Zulöaer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Nr. 181 — 1930
Fulda, Dienstag, 5. August
7. Jahrgang
Am Beobachtungsfianö.
„Gebilligt viel und viel gescholten" darf man Wohl unter leichter Abänderung eines Goethe-Wortes sagen zu dem Urteil, das die Berufungsinstanz im „Fall Cuvelier" gefällt hat. Die nächtliche Naufszene in den Straßen von Zeitz, die einen stark politischen Ein- S hatte, ist ja bei ihrer Behandlung vor Gericht von schen Nebenumständen und Vorkommnissen umrankt gewesen und das trägt in das Für und Wider über das Urteil noch größere Schärfen hinein. Natürlich gibt es genug Leute, die noch außerdem recht eifrig in das Feuer hineinblasen: denn in der französischen Presse, sogar in gewissen parlamentarischen Kreisen brennt es in hellen Flammen und man war dort mit der Drohung sehr schnell bei der Hand, zwar nicht die diplomatischen, wohl aber die — sportlichen Beziehungen zu Deutschland abbrechen zu wollen, ja sogar das schwere Geschütz einer parlamentarischen Interpellation aufzufahren. Wobei man sich als Deutscher — auch ohne besondere Stellungnahme zu dem Urteil selbst — nicht ganz die Erinnerung an die gerichtliche Exzesse der Franzosen in den bisher besetzten deutschen Gebieten verkneifen kann; hier tobte man sich ja „von Gerichts wegen" sogar bis zum letzten Augenblick in einer Art aus, deren Ungerechtigkeit höchstens durch ihre Brutalität übertroffen wurde. Trotzdem bleibt an der Sache Cuvelier auf alle Fälle ein peinlicher Rest, peinlich jedenfalls darum, weil für die französischen Sportsleute Deutschland der Gastgeber war und es bei uns zu diesem Zwischenfall kam. Die „Jnter- nationalität", also eine wirkliche Gleichberechtigung aller Nationen, ist auf dem Gebiete des Sports nach dem Weltkrieg endlich wieder durchgeführi und lange Jahre liegt ss zurück, daß Deutschland z. B. auf den ersten Olympischen Spielen der Nachkriegszeit ausgeschlossen war. So werden sich, wenn trotz des Presse- und sonstigen Lärms sich die kühler gebliebenen Köpfe zur Geltung bringen, doch wohl Mittel und Wege finden, um eine schärfere Zuspitzung der „Affäre" zu vermeiden. Der verurteilte Cuvelier selbst hat erklärt, daß aus dieser politischen MückekeinElefantgemacht werden sollte, und will demnächst zu einem deutsch-französischen Wasserballspiel in Nürnberg erscheinen. Der ganze Fall Cuvelier müßte schleunigst — aber natürlich ohne Schädigung der Würde Deutschlands — irgendwie aus der Welt geschafft werden.
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Wir haben ja in Deutschland auch wirklich größere und wichtigere Sorgen. Ganz besonders heftige „Kopfschmerzen" — wenn man hierbei von den meisten Einzelpersonen, außerdem vom Reichsfinanzminister, den Kandidaten zum Reichstag und den politischen Parteien ab- sieht — hat die Reichsbahn. Ihr Defizit ist jetzt in und trotz der Reisezeit geradezu erschreckend hoch, während sonst diese Monate ihr einen recht angenehm breiten Goldstrom in die Kassen leiteten. Nach harten Kämpfen hat sie für den 1. September die Genehmigung der Reichsregierung erhalten, ihre Preise zu erhöhen. Auch im Personenverkehr, — und das hat jetzt, man kann es verstehen — den Protest eines Verbandes veranlaßt, dessen Mitglieder wegen der Art ihrer Beschäftigung sich besonders oft der Eisenbahn bedienen müssen, nämlich der Reichsvereinigung der Reisenden und der Vertreter im Gewerkschaftsbund der Angestellten. Aber der Reichsverkehrsminister zeigt die k a l t e S ch u l t e r. In seiner Antwort heißt es, es gehe es nicht anders, die Reichsbahn brauche die Tariferhöhung bitter notwendig; diese sei übrigens im Personenverkehr sehr gering, und schließlich — bei einer Reise mache doch das Geld, das man für die Eisenbahn ausgeben müsse, im Verhältnis zu den Gesamtkosten auch nicht gerade viel aus! Darüber werden ja nun die Mitglieder jenes Verbandes und ihre sonstigen Berufsgenossen erheblich anderer Ansicht sein, besonders auch deswegen, weil ihre Wünsche in der für sie finanziell sehr wichtigen Kostenfrage der Gepäckbeförderung auch nicht erfüllt worden sind. Es ist ja ein Jammer, aber leider Tatsache: das dicke Defizit auf der einen, die Zahlungs- derpflichtungen dem Doung-Plan gemäß aus der anderen Seite zwingen die Reichsbahn zu einem Vorgehen, das noch so berechtigte Wünsche einzelner oder Berufsgruppen unberücksichtigt lassen muß, wenn der Bahn dadurch anscheinend oder wirklich Mindereinnahmen entstehen. Weiß doch hierüber auch die deutsche Wirtschaft ein Liedchen mit unzählig vielen Strophen, aber immer — demselben Kehrreim zu singen.
