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Zul-aer /lnzeiger

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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zul-a- und Haunetal -Zul-aer Kreisblatt

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Nr. 196 1930

Fulda, Samstag, 23. August

7. Jahrgang

Die Reichsbahn schafft Arbeit.

Für 350 Millionen Aufträge.

Belebung des Arbeitsmarktes.

Nach den Bestellungen der Reichspost im Betrage von 200 Millionen an die deutsche Industrie ist die Reichsbahn diesem Beispiel im Rahmen des Arbeitsbeschasfungspro- gramms der Reichsregierung gefolgt. Die Reichsbahn hat bei den Verhandlungen mit dem Rcichsverkehrs- minister die Erklärung abgegeben, möglichst noch im Jahre 1930 neue Bestellungen im Betrage von 350 Mil­lionen Mark in Auftrag zu geben.

Ein Teil der zur Finanzierung des ausgedehnten Programms erforderlichen Geldmittel ist durch Begebung von sechsprozentigen Reichsbahnschatzanweisungen auf­gebracht worden. Damit ist die Reichsbahn in der Lage, ! die bisherige scharfe Drosselung ihrer sächlichen Aufwen­dungen einzustellen. Reue Aufträge sind bereits vergeben und umfangreiche zusätzliche Arbeiten in Angriff ge­nommen worden. Die Art des von der Deutschen Reichs­bahn in enger Fühlungnahme mit dem Reichsverkehrs­ministerium aufgestellten Arbeitsbeschaffungsprogramms wird nach Ansicht des Ministeriums eine fühlbare Be­lebung des Arbeitsmarktes bringen und damit eine

Linderung der Arbeitslosigkeit.

Die bisher stark eingeschränkten Leistungen für den Umbau des Oberbaues werden für rund 650 Kilometer

33 Jahre im Eise begraben.

Die Leiche des Polarforschers Andree aufgefunden.

, M der Viktoria Insel in der Nähe von Franz- Jo!^khs-L^nd ist die Leiche des schwedischen Polar­forschers Salonron August Andrèc aufgesunden worden,

m Jahre 1897 versuchte, mit dem Luftballon von r-pltzbergen aus den Nordpol zu erreichen und seitdem verschollen war. Ein norwegisches Fischerboot, das nach Tromso zurückgekehrt ist, brachte die Nachricht mit. Die Lerche des schwedischen Forschers ist im Eis gut erhalten qcblreben; wahrscheinlich werden die Überreste sobald als Möglich nach Schweden übergeführt werden.

Das Schicksal des schwedischen Ingenieurs Salomon Andree hat um die Jahrhundertwende herum in ganz Europa ungeheures Aufsehen erregt. Andree war am 11. Juli 1897 mit einem Gefährten an der Küste von Spitzbergen in einem Freiballon aufgestiegen, um über Alaska oder die Beringstraße nach dem Nordpol zu fliegen. Seither blieb Andröe verschollen.

über die Auffindung der Leiche des Polarforschers Andröe werden folgende Einzelheiten bekannt: Der schwe­dische Geologe Dr. Horn hat auf der Südwestseite von Kvistseya, etwa 150 Kilometer von der Küste entfernt, das Lager von Andröe gefunden. Zuerst stieß man auf ein Boot; zwei Meter davon entfernt lag Andrae im Eise ein­gefroren. Man fand bei ihm sein Tagebuch und andere Papiere, die auf den Namen Andröe lauteten. Nicht weit davon lag die Leiche eines anderen Teilnehmers der Ex­pedition. Die Leiche und alles übrige wurden an Bord von Tr. Horns SchiffBratvag" genommen, das Mitte September in Norwegen erwartet wird.

Neue polnische Grenzverletzung.

Polnisches Flugzeug überfliegt Flatow.

Ein polnisches Militärflugzeug überflog in wenigen hun- Meter Höhe F l a t 0 w. Es kam aus der Richtung Schwen- »au, ging mit abgedrosselten Motoren über dem Bahndamm herunter und wandte sich der Ostbahn zu. Wie zuverlässig verlnutet, sind an der polnischen Grenze während der letzten ^nge größere Trupprnzusammcnziehungen beobachtet worden.

