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Nr. 152 — 1930
Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zulöa- und Haunetal »Zulöaer Kreisblatt
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7. Jahrgang
Gruß den Befreiten!
Vefreiungsseiern in Stadt und Land
Das deutsche Volk dankt den rheinischen Brüdern.
Die nächtlichen Befreiungsfeicrn im Rheinland und tn der Pfalz fanden ihren freudigen Widerhall in ganz Deutschland. Stadt und Land nahmen teil am Jubel der befreiten Bevölkerung und gaben dieser Teilnahme Ausdruck durch reiche Beflaggung, Blumenschmuck und würdige Gedenkfeiern. Im einzelnen ist darüber noch folgendes zu berichten:
21 Salutschüsse künden die Befreiung.
Heller Sounenglanz lag über dem Lustgarten in Berlin, als die Wachbattcrie des Artilleriercgiments 1 dem befreiten Rheinland den Gruß der Reichshauptstadt entbot. Mit klingendem Spiel zog die Truppe, von einer vieltausendköpfigen Menge jubelnd begrüßt, durch das Brandenburger Tor und die Linden zum Lustgarten. Hier erwarteten der Chef der Heeresleitung, Generaloberst Heye, und der Stadtkommandant von Berlin die Truppe. Bier leichte Feldhaubitzen kündeten mit 21 Salutschüssen der schweigend verharrenden Zuschauermenge die endliche Stunde der Befreiung der Rheinlandc. Sämtliche Kirchenglocken läuteten eine Stunde lang.
Befreiungsfeier in München.
München zeigt aus Anlaß der Rheinlandbefreiuug überaus starke Beflaggung. Im lorbeergeschmückten großen Sitzungssaal trat der Stadtrat zu einer Sondersitzung zusammen, in der Bürgermeister Geheimrat Dr. Küfner die Festrede hielt. An den Reichspräsidenten von Hindenburg wurde folgendes Telegramm abgesandt: Auf der Festsitzung zur Feier der Pfalz- und Rheinland- befreiung unterbreitet der Stadtrat der Landeshauptstadt München unserem allverehrten Reichspräsidenten den
Freude âd ehrerbietige Grüße.
Danzig grüßt die Brüder am Rhein.
Im Danziger Senat wies Präsident Dr. Sahm auf die Bedeutung des Tages für die Bevölkerung des Deutschen Reiches hin und ‘betonte, wie sehr die deutsche Bevölkerung der Freien Stadt Danzig an diesem Tage ihrer Brüder am Rhein gedenkt und wie sie sich mit ihnen über alle Grenzen hinweg in dem Gefühl ber Freude darüber verbunden fühle, daß ein bedeutender Schritt zur Liquidierung der Folgen des Krieges getan sei.
Einzug der Landespolizei.
Ein besonderes Gepräge trugen die Befreiungsfeiern in Ludwigshafen und Speyer durch den Einzug der bayerischen L a n d e s p 0 l i z c i. Um 7.15 Uhr lief in Mannheim der Sonderzug aus Aschaffenburg ein, der das 630 Mann starke Pfalzkommando der Landespolizei brachte. Unter den Klängen der bayerischen Poli- zeikapclle bewegte sich der Zug zum Ballhaus, wo die Mannschaft die Mitternachtsstündc erwartete. Bereits zwei Stunden vor Mitternacht staute sich auf der badischen Seite der Rheinbrücke eine große Menschenmenge, die stark anwuchs. Wenige Minuten vor Mitternacht erschien die bayerische Landespolizei, von der unübersehbaren Menschenmenge jubelnd begrüßt. Die Brückenfronten erstrahlten im magischen Licht und Raketen und Böllerschüsse kündeten die nahe Mitternachtsstündc. Mit dem Glockellschlag zwölf betrat die Spitze des Zuges die Brücke. Von den Türmen der Stadtkirchen erklang feierliches Glockengeläut und vereinigte sich mit den Sirenen der' Fabriken. Inmitten zahlreicher pronunsnter Behördenvertreter entbot Staatsminister M. Stützel der Landespolizei ein herzliches Willkommen.
Kranzniederlegung der Reichsbchördcn.
Aus Anlaß der Befreiung der rheinischen Lande hat nameüs der Reichsregierung der Reichsminister des Innern an den Gräbern des verstorbenen Reichspräsi denten Ebert und aller verstorbenen Reichsminister Kranze nietzerlegen lassen in dankbarer Erinnerung an die Verdienste dieser Männer um bie Räumung der belebten Gebiete.