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Aber wir haben in Deutschland nicht bloß ganz große, sondern auch ganz — kleine Sorgen. So klein, daß man wohl ein bißchen schon darüber lächeln darf. Wie jeder Wahlkampf eigenartige Blüten mannigfachster Art treibt, so ist die erste, schier lustige diesmal der männermordende Kampf, der — zu allem anderen — nun auch zwischen der wirklichen „Deutschen Staatspartei" und der juristischen „Deutschen Staatspartei" ausgebrochen ist: um den Namen. Die Gründer der neuen Partei ahnten nicht, daß sie „Usurpatoren" waren, weil sie für sich eine Parteibezeichnung wählten, mit der schon ein anderer „Verein" rechtskräftig beglückt war; allerdings blühte er als Parteiveilchen in tiefster Verborgenheit. Aber gerade so wie bei Schiller die Jungfrau von Orleans losschreit: „Mein ist der Helm und mir gehört er zu!" protestiert der Inhaber jenes Parteiveilchens: „Mein ist der Nam' und mir gehört er zu!" Und noch ist gar nicht abzusehen, welche schwerwiegenden innenpolitischen Folgen dieser Kampf haben wird, dessen Ausgang man aber wohl mit nicht gerade übermäßigen Sorgen entgegengehen und -sehen wird.
Die Osthilfe beginnt alsbald.
Brüning an den Osten.
Maßnahmen bevorstehend.
Bei seinem mehrtägigen Aufenthalt in L i e g n i tz gewährte Reichskanzler Dr. Brüning einem Liegnitzer Journalisten eine Unterredung. Der Kanzler kam dabei auf die Aufgaben der gegenwärtigen Politik zu sprechen und sagte, daß die praktische Auswirkung der dem Osten versprochenen Hilfe unmittelbar bevorstehe.
Schon in diesen Tagen würden die Kommissare für -ie zentrale Regelung aller Fragen des großen Osthilfeprogramms und für ihre Durchführung in den einzelnen Provinzen ernannt werden. Das Osthilfeprogramm der Reichsregieung sei
nur ein Anfang
für eine großzügige Wirtschafts- und sozialpolitische Entwicklung des deutschen Ostens. Für Herbst und Winter sehe das Reformwerk der Reichsregierung die Durchführung und Sicherstellung eines Programms vor, das auf Jahre hinaus der wirtschaftlichen Entwicklung des Ostens die notwendige finanzielle Grundlage geben soll. Zunächst müsse der Vollstrecküngsschutz durch die Notverordnung gesichert werden. Gemeinsam mit Preußen müßten die Maßnahmen getroffen werden, die erforderlich seien, um die Umschuldung ohne formelle Gründung der Absösungs- bank in die Wege zu leiten. Entscheidend sei es, daß durch die Notverordnung auch eine Vorbereitung der
großzügigen Siedlungsfinanzierung
gegeben werde, die ein Teil dieses ganzen Agrar- und Ostprogramms sein müßte. Für das Arbeitsbeschaffungsprogramm seien die Vorbereitungen abgeschlossen. Es sei von Bedeutung, daß nun mit der Arbeit praktisch begonnen werden könne. Zum mindesten dürfe man hoffen, daß weitere gefährliche Steigerungen der Arbeitslosenziffern dadurch einigermaßen gemildert würden.