Das Auswärtige Amt will protestieren.

. ®e Nachricht von der abermaligen Verletzung der deutschen Grenze bei Flatow durch ein polnisches Flugzeug wird von amtlicher Seite ausdrücklich bestätigt. Das Aus­wärtige Amt wird in diesem Falle nachdrücklich Protest er­haben. Alan wird, wie von zuständiger Stelle mi^ ^ eilt wird, ernstlich überlegen, was geschehen soll, nm die trotz der polnischen Versprechungen fortdauernden Grenzver- letzungen endgültig zu u n ter b i n den.

. . 'luch wenn die wiederholte polnische Entschuldigung stichhaltig wäre, daß es sich meist um unbeabsichtigtesVer- tliegen handele, so wäre das Verhalten der polnischen Viloten immer noch rechtswidrig: ein ausländisches Flug­zeug, das ohne Erlaubnis in deutsches Hoheitsgebiet gerät, bat Notzeichen zu geben und auf dem nächstgelegenen deut­schen Flughafen zu landen.

* Französische Flugzeuggeschwader über deutschem Gebiet.

Wie aus Kehl bestätigt wird, wurde ein französisches »urgzeuggeschwader, bestehend aus sechs Flugzeu- ' beobachtet, das über der Stadt Kehl seine Übungen ^"" weiter in Richtung Appenweiler badi­sches Gebiet überflog.

dadurch erhöht, daß 100 Millionen Mark für den Oberbau zusätzlich aufgewendet werden. Insgesamt 80 Millionen Mark dienen der Bestellung von Fahrzeugen und maschi­nellen Anlagen, mit 50 Millionen Mark werden Neubauten der Vermögensrechnung finanziert, 30 Millionen Mark sind für Auffüllung der Werkstättenlager und Durchfüh­rung von Sonderprogrammen vorgesehen, 12 Millionen Mark werden für Verstärkung von Brückenbauten und Verbesserung der Sicherungsanlagen verwendet. Alles in allem wird noch im Jahre 1930 die Reichsbahn über ihre laufenden Aufwendungen für Unterhaltung und Erneue­rung hinaus für 272 Millionen Mark Arbeit schaffen. Damit glaubt die Reichsregierung für die kommenden Monate die Beschäftigung von mehr als 100 000 Menschen sichergestellt zu haben.

Preissenkung und Neueinstellungen.

Dem Verlangen der Reichsregierung, bei Vergebung der neuen Aufträge auch auf Preissenkung hinzuwirken, hat die Reichsbahn entsprochen. Die Verhandlungen dar­über sind im Gange. Den Lieferfirmen wurde es zur Pflicht gemacht, zur Durchführung der Arbeiten Neueinstellungen vorzunehmen. Nur bei Fabriken, die trotz Arbeitsmangels bisher ihre Arbeiterzahl nicht verringert haben, sieht man von der Bedingung von Neueinstellungen ab.

Die Kontrolle, ob die Verpflichtungen der Firmen zu Neueinstellungen eingehalten werden, liegt bei den Ge­werbeaufsichtsbeamten in den Arbeitsämtern.

Das Unwetter tobt von neuem.

Die Elemente noch nicht beruhigt.

Die kleine Fischerstadt Filey in der Nähe von Scar­borough an der englischen Ostküste ist durch einen schweren Sturm heimgesucht worden, in dessen Verlauf 17 Fischerboote sanken, während sechs gerettet wer­den konnten. Erne weitere Anzahl von Fischerbooten wurde durch den Sturm so schwer beschädigt, daß eine Wiederherstellung unmöglich erscheint. Die zum größten Teil aus Fischern bestehende Einwohnerschaft Fileys ist durch den Sturm so gut wie ganz ihrer Einnahme­quellen beraubt worden.

Auch an der n 0 rd f ra nz ö si sch en Küste herrschten äußerst heftige Stürme, die wieder verschiedene Menschenleben forderten. In Brest kenterte ein Schoner mit drei Mann Besatzung, von denen zwei ertran­ken. In Saint-Nazaire hat das Unwetter vor allem die Ernte schwer geschädigt. Man rechnet, daß über 50 Pro­zent der Feldbestände vollständig vernichtet wurden. Der sintflutartage Regen hat das größtenteils bereits gemähte Getreide fortgeschwemmt. Die Rettungsboote waren den ganzen Tag über beschäftigt, in bedrohlicher Lage befind­lichen Seglern und Schonern Hilfe zu bringen.

