Zul-aer Mzeiger
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Nr. 186 — 1930
Fulda, Dienstag, 12. August
7. Jahrgang
verfassungrseier der Reichsregierung.
Hindenburg im Reichstag.
Brünings und Wirths Verfassungsreden.
. Zur Feier des 11. August, an dem seinerzeit in Weimar durch die Nationalversammlung die geltende Verfassung des Reiches beschlossen wurde, war der Sitzungssaal des Reichstages festlich geschmückt. Die Wand hinter dem Präsidentensessel zeigte rechts und links in großen gotischen Lettern die ersten Sätze der Weimarer Verfassung, ein stilisierter großer Reichsadler nahm die Mitte ein. Rechts vom Präsidentensessel war die alte schwarzrotgoldene Fahne des Festes in Hambach (Pfalz) 1 vwii 27. Mai 1832 angebracht. Die Galerien waren rings mit schwarzrotgoldenem Tuch ausgeschlagen. Der Sitzungssaal war ziemlich bis auf den letzten Platz besetzt. Kurz vor 12 Uhr nahmen die Mitglieder des Reichskabinetts ihren Platz ein. Pünktlich um 12 Uhr erschien der Reichspräsident mit seinem Gefolge in der Ehrenloge: die Versammlung erhob sich von den Plätzen. Nachdem der Reichspräsident Platz genommen hatte, setzt der Chor- gesang ein: „Flamme empor".
Die Diplomatenloge war gefüllt, unter den Ehrengästen sah man auch den Berliner Bischof Dr. Schreiber. Vor dem Reichstagsgebäude hatte sich aus dem Platz der Republik und im angrenzenden Tiergarten eine große Menschenmenge angesammelt, die bei der Anfahrt des Reichspräsidenten Spalier bildete. Vor dem Reichstag konzertierten Musikkapellen. Alle Reichs-, Staats-, städtischen und viele private Gebäude trugen Flaggenschmuck. Auf den Sportplätzen und in den Anlagen Berlins sah man die Schuljugend zu besonderen Feiern versammelt.
Reichsinnenminister Dr. Wirth
hielt im Reichstag die Festansprache. Er sagte u. a., heute sei die Einheit des Reiches gesichert, die Rheinlande von der Besetzung frei und das Reparationsproblem in neue Bahnen ge- lenkt, und doch seien bedeutsame Fragen noch nicht gelöst. SO«TäTIIex ÄXiiaft wühle noch im deutschen Fletsche, und dte Not der Wirtschaft, die Arbeitslosigkeit hätten eine Ausdehnung angenommen wie nie zuvor. Das deutsche Volk könne eine andere Staatsversassung als die demokratische nicht ertragen. Den Anregungen, in Deutschland das diktatorische Staatssystem einzurichten, könne man nur mit Abwehr begegnen. Der Verfassungstag solle ein Volksfeiertag sein; die politischen Zeitverhältnisse seien jedoch noch nicht dazu angetan, aller Sorgen ledig zu sein. Die deutsche Souveränität sei erst zum Teil wiederhergestellt. Jetzt gelte es vor allem der inneren Ausgestaltung des Staatsgebäudes. Alle sollten daran mitarbeiten, vor allem die deutsche Jugend.
Nach Dr. Wirths Rede folgte Walther von der Vogel- weides Lied „Lob der deutschen Lande", gesetzt von Simon Breu im Gedenken an die 700-Jahr-Feier für Walther von der Vogelweide.
Reichskanzler Dr. Brüning '
sprach sodann und erklärte im wesentlichen: „Als wir vor wenigen Wochen am Rhein den Tag der Befreiung von fremder Besetzung begehen konnten, haben wir mit dankbarer Anerkennung der tapferen Haltung der rheinischen Bevölkerung gedacht, die in größter Not mit unerschütterlichem Glauben an
Starke Unruhen im Königreich AM I
Ausstandsgeluste im Irak.
Erinnerungen.
Unwillkürlich wird im Augenblick, da der König des Iraks, Fcissal I., in Berlin weilt, die Erinnerung wachgerufen an jene Zeit, da als erster Monarch nach dem großen Kriege ein asiatischer Herrscher der Relchshaupt- stadt seinen Besuch abstattete. Es war Aman Ullah von Afghanistan, dessen Aufenthalt in Berlin unliebsam unterbrochen wurde durch Meldungen von politischen Verwirrungen in seinem Lande. Diese führten dazu, dap Aman Ullah bekanntlich seinen Thron verlor und in der Folge in einem unfreiwilligen Exil leben mußte, während ein anderer Anwärter seinen Sitz bestieg. Die untere Ähnlichkeit der Ereignisse drängt sich aus, obwohl die soeben aus dem Irak kommenden, Meldungen wesentlich anderer Natur zu schein scheinen und keinerlei Schluffe aus die etwaige innere Verwandtschaft der Dinge zulassen. .
