Zul-aer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Nr. 178 — 1930
Fulda, Freitag, 1. August
7. Jahrgang
Wirtschaftliche Hochspannung.
Industrie und Angestellte.
Eingreifen des NeichsarbeitsMinisters.
Infolge der in der Berliner Metallindustrie ausgetretenen Spannungen zwischen den Leitungen der Unternehmungen und den Angestellten hatten die An- gestelltenverbände sich an die zuständigen Neichsministerien gewandt mit der Forderung, in den entstandenen Konflikt einzugreisen. Die Verbände der Airgestellten behaupteten dabei, das Vorgehen der Jndustricwerke sei unzulässig. Im Reichsarbeitsministerium fand auch bereits eine Besprechung mit Vertretern der Angestelltenorganisationen statt, die über die bevorstehenden Kündigungen in der Berliner Metallindustrie berichteten. Beschlusse wurden dabei noch nicht gefaßt, jedoch sollen die Besprechungen fortgesetzt und ebenfalls die Ansicht der Unternehmerschaft gehört werden. Die Angestellten erklärten, gegen Verletzungen des Tarifvertrages, die sowohl in Gehaltskürzungen wie Kündigungen zu erblicken sind, gemeinsam vorgehen zu wollen. Die Angestelltenorganisationen wollen beim Arbeitsgericht Feststellungsklagen anstrengen.
Der Verband Berliner Metallindustrieller bestreitet, daß ein Tarifbruch vorliege. Die von den Angestellten besonders herangezogenen Vorgänge bei der Firma Bergmann fänden ihre Berechtigung in Vorbehalten der 1923 mit den Angestellten abgeschlossenen Verträge. Sollte wirklich das Arbeitsgericht herangezogen werden, so ist anzunehmen, daß der Streit durch alle Stellen bis zum Reichsarbeitsgericht durchgeführt wird.
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Oie Vorgänge im Reich.
Kündigung des westlichen Arbeitszcitabkommens.
Die Berliner Arbeitsstreitigkeiten sind nur als ein Teil der im ganzen Reiche austretenden Mischelligkeiten
Das chinesische Pulverfaß.
^er Massenmord in Tschangtscha. drohende internationale Verwicklungen.
Der Aufstand in Mittelchina nimmt immer größere Ausdehnung an, und da zahlreiche Verletzungen fremder Staatsrechte Zerstörungen ausländischen Eigentums und sonar Tötungen von Ausländern vorgekommen sind, droht de? Aufruhr ernste internationale Verwicklungen nach stch mcS Die fremden Mächte, besonders Amerika und ^avan haben bereits Schritte unternommen, um ihre Angehörigen zu schützen. Kanonenboote sind bereits unterwegs, und solche bewaffnete Einmischung fremder Staaten in innere Angelegenheiten eines anderen ist schon ost der Grund von umfassenden Konflikten geworden.
92 japanische Flüchtlinge aus dem Aufstandsgebiet sind bereits in Hankau eingetroffen. Ein weiteres amerikanisches und ein italienisches
Kanonenboot sind nach Tschangtscha unterwegs.
Rach den letzten in Schanghai vorliegenden Berichten sind in Tschangtscha sämtliche öffentlichen und Mlsstonsgebaude mit alleiniger Ausnahme des Postamts und des Mlsstons- krankenhauses zerstört worden. Die Straßen von Tschangtscha sind
mit Leichen übersät.
Eine große Anzahl von führenden Chinesen ist verschleppt worden. Die ärmere Bevölkerung flieht nach dem Norden. Die Schreckensherrschaft der Kommilnisten in Tschangtscha hat die Autorität der Nankingregierung weiter stark erschüttert. Mittelchina befindet sich gegenwärtig m einem Zustand, wie er seit 1912 nicht mehr zu verzeichnen war.
Ein japanischer Bericht aus T,ingtau besagt, daß Abteilungen der mandschurischen Flotte in Tiingtau an Land gesetzt wurden zum Schutz gegen etwaige Zerstörungen durch zurückflutende Teile der Regrerungs- truppen Der Oberbefehlshaber der japanischen Streitkräfte auf dem Jangtse ist von Tokio angewiesen worden, alle ihm notwendig erscheinenden Maßnahmen zum Schutze japanischen Lebens und Eigentums zu ergreifen.
Ein amerikanisches Kanonenboot beschossen.