Hilfe für den befreiten Westen.
Finanzierung der produktiven Erwet'-slosenfürsorge.
Bauerndörfer im Osten.
Der Reichstag stand heute unter dem Eindruck der Feier- .ichkeitcn für die befreiten Gebiete und aus diesem Grunde hatte man auch trotz drängender Arbeit die Sitzung erst aus 3 Uhr nachmittags angesetzt. Präsident Löbe machte bei Beginn der Sitzung Mitteilung von einem G l ü ck tu u n f di« tclegraniin, das das Wien e r P arlainent aus Anlaß der Rheinlandräumung an seine Berliner Kollegen geschickt hatte..
Das Haus trat dann in die Beratungen ein und nahm den Antrag des Abg. Esser an, der gestern unter Zustimmung aller Parteien von den Sozialdemokraten bis zu den Nationalsozialisten als erster Punkt auf die Tagesordnung gesetzt wor- bcii war und der die gesetzliche Sicherstellung der für den befreiten Westen vorgesehenen Wirtschaftshilfe bezweckt. Ein gewiß erfreuliches Bild, das geeignet ist, den Willen des Deutschen Reichstages zu dokumentieren, daß er bereit ist, ohne Unterschied der Parteien positive Arbeit für den wirtschaftlichen Wiederaufbau der jetzt befreiten Gebiete zu leisten. Nur die Kommunistische Partei ließ durch
Der Bund des Blutes und des Geistes.
Bei der Befreiungsfeier in Speyer hielt der Reichsminister für die besetzten Gebiete, Treviranus, eine Rede, in der es u. a. hieß:
„Das deutsche Volk dankt an diesem Ehrentage der Pfalz für die in den hinter uns liegenden Jahren bewiesene Treue. Die Pfalz wird sich aber erst dann frei fühlen, wenn die weißblauen Grenzpsähle auch die Saarpfalz wieder umfassen. Der Bund des Blutes und des Geistes heimattreuer Verbundenheit, der zwischen allen Schichten des Volkes im Schützengraben geschlossen wurde und als tiefstes Erlebnis unserer Zeit an die kommenden Geschlechter vererbt werden soll, ist im besetzten Gebiet in zähem stillen Wirken immer wieder erneuert worden. Lange noch werden wir Notzeit haben, ehe sich Volk und Reich wieder alter Kraft und Blüte er*1 freuen dürfen. Sollte uns dies nicht aus der Not des Alltags Herausreißen in Gleichklang des Blutes und des Stolzes über den Sieg des Einheitswillens wider alle feindlichen Gewalten? So sei der heutige Tag ein Tag der Erhebung und der Hoffnung."
Die Befreiungsfeier am Niederwalddenkmal.
Rüdesheim, 1. Juli.
Tausende von Menschen hatten sich um die Mitternacht auf dem Niederwald zur Befreiungsfeier eingefunden. Ein Wald von Fahnen der Vereine aus Rüdesheim und dem ganzen Rheingau wehte vor dem Nationaldenkmal. Um die Mitternachtsstunde leiteten Glockengeläute, das Heulen der Schiffssirenen und Böllerkrachen die Befreiungsstunde ein. Die versammelten Feuerwehrkapellen von Rüdesheim, Geisenheim, Atz- mannshausen intonierten das Altniederländische Dankgebet. Langsam stiegen links und rechts vom Niederwalddenkmal die schwarz-rot-goldene und die schwarz-weiße Fahne am Mast empor. Landrat Dr. Mülhens hielt die Wuherede. Er gedachte der qualvollen Jahre, die be> Rheinland über sich ergehen lassen mußte, der Brüder an der Saar und der gefallenen Helden. Seine Worte klangen in das Gelöbnis aus: Wir wollen wie Ihr in unerschütterlicher Treue unserem geliebten Vaterland ergeben sein, mag kommen wasda kommen mag. Und )o grüßen wir dieses Vaterland, wir, die wir die Ehre haben, Hüter seines Nationalheiligtums, des deutschen Einheitsdenkmals, unter dem wir jetzt stehen, sein zu dürfen, mit dem Schwur: Der Rhein, Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze. Nach dem begeistert aufgenommenen Hoch folgte das Deutschlandlied. Ein Fackelzug nach Rüdesheim, wo die Fackeln zusammengeworfen wurden, bildete den Schluß der erhebenden Feier.
