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Zulöaer Anzeiger

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Tageblatt für Rhön un- Vogelsberg-

Zul-a- un- Haunetal *Zulöaer Kreisblatt

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Nr. 184 1930

Fulda, Freitag, 8. August

7. Jahrgang

Butterkrieg.

Dem Weltkrieg ist es vorbehalten geblieben, den Warenboykott gegen die damaligen Mittelmächte zu einem System auszubauen, unter dem übrigens alle Neu­tralen, aber Holland ganz besonders gelitten hatten. Daß der Leiter des damaligen Boykottfeldzuges England ge­wesen ist, hat jetzt eine Art Vergeltung in dem Boykott der Inder gerade gegen die englischen Erzeugnisse gefunden. Ebenso politisches Kampfmittel war ein entsprechender Boykott der Chinesen gegen die Erzeugnisse Europas, der Vereinigten Staaten und Japans, weil sich China durch diese gefährliche Wirtfchaftswasfe von dem Druck der häufig durch Kanonen erzwungenen Verträge mit den Auslandsmächten befreien wollte. Um noch an einen anderen Boykott solcher Art zu erinnern: Die Tür­ken natürlich nicht der Staat offiziell antworteten auch mit einer derartigen, übrigens recht erfolglos geblie­benen Maßnahme auf die Annexion von Bosnien und der Herzegowina durch Österreich.

Solch eine Verrufserklärung hat also immer oder zum mindesten in der Regel eine politische Färbung ge­habt. Daß der Boykott ein Kampfmittel auch bei sozial­politischen Auseinandersetzungen ist und sein darf, unter­liegt bekanntlich sehr scharfen Einschränkungen. Aber wegen wirtschaftspolitischer Streitigkeiten, wegen Aus­einandersetzungen über die Auslegung von Handels­verträgen zu einem Boykott dergegnerischen" Einfuhr­erzeugnisse zu schreiten, ist auch jetzt schon ein nicht mehr selten geübter Gebrauch geworden. Deutschlands Streben, seine Landwirtschaft durch Erhöhung der Agrarzölle zu sanieren, hat bei den benachbarten Ländern, die bisher Agrarerzeugnisse in teilweise gewaltigen Massen nach Deutschland ausführten, wiederholt den Gedanken eines Boykotts deutscher Importwaren sogar laut werden lassen. Aber nicht allzu laut; denn die Erklä­rung oder gar Durchführung eines solchen Boykotts gegen die Wirtschaft eines fremden Staates, der womöglich un­mittelbarer Nachbar ist, pflegt denn doch ein zwei­schneidiges Schwert zu sein. Darum sind ent­sprechende Drohungen z. B. in Dänemark rasch wieder i. verstummt.

Dafür ist jetzt aber ein derartiger Lärm in H 0 l l a n d entstanden, hört man sehr laute Boykottdrohungen gegen die deutschen Einfuhrwaren. Den Grund dafür geben die bekannten Maßnahmen der Reichsregierung ab, die im Agrarprogramm festgelegte Verdoppelung des Zolles« ufMilchProdukte wirklich durchzuführen, was so lange unmöglich ist, als die mit Finnland ver­einbarten heutigen Zölle auch den anderen Staaten auf Grund der Meistbegünstigungsklausel in den Handelsver­trägen zustehen. Deswegen betreibt die deutsche Land­wirtschaft die Kündigung des Handelsvertrages mit Finnland, nachdem Verhandlungen anderer Art, die aber gleichfalls das Ziel hatten, die Schutzzollerhöhung all­gemein zu ermöglichen, doch noch gescheitert zu sein scheinen. Holland ist daher besorgt um die Aufrechterhaltung seines bisherigen Ab­satzes von Milchprodukten (Butter und Käse) nach Deutschland; denn der Wert dieser Ausfuhr beziffert sich aus etwa 200 Millionen Mark. Steht doch Holland in der deutschen Buttereinfuhr an zweiter, in der Käseeinfuhr weitaus an erster Stelle. Und die Antwort auf die befürchtete Abfatzgefährdung soll nun der Boykott deutscher Waren sein, also deutscher Halb­fabrikate und Fertigwaren. Das hat bekanntlich nun . wieder den Reichsverband der Deutschen In­dustrie zu einem Protest veranlaßt, weil er offenbar die holländischen Boykottdrohungen sehr ernst nimmt und schwere Störungen des Absatzes deutscher Waren für durchaus möglich hält.

