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Tageblatt für Rhön unö Vogelsberg Zulöa-unö Haunetal »ßulöaer Kreisblatt

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Nr. 160 1930

Fulda, Freitag, 11. Juli

7. Jahrgang

151 Bergleute fanden im Schacht den Tod!

Die furchtbare Katastrophe in Schlesien. Keine Rettung für die Eingeschlossenen. Entsetzen und Verzweiflung in Neurode.

Leider scheint sich die Vermutung zu bestätigen, dah sämtliche in dem Unglücksschacht noch eingeschlossenen Bergleute den Tod gefunden haben. Die Rettungsarbeiten machten zeit­weise während der Nacht Fortschritte, so dah insgesamt bis jetzt 104 Leichen geborgen wurden. Die Ursache der Katastrophe konnte noch nicht festgestellt werden.

SchreLeiisMer von der llngliidtsftätte.

Das Grubenunglück, das das Neuroder Kohlen­revier in Schlesien heimsuchte, wächst sich zu einer Kata­strophe von geradezu entsetzlichem Ausmage aus. 104 Berg­leute sind als Tote geborgen worden. Nur 49 konnten dem Tode entrissen werden, und man hofft, wenigstens diese am Leben erhalten zu können. An 58 Bergleute aber sind auf dem Kurtschacht der Wenzeslaus-» grube noch immer verschüttet und man sieht nur geringe Rettungsmöglichkeiten. Die Hoffnung, die Eingeschlosse­nen lebend ans Licht zu bringen, schwindet von Minute zu Minute. So ist denn kaum daran zu zweifeln, daß

die Zahl der Toten sich auf 151 erhöhen

wird. Die Körper der geborgenen Toten sind durch die Gase aufgedunsen und über und über mit Blut bedeckt. Sie sind deshalb nur schwer zu identifizieren. Die Rettungsmannschaften arbeiten angestrengt unter Ein­setzung ihres eigenen Lebens, und mehrere von ihnen wurden, während sie vorwärtszudringen versuchten, von den giftigen Gasen betäubt.

Das Gas weicht nicht und der Lufchrucl iut Schacht ist so stark, daß das Rettungsgerät versagt und der Rettungsmannschaft die Schutzmasken vom Gesicht gerissen werden. Ein Bild von dem gewaltigen Ausmaß der Katastrophe kann man sich machen, wenn man bedenkt, daß die Gase

2900 Meter von dem eigentlichen Ursprung der Kohlensäurcexplosion

in den Hauptschacht der Wenzeslausgrube nach Mölke ge­trieben wurden. Trotzdem versucht man immer wieder, die mit Gas verseuchte Grube mit Kompressoren und anderen Mitteln zu entlüften. Über die Ursache des Un­glücks weiß man and) jetzt nur, daß es sich um einen Ko h l e n s ä u r e a us b r uch von ungeheurem Ausmaße handelt. Weithin vernehmbar war der dumpfe Knall, so daß die an Kohlensäureausbrüche ge­wohnte Bevölkerung jähes Entsetzen befiel. Tie Bergleute, die nach getaner Arbeit sich im Kreise ihrer Familie be­fanden, stürzten eilig nach der Grube, als von schreckens­bleichen Lippen der Alarmruf ertönte. Der Steiger Schwerdtner fuhr seiner Abteilung sofort nach, um noch zu retten, was zu retten war. Aber er konnte nicht helfen: als erstes Todesopfer wurde er geborgen. Der Steiger Hoffmann geriet bei dem Rettungsversuch in eine Starkstromleitung und fand gleichfalls den Tod.

Oie Verzweiflung der Bevölkerung.