Befreiungsfeier der Deutschen in Rio de Janeiro.
Die deutsche Kolonie in Rio de Janeiro hat die Räumung des Rheinlands festlich begangen. Der deutsche Gesandte hielt bei dieser Gelegenheit eine Ansprache.
Oberhessen grüßte das freie Rheinhessen.
Die Oberhessische Provinzialdirektion in Gießen hat an die rheinhessische Provinzialdirektion in Mainz folgendes Glückwunschtelegramm gerichtet: „Die Provinz Oberhessen übersendet der Schwesterprovinz die wärmsten Glückwünsche zur Befreiung von fremder Besatzung. Die rheinhessische Bevölkerung hat um ihres Deutschtums willen über ein Jahrzehnt vieles erdulden müssen. Sie hat für das gesamte deutsche Volk große Opfer gebracht. Es sei ihr dafür herzlichst gedankt. Wir wünschen der befreiten Provinz ein neues Aufblühen. Graef, Provinzialdirektor."
Österreichs Glückwünsche.
Der Österreichische Bundespräsident Miklas hat an den - Reichspräsidenten folgendes Glückwunschtelegramm gerichtet: „Anläßlich der vollendeten Rheinlandräumung drangt cs mich, Eurer Exzellenz zu versichern, daß dieses für bie Geschichte des gesamten deutschen Volkes benf- würdlge Ereignis auch beim deutschen Volk in Österreich brüderliche Gefühle der aufrichtigsten Freude auslöst."
den Mund des Abg. Torgler mittelten, daß sie „dieses Täuschungsmanöver der bürgerlichen Parteien ablehnc".
Nach diesem Zwischenspiel trat dann das Haus in die weitere Beratung über den Etat des Arbeilsministeriums ein. Hierbei standen im allgemeinen wieder die schon in den Vortagen besprochenen sozialpolitischen Probleme im Vordergrund der Debatte.
*
Sitzungsbericht.
(188. Sitzung.) CB. Berlin, 1. Juli.
Zur Beratung stand zunächst der Antrag aller Parteien mit Ausnahme der Kommunisten, der
die gesetzliche Sicherstellung der für den freien Westen
vorgesehenen Wirtschastsbcihilsc betrifft.
Abg. Torgler (Komm.) gibt dazu eine Erklärung ab, aus der hervorgcht, daß die Kommunistische Partei den Antrag als eine Aktion zur Täuschung der wrrrlatigcn Masten betrachte und ihn aus diesem Grunde ablehnc.
Der Antrag wurde darauf mit allen Stimmen gegen die Stimmen der Kommunisten angenommen.
Das Haus setzte dann die zweite Beratung des Haushalts des R e t cd s a r b e i t a m t n i ft o r t » «. a t^
Abg. Büll (Dem.) verlangte die schleunige Vorlegung eines Gesetzentwurfes über die Neuregelung der Ladenschlußzeit.
Abg. Mönke (Ehristlichnat. Bauernpartei) wandte sich gegen Mißbräuche in der Sozialversicherung, die durch scharfe Kontrollen beseitigt werden müßten. Der Redner wandte sich auch gegen die feit Jahren festgestellte» Schäden in der Krankenversicherung. Srantewgelb und Lohn gleichzeitig zu beziehen, sei nicht nur unmoralisch, sondern auch strafbar. Werde dieser Betrug nicht beseitigt, dann sei eine Sanierung der Krankenkasse unmöglich.
Abg. Dr. Pfeffer (D. Vp.) machte die Sozialpolitik der letzten zehn Jahre verantwortlich für die jetzigen katastrophalen Zustände, aus denen die Wirtschaft keinen Ausweg sehe. Aber nicht mit der jetzigen Notreform könne man Abhilfe schaffen, sondern nur durch eine Änderung der Grundlagen der Arbeitslosenversicherung.
Abg. Frau Arendsee (Komm.) warf der Regierung vor, daß sie auf Kosten der Kranken und Schwachen aus der Krise herauskommen wolle. Darin zeige sich die Brutalität der kapitalistischen Gesellschaftsordnung.
Abg. Beck-Oppeln (Ztr.) trat für eine
energische Siedlungspolitik
ein. Es sei notwendig, im Osten deutsche Bauerndörfer zu schaffen, die einen festen treudeutschen Wall gegen das Slawentum darstellten.