Holland ist nämlich unter allen Staaten der Welt unser bester Kunde; 1929 haben wir für mehr als 1300 Millionen Mark dorthin verkauft und tu den vorher­

gehenden Jahren schon zeigte die deutsche Ausfuhr nach oen Niederlanden eine rasch aufwärtssteigende Linie. Aber nur für etwa die Hälfte jener Summe, für rund 700 Millionen Mark, hat Deutschlands Wirtschaft an Waren aus Holland bezogen und dieser Import war in den letzten Jahren etwa gleichbleibend. Dafür oder viel­mehr trotzdem sind wir wieder Hollands bester Kunde, nehmen wir doch ungefähr 27 Prozent seines Exports auf, dabei übrigens auch den allergrößten Teil der hollän­dischen Butter- und Käseausfuhr, für die bei einem deutschen Gegenboykott nun anderswo Absatz zu linden doch wohl nicht ganz leicht sein würde. Und wenn man beim Abwägen der beider­seitigen Kräfte und Perlustmöglichkeiten zwar zugeben muß, daß Holland 10 Prozent der deutschen Gesamtaus­fuhr aufnimmt, darunter besonders Eisen- und Textil­waren, so ist doch auch Hollands Einsatz nicht gerade klein, nämlich mehr als ein Viertel seiner Gesamtausfuhr. Vielleicht sogar noch mehr. Denn Holland zieht ge­waltige Gewinne aus seiner Stellung als Warenum - s ch l a g s l a n d, dem vor allem der Westen und Nordwesten Deutschlands für Warenübernahme und -absatz das . Hinterland abgibt; Rotterdam weiß, daß es als Seehafen sterben müßte, wenn dieses Hinterland sich ihm verschließen würde, während dann die deutschen Nordseehäfen auf­leben könnten. Die Konkurrenz besteht schon lange!

Also so ganz ohne scharfe Waffen wäre Deutschland in einem solchen Wirtschaftskampf mit Holland durchaus nicht! Wirtschaftliche Vernunft freilich würde gebieten, e s erst gar nicht zu einem solchen Krieg k 0 m - men zu lassen, der nur beiden Gegnern sehr schwere ; Wunden schlagen würde.

e g k 0 m -

Engländer gegen Reparationszahlungen

Die beugen Reparationsgelder stören Englands Handels

Notruf britischer Industrieller.

Eine außerordentliches Aufsehen erregende Stellung- nalMe zu den deutschen Reparationszahlungen veröffent­lichte soeben dieVereinigung der britischen Elektrizitäts- Industrie" in ihrem Bericht über die gegenwärtige Welt­wirtschaftslage. Um den Handel des Britischen Welt­reiches, der hinter demjenigen der Vereinigten Staaten und Deutschlands wesentlich zurückgeblieben sei, wieder- herzustellen, schlägt dieVereinigung der britischen Elek­trizitätsindustrie" neben der Wiederaufnahme von ameri­kanischen und französischen Anleihen mit besonderem Nachdruck die Abschaffung der deutschen Reparationen vor. Eine Wiederbelebung auf die Dauer könne nur von der Beseitigung der Reparationen abhängen, deren verhäng­nisvolle Auswirkungen durch deL Fortfall der Sachliese- rungen und den Übergang eines Teiles der Schuld von den Staatsstellen in private Hände verschärft worden sei.

Deutschland bezahle die Reparationen durch reichliche Kapitaleinfuhr, müsse deshalb seine Ausfuhr übermäßig anspannen, was nur durch niedrige Zwanas-

Deutschland Sieger

Morzik wieder Gieger.

Schluß des Europarundfluges.