Schon seit längerer Zeit beschäftigt sich die Öffentlichkeit mit den Aufständen der Kurden an der türkischen Grenze, die einerseits auf gewisse persische Umtriebe zurückgeführt werden, während von anderen Stellen behauptet wird, britische politische Interessen spielten dabei keine unwesentliche Rolle und verständen cs. auch, durch materielle Zuwendungen die Kurden in ihrer Türkenfeindlichkeit zu bestärken. Die bürtet hat wesentliche Truppenkräfte aufgeboten, um den unwilligen Kurden Raison beizubringen, ist dabei aber mit Per- sic n in ziemliche Nnfreundschaft geraten. Wie weil diese geht, erkennt man durch eine Meldung ans der türkischen Hauptstadt A n g 0 r a. Danach hat die türkische R egier u ii g sich soeben mit der persischen Antwort auf bte letzte türkische Note wegen der von der Türkei verlangten Abwehrmaßnahmen gegen den Ku r den a u f st a n d an der persisch-türkischen Grenze beschäftigt. T ersten lehnt, wie nun endgültig feststeht, d t e Ve r f 0 l g u n g der aufständischen Kurden durch türkische Truppen aufversifchesGebiet ab.
die deutsche Zukunft einig und geschloffen für das Vaterland Opfer und Entbehrungen auf sich nahm. Sollte das nicht uns gerade in diesen Tagen mahnen, einig und geschlossen zusammenzustehen? Eine der schwersten Wirtschaftskrisen durchziehe die ganze Welt. Die Stunde fordert Einsicht und Vertrauen in die Zukunft. Treten wir geschlossen und einig zusammen! Niemand sei von der Mitarbeit ausgeschloffen, der es ehrlich mit dem Aufbau unseres Staates meint. Fühlen wir uns auch in diesen Tagen als Brüder und seien wir bestrebt, bei sachlichem Meinungsaustausch auch dem politisch Andersdenkenden die ihm zukommende Achtung zuteil werden zu lassen. Sie, Herr Reichspräsident. und Sie, meine Damen und Herren, bitte ich, mit mir einzustimmen in den Ruf: Das in der Republik geeinte deutsche Volk, es lebe hoch!"
Die Versammlung im Saal und auf den Tribünen stimmte stehend in das Hoch ein und sang anschließend das Deutschlandlied. Damit war die Feier im Saal beendet.
Ehrenfront vor dem Reichspräsidenten.
Nach der Feier verließ Reichspräsident von Hindenburg, geleitet vom Reichslagspräsidenten Löbe und dem Reichskanzler Dr. Brüning, das Haus. Bei seinem Erscheinen auf der Südrampe brach die nach Zehntausenden zählende Menschenmenge in Hochrufe aus. Die Kapelle der Ehrenkompagnie der Reichswehr, die in zwei Reihen Aufstellung genommen hatte, spielte den Präsentiermarsch. Der Reichspräsident schritt, von dem Reichswehrminister Gröner, von General Hasse, Generalleutnant Stülpnagel und dem Stadtkommandanten Generalmajor Schreiber begleitet, die Ehrenkompagnie ab. Unter andauernden begrüßenden Rufen der Volksmenge bestieg Hindenburg dann sein Auto und fuhr zum Reichspräsidentenpalais.
Die Reichsbannergruppen Berlin feierten nachmittags an verschiedenen Stellen, die Reichsregierung, die preußische Regierung und die Stadt Berlin abends gemeinsam im Sportpalast. Dann bewegte sich ein Fackelzug durch die Straßen bis zum Reichstagsgebäude.
Aus den großen Städten des Reiches wurde von überall her von entsprechenden Kundgebungen berichtet.
Deutschlands Strom.
Die Verfassungsfeier im Berliner Stadion.
