Zul-aer Anzeiger
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Nr. 179 — 1930
Fulda, Samstag, 2. August
7. Zahrgan;
Ser Kampf gegen den Niedergang.
Neue wirtschaftliche Aktion des Reichskanzlers.
Reichskanzler Dr. Brüning hat zum Montag Führer der deutschen Wirtschaft zu einer Besprechung zu sich gebeten, um Fragen zur Hebung und Ankurbelung der Wirtschaft, vor allem der Bauwirtschaft, gemeinsam zu erörtern. Man erwartet aus dieser Besprechung wirtschaftsfördernde Beschlüsse.
„Deutsche Gesellschaft für öffentliche Arbeiten A.-G.^ gegründet.
In Berlin ist die „Deutsche Gesellschaft für öffentliche Arbeiten Aktiengesellschaft" mit einem Aktienkapital von 150 000 000 Mark und ausgewiesenen Reserven im Betrage von 105 000 000 Mark gegründet worden. Zweck der Gesellschaft ist, die Erichtung und den Ausbau wertschaffender Anlagen durch Aufnahme von Anleihen und Darlehen im In- und Auslande und die Gewährung von Darlehen im Jnlande an öffentlich-rechtliche oder gemischt-wirtschaftliche Unternehmungen zu fördern. Die Tätigkeit der Gesellschaft ist gemeinnützig. Ihre Geschäfte werden auftragsweise durch die Deutsche Bau- und Bodenbank A.-G., Berlin, besorgt. Die Gesellschaft untersteht der Aufsicht des Deutschen Reiches, die durch einen Reichskommissar ausgeübt wird. Zum Aufsichtsratsvorsitzenden wurde Reichsminister a. D. Dernburg gewählt. Wegen Aufnahme elner Ausländsanleihe sind Verhandlungen im Gange, deren Abschluß in Bälde zu erwarten ist.
Arbeitsbeschaffung im Mich.
über die Reichsbahn.
Die mit einem Bankenkonsortium unter Führung der Reichsbank gepflogenen Verhandlungen über die Finan- zrerutlg des Arbeitsbeschasfungsprogramms der Deutschen Reichsbahn sind nach amtlicher Mitteilung erfolgreich abgeschlossen. Von dem Gesamtbetrag von 150 Millionen Mark Schatzanweisungen sind bereits 75 Millionen Mark begeben, während der Rest am Kapitalmarkt untergebracht werden soll. Die Schatzanweisungen sind mit fünfjähriger Lauffrist und einem Zinsfuß von 6 Prozent ausgestattet. Die Papiere werden zu einem Ausgabekurs aufgelegt, der den Zeichnern eine günstige Efsektivverzinsung sichert. Sie sind zur Lombardierung bei der Reichsbank und zur Preußischen Staatsbank zugelassen. Die Verleihung der Mündelsicherheit ist beantragt, die Befreiung der Zinsscheine vom Steuerabzug vom Kapitalertrag sichergesiellt.
Damit ist die im Auftrage des Reichskabinetts vom Reichsverkehrsminister seit längerer Zeit auf das nachdrücklichste betriebene Eingliederung der Reichsbahn in das Arbeitsbeschaffungsprogramm der Reichsregierung zur Tatsache geworden. Die Reichsregierung hofft, in der Belebung der deutschen Wirtschaft einen wesentlichen Schritt weitergekommen zu sein, und erwartet, daß das Beschafsungsprogramm der Reichsbahn im Rahmen des
LMisscht ëngH-Mii Mw.
Tie Landung des R. 100 in Montreal.
Die Beschädigung der Stabilisierungs- flächen.
Wie gestern noch kurz gemeldet, hat das englische Rie- lenlustschiff R. 100 sein Ziel glücklich erreicht und ist auf Flugplatz St. Hubert bei Montreal gelandet. Znner- M kurzer Zeit konnte das Luftschiff am Ankermast be- festrgt werden.
Das Luftschiff befand sich über dem St. Lorenzstrom längere Zeit in einer sehr kritischen Lage. Es gerret m einen heftigen Gewittersturm, der die Geschwindigkeit zeitweilig auf etwa 25 Kilometer in der Stunde herab- Niinderte. „R. 100", dessen eine Stabilisierungssläche
einen sieben Meter langen Riß
aufwies, kämpfte mühselig gegen den starken Gegenwind und die sintflutartigen Regengüsse an. Der Schaden konnte nur notdürftig ausgebessert werden. Flieger, die dem Luftschiff entgegengeflogen waren, berichteten, baß bte Bespannung größtenteils in Fetzen gerissen war. In Montreal gingen bereits wilde Gerüchte über das Schick- ml des Luftschisfes um. Es hieß, daß es bei Quebeck eine Notlandung in schwer havariertem Zustande vorgenommen habe. Die Gerüchte erwiesen sich jedoch als unbegründet. Amtlich wird mitgeteilt, daß
die Bespannung beider Stabilisierungsflächcn
stark beschädigt worden sei. Die Untersuchung der Ausbesserung des Schadens während der Fahrt Hütten eine beträchtliche Herabsetzung der Geschwindigkeit notwendig gemacht. Während die Instandsetzung der einen Fläche mir geringe Schwierigkeiten bereitet habe, sei die der anderen beträchtlich schwieriger gewesen. Beide seien notdürftig wiederhergestellt worden. Die rasche Zurücklegung der Gesamtstrecke und vor allen Dingen der sehr geringe Brennstoffverbrauch werden in den Londoner Blättern als ein großer Erfolg der britischen Luftfahrt beteidmet.