Tod und Verwüstung.
Die Ernie des LtnfaSlio-es.
Opfer der Berge.
Die Berge haben wieder zahlreiche Opfer gefordert. Zehn deutsche Studenten hatten eine Bergtour auf die Runadlerspitze unternommen. Drei Studenten verstiegen sich in den Felsen und konnten schließlich weder vorwärts noch rückwärts. Zwei von ihnen konnten geborgen werden. Der dritte jedoch, der 16 Jahre alte Fritz Stürmenmann aus Leipzig, konnte erst nach zwei Tagen am Fuße einer Felswand, über die er abgestürzt war, als Leiche aufgefunden werden.
Bei der Besteigung der Ortlerspitze stürzte eine 24jährige Dame aus Dresden in einen Abgrund. Die Dame war von einem Bergführer begleitet, doch riß plötzlich das Seil, so daß sie in die Tiefe stürzte.
Zwei Kinder verbrannt.
In Saalfeld a. d. Saale entstand infolge einer schadhaften Lichtreklameanlage in einem Schaufenster eines Kaufhauses ein Brand, der sich mit ungeheurer Geschwindigkeit ausbreitete. In wenigen Minuten stand das ganze Haus in lichten Flammen. Die meisten der Hausbewohner waren glücklicherweise auf dem gleichzeitig stattfindenden Vogelschießen. Eine ältere Frau konnte sich dadurch retten, daß sie aus dem Fenster des dritten Stockes in das Sprungtuch der Feuerwehr sprang.
Zwei Kinder sind ein Opfer der Flammen geworden. Eines von ihnen, ein neunjähriger Knabe, hatte versucht, sich vor den Rauchschwaden unter ein Bett zu retten, war aber dort von den Flammen erfaßt worden.
In den Wellen umgelommen.
Auf der Mosel zwischen Briedel und Zell kenterte ein Boot infolge des hohen Wellenganges, der von einem vorbeifahrenden Dampfer verursacht worden war. Von den sechs Insassen konnten vier gerettet werden, während die beiden anderen als Leichen geborgen wurden.
In Louisville im Staate Kentucky kenterte ein vollbesetztes Motorboot, das sofort sank. Ein Erwachsener und fijnf Kinder konnten nicht mehr rechtzeitig gerettet werden und ertranken.
Eisenbahnunglück in England.
100 Verletzte.
London, 5. August.
Am Mitternacht ereignete sich unweit der Station Preston ein Eisenbahnunglück dadurch, daß zwei Personenzüge mit heimkehrenden Ausflüglern zusammenstießen. Die Züge waren infolge des gestrigen Bankfeiertages vollbesetzt. Annähernd hundert Personen erlitten Verletzungen; wegen schwerer Verletzungen mußten 12 ins Krankenhaus gebracht werden. Lebensgefährlich wurde jedoch niemand verletzt.
Neichsfinanzminister Dr. Dietrich
äußerte sich in einer Versammlung zu Karlsruhe über die augenblickliche wirtschaftliche Lage in Deutschland. Die Arbeitslosenfürsorge koste das Reich im ganzen jährlich zwei Milliarden Mark. Der Reichszuschuß zu dieser Summe sei der höchste Ausgabeposten. Wahrscheinlich wird diese Summe in den nächsten Monaten noch mehr anschwellen. Dietrich hält das für sehr gefährlich und ermahnt die Beamten, daß man sich die Frage stellen solle, wem gegenüber das Reich seine Leistungen kürzen müsse: den Beamten oder den Arbeitslosen! Die eindeutige Antwort hierauf könne lauten: beiden. Weiter betonte Dietrich, es sei jetzt nicht so wichtig, auf welche Weise man die Dinge mache, sondern, daß man sie mache. In der Sozialpolitik handele es sich barum, die sozialen Einrichtungen leistungsfähig zu erhalten. Werde die Arbeitslosenversicherung nicht verbessert, so werde es
in drei Jahren keine Arbeitslosenversicherung mehr geben.