Die Bevölkerung ist verzweifelt. Fast an keinem Hause ist der Todesengel vorübergegangen. Hier beklagt man zwei, dort drei Tote, dort sind es sogar acht. Viele hat das Leid starr gemacht: sie schließen sich in ihren Häusern ein. Es ist ein Jammer ohnegleichen, der die an sich schon an Not und Elend gewohnte Bevölkerung be­troffen hat. Vor dem Kriege betrug die Belegschaft des Unglücksschachtes 1400 Mann. Nach dem Kriege setzten die Entlassungen, setzte die Not ein. Noch vor kurzem sind 400 Bergarbeiter entlassen worden. Einige der Ver­unglückten standen vor der Entlassung, sie wußten davon, hat sie doch der Bergmannstod ereilt.

Jaemanb war auf das Unglück vorbereitet. Da immer mit der Gefahr der Kohlensäureausbrüche gerechnet wurde, hatte man sich auf sie eingestellt und sie allmählich reguliert. Man sorgte durch ein Entlüftungsverfahren für das Abziehen der Gase. Oder man brachte durch

Erschütterungsschießen mittels elektrischer Fernzündung

die Gase rechtzeitig zur Entladung. Noch am Sonntag hatte man die Grube durch das Erschütternngsschießeu gereinigt, so daß memand an die Möglichkeit eines Kohlensäureausbruches dachte. Und nun haben sich die Naturgewalten als stärker erwiesen. Fest steht es, daß der Kohlensäureausbruch auf dem K u r t s ch a ch t in Hausdorf, einem Nebenschacht, auf dem zurzeit nur Deputatkohle gefördert wird, erfolgte, sich aber dann mit ungeheurer Geschwindigkeit nach Mölke, dem Hauptschacht, zuwandte.

Eine amtliche Erklärung.

Von amtlicher Seite wird mitgeteilt, es sei immerhin noch eine geringe Hoffnung vorhanden, die einge- idrosselten Bergleute zu retten. Das Unglück stehe einzig da Es gäbe in Deutschland nur vier Gruben, in denen Kohlensäureausbrüche vorkämen. In diesen Gruben habe die Gefahr, der Ausbrüche in den letzten Jahren zugenommen. Im Jahre 1929 hätten auf der Wenzeslaus- arube 35 Kohlensäureausbrüche stattaefunden: zu Un­

glücksfällen sei es dabei nicht gekommen. Der' jetzige Ausbruch habe die vielfache Stärke der bisherigen Aus- brüche gehabt. Die Sicherheitsmaßnahmen beständen darin, daß von sicherer Stelle aus Sprengschüsse abgegeben würden, durch die das Gebirge erschüttert werde, wodurch die Kohlensäure zum Ausbruch gereizt werde. In den nächsten Tagen werde an zuständiger Stelle über eine eventuelle Stillegung der betroffenen Abteilung der Wenzeslaus-Grube beraten werden.

Das Beileid des Reichspräsidenten.

Die R e i ch s r e g i e r u n g und die preußische Regier» ng haben dem Grubeuvorstand und dem Be­triebsrat anläßlich des schweren Unglücks thr herzlichstes Beileid ausgesprochen. Ter Reichspräsident sandte ein Beileidstelegramm an den Regierungspräsidenten in Breslau und überwies als erste Spende 10 000 Mark. Das preußische S t a a t s m i n i st e r i u m hat für die Hinterbliebenen der Opfer 100 000 Mark. bcreitgestellt. ^m BaycrischenLandtag brachte der Präsident die aufrichtigste Teilnahme Bayerns an dem großen Gruben­unglück zum Ausdruck.

Die Wenzeslausgrube bei Neurose.

Die. Zahl her Toten erhöht sich.

Alle Rettungsversuche auf den: Haus« dorfer U n g l ü ck s s ch a ch t vergeblich.