Der Europarundflug 1930 hat mit einem zum Schluß recht überraschend gekommenen deutschen Erfolg geendet. Morzik, der Sieger des Vor­jahres, triumphierte auch diesmal wieder, und zwar mit 427 Punkten. Er lag nach der reinen Flugprüfung noch an vierter Stelle und kam dann durch die tech­nischen Prüfungen auf den ersten Platz vor Poß, Notz und der ersten weiblichen Teilnehmerin Miß Spooner.

Der deutsche Sieg hat zur Folge, daß der Europarund­flug nun auch im nächsten Jahr wieder von Deutschland ausgerichtet werden muß. Der Triumph der deutschen Flieger ist gleichzeitig ein Triumph der deutschen In­dustrie.

Ein deutsches Postflugzeug abgestürzt.

Mit zwei Mann Besatzung verunglückt.

Das deutsche PostslugzeugD. 1826", das den regel­mäßigen Dienst zwischen Stockholm und Stralsund ver­sieht, ist auf der Ostsee verunglückt.

Als das Flugzeug an seinem Bestimmungsort nicht rechtzeitig eintraf, machte sich das Gegenflugzeug der Strecke StralsundStockholm sofort auf die Suche, und ebenso wurden die Nachforschungen durch vier schwedische Flugzeuge ausgenommen. Außerdem beteiligten sich der schwedische Marine- und der schwedische Lotsendienst mit Torpedobooten an dem Retungswerk.

Nach längerem Suchen wurde das verunglückte Flug­zeug an der schwedischen Küste bei der Insel Stora Alö, etwa 70 Kilometer südlich Nyköbing, gesichtet. Der Flug­zeugrumpf lag unter Waffer, so daß wenig Hoffnung be­stand, daß die beiden deutschen Insassen gerettet sein könnten.

Der Führer eines schwedischen Flugzeuges, der an der Unglücksstelle auf Wasser gezogen war, meldet, daß man von der Besatzung nichts habe entdecken können.

Der Streik -er 300000.

Zusammenstöße zwischen Arbeitern und Gendarmerie.

Der Riesenstreik in Nordfrankreich hat nunmehr noch dadurch eine Verschärfung erfahren, daß auch unter den Bergarbeitern eine Lohnbewegung einsetzt. Die Ge­samtzahl der Streikenden hat sich dadurch um 100 000 auf etwa 300 000 erhöht.

Bei Menin, aus belgischem Boden, kam es zu blutigen Zusammenstößen zwischen Streikenden und Gendarmerie zu Fuß und zu Pferde Zwanzig Arbeiter wurden durch Bajonettstiche verletzt. Die Polizei nahm eine große An­zahl von Verhaftungen vor.

In einem Bericht über die Streiklage im nord-franzö­sischen Industrie-Gebiet gibtMatin" die Gesamtzahl der Streikenden auf 135 000 an, einschließlich von 30 000 belgi­schen Arbeitern, die täglich über die Grenze zur Arbeit kom­men. Die Streikbewegung hat dem Blatte zufolge fast die ganze Textilindustrie betroffen, während bei der Metall­industrie vereinzelt Wiederaufnahme der Arbeit zu ver­zeichnen ist.

Preise im Innern möglich sei. Ein Beweis dafür seien die kürzlich erzwungene Herabsetzung der Eisen- und Stahl- Preise und die gesenkten Kohlenfrachten. Um solche Methoden, die das internationale Mißtrauen verschlim­mern müssen, zu verhindern, solle man endgültig auf die Reparationszahlungen verzichten. Die Ansammlung großer Mengen Goldes durch die Vereinigten Staaten und Frankreich auf allen wichtigen Märkten der Welt, insbesondere aber in Südamerika und dem Osten, habe dazu geführt, daß Mittel für die Wieder­belebung des Marktes den internationalen Märkten ent­zogen würden.