In der Steuerpolitik sei eine weitere Belastung der höheren Einkommen unmöglich. Lege man auf die Einkommen noch mehr Steuern, so werde der Ertrag im ganzen nur zurückgehen.
Arbeitsbeschaffung und Preissenkung.
Die Wirtschaftsbesprechungen beim Reichskanzler.
Amtlich wird mitgeteilt: Der Reichskanzler empfing in Gegenwart des Staatssekretärs Dr. Trendelenburg verschiedene Persönlichkeiten des Reichsverbandes der Deutschen Industrie. Die Aussprache hatte die Frage der Gestaltung der Preise im Rahmen des Arbeitsbeschaffungsprogramms zum Gegenstand. Die weiteren Besprechungen mit den einzelnen Zweigen der Industrie werden im Reichswirtschastsminifierium geführt werden.
Das Wüien -er Elemente.
Wirbelstürme — Überschwemmungen — Erdbeben.
Unmittelbar nach den schweren Taifunen an der japanischen Nordküste sind Überschwemmungen eingetreten, die an Umfang alle derartigen UnglüSsfâlle der letzten Jahre bei weitem übertreffen. Man schätzt, daß mindestens 50 Personen durch Zusammensturz von unter Wasser stehenden Gebäuden, Landrutschen oder durch Ertrinken ums Leben gekommen sind.
Die Eisenbahnlinie auf der Hauptinsel Hondo ist an vielen Stellen unterbrochen. In Osaka sind etwa 10 000 Häuser überflutet, in Tokio 4000, in Tottori etwa 3000. Der Ernteschaden ist außerordentlich groß. Der Fluß Tone in der Nähe von Tokio ist in ganz kurzer Zeit um etwa 5,50 Meter gestiegen. Zahlreiche Vororte Tokios sind von den Bewohnern geräumt worden, da ein weiteres Steigen des Wassers befürchtet wird.
An der Nordostküste des Kaspischen Meeres hat sich ein schweres Erdbeben ereignet. Die Behörden berichten, daß sich das Erdbeben im Süden des Urals ereignet und erheblichen Schaden in drei Ortschaften angerichtet habe, über 700 Häuser seien völlig zerstört worden. Die Regierung hat sofort Maßnahmen zur Versorgung der Be- völkerung mit Lebensmitteln und Medikamenten angeordnet.
Erdrutsch in einer Tongrube.
Bisher 16 Tote geborgen.
Nach einer Meldung aus Spanisch-Marokko ereignete sich bei Tensaman eine furchtbare Katastrophe, die 15 Frauen und einem Mann daS Leben kostete.
Etwa 30 eingeborene Männer und Frauen waren damit beschäftigt, aus einer Grube Tonerde zu fördern, als sich plötzlich ein Erdrutsch ereignete, der die ganze Kolonne unter sich begrub. Ein Heer von Hilfsarbeitern, dir aus den benachbarten Dörfern herbeigeeilt waren, arbeiteten den ganzen Ta^ an der Bergung der Verunglückten. Es ist bisher gelungen, 16 Tote und 10 mehr oder weniger schwer Verletzte zu bergen.
Expreßzug überrennt ein Üeberlan-auio.
Bei einer Eiscnbahnübcrführung in der Nähe von Braga in Portugal wurde ein Überlandauto von einem Expreßzug erfaßt und vollständig zertrümmert. Fünf Personen wurden auf der Stelle getötet, vierzehn schwer verletzt. Bet zehn von ihnen besteht wenig Hoffnung, sie am Leben zu erhalten.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Reichskanzler Brüning erklärte bei seinem Aufenthalt in Liegilitz, die Maßnahmen zur Osthilfe würden unverzüglich in Angriff genommen.
* Die litauische Regierung ergeht sich andauernd in deutschfeindlichen Uebergrifsen gegen das Memelland, so daß bte dortigen Verhältnisse sich allmählich unhaltbar gestalten.
* Nach den schweren Wirbelstürmen an der japanischen Nordküste sind Ucberschwemmungen eingetreten, die an Umfang alle Iberartigen Unglücksfälle der letzten Zähre bei weitem übertreffen.