Im Laufe des Nachmittags gelang es, noch elf Berg­leute der Abteilung 17 aus dem Kurt-Schacht zu bergen. Wie jetzt amtlich festgestellt wird, haben sich bei dem Kohlcusäurecinbruch 211 Bergleute im Schacht befunden. Die Gesamtzahl der geborgenen Toten beträgt jetzt 92, die der noch Eingeschlosscneu 70. Nach Mitteilung der Grubenleitung besteht keine Aussicht, daß von den noch cingeschiosscnen Arbeitern irgendeiner lebendig geborgen wird. Von den lebend geborgenen sind inzwischen sieben der Vergiftung erlegen. Bei einem Versuch der Rettungs- mannschaften,

in den Llnglücksschachi einzudringen, strömten aus einer geöffneten Wettertür so starke Kohlen säureschwadcn, daß der Versuch sofort als undurchführbar aufgegeben werden mußte. Man versuche jetzt, eine Be- lüftungseinrichtung zur Entgasung zu schassen.

Oie Gchuldfrage.

In Neurode traf eine Regierungskommission ein, der Oberpräsident Lüdemann und Oberbergrat Ebbinghaus vom preußischen Handelsministerium angehören. Die end­gültige Klärung der Ursachen des Unglücks wird erst nach erfolgter Räumung der Strecke erfolgen können.

Die Arbeitsverhältnisse auf der Wenzeslaus-Grube waren im Zusammenhang mit größeren Unfällen der letz­ten Jahre auch vor dem Forum des Gerichtes Gegenstand der Debatte.

Vor den Schachtanlagen sammelten sich immer wieder große M e n s ch e n m a s s e n an. Abends hielt der kommunistische Landtagsabgcordneie Wollweber eine An­sprache über denKumvelmord".

12 weitere Bergleute geborgen.

In der letzten Nacht ist es lediglich gelungen, die 12 Toten der Abteilung 17, die man gestern im Laufe des Tages entdeckt hatte, an die Erdoberfläche zu bringen, wo sie am Zechenge- baudc der Wenzeslausgrube aufgebahrt wurden. Weitere Tote sind bisher noch nicht geborgen worden, da sich den Rettungs­mannschaften zu große Schwierigkeiten entgegenstellen.

Als gestern abend einer der Leichtoerunglückten mit den an­wesenden Bergräten wieder in die Grube einfuhr, um an Ort und Stelle die Vorgänge bei dem Unglück zu schildern, erlitt er einen Nervenschock und mußte wieder zu Tage gebracht werden.

Ere Nouvelle" ehrt die Toten von Hausdorf.

Die radikale französische ZeitungEre Nouvelle" schreibt zu der großen Katastrophe von Neurode: Wir wollen bei einem derartigen Anlaß nicht verfehlen, dem Gedächtnis der Berg­arbeiter, die den Tod gefunden haben, den Tribut unseres menschlichen Mitleids zu zollen und den Witwen und Waisen unser Beileid zum Ausdruck zu bringen. Man hat in den letz­ten Tagen allzusehr von einigen bedauerlichen Zwischenfällen gesprochen, die sich durch den nationalistischen Wahnsinn erklä­ren, aber nicht rechtfertigen lassen und die der offizielle Bericht Tirards richtig gestellt hat unter Hinweis darauf, daß der Ab­zug der französischen Truppen sich unter vollkommen korrekten Bedingungen vollzogen habe. Wir haben, wie es angebracht war, die Zwischenfälle, die sich nach der Räumung ereigneten, getadelt, aber erklärt und wir wiederholen, es, gleichgültig, was gewiße Kreise über uns sagen, daß es nicht sehr nützlich ist, aus diesen Tatsachen Schlüsse zu ziehen, die in den Tatsachen nicht enthalten sind. Wir glauben, daß die deutsche Regierung aufrichtig ist, wenn sie die Agitatoren tadelt. Frankreich und Deutschland, die durch eine törichte Laune des Geschicks so lange getrennt waren, müssen sich in gemeinsamen Bemühungen um einen Ausgleich, um die Verwirklichung der Solidarität und Gerechtigkeit zusammenschließen. Uns scheint es besser und menschlicher zu fein, angesichts der gewaltigen Katastrophe. in Schlesien, die peinlichen Zwischenfälle in den rheinischen Städ­ten zu vergessey und uns in einem brüderlichen Gefühl der Trauer um die Opfer einander zu nähern.