Reichsarbeitsminister Dr. Stegerwald wies dann Ausführungen des sozialdemokratischen Abgeordneten L i t k e zurück, der behauptet hatte, daß das Arbeitsministerium bei der Abfassung der Novelle zur Krankenversicherung die Forderungen der Arbeitgeberverbände über- nonimen habe. Ter Minister betonte dann, daß die Aufwendungen der Krankenkasse für Ärzte und Apotheker übertrieben hoch wären. Sie betrugen jetzt jährlich über 600 Millionen, während nur 225 bis 250 Millionen erforderlich wären, wenn man jedem Kassenarzt das hohe Gehalt von 15 000 Mark geben wollte. Eine Verringerung des übertriebenen Aus- wandeß könne nur auf dem Wege der Vorlage erreicht werden. Die Versicherten würden dadurch weniger belastet als durch eine Verteilung der Kosten auf die Beiträge. Der Minister teilte weiter mit, daß für die
Finanzierung der produktiven Erwcrbslosenfürsorqe Verhandlungen mit einer ausländischen Bank zur Aufnahnie eines Darlehens im Gange waren.
Das verhüllte Siraßburgöenkmal.
Trauerflor wegen der Räumung.
Der Präsident der Nationalen Liga für die Rettung des französischen Volkes veröffentlicht anläßlich der Rheinlandräumung eine Kundgebung, die ein sehr treffendes Licht auf die Gesinnung der nationalistische« französischen Kreise wirft. In der Kundgebung wird u. a. betont, daß sich Vertreter der Liga „anläßlich der Aufgabe der Wache der französischen Sicherheit und des europäischen Friedens am Rhein" zum Denkmal der Stadt Straßburg in Paris begeben hätten, um dieses Denkmal mit einem langen Trauerflor zu umgeben, so, wie es während der letzten fünfzig Jahre vor dem Weltkrieg zum Zeichen der Trauer Frankreichs um den Verlust des Elsaß verhüllt war.
Blutiger Zapfenstreich.
Tumulte bei der Befreiungsfeier in Breslau.
Bei der Befreiungsfeier in Breslau kam es zu Tumulten, die Verletzungen zahlreicher Personell zur Folge hatten. Zu dem Zapfen streichderReichs- w e h r auf dem Platz vor dem alten Schloß hatte sich eine große Menge Schaulustiger eingefunden. Während Der Feier ertönten laute Rufe gegen das Militär und es entstand eine Panik unter dem Publikum. Die Demonstrationen setzten sich beim Abmarsch der Truppe fort und zwangen die Polizei zum Eingreifen. Als bie Menge immer mehr anwuchs und eine drohende Haltung einnahm, ging die Polizei mit dem Gummiknüppel vor und es gab mehrere Verletzte. Zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen, bis endlich gegen Morgen erst bie Ruhe wiedcrhcrgestellt werden konnte.
Die schwarze Landvolkfahne.
Sie soll in Neumünster zurückgegeben werden.
Der Friede zwischen der Stadt Neumünster und dem Landvolk war, wie berichtet, durch versöhnende Aufrufe der beteiligten Stellen wiederhergestellt worden. Die seinerzeit in Neumünster beschlagnahmte schwarze L a n d v 0 l k f a h n e , die den Anlaß zu den blutigen Zusammenstößen gebildet hatte, sollte am 4. Juli in Neumünster in feierlicher Weise und in Anwesenheit Tausender von Landleuten aus ganz Schleswig-Holstein dem Landvolk zurückgegeben werden. In der Sitzung der städtischen Kollegien wurde jedoch von dem Polizei- dezernenten mitgeteilt, daß der Regierungspräsident von Schleswig für den 4. Juli sämtliche Umzüge und Veranstaltungen unter freiem Himmel in Neumünster verboten habe.
Kleine Zeitung für »ilige Leser.
* Der Reichstag stimmte der für den befreiten Westen vorgesehenen Wirtschastgchcihilse mit Ausnahme der Kommunisten zu.
* Der 1. Juli wurde als Tag der Befreiung des Rhein- landes im ganzen Reich gefeiert.
* Die Befreiungsfeier der preußischen Staotsrcgierung wird im Beisein des Reichspräsidenten am 22. Juli in Koblenz u,u4c;..x—