Das amerikanische Generalkonsulat hat von einem amerikanischen Kanonenboot einen Funkspruch erhalten, daß es in der Nähe von Tschangtscha von chinesischen Kommunisten mit Geschützen und Maschinengewehren beschossen worden sei, wodurch ein a m e r i k a n l s ch e r Matrose getötet und fünf verletzt wurden Das Kanonenboot erwiderte das Feuer. Das amerikanische Kanonenboot telegraphierte an das amerikanische Geschwader in Schanghai und bat um Unterstützung.
Amerikanisch-japanisches Vorgehen.
Die Führer der amerikanischen und japanischen Marincstreitkräste haben beschlossen, gemeinsam gegen die kommunistischen Banden in der Nahe von Tschangtscha varzugehen. Zwei japanische und bm ante litauische Kriegsschiffe werden in Richtung auf Ttschangtscha in See llehen. Die Nankingregierung wurde vml dem geplanten Schritt in Kenntnis gesetzt. Sie wird stch dannt absinden müssen, da sie selbst nicht in der Lage war, die Ruhe und Ordnung in der Stadt ausrechtzuerhalten und dic Aus. länder vor Überfall unb Ausplünderung zu schützen. Ferner hat der Chef des japanischen Adnnralstabes btt
zu vetrachten. Die bei der nordwestlichen Eisen- und Stahlindustrie in den letzten Wochen gepflogenen Verhandlungen mit Angestellten und Arbeitern find entgegen den gehegten Hoffnungen gescheitert, da wohl die Christlichen, nicht aber die Freien Gewerkschaften den Vorschlägen der Arbeitgeber zustimmten. Infolgedessen hat nunmehr der Deutsche Metallarbeiterverband das Arbeitszeitabkommen für die nordwestliche Gruppe gekündigt. Der Deutsche Metallarbeiterverband fordert die achtstündige Arbeitszeit mit Lohnausgleich.
Auswirkungen der augenblicklichen Lage zeigen sich auch in der Württembergischen Metallindustrie. Bei Daimler-Benz in U n t e r t ü r k h e i m sollen in der nächsten Zeit 750 Arbeiter und Angestellte entlassen werden. Die erste Hälfte soll bereits am 29. August, die zweite Hälfte am 15. September zur Entlassung kommen. Die Firma begründet die Entlassungen mit der allgemeinen Wirtschaftslage und mit dem schlechten Geschäftsgang in der Autobranche. Auch bei der Firma Robert Bosch soll demnächst 200 Arbeitern und Arbeiterinnen gekündigt werden.
Im preußischen Ministerium für Handel und Gewerbe fand eine Besprechung zwischen den Vertretern der Reichsund Staatsbehörden sowie kommunalen Vertretern und Abgeordneten des schlesischen Gebietes über die Arbeiterentlassungen bei den Eisenhütten in Gleiwitz und Mala- pane statt. Die Entlastungen sind auf den Rückgang der Aufträge an die oberschlesische Eisenindustrie zurückzu- führen. In der Aussprache wurde darauf hingewiesen, daß bereits an die örtlichen Stellen Anweisungen gegeben seien, der besonderen Notlage der oberschlesischen Eisenindustrie insgesamt im Rahmen der Beschaffungsmöglichkeiten bei Erteilung von Aufträgen für Reichsbahn und Reichspost Rechnung zu tragen. Es sind weitere Erörterungen in Aussicht genommen, um der schwierigen Lage der oberschlesischen Eisenindustrie Erleichterung zu schaffen.
japanischen Geschwader in China angewiesen, alle Maßnahmen gegen die dortigen kommunistischen Banden zu Kressen für den Fall, daß die japanische Bevölkerung angegriffen werden sollte. Durch diese Maßnahme will Japan die Interessen seiner Staatsangehörigen in China schützen.
Die Niederbrennung Tschangtschas.
Umsichgreifen des kommunistischen Aufstandes.
Die Einnahme von Tschangtscha durch die Kommunisten am vorigen Sonntag kam völlig überraschend, da erst am Sonnabend mittag bekannt wurde, daß eine starke Kolonne Kommunisten im Anmarsch sei. Die Regierungs- trüppen sollen den Komunisten Gewehre und Munition ausgeliefert haben. Die auf den Schiffen in Sicherheit gebrachten Ausländer beobachteten am Montag abend zahlreiche Brände, die sich während der Nacht und während des Dienstags immer mehr ausbreiteten, bis
die ganze Stadt in Flammen
stand. Es wird gemeldet, daß das kommunistische Hauptquartier in Schanghai einen allgemeinen Aufstand der Kommunisten in Hupeh, Hunan und Kiansi angeordnet habe, um morgen Hangkau nehmen zu können. Die Eisenbahnlinie Peiping-Hangkau ist 30—40 km nördlich von Hangkau von den Kommunisten zerstört worden. In Zentralchina sollen 60 000 Kommunisten stehen, die über 45 000 Gewehre, eine Anzahl Feldgeschütze, Flugzeuge und drahtlose Stationen verfügten. In Schanghai sind, wie es heißt, seit einiger Zeit mehrere hervorragende Sowjetagenten eingetroffen.
