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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zulöa- und Haunetal Fuldaer Kreisblatt

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Nr. 193 1930

Fulda, Mittwoch, 20. August

7. Jahrgang

Hort mit den Reparationszahlungen.

Kriegsschulden verursachen die Weltkrise.

Vortrag Professor Dr. Serings in Amerika.

Überaus großes Aufsehen ruft in den Vereinigten Staaten die Veröffentlichung eines Vertrages hervor, den der bekannte deutsche Volkswirtschafts- und ehemalige Universitätslehrer Professor Dr. Max Gering ans Berlin aus einer Zusammenkunft landwirtschaftlicher Sachverständiger an der amerikanischen Cornell-Uni­versität gehalten hat. Dr. Serina bezeichnete die in der ganzen Welt zurzeit sich zeigende Landwirtschaftskrisc nur als einen Teil des allgemeinen Niederganges der ge­samten Wirtschaft. Nur internationale Zusammenarbeit vermöge diesem Niedergang Einhalt zu gebieten. Diese Anstrengungen versprächen jedoch allein Erfolg bei Herab­setzung der Deutschland auferlegtcn Verpflichtungen und bei Streichung der Schulden der im Kriege alliierten Länder an Amerika.

Die Vereinigten Staaten sowohl wie der ganze ame­rikanische Kontinent leben, so sagte Dr. Sering, nicht unter eigenen Wirtschaftsgesetzen und können den Folgen einer wirtschaftlich zerstörten und verarmten Welt nicht entrinnen. Gerade der Reichtum an Bodenschätzen und die Fülle der Produktion in Amerika bedürfen des Aus­landsmarktes für die im Lande nicht unterzubringenden Überschüsse. Mehr noch als irgendein anderes Land seien daher die bereinigten Staaten vom internationalen Handel und seinen Absatzmöglichkeiten abhängig.

Rußlands innerer Gilberkrèeg.

Todesurteile für Hamsterer.

Seit längerer Zeit hat die Minderbewertung des russischen Papiergeldes im Innern des Landes, nament­lich auf dem Lande, stark zugenommen. Die Bauern lehnen es in steigendem Maßstabe ab, ihre Erzeugnisse gegen Papiernoten abzugeben, da sie für das Papier keine ihrer Ansicht nach voll entsprechende Warenmenge zurück­erhalten Der Bauer verlangt also direkten Warenaus- tansch oder Silbergeld. So kam es zu einer Knappheit an Silber, die durch Hamsterei, die sich auch auf Sowjet­angestellte erstreckte, verstärkt wurde.

Tiefere Ursache ist die allgemeine Wirtschaftslage, die die Einfuhr von Auslandsgeld gegen Warenexport er­fordert. Das hereinkommende Geld ist aber wieder not­wendig zur Anschaffung von Produktionsmitteln, so daß im inländischen Verkehr ein Leerraum entsteht, der durch die gering gesicherten Papierwerte nicht ausgeglichen werden kann. r .

Die Behörden suchen deshalb bie gewinnsüchtige Silberhamsterei mit aller Rücksichtslosigkeit, neuerdings sogar mit Todesurteilen auszurotten. Wegen hamsterns von Kleingeld ist eine ganze Anzahl von V e r- Haftungen erfolgt; vier Leute, ein Kassierer und drei Kleinhändler, sind bereits zum Tode verurteilt und erschossen worden. Man hatte bei ihnen Klein­geld im Betrage von etwa 5000 Rubeln gefunden. In Kiew veranstaltete die Behörde eine Kleingeldrazzia bei den Kassierern der staatlichen Betriebe und entdeckte rund 30 000 Rubel zurückgehaltenes Silbergeld.

Preuß. Vranntweinverbot am Wahltag.

Für den 14. September.

