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Zul-aer /lnzeiger

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Nr. 142 1930

Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zulöa- und Haunetal * Zul-aer Kreisblatt

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7. Jahrgang

Fulda, Freitag, 20. Zum

Kampf um Moldenhauer

Umarbeitung der Steuervorlagen.

Vortrag beim Reichspräsidenten.

Mit dem Beschluß des Reichskabinetts, dem Reichs­präsidenten die Entscheidung darüber zu überlassen, ob das Rücktrittsgesuch des Rcichsfinauzministcrs Dr. Moldenhauer in die Tat umgesetzt werden soll oder nicht, ist die Lösung der Regierungskrise um ein paar Tage hinausgeschoben worden. Reichspräsident von Hiuden burg befindet sich auf seinem Gut Neudeck, wo er seit den Pfingsttagen Erholung sucht. Der Leiter der Staats­kanzlei des Reichspräsidenten, Staatssekretär Dr. Meißner, hat sich nach Neudeck begeben, um Hindenburg Vortrag über das Nücktrittsaesuck des Reicksfinanzministers und

Gut Neudeck in Ostpreußen, wo sich der Reichspräsidenten gegenwärtig aushält.

Vic innenpolitische Lage zu hatten. Staatssekretär Dr. Meißner wird die Information Hindenburgs aus eigenen Anschauungen vornehmen, die er sich bei der letzten Sitzung des Reichskabinetts, an der er selbst teilgenommen hat, ge­bildet hat. Ob und wann Reichskanzler Dr. Brüning sich auch nach Neudeck begibt, um dem Reichspräsidenten Vortrag über die Lage zu halten, steht noch nicht fest. Die ebenfalls für Donnerstag geplant gewesene Reise hat der Reichskanzler aufgegeben, da er an der Länderkonferenz, die am Freitag in Berlin zusammentritt, gern persönlich tcilnehmen möchte.

Die Deutsche Volkspartei scheint sich mit dem Be­schluß des Reichskabinetts, Dr. Moldenhauer auf alle Fälle zu halten, nicht zufriedengeben zu wollen. Sie will sich auf jeden Fall von Moldenhauer als Reichsfinanz? minister trennen. Dr. Scholz, der Führer der Deutschen Volkspartei, stattete dem Reichskanzler einen Besuch ab, wobei Dr. Scholz den Reichskanzler Hai wissen lassen, daß die Volkspartei das Kabinett nicht weiter unterstützen würde, wenn Dr. Moldenhauer im Amte verbleiben sollte. Mit diesem neuen Schritt von Dr. Scholz dürfte eigentlich das Schicksal Dr. Moldenhauers besiegelt sein. Daran dürften auch kaum die Versuche des Reichskanzlers etwas ändern, der in Gemeinschaft mit Dr. Moldenhauer daran- gegangen ist, die Steuerpläne, vor allem das Not­öpfer, einer Umarbeitung zu unterziehen. Besonders das Notopfer soll etwas spezialer gestaffelt werden, außerdem will man versuchen, die von allen Seiten geforderten Abstriche am Haushaltsplan vorzunehmen.

Michsrat am Sonnabend.

Der Reichsrat ist für Sonnabend zu einer Sitzung einberufen worden. Von den Deckungsvorlagen steht allein der G e setz en tw u rf zur Änderung d e s Ar­beitslose uvcrsichcrungsgesetzes auf_ der Tagesordnung. Neben weiteren kleineren Vorlagen sollen ferner die Ausführungsbestimmungen des Reichs zum Gaststüttenqesetz erledigt werden. Die Gesetzentwürfe über die Reichshilfe der Festbesoldeten, das Ledigennolopfer und die Reform der Krankenversicherung sind zunächst nur zum Zwecke der formalen Altsschußüberweisung auf die Tagesordnung gesetzt worden.

Ablösung vor!

Des großen Humoristen Julius Stettenheim bekannte Journalistenfigur Wippchen er pflegte mit besonderer Vorliebe in einem Satz zwei Sprichwörter oder Bilder ähnlicher Art kühn durcheinanderzuquirlen wurde das Verhalten der Parlamentsmitglieder bzw. -frakttonen zu der gegenwärtigen Krise mit dem treffenden Worte kennzeichnen:Ein g e b r a n n t e s K i n d s ch e u t d a s Reifee Eise n" wobei unter diesemheißen Eisen das Reichsfinanzministerium zu verstehen ist. Auch Doktor Moldenhauer droht in der Versenkung zu verschwinden, obwohl er doch noch nicht ein halbes Jahr auf der Buhne der Politik als Finanzminister agierte. Man hatte ihm wegen seines Auftretens auf der Haager Konferenz recht viele unp nicht ganz unverdiente Lorbeerkranze gesttztet; aber die sind jetzt vertrocknet, verstaubt und die Goldschnft auf den Schleifen ist schon halb unsichtbar gewordem

»Von seinen Freunden verlassen" oder mehr noch als d'.es: von seiner eigenen Fraktion recht deutlich gemahnt,

Amt aufzugeben, hat Dr. Moldenhauer geglaubt, Mem Mißtrauen Rechnung tragen zu müssen, also zu âehen. Das entspricht nur den Gepflogenheiten demo- traWDarlamentarii'd) aefübrter Reaierunaen: ein Mr-

nister, dem ausdrücklich, gleichgültig, ob offen oder ver­hüllt, die für die Durchführung seiner politischen Absichten notwendige parlamentarische Mehrheit nicht länger zur Seite stehen will, ihm sogar in betonter Deutlichkeit gegcn- übertritt, muß eben gehen, da er ja laut Verfassung für seine Geschäftsführung des Vertrauens des Reichstages bedarf. Daß Dr. Moldenhauer dies nicht mehr besitzt, sagt er sich selbst und zieht die Folgerungen daraus. Besonders, da es eben die eigenen Parteifreunde sind, die ihm den Wink mit dem Zaunpfahl gaben.