Frankreichs unerfüllbare Forderungen.
Simson über das Fiasko der Saarverhandlungen.
Der Führer der deutschen Saarabordnung, von Simson, führt aus, daß das bisherige Ergebnis der Pariser Verhandlungen unbefriedigend sei. In der wichtigsten Frage, der Grubcnfrage, hätten sich der französische Standpunkt, der eine Beteiligung Frankreichs am Betrieb der Saargruben zum Ziele hatte, und der deutsche, wonach die Gruben ungeschmälert wieder an ihre früheren Besitzer, den Preußischen und den Bayerischen Staat, zurückfallen sollten, unvereinbar gegenübergestanden. Man könne in biefeni Zusammenhang auch nicht gut von einer deutsch-französischen Zusammenarbeit sprechen, wenn diese nur darin bestehen sollte, daß lediglich der eine Partner den anderen einen Anteil an seinen Besitz ein- räumt. Die deutsche Abordnung hätte vor allem die Stellungnahme der Saarbcvölkerung zu berücksichtigen gehabt und entscheidenden Wert darauf gelegt,
in engster Übereinstimmung mit der Saarbcvölkerung zu bleiben. Aus die Frage der V 0 l k s a b st i m m u n g übergehend, erklärt von Simson, es sei ihm auf französischer Sette wiederholt die Auffassung begegnet, daß die Saarbcvölkerung sich vielleicht doch aus wirtschaftlichen Erwägungen heraus für die Aufrechterhaltung des gegenwärtigen Zustandes aus- frechen könnte. Das hieße aber die Bevölkerung recht gering einschätzen. Zum Schluß erklärt von Simson, er gebe die Hoff- nung nicht auf, daß die Verhandlungen auf einer neuen Grundlage wieder ausgenommen werden könnten. An dem deutschen Standpunkt könne sich aber nichts ändern und eine Einigung fei deshalb nur dann möglich, wenn in der französischen Auffassung ein grundlegender Wandel Platz greise.
Preis und Lohn.
Eigentlich müßte angesichts der rund drei Millionen Arbeitslosen, der furchtbaren Wirtschaftskrise und all der sonstigen Unerfreulichkeiten des jetzigen Augenblicks und zum mindesten auch noch der näheren Zukunft doch wohl eines als bitterste, selbstverständliche Notwendigkeit erkannt werden: Fernhaltung tiefergehender Streitigkeiten sozialer Art, grundlegende Auseinandersetzungen in Lohn- und Tariffragen. Es ist aber wirklich kein Geheimnis mehr, daß statt dessen scharfe und immer noch wachsende, immer noch weitere Teile der Wirtschaft beherrschende Spannungen eingetreten sind, so daß man schon beinahe die Warnungstafel anhängen muß: „Achtung! Hochspannung!"
Die bekannten lohn- und tarifpolitischen Auseinandersetzungen in der deutschen Eisen- und Stahlindustrie, den großen Elektrowerken, jetzt sogar auch schon bei der Berliner Filiale einer großen amerikanischen Automobilfabrik — das sind noch längst nicht alle Industriezweige, in denen jene Hochspannung spürbar ist. In der Holzindustrie, also einem wirklich sehr wichtigen Zweig des deutschen Wirtschaftslebens, ist vom 1. August ab sogar ein Zustand der Tariflosigkeit eingetreten. Und wenn sich diese Hochspannung noch nicht im Ausbruch direkterArbeitskämpfe entladen hat, so hemmt hierbei wohl nur die noch vorhandene Einsicht auf beiden Seiten, daß solche offenen Streiks oder Aussperrungen größeren Umfangs die Krise zur Katastrophe machen könnten. Ständig ist mit einem Eingreifen der Staatsmacht zu rechnen, wie ja gerade jetzt der Reichs- a r b e i t s m i n i st e r in die Auseinandersetzungen bei der Berliner Metallindustrie amtlich dadurch eingegriffen hat, daß er durch die Vertreter der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber sich über die beiderseitigen Ansichten und Absichten unterrichten ließ.