Der preußische Minister des Innern erläßt eine Be­kanntmachung, durch die für den Bereich des Landes Preußen anläßlich der Wahlen zum Reichstag der Aus­schank von Branntwein und der Klein- handel mit Trinkbranntwein für Sonntag, den 14. September 1930, verboten wird. Das Verbot des Kleinhandels mit Trinkbranntwein trifft auch den Fall, daß dieser in verschlossenen oder versiegelten Flaschen ab­gegeben wird. Der Minister hat alle Polizeibehörden er­sucht, die Innehaltung dieser Vorschriften auf das strengste zu überwachen. Sofern an einzelnen Orten Tatsachen die Annahme rechtfertigen, daß durch den Ausschank von sonstigen geistigen Getränken am Sonntag, den 14. Sep­tember 1930, in den Abendstunden eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit oder Ordnung eintritt, bleibt es den Ortspolizeibehörden unbenommen, einen f r ü Here n Beginn der Polizeistunde festzusetzen.

Der parlameniskonfliki in Bayern.

Landtagsausschuß beschließt Aufhebung der Schlachtsteuer.

Der Bayerische Landtag trat zu einer Ferienvollsitzung zusammen, um die Anträge auf Wiederaufhebung der S ch l a ch t st e u e r n o t v e r o r d n u n g zu behandeln. Die Vollsitzung, zu der ein beispielloser Andrang des Publikums herrschte, dauerte nitr fünf Minuten, weil die Anträge sofort an den Haushaltsausschuß überwiesen wurden.

Im Ausschutz wurden die sozialdemokratischen An­träge auf A u s h c b u n g der Schlachtsteuernotverorduung mit allen gegen die Stimmen der Deutschnationalen und der Bayerischen Volkspartei a n g e n o m men, nachdem der Finanzminister vorher noch einmal die Notwendigkeit der Erhebung der Schlachtsteuer begründet hatte.

Die Kaufkraft der Völker

kann lediglich durch Löschung aller aus dem Weltkrieg zurückgebliebenen internationalen Finanzlasten und der durch diese Löschung möglich werdenden Herabsetzungen der ungeheuren Steuerlasten in allen Ländern wieder ge­hoben werden. Nur dadurch könne der Produktions­prozeß in allen Ländern wieder in voller Stärke einsetzen, die Arbeitslosigkeit beseitigt und das wirtschaftliche Gleich­gewicht in der Welt wiederhergestellt werden. Dann werde sich auch die Landwirtschaftskrise von selbst beseitigen lassen.

Briands Paneuropaplan ist nicht geeignet,

den Ausweg zu geben, fuhr der Professor fort, weil er versucht, für alle Zeiten die gegenwärtige politische Situ­ation festzuhalten, anstatt die Hindernisse für Europas wirtschaftlichen Fortschritt zu beseitigen.

Die Bestimmung des Young-Planes, nach der eine Herabsetzung der Leistungen beantragt werden kann, wenn der Goldwert steigt, mutz sehr bald angewendet werden. Bei der Lage Deutschlands ist eine Herabsetzung der Leistungen unvermeidbar. Diese Herabsetzung der Leistungen lätzt sich nur erzielen, wenn die Vereinigten Staaten sich bereit erklären, die Schulden der alliierten Länder zu vermindern oder ganz zu streichen.

Jede Erholung Europas und seiner hauptsächlichsten Staaten, mit Deutschland zuerst, ja der Welt ist nach Professor Sering aussichtslos, wenn die gegenwärtigen Verhältnisse unverändert bleiben. Im Gegenteil, die Lage muß sich dann noch weiter verschlechtern und das wird sich verheerend auch in Amerikas Agrar- und Jndustrie- wirtkckait seinen.

In den türkisch-persischen

Grenzverhandlungen,

die dem Überschreiten der persischen Grenze durch türkische Truppen folgen sollen. Der Wunsch der Türkei nach einer Grenzberichtigung geht von der Voraussetzung aus, daß künftige Einfälle dèr auf persischem Gebiet angesiedelten Kurden nur durch die Abtretung dieses Gebietes an die Türkei unterbunden werden können. Dementsprechend fordert der türkische Generalstab den ganzen Bezirk um die persische Stadt M a k u, die der Hauptsitz der per­

sischen Kurdenführer ist. Diese Forderung dürfte von Persien abgelehnt werden. Dagegen dürfte Persien nicht abgeneigt sein, die persischen Osthänge des Ararat­gebirges, in denen sich jetzt die Kampfhandlungen der türkischen Truppen gegen die kurdischen Grenzstämme vollziehen, gegen einen anderweitigen Gebietsaustausch an die Türkei abzutreten.