Die kritische Lage Deutschlands,

führt der Bericht der Industriellen weiter aus, sei wahr­scheinlich schlimmer als Englands, Amerikas und Frank­reichs. Seine Reparationsschwierigkeiten sind verstärkt, es müsse seinen natürlichen Besitz an das Ausland über­tragen. Die wirklich dauernde Belebung des englischen sowohl wie des Welthandels sei abhängig von der ent­schlossenen Abschaffung der Reparationen. Nichts habe sich erfüllt von den Erwartungen der Anhänger des jetzigen Systems im internationalen Austausch, nur rück­haltlose Umkehr könne dem gestörten Handel wieder auf­helfen uwv die fortschreitende allgemeine Krise beenden.

im Europarundflug

Vom Windmühlenflugzeug und vom Großflugbooi.

Zwischenlandungen im Unwetter.

Der Flieger de la Cierva, der mit seinem Wind- mühlenflugzeug am Dienstag bei London aufgestiegen war, um noch am gleichen Tage in Parts emzutrefsen, ist erst am Mittwoch in den späten Abendstunden in Le Bourget ge­landet. De la Cierva war durch schlechtes Wetter unterwegs mehrere Male zu Zwischenlandungen gezwungen worden, da seine Maschine, die nur durch einen 80-Pferdestärken-Motor angetrieben wird, den schlechten Witterungsverhältnissen der letzten Tage nicht gewachsen ist.

Weiterer Probeflug desDo X".

Das GroßflugbootDo X" hat einen weiteren Probe­flug über dem Bodensee ausgeführt. Es galt in erster Linie, die Motoren und die Kraftanlagen nochmals durchzuprüfen. Diese Prüfungen und der Flug fielen zur vollen Zufrieden­heit aus.

Neuer Flugrekord.

Der ainerikanische Flieger Kapitän Hawkes war von New- york zu einem Überlandflug nach Los Angeles auf­gestiegen. Bei der Landung in Los Angeles erwies es sich, daß er die Strecke in der -neuen Rekordzeit von 14 Stunden und 50 Minuten zurückgelegt hatte.

Folgenschwerer Booiszusammenstoß.

Unglücksfaü während der Regattawoche in Cowes.

Auf der Regattawochc in Cowes fuhr die große Segeljacht Ludworth" in voller Fahrt auf die 12 Meter-JachtLucilla" auf, die innerhalb von zwei Minuten sank. Der (Steuermann derLucilla", bei dem Anprall am Kopf schwer verletzt, wurde über Bord geschleudert und ertrank.

Die übrigen sechs Insassen des Bootes wurden durch Ret- ^ngsboote ausgenommen. Der Zusammenstoß ereignete sich in der Nähe einer großen Zuschauermenge und unmittelbar, nach­dem die Jacht des KönigsBritannia" ihr 200. Rennen ge­wonnen hatte.

Einsturz im Schacht.

Zwei Steiger erschlagen.

Bei Schießarbeiten erfolgte auf der Zeche Ewald in Erkenschwick bei Recklinghausen ein Einsturz des Hangen­den. Mehrere Bergleute wurden verschüttet. Zwei Steiger konnten nur noch als Leichen geborgen werden. Die übrigen Geretteten sind zum Teil schwer verletzt.

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Die Sammlungsverhandlungen zwischen den Parteien der Mitte sind endgültig gescheitert.

* Deutschland ist im Europarundflug wieder Sieger geblie, bey, da der deutsche Teilnehmer Morzik wieder den ersten Platz belegen konnte.

* Die Bereinigung der englischen Elektrizitätsindustriellen Notverordnung werden durch llcbergangsbestimmungen vor­bereitet und wahrscheinlich am 26. August in Kraft treten.

* Die Vereinigung der englischen Elektrizitätsindustriellen bezeichnet als die Ursache des britischen Handelsniederganges und der allgemeinen Weltkrise die Reparationszahlungen Deutschlands und fordert deren Abschaffung.

* Durch Einsturz wurden auf der Zeche Ewald in Erken­schwick zwei Steiger getötet und mehrere Bergleute verletzt.

* Das deutsche Postflugzeug zwischen Stockholm und Stral­sund ist aus der Ostsee verunglückt.