Gesamtbeschaffungsprogramms und der damit zugleich angestrebten allgemeinen Preissenkung wesentlich dazu beitragen wird, der Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken. Die dadurch gegebene Belebung der Wirtschaft wird auch die Tätigkeit der Reichsbahn selbst beleben, heißt es weiter in der amtlichen Bekanntgabe.
Notruf der Danziger Kaufmannschaft.
Konkurrenzhafen Gdingen bedroht Danzigs Selbständigkeit.
Die Danziger Handelskammer wendet sich in einer einstimmig angenommenen Entschließung gegen die wachsende Konkurrenz des polnischen Hafens Gdingen. Die Handelskammer stellt fest, daß die Schaffung des Hafens Gdingen wirtschaftlich nicht zu rechtfertigen und nur aus politische Gründe zurückzuführen ist.
Der ^Danziger Hafen entspricht den Anforderungen des polnischen Verkehrs durchaus. Die Handelskammer teilt damit die Auffassnng der Danziger Regierung, daß Polen durch die Einrichtung des Hafens von Gdingen den Bestimmungen des Versailler Ver- träges und den zwischen Danzig und Polen geschlossenen Verträgen zuwidergehandelt hat.
Auch nach der Auffassung der Danziger Handelskammer geht es hier nicht etwa nur um eine Hafenver- kehrsangelegenheit, sondern um die Existenz des ganzen Danziger Staatswesens.
Handel und Gewerbe unter Druck.
Die Weltdepression unverändert.
Die wirtschaftliche Lage im Juli war nach den Berichten der Handelskammern und des Deutschen Handwerks- und Gewerbekammertages sehr gedrückt. Sowohl in den Schlüsselindustrien wie in den Verbrauchsgüterindustrien, aber auch im Großhandel, im Handwerk und im Einzelhandel wirkte sich die allgemeine Depression aus. Die geringe Belebung in der Textilindustrie sowie in der Braunkohlenindustrie ließ nach. Nur in der Margarineindustrie zeigte sich eine Besserung der Lage. Das Kursniveau ging noch weiter zurück. Am Kapitalmarkt trat keine wesentliche Erleichterung ein. Die Arbeitslosigkeit betrug Ende Juni 2,6 Millionen. In der Weltdepression zeigten sich noch keine Veränderungen. Von ihr blieben in Europa Frankreich, Dänemark, Schweden, Norwegen sowie Irland bisher im wesentlichen verschont. In Übersee zeigten nur Chile und Neuseeland eine verhältnismäßig günstige Wirtschaftslage.
Zur Landung von „R. 100".
London. Der kanadische Ministerpräsident Mackenzie King bat aus Anlaß der Landung des Luftschiffes „R. 100" in Montreal an dessen Führer eine Botschaft gerichtet, in der er im Namen der kanadischen Regierung und des kanadischen Volkes Offizieren und Mannschaft des „R. 100" herzliche« Glückwunsch ausspricht und gleichzeitig der Genugtuung darüber Ausdruck gibt, daß die gegenwärtige kanadische Negierung unmittelbar vor ihrem Rücktritt Gelegenheit hatte, die Früchte ihrer Teilnahme an der Organisation dieses Fluges mitanzuseheu.
„R. 100“ am Ziel seines Lzcansluges.
Landung eines Luftschiffes auf der „Bremen".
Das Kleinluftschiff der Good Year-Werke landete auf dem Achterdeck des Llopddampfers „Bremen". Das Kleinluftschiff nahm den Präsidenten der Good Year- Gesellschafl ttnb zwei andere Fahrgäste an Bord, um [te auf dem Luftwege nach Hause zu bringen. Die Wiederholung dieses erstmalig unternommenen Versuches ist in Aussicht genommen worden, um diese kombinierte Be- körderuvs nieffetdü zur ständigen Einrichtung zu machen.
Soziale Erschütterungen.