Dr. Sieaerivald zur Ruhrkündigung.

Eine Richtigstellung.

Im Zusammenhang mit den Meldungen über die im Ruhrgebiet zum 30. September ausgesprochenen Kündl- gungcn war in der Presse die Nachricht erschienen, daß die Zechenbesitzer vom Reichsarbcitsministcr Stegerwald, mit dem sie verhandelt hätten, das Zugeständnis eines zehn- prozentigen Lohnabbaus erhalten hätten bzw. die Zu­sicherung, daß für den Fall der Nichtannahme dieser Lohn- Herabsetrung ein Schiedsspruch gefällt werden würde. Wie vom Reichsarbcitsnrinisterium hierzu mitgeteilt wird, sind diese Behauptungen von A bis Z erfunden.

Oberschlesischer Hüttentarif.

Über die Erneuerung der Manteltarife für die o der - s ch l e s i s ch e n E i s e n h u 1 t e n ist feit längerer Zeit zwischen den beteiligten Organisationen verbandelt worden. Zwei rm Mai und Juli dieses Jahres unter Vorsitz des stellvertretenden Schlichters für Schlesien, Oberregierungsrat Prof. Kramer, ge­fällte Schiedssprüche sind von Arbeitnehmcrselte an- genommen, von den Arbeitgeberverbänden, vornehmlich mit Rücksicht aus eine Erhöhung der Urlaubsveraümna abaelcbnt wordcii.

Abkehr von Frankreich.

Solange der Vater des Paneuropagedankens, Graf cLoudenhove, um das Zustandekommen seines Planes der bereinigten Staaten Europas. bemüht war. war es eine Privatangelegenheit, zu der sich die be­fragten Staatsmänner mehr oder weniger unverbindlich äußern konnten. Anders wurde die Sache, als der fran­zösische Außenminister B riandam 17. Mai sein Memo­randum an die europäischen Regierungen schiÄe mit der Aufforderung, zu dem Problem Stellung zu nehmen. Hier konnten Optimisten glauben, daß es anfing, ernst zu werden um die Perwirklichung des Gedankens, der vielen so" phantastisch erschien. Aber was Briand tatsäch lich in seinem Rundschreiben propagierte, war etwas wesentlich anderes, als was dem eigentlichen Paneuropa­plan zugrunde lag. Diese bereinigten Staaten von Europa waren zunächst gedacht als ein Zusammenschluß auf wirtschaftlicher Grundlage, aus dem man allerdings in zweiter Linie auch günstige politische Aus­wirkungen erwartete. Frankreich aber propagierte jetzt den europäischen Zusammenschluß einseitig vom poli­tisch-militärischen Gesichtspunkte aus. Die Absicht, sich durch die Initiative einen bortritt und eine gewisse Hegemonie in dem neuzugründenden Bunde zu sichern, war zu deutlich, und die Antworten der befragten Mächte fielen dementsprechend auch sehr zurückhaltend aus. Von keiner Seite gab es schlechthin eine Ablehnung, aber überall ein sehr bedingtes und stark eingeschränktes Ja. Frankreich hatte eigentlich nur seinen alten Bundes­genossen Polen auf seiner Seite, während Deutsch­land und Italien insbesondere auf die Notwendig­keit verwiesen, sich auf wirtschaftliche Fragen zu be­schränken. Die Forderung eines politischen Zusam­menschlusses mußte den ganzen Rattenkönig der Streit­fragen einer Revision der Pariser Verträge wieder auf di, Beine bringen, zumal der Plan Briands vor allem unter dem Gesichtspunkt der französischenSicherheit" auf­gestellt war. Besonders zurückhaltend zeigte sich Eng­land, das vorschlug, den Briandschen Plan vor der Völkerbundversammlung zu erörtern. Es war dies offensichtlich ein Schritt Englands zwar nicht gegen den Paneuropagedanken, aber gegen den Vorschlag in der französischen Entstellung, denn hier im Völkerbund war der Opposition gegen Briand die Möglichkeit zum Auftreten gegeben.

