissem Maße geschehen. Man verständigte sich über die zu schaffende Organisation, über eine „Entente cordiale économique", eine Gesellschaft zur Verbesserung der Einund Ausfuhrbedingungen der angeschlossenen Länder. Im einzelnen wurde eine Verständigung erzielt zur Regelung der von den Regierungen festzusetzenden Mengen bei der gegenseitigen Bevorzugnng der Agrarausfuhr über die zollmäßige M e i st b e g ü n st i g u n g hinaus. Eine Zentralstelle soll ins Leben treten, die die Beobachtung der verkündeten Grundsätze überwacht, garantiert und die Abschaffung aller Ausfuhrprämien betreibt. Innerhalb der Konvention werden gemeinsame Richtlinien für übereinstimmende Behandlung der V i e h a u s s u h r in bezug auf die Gesundheitsvorschriften angestrebt, eine noch im November d. J. einzuberufende Kommission soll Erleichterung des landwirtschaftlichenZwifchen- k r e d i t s in Osteuropa bezwecken. Sicher keine kleinen Ziele, die in Warschau aufgerichtet wurden und die man auch in Gens demnächst mit allem Eifer zu verteidigen gedenkt. Vom Völkerbund wird Beihilfe erwartet. Der polnische Landwirtschaftsminister Janta-Pol- czynski betonte in seinen Schlußworten deutlich, nunmehr sei der erste Schritt geschehen zur Errichtung eines ost europäischen Staatenbundes, und Rumäniens Handelsminister fand es für richtig, wenn sich die Staaten auf diesem Felde Zusammenschlüssen, um ihre Wirtschaft, vor allen Dingen die landwirtschaftliche Existenz, weitgehend zu sichern, selbst wenn auch in p o litis ch e r Hinsicht noch abweichende Gesichtspunkte dann und wann hervorzutreten die Neigung hätten.
Selbstverständlich meinten die polnischen leitenden Männer Warschaus, nichts läge Polen ferner, als etwa eine Art Oberherrschaft ins Auge gefaßt zu haben; selbstverständlich sei es ausgeschlossen, auch nur an den Versuch eines Vorstoßes gegen das benachbarte, an dem Schutz seiner Landwirtschaft wie an der Ausfuhrmöglichkeit feiner Industrie in gleicher Weise interessierte Deutschland zu denken. Wenn dabei aber hervorgehoben wurde, der Kampf wider Schutzzölle sei eine Unerlässlichkeit für den neuen Bund, so gibt das doch zu denken angesichts der jüngsten Entwicklung und der deutschen Anstrengungen, die heimische Landwirtschaft wieder auf festere Füße zu stellen. Die Zusammenballung dieser zwischen Rußland nnd Deutschland liegenden Staatengruppe läßt sich schwerlich anders verstehen als als Werbung für die Idee, einerseits dem russischen Bestreben, die Valuta durch Maffeuausfuhr agrarischer Produkte zu stärken, Abbruch zu tun und andererseits dem überlegenen deutschen Jndustriemarkt die Wege zu versperren mit dem Mittel, den landwirtschaftlichen Schutzmaßnahmen Deutschlandsein Paroli zu bieten. Es braucht in diesem Zusammenhang nicht ausgeführt zu werden, welche Schlußfolgerungen sich aufdrängen mußten, als die Zuhörer in begeisterten Zuruf ausbrachen, wenn der rumänische Handelsminister das Hinaufsetzen der agrarischen Zölle im allgemeinen bekämpfte, dabei aber das Wort „S ch u tz - ; öl l e" in d e u t s ch e r Sprache von sich gab.
Der Tschechoslowakei, deren innere industrielle Wirtschaftsbewertung vielleicht der landwirtschaftlichen gleichzubringen ist, wurden Ausnahmeparagraphen beim formellen Abschluß des projektterten Vertrages zugesagt. Also wieder der Seitenblick auf den deutschen Wettbewerber. Antideutsch waren nach polnischer Versicherung der Sinn der Konferenz und ihre Beschlüffe keineswegs, aber Deutschland hat alle Veranlassung, auch in nächster Woche in Genf, diesem osteuropäischen Agrarblock mit industriellen Einschlägen seine Aufmerksamkeit zu schenken. Wer sich vor Schaden behüten will, muß rechtzeitig Vorsorge treffen.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* 24 Reichswahlvorschläge sind für die Rcichstagswahlen vom Reichswahtteiter zugelassen worden.
* Generaloberst Heye erläßt zu seinem bevorstehenden Rücktritt eine Erklärung, nach der in der Reichswehr keinerlei Sonderpolitik getrieben werde.
* Zu blutigen Zusammenstößen kam cs in Budapest, wobei es Tote und Verwundete gab.
* Die französischen Flieger Coste und Bellonte sind von dem Flugplatz Le Bourget bei Paris aus zu einem Ozeanflug nach Newyork gestartet.
* Das Schiff „Bratvaag" ist mit den im Nordpoleise invdsn-n Sett^sn her PglTrflieger Andree, 5ttisb6etg "nb Frânkel in Norwegen eingehetfen.