Panik beim Erdbeben.

Kalabrien und die Provinz Catanzaro sind von einem leichten Erdbeben heimgesucht worden. In den vom Erd­beben betroffenen Ortschaften bemächtigte sich der Bevölke­rung eine große Panik; alles stürzte aus den Häusern heraus auf die Straßen und verbrachte die Nacht im Freien. Todesopfer sind nicht zu beklagen, da die Erd­stöße keinerlei Schäden verursachten.

Neuer Zwischenfall in Hannover.

Hannover. Mehrere junge Leute drangen in den Hof des Gewerkschaftshauses ein, wo sie die Wände mit gegne­rischen Plakaten beklebten und versuchten, verschiedene der großen Fensterscheiben mit Diamanten zu zerschneiden. Es kam zu einem Kampf zwischen Reichsbannerleuten und den Eindringlingen, in deren Verlauf einer der Täter, ein Na­tionalsozialist, festgenommen wurde.

Ziel und Werkzeug des Bombenanschlages in Hannover.

Das Gewerkschaftshaus in Hannover, in dem sich auch Redaktion und Druckerei der sozialdemokratischen Zeitung Volkswille befinden, war das Ziel eines Bomben­anschlages. Im Lichthof des Gebäudes wurde am 21. August eine Höllenrnaschine (rechtS) gefunden, deren Sprengkörper eine mit hochexplosivem Sprengstoff ge­füllte 7,7-Zentimeter-Granatc mit sieben Taschen- lampcnbattcrien und einer Weckeruhr verbunden war. Die Höllenmaschine konnte rechtzeitig unschädlich gemacht werden.

Verantwortung.

Unhaltbare Zustände. Klarheit im Ziel. über den Parteien. Gegen Deutschland. Wirtschafts­verständigung.

Mit eilfertigen Schritten rückt der 14. September, der Termin für die Reichstagswahlen, heran. Es braucht nicht an die dramatischen Momente erinnert zu werden, unter denen der alte Reichstag schlafen ging, um auf die Wichtigkeit und die zukunftsschwere Bedeutung der bevorstehenden Wahl für unser innenpolitisches Leben hinzuweisen nicht an die Finanzsorgen, die das Reich bis in die kleinsten Gemeinden hinein durchwühlen und in Unruhe versetzen, nicht an den quälenden Tiefstand der Wirtschaft, nicht an die unheilvolle und noch immer steigende Arbeitslosigkeit. Die Erkenntnis von der Un­haltbarkeit solcher Zustände ist vorgedrungen auch in jene Schichten des Bürgertums, die sonst wohl bei poli­tischen Entscheidungen den lieben Gott einen guten Mann sein ließen, sich geruhig am Morgen des Wahltages im Bett auf die andere Seite drehten und mit dem Spruch trösteten:Laß die anderen machen, auf mich kommt's nicht an, es wird schon alles seinen Gang gehen." Es geht schon lange nicht mehr seinen Gang, die Stunde und die Zeit fordern mehr denn je das Erwachen des Verant­wortungsgefühls bei jedem Mann und jeder Frau, denen die Verfassung das Recht gegeben hat, an die Urne zu treten. Und trotzdem blieb bisher, wo sich der August schon seinem Ende nähert, die vor Wahlen in der Regel einsetzende Regsamkeit eigentlich aus. Gewiß vernimmt man aus den Zeitungen von Erwägungen dieser und jener Parteien über ihre Zurechtstutzung, über ihr mehr oder minder fein abgewogenes Zusammengehen mit diesen oder jenen Gruppierungen. Aber recht vielen Leuten mangelt die unumstößlich feste Parole noch, nach der sie marschieren sollen. Klarheit im Ziel ist aber das erste, was der Mensch finden muß, will er mit Hoffnung dem Erfolg zustreben. Der aufrüttclnbe RufAnalle !", der in diesem Augenblick zu erheben ist, schließt in sich die Forderungen ein, aufzuräumen mit der etwa stärker als sonst auftretenden Wahlmüdigkeit, aufzuräumen mit der resignierten Gleichgültigkeit und der aus geistiger Dumpf­heit geborenen Bequemlichkeit.