Jetzt ist ein zweiter Vorstoß in der Richtung erfolgt, den europäischen Bund im Rahmen des Völkerbundes zu behandeln, und man geht wohl nicht fehl, wenn man da­hinter auch wieder England als treibende Kraft vermutet. Eine vom Direktor der Finanz- und Wirtschaftssektion, Sir Artur Salter, gezeichneteoffiziöse Studie über das Briandsche Memorandum" soll seinerzeit den Außen­ministerien sämtlicher europäischen Staaten zur Kenntnis gebracht worden sein, in der das Projekt aufs schärfste kritisiert und zugleich die Forderung erhoben wird, den Plan in seiner Gesamtheit unter die Vormundschaft und Leitung des Völkerbundes zu stellen. Außerdem soll ein großer Teil der Denkschrift sich gegen die mate­rielle Seite des Briandschen Projektes wenden.

Es ist kaum anzunehmen, daß Herr Salter vom Völkerbundsekretariat auf eigene Kappe diesen Vor- stoß unternommen hat, sondern man merkt hier den Ein­fluß Englands, das dem Vorgehen Frankreichs einen hemmenden Riegel vorschieben möchte. Es ist dies ein neues Zeichen für die fortschreitende Entfremdung der zwei früheren Ententegenossen, die bei den Londoner Ver­handlungen über den Flottenpakt schon deutlich in Er­scheinung trat. Die ablehnende Haltung Frankreichs der Flottenabrüstung gegenüber, im Hinblick auf die Rivalität Italiens, hat England stark verstimmt, und die englisch­amerikanische Verständigung durch die An­nahme des Flottenpaktes in Nordamerika hat gezeigt, daß England mehr Anhalt und Rückendeckung an Amerika gefunden hat und seinenFestlandsdegen", Frankreich, nicht mehr so notwendig braucht. Es wird sich wahr­scheinlich in Zukunft an Kontinentaleuropa weniger inter­essiert zeigen, aber seine alte Politik, daseuropäisch« Gleichgewicht" aufrechtzuerhalten, d. h. jedes Zu- starkwerden einer Macht im Verhältnis zu den anderen zu verhindern, wird es dennoch beibehalten. Die Bremse, die es jetzt Frankreich anlegen will, gehört auch zu dieser Politik. In einem nach den politisch-militä­rischen Gesichtspunkten Briands verbündeten Europa würde Frankreich eine Vormachtstellung erhalten, beson­ders gegenüber Deutschland, das infolge feiner geogra­phischen Lage und feiner militärischen Schwäche hinter einem so durch Polengesicherten" Frankreich weit ins Hintertreffen geraten würde. In einem rein wirt­schaftlichen Paneuropa dagegen würde Deutschland gerade durch seine Mittellage hervorragend dafür ge­eignet sein, Herz und Hand der Vereinigten Staaten von Europa zu bilden.

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Zu der Lohntarifkiindigung im Ruhrgebiet war die Mit­teilung veröffentlicht worden, das Reichsarbeitsministerium habe sich mit einem zehnprozentigen Lohnabbau einverstanden erklärt. Reichsarbeitsminister Dr. Stegcrwald bezeichnet diese Behauptung als durchaus erfunden.

* Der deutsche bekannte Nationalökonom Professor Dr. Sering erklärte in Amerika die Herabsetzung oder Streichung der deutschen Reparationszahlung und der alliierten Schulden als einzige Möglichkeit zur Lösung der Weltwirtschaftskrise.

* Zn der Nähe von Grenoble raste ein Autobus mit 62 Per­sonen in die Zsère. Vier Tote und zehn Schwerverletzte wur­den geborgen.

* Wegen Hamsterei von Silbergeld wurden in Rußland vier Leute erschoßen und zahlreiche Verhaftungen vorgenommen.