Selbstverständlich ist es, daß sich die Weltwirtschaftskrise auch sozial auswirken mußte, und die Arbeitslosigkeit vor allem in Deutschland, England und Amerikaist nicht bloß eine wirtschaftliche, sondern auch eine soziale Gefahr. Denn ernsthaft erhebt die Frage ihr dräuendes Haupt: Ist unser jetziges Wirtschaftssystem, das einen überwiegend industriellen Charakter trägt, wirklich in der Lage, den in dieses System hineingeflochtenen Menschenmillionen auch eine einigermaßen genügende Lebensgrundlage zu geben? An und für sich wäre das Bestehen einer „Reservearmee der Arbeit", also einer kleinen Zahl von Arbeitslosen, kaum ein Unglück; aber zur Gefahr wird es, wenn jene drei Staaten allein mindestens zehn Millionen Arbeitsloser aufweisen, zu denen weitere Millionen und aber Millionen unproduktiv Arbeitender stoßen. Freilich wirken — woran im allgemeinen viel zuwenig gedacht wird — auf die Weltwirtschaftskrise, die im wesentlichen eine A b s a tz st o ck u n g ist, politische Entwicklungen stark sozialen Charakters ein. Das gilt nicht bloß für das Riesenreich des heutigen Sowjetrußlands, das als Absatzgebiet für die Weltwirtschaft in einem gegen früher außerordentlich verringertem Umfang in Frage kommt, sondern auch für China, Indien, Ägypten usw. Die Rückwirkungen der dortigen politischen und sozialen Kämpfe und Krisen äußern sich ja mit besonderer Deutlichkeit in dem ganz und gar weltwirtschaftlich verflochtenen England: seit langem stehen dort in der Textilindustrie zahllose Maschinen still, ist jetzt das Arbeitslosenheer auf zwei Millionen angeschwollen. Ebenso ist — um ein in den letzten Tagen geradezu im Mittelpunkt der wirtschaftlich-sozialen Auseinandersetzungen stehendes Vorkommnis in Deutschland zu erwähnen — nun die Kündigung Tausender von Angestellten in der Berliner Metallindustrie erfolgt, und zwar in einem Ausmaße, das zehn Prozent und mehr der Beschäftigten ausmacht.
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Gegenüber dieser „Arbeitsnot" und ihren sozialen Folgen in jenen drei Ländern hebt sich die günstige wirtschaftliche Konjunktur in Frankreich ab, wo man eine Arbeitslosigkeit nicht kennt. Sowenig, daß dort ein — Riesen streik der Arbeiterschaft ausbrechen konnte, der eine ganz eigenartige Ursache hat. Nicht eine Lohnkürzung, nicht die Ablehnung einer Lohnerhöhung oder sonst einer der Gründe, die die Arbeiterschaft zum Streiken zu veranlassen pflegen, sondern — die Einführung der Sozialversicherung für Krankheit und Invalidität. Weil nämlich die Arbeiterschaft mit fünf Prozent des Lohnes die Hälfte der Kosten tragen soll. Das will man zwar tun, aber nur dann, wenn die Arbeitgeberschaft — eine fünfprozentige Lohnerhöhung bewilligt. Das ist auf diefer Seite abgelehnt worden. Als Antwort kam der Streik, dem sich jetzt schon 100 000 Arbeiter im nordöstlichen Textilrevier Frankreichs, also um R o u b a i r und Tourcoing herum, angefchlosien haben. Bemerkenswert dabei ist übrigens ein Vermittlungsvorschlag der Arbeitgeber, diese fünfprozentige Lohnerhöhung, also die volle Abgeltung der Sozialbeiträge, jenen Arbeitern als „Treuprämie" zahlen zu wollen, die seit mindestens einem Jahr in demselben Betriebe beschäftigt waren. Derartiges widerspricht unbedingt den deutschen Anschauungen über das Wesen der Sozialversicherung, die nicht nur eine Sicherung vor sozialer Not sein soll, sondern auch ein Sparen des Arbeiters für diesen Zweck, für den Augenblick, in dem er durch Krankheit, Alter, Unfall oder Arbeitslosigkeit in unverschuldete soziale Not gerät. Wohl noch nie ist in Deutschland ein Streik ausgebrochen, eine Forderung auf Lohnerhöhung damit begründet worden, daß eine Steigerung der Sozialbeiträge den Inhalt der „Lohntüte" verkleinert. Dabei handelt es sich in Deutschland^ jetzt um sechs Milliarden, von denen rund die Hälfte von den Arbeitern und Angestellten gezahlt wird. Aus ihrem Lohn oder Gehalt.
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Darüber hinaus erfolgen in Deutschland noch Zu- satzzahlungen an die Sozialversicherung selbst, dann aber für soziale Zwecke, bekanntlich im Betrage einer ganzen Reihe von Milliarden. Ebenso wie das Reick durck die
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Eine Anweisung des Reichsarbcitsministers an die Ve- schaffungsstellen verfügt, daß öffentliche Aufträge an Firmen nicht vergeben werden dürfen, die ein unsoziales Verhalten zeigen, insbesondere durch ungerechtfertigte Ueberstunden und Massenentlassungen.
* Der Bayerische Landtag lehnte das Ersuchen der Regierung für die Ermächtigung zu einer Notverordnung ab und sprach sich gegen Landtagsauflösung aus.
* Die Lähmungsepidemie im Elsaß und in Lothringen breitet sich «teOer aus. Nur tm Obcrelfatz scheint die EpiLemie et. loschen zu sein.