*

Ist es ein Zeichen für das noch nicht allgemein er­kannte Vorhandensein der großen Parole, wenn Be­strebungen sich hervordrängen, sie zu ersetzen durch Klam­mern an einzelne Namen oder Parteilichkeiten? Kaum vor einer Woche ließ der an Siegen und Ehren wahrhaftig nicht arme Reichspräsident von Hindenburg ausdrücklich erklären, er denke nicht entfernt daran, sich irgendwie in den Wahlkampf einzumischen. Sein hohes Amt, zu dem ihn das Volk berufen habe, fasse er grund­sätzlich als über dem Parteigetrieb.e liegend auf. Dieser mannhaften Meinung ist rückhaltlos beizu­pflichten. Da sollte kein Zweifel, keine Entgleisung auch nur die geringste Verwischung ermöglichen. Man mag die Richtlinien der jetzigen Regierung mit voller Inbrunst verteidigen, man mag sie bekämpfen im guten Glauben, aber die Person des Reichspräsidenten darf nicht in die manchmal in Untiefen geratenden leidenschaftlichen Aus­einandersetzungen gezogen werden. Wer im Eifer diese Selbstverständlichkeit vergißt, zeigt, daß sein nationales Empfinden sich noch nicht durchgerungen hat bis zur Höhe voller politischer Zivilisation. Er muß bemüht sein, den irrigen Zungenschlag alsbald zu korrigieren, damit nicht größerer Schaden geschieht. Die Minister eines parla­mentarisch verwalteten Landes haben zu kämpfen um die von ihnen vertretenen Ideen, s i e sind verantwortlich, s i e haben sich in die von den Gegnern berannte Bresche zu stellen. Der erste Repräsentant des Landes darf nicht gegen seinen Willen in die Schußlinie gebracht werden. Der Reichspräsident ist für jeden Staatsangehörigen ein so hohes Symbol, daß auch der Schatten einer Befleckung von ihm ferngehalten werden muß. Die ehrwürdige Ge­stalt des jetzigen Präsidenten verdient doppelte Zustim­mung, wenn er deutlich und in Wahrung der ihm gerecht­fertigt zufließenden Würde darauf hinweist.

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Haben wir Deutsche in diesem Sommer des Miß­vergnügens genugsam zu tun, um den richtigen Weg durch alle uns am freien Vorwärtsgehen auf eigenem Boden hindernden Klippen zu suchen, um uns einiger­maßen durch das Gestrüpp der atemraubenden Widrig­keiten zu winden, so scheinen gewisse Elemente in benach­barten Staaten die in ihrem Busen wallenden Sehnsüchte nach äußeren Abenteuern nicht unterdrücken zu können. Ans Polen veranstalteten jüngst ehemalige Legionäre einen stolzen Zug an die deutsche Grenze, und ein mit Ober- und Untergewehr rasselnder Woiwode versicherte, er und seine Rekruten ständen auf der Wache mit dem An­gesicht gegen Westen gegen D e u t s ch l a nd gewendet. Das hatten wir bisher auch schon gewußt und

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Die Reichsbahn vergibt im Rahmen des Arbeitsbc- schaffungsprogramms für 350 Millionen Mark Aufträge an die Industrie.

* In Berlin wurde die Deutsche Funlausstellung, die mit einer großen Phonoschau verbunden ist, mit einem Festakt er­öffnet, bei dem Professor Einstein eine Rede hielt.

* 3m Röntgenthalprozeß wurden 13 Angeklagte zu Gefäng­nisstrafen von neun Monaten bis zu 3% Zahren verurteilt.

* 3® Eise auf der Biktoriainsel wurde die Leiche des schwe, «'scheu Zngkmeurs Andree gesunde«, der auf einer ßvftbaUon. mhrt nach dem Nordpol vor 33 Jahren verschollen war.