Der durch den allgemeinen Preisrückgang auf dem Weltmärkte eingeleitete, außerdem durch die Absatznot erzwungene Preisabbau soll durch Herabdrückung der Erzeugungs- und Vertriebskosten ermöglicht .werden. Und dieser Druck auf die Kosten läßt auch die Lohnhöhe nicht unberührt. Also: Herabsetzung des Lohnanteils bei den Erzeugungskosten entweder durch Lohnsenkung oder durch weitere Verminderung der Arbeiter- bzw. Angestelltenzahl, so daß dann auf die Kosten des Einzelerzeugnisses ein geringerer Lohnanteil entfällt, der Preis sich um diesen Betrag ermäßigen ließe. Letzten Endes läuft das auf eine Anpassung der Löhne an die — erzielbaren — Preise hinaus. Bei der Arbeiterschaft ist das insofern schon durchgeführt, als die Kurzarbeit von der Absatzmöglichkeit abhängig ist. Der Absatz hängt seinerseits wieder vom Preis der Erzeugnisse ab und bekanntlich bringt die Kurzarbeit dem Arbeiter eine Lohnkürzung. Man muß darauf Hinweisen, weil in der Berliner Metallindustrie ähnliches nun auch bei der A n g e st e l l t e n s ch a f t durchzuführen versucht worden ist, bisher aber nur in geringem Umfang erreicht werden konnte. Da erfolgte dann das Befchreiten des anderen Weges: die Kündigung eines entsprechenden Teils der Angestellten.
Nun richten sich — so z. B. in der nordwestlichen Eisen- und Stahlindustrie, aber auch sonst in zahlreichen Wirtschaftszweigen — Abbaupläne zwecks Preisermäßigung auch noch gegen bestimmte andere Punkte der jetzigen Lohnpolitik: gegen die fog. „Konjunktur"-Löhne, übertarifliche Zuschläge also, die noch im allgemeinen aus der Zeit der besseren Wirtschaftslage her bestehen und nun sich auch dem Niedergang der Konjunktur anpassen sollen. Die hohen Preise von damals lassen sich nicht mehr erzielen, also sollen auch die übertariflichen „Konjunktur"- zuschläge wieder beseitigt werden. Hier ist die Verknüpfung oder vielmehr die Wiederverkettung von Lohn und erzielbarem Preis noch deutlicher beabsichtigt: Zu - rückzumTarif!
Man kann hier nur einige Linien in dem Gewirr dieser lohn- und tarifpolitischen Auseinandersetzungen klarlegen; aber schon daraus ist zu entnehmen, daß dem Reichsarbeitsminister bei seinem etwaigen Eingreifen eine schwere Aufgabe bcvorsteht. Denn nun schwebt ja noch über allem das Arbeitsbeschaffungsprogramm der Reichsregierung, Reichsbahn und Reichspost und sonstiger öffentlicher Körperschaften, Auftragserteilungen in Höhe von Hunderten von Millionen. Die Aufträge werden aber nur unter der Bedingung zugewiesen, daß das Unternehmen keine weiteren Arbeiter- und Angestelltenentlassungen vornimmt, geschweige denn irgendwie tarifbrüchig ist. " Mit dem Arbeitsbeschaffungsprogramm wird ja gerade das Gegenteil, nämlich möglichste Steigerung der Beschäftigtenziffer, als wichtigstes Ziel angestrebt. Infolgedessen liegt eine große Gefahr darin, daß derartige lohn- und tarifpolitische Hochspannungen in einem Augenblick bestehen, in dem nun die von demselben Arbeitsminister angekündigte .Sanierungsaktion" in großem Umfang einsetzen soll.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Die Tarif- und Lohnstreitigkeiten in der M e t a l l. i n d u st r i e , die sich von Berlin auf das Reich auszudehnen scheinen, haben zu Erwägungen über ein Eingreifen des Reichsarbeitsministeriums geführt.
* Der Braunschweigische Landtag hat seine Auflösung beschlossen. Die Neuwahlen finden am 14. September zugleich mit den Reichstagswahlen statt.
* Die Unruhen in Mittelchina nehmen größeren Umfang an und drohen zu internationalen Verwicklungen zu führen.
* Das englische Luftschiff R 100 ist heute vormittag um 10.20 Uhr M.E.Z. aus dem Flugplatz St. Hubert bei Montreal (Kanada) gelandet.