Reichs- und Staatsregierung xi Verbindung mit dem Magistrat der Stadt Berlin veranstalteten anläßlich des Ver- fassungstages eine Feier im Stadion, die im Zeichen der Rheinlandbefretung stand. Das Wetter hielt sich trotz der drohenden schwarzen Gewitterwolken. Die weite Arena zeigte Fahnen und Girlandenschmuck. Im Mittelpunkt der Feier stand die Aufführung des vom Reichskunstwart Dr. Redslob verfaßten Festspiels „Deutschlands Strom". 7000 Schüler und Schülerinnen wirkten dabei mit. Die Gruppen der verschiedenartig gekleideten Kinder symbolisierten die einzelnen Ströme. Elbe, Weser, Havel, Spree, Oder und zuletzt die Donau ergossen sich in die Rundung des Stadionplatzes. Die einzelnen Städte an den verschiedenen Strömen waren durch besondere Kindergruppen gekennzeichnet. Mit dem Deutschlandliede sand die Feier ihren Abschluß.
Gleichzeitig wird aus Bagdad, der Hauptstadt König Fcissals, berichtet, daß in den nördlichen Provinzen des Iraks, wo die Bevölkerung fast ausschließlich aus Kurden besteht, starke Unruhe herrscht. Um es nicht zu einem allgemeinen Ausstand kommen zu lassen, haben sich der stellvertretende Obcrkommissar, der Verteidigungsminister General Jafar Pascha in Vertretung des Ministerpräsidenten sowie der Innen- und der Justizminister nach Kurdistan begeben.
In einer Versammlung in Kerkuk erklärte General Jafar Pascha, die Regierung des Jrakgebietes verfolge eine freundschaftliche Politik gegenüber der kurdischen Bevölkerung und mache keinerlei Unterschied zwischen Kurden und Arabern, sie sei aber entschlossen, jede Aufstandsbewegung im Keime zu unterdrücken. Da man aus jenen Gegenden von jeher an Überraschungen gewöhnt ist, läßt sich der Verlauf der Entwicklung in keiner Weise voraussagen.
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Türkisches Ultimatum an Persien.
Antwort binnen 48 Stunden gefordert.
Die türkische Regierung hielt in Angora einen Mittisterrat ab, um sich mit der persischen Antwort aus die letzte türkische Note wegen der K u r d c u ü b e r s ä l l e an der persisch-türkischen Grenze zu befasse». Der Minister- rat beschloß, eine neue Aufforderung an die persische Regie- rung zu richten, geeignete Maßnahmen zur V e r h, n d e - derunq weiterer Grcnzüber schreit u n gen durch die Kurden zu treffen. Die neue türkische Note wird in außerordentlich deutlichen Worten abgesaßt fein und innerhalb 48 Stunden eine Antwort von Persien verlangen. Sie läuft aus ein Ultimatum hinaus.
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Deutscher spioniert für Frankreich.
Ehemaliger Student.
Der in der Fasanenstraße zu Berlin-Wilmersdorf wohnende ehemalige Student Eugen Gantner wurde von der Politischen Polizei unter dem dringenden Verdacht der Spionage zugunsten Frankreichs verhaftet. Gantner hat ein Geständnis abgelegt und zugegel n, im Dienste einer französischen Nachrichtenstelle gearbeitet und ihr Meldungen über militärische Geheimniffe zugesandt zu haben. Es ist erwiesen, daß Gantner von Frankreich erhebliche Geldbeträge empfangen hat.
Gantner machte bereits einmal im Jahr 1926 viel von sich reden. Damals stand er in dem Verdacht, den auch heute noch ungeklärten Mord an der Hausangestellten Elisabeth Stangierski am Arnswalder Platz in Berlin verübt zu haben. Gantner wurde in Haft genommen und konnte sich erst nach Wochen, fast im letzten Augenblick, von dem auf ihm lastenden Verdacht befreien. Der Kriminalkommissar, der ihn festgenommen hatte, wurde versetzt, und die Polizei setzte sich dafür ein, daß Gantner eine Anstellung bei einem großen Verkehrsunlernehmen erhielt, die er aber bald wieder verließ.
Ein abenteuerliches Leben.