DieGrobenkatastrophe vor dem Reichstag

(196, Sitzung.) CB. Berlin, 10. Juli.

Das Haus ist außerordentlich gut besetzt. Präsident Löbe eröffnet die Verhandlungen mit einer Ansprache anläßlich der schweren Grubcnkalastrophc in Schlesien, während die Abgeordneten sich von den Sitzen erheben Prä­sident Löbe führt aus, man sei bis jetzt vergeblich bemüht ge­wesen, zu dem Ursprungsherd der Katastrophe vorzudringen und die eigentlichen Ursa ch e n des Kohlcnsäurceinbruchs sestzusteUen. Präsident Löbe fährt fort: Wir kennen noch nicht die vollen

unheimlichen Ausmaße deS Unglücks, mir wissen noch nicht, inwieweit menschliches Vergehen oder Versehen dazu beigetragen hat, inwieweit unbeherrschbare Raturkräste das Unglück veranlaßt haben In diesem Augen­blick müssen wir uns daraus beschränken, die Behörden um eine genaue Un 1 ersuchung der Ursachen zu bitten und den Angehörigen der Verstorbenen und den Verletzten

unsere innigste Teilnahme

auszusprechen. Gleichzeitig geben wir aber Die Versicherung ab, daß allgemeine Mittel eingesetzt werden müssen, um die Not zu lindern, die dieser Schlag dem ohnehin als Elends- r e v i e r bekannten Gebiet und seinen Familien zugefügt hat. Wir sprechen den Opfern und den betroffenen Familien daS tiefste Mitgefühl und unseren aufrichtigen Schmerz aus. Ich zweifle nicht daran, daß auch der Reichstag bereit sein wird, bei der Hilfsaktion ausreichend mitzuwirken.

Nach dieser Ansprache des Präsidenten teilt er mit, daß bereits ein Antrag vorliegt, die Reichsregterung um aus­reichende Mittel zur Linderung der durch die Katastrophe ent­standenen Not zu ersuchen Den Angehörigen soll in den schweren Stunden

sofort beigcstandcn werden.

Von den Kommunisten wird weiter die sofortige Bereitstellung einer Million Mark verlangt. Beide Anträge werden vor­läufig an den Schluß der heutigen Beratung gesetzt.

Auf der Tagesordnung stehen dann Anträge des Geschäfts- ordnungsausschusses über Strafverfolgung einiger Ab­geordneten. Die Genehmigung soll erteilt werden für die kommunistischen Abgeordnete» Schneller und M a s - l o w ski, für den nationalsozialistischen Abgeordneten Feder und für den deutschnationalen Abgeordneten Grafen W e st a r p.

Bei der Abstimmung über diese Anträge wird die Aus­hebung der Immunität des Avg. Maslowski (Komm.) mit 151 gegen 101 Stimmen bei 58 Enthaltungen beschlossen. Die Aufhebung der Immunität des Abg Grafen W e st a r p (Din.) wird unter großer Heiterkeit einstimmig abgelehnt. Die übrigen Ausschußanträge werden genehmigt Daran schließt sich die

Schlußabstimmilug über daS Brolgcsctz. Abg. Simon Franken (Soz.) verliest im Namen seiner Fraktion eine längere Erklärung. Die Sozialdemokraten waren nach

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Die Neichsregierung hat der Tariferhöhung der Reichs­bahn zum 1. September zugestimmt.

* Von den bei der Grubenkatastrophe in Schlesien eingefchlof- fenen Bergarbeitern sind bisher 104 tot geborgen worden. Da eine Stellung der übrigen noch nicht möglich war, ist damit zu rechnen, daß insgesamt 151 Opfer zu beklagen sind.

* Der britische stellvertretende Generalkonsul in Marseille ist seit einigen Tagen spurlos verschwunden.