In der Folge führte Gantner ein sehr bewegtes Leben und hielt sich längere Zeit im Auslande auf. Vor zwei Jahren kam er wieder nach Berlin und wurde Direktor einer Filmgesellschaft. Das Unternehmen bestand nur ein Jahr lang. Nach seinem Zusammenbruch wurden gegen Gantner von verschiedenen Seiten Betrugsanzeigen erstattet. Er zog es vor, für einige Zeit wieder aus Berlin zu verschwinden. Gantner bcgab sich nach Holland, von wo aus er mit seinen Gläubigern Vergleichsverhandlungen anbahnte. Schließlich gelang es ihm, die Leute dazu zu bewegen, ihre Anzeigen zurückzunehmen. Vor einigen Monaten tauchte Gantner wieder in Berlin auf. Er trat mit großer Sicherheit auf, schien über viel Geld zu verfügen, logierte nur in ersten Hotels und siedelte später in eine Pension über. Er hat fünf Semester Jura studiert, soll zwischendurch in Mailand, Belgrad, Sofia und Konstantinopel bei kaufmännischen Firmen tätig gewesen sein. In Heidelberg ist er bereits mit 10 Monaten Gefängnis, in Wien mit vier Monaten schweren Kerkers wegen Betruges vorbestraft worden. Auch jetzt soll er, als sein Geld ausgegangen war, sich mit Schwindeleien und Diebstählen beschäftigt haben. Geboren wurde Gantner 1899 zu Mippenburg in Württemberg als Sohn einer angesehenen und begüterten Familie, die jetzt in Stuttgart lebt.
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Amerikanische Handelsfpionage in Paris.
Zwei in Paris wohnende Amerikanerinnen, Miß Davis und Miß Oliver, sind wegen Handelsspionage verhaftet worden. In ihrer Wohnung wurden zahlreiche Abbildungen von Modellen französischer Toiletten aufgefunden sowie ein Schlüssel für geheime Briefe. Die Zeichnungen gingen nach den Vereinigten Staaten, wo die Toiletten ausgeführt und als französische ausgegeben wurden. Die Amerikanerinnen arbeiteten teils persönlich, indem sie sich von einer jungen Französin zu verschiedenen Schneiderfirmen begleiten ließen, wo sie zahlreiche Toiletten versteckt kopierten, oder sie verschafften sich die Kopien direkt von den Firmen durch dort eingestellte Zeichner. Aus der aufgefundenen Buchhaltung ergab sich, daß Miß Oliver bereits seit fünf Jahren in Paris tätig ist und ihr das Kopieren französischer Toiletten nicht weniger als monatlich 50 000 Frank embrachte.
Das Gelübde der christlichen Welhugenb.
Hindenburg als leuchtendes Beispiel.
Die Wcltiagung des Jugendbundes für entschiedenes Christentum in Berlin wurde durch Gottesdienste und öffentliche Kundgebungen geschlossen. Der Präsident des Weltbundes richtete einen religiösen Appell an die Jugend aller Nationen. Als leuchtendes Beispiel stellte er dte Gestalt des Reichspräsidenten von Hindenburg hin. Bei dem Empfang des Weltbundpräfidtums habe dieser zu ihm von dem Wahlspruch seines Lebens gesprochen: Bete und arbeite!, ein Wahlspruch, der auch heute noch für die Jugend Geltung habe. D. Poling meinte weiter, es sei nicht zuviel verlangt, bis zur nächsten Weltbundlagung eine Million Menschen für Christus zu gewinnen, 5000 neue Jugendbünde zu gründen und das Werk des E. C. tn neue Gebiete des 1§rd- balls zu tragen. Zum Schluß sprach die tausendköpfige Versammlung gemeinsam einGelübde. in dem sich die Jugend zum Dienst und zur Treue in der Nachfolge Christi weihte. Die nächste Welttagung des Jugendbundes für entschiedenes Christentum findet in Nordamerika statt.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Unter Teilnahme des Reichspräsidenten von Hindenburg wickelte sich im Reichstage zu Berlin die diesjährige Verfaj- sungsfeier der Reichsregierung ab.
* Am 5. September d. J. beginnt in Genf die 60. Tagung des Bölkerbundrates, an die sich am 10. September eine Vollversammlung des Völkerbundes anschließt.
* Die in Antwerpen tagende Gcnerlavcrsammlung der Internationalen Agrarkommission beschäftigte sich eingehend mit den Fragen der Getreidekrisc und des Genossenschaftswesens.
* Im Heimatland- des in Berlin weilenden Königs Feiffal I. sind durch die Kurdcnaufstände angefachte Unruhen entstanden.
* In Berlin wurde der ehemalige Student Gantner unter dem brtngenbctt Verdacht verhaftet an Frankreich deutsch- rn-L- tarrsche Gehc'mnisie verraten au haben, Gantner legte ein ffanvms ab