Trotzdem hat das Kabinett einstimmig den bisherigen Reichsfinanzminister ersucht, im Amt zu bleiben, und der Reichskanzler will demgemäß auch den Reichspräsidenten dazu veranlassen, Dr. Moldenhauer im Amt zu halten. Das kompliziert natürlich die an sich schon sehr ver­worrene innenpolitische Lage noch mehr. DieReichs- hikfe" laut Vorschlag des Kabinetts ist vom Rcichsrat ebenso abgelehnt worden wie die Hilfestellung, die Preußen mit seiner neuen Anregung einer L^prozentigen Sonder­einkommensteuer zugunsten der Arbeitslosenversicherung nnb mit seinen anderen Steuervroiekten gab.

Der Lebenslauf eines. Verlorenen

Der Gattenmordprozeß gegen den Zahnarzt Gutmann,

Der Angeklagte schildert sein Leben.

Der mit großer Spannung erwartete Schwurgerichtsprozeß gegen den Zahnarzt Fritz Gutmann aus Schwedt an der Oder, der beschuldigt wird, am 26. November 1925 seine zweite Frau ermordet zu haben, und gegen den eine Zeit­lang der Verdacht bestand. hast er auch seine erste ^rau um»

MW

WA

Dr. Fritz Gutmann

mit der von ihm ermordeten Frau und seinem Kinde.

gevraitzt habe, hat in Prenzlau begonnen. Dem Angcklugtcn wirb auch Versicherungsbetrug zur Last gelegt: er soll seine Frau getötet haben, um in den Besitz einer kurz vorher ab- geschlossenen Versicherung in Höhe von 50 000 Mark zu ge­langen

Aus bem Gertchtslisch liegt die Wäsche, die Frau Gutmann ai'gehabt hat, als sie als Leiche aufgefunden wurde; alles ist mit Blut befleckt. Auch sämtliche Gegenstände, mit denen Gutmann gewisse Manipulattonen au der Badestubentür vor- genommen, befinden sich auf dem Tisch Eine Lokalbesichti- gung ist nicht erforderlich, denn das Haus, in dem der Mord geschah, ist in einem Modell rekonstruiert worden. In das Badezimmer hat man eine Wachspuppe gelegt, so. wie man Frau Gutmann als Leiche ausgesunden Hai.

der Verhandlung sind insgesamt 66 Zeugen und 17 Sachverständige geladen Die Anklage wird durch Oberstaats­anwalt Hardt und Staatsanwaltschaftsrat Münzberg vertreten. Die Verteidigung liegt in den Händen des Ber­liner Rechtsanwalts Dr. F r e v. Der Vorsitzende, Landgerichts- direktor Achilles nimmt an, daß der Prozeß am Montag Ul Gnde neben wird Der Zubörerraum ist rum arößten Teil

Das Hauptverfayren , , im dombenlegerprozeß eröffnet.

Terminfe st setzung demnächst.

In dem Altonaer Verfahren wegen der Bomben- anen tute hat die Strafkammer nach Ablauf der den An- geschuldigten bewilligten Erklärungssrist nunmehr ba* Haupt- versahren vor dem Schwurgericht gegen die Angejchitldtglen °cim Volk. Nickels, Schmidt, Rathjen Nehlmg, Wibor^ Johnson, Weschke, Matthes. Hennings, $icf jun., Luhmann, Bär Menccke, Rieper, die Eheleute Hollander, Bossen, Hamlens und Bruno von Salomon eröffnet Mit Bezug auf die Angeschuldigten Heim, Volk, Nickels, Schmidt, Rehling, Fohnson und Rieper hat die Strafkammer Fortdauer der > n ersuckunashaft beschlossen Die übrigen Angejchuldigten, deren Verfahren nach Altona abgegeben worden ist, sind außer Verfolgung gesetzt worden. Die Anberaumung des Haupwer- handlungsterniins ist in den nächsten Tagen zu erwarten.

Trotzdem kann ja natürlich das Kabinett den Kamps a u f n e h m e n , seine eigene Vorlage beim Reichstag ein­bringen und, wie im April, zuroffenen Feld- schlacht" antreten. Denn die Regierung will sich als so­zusagen überparteiliches Gebilde angesehen wissen, das das Steuer des Reiches nach eigenem Ermessen führt. EineO p f e r u n g" D r. M o l d e n h a u e r s an irgend­eine parlamentarisch ihm ungünstige Situation würde dieüberparteiliche" Plattform des Kabinetts natürlich stark ins Wanken bringen, es schließlich doch den ganz unsicheren Mehrheitsverhältnissen des Reichstages aus­liefern Deswegen wendet sich das Berliner Organ des Zentrums, also der Partei des Reichskanzlers und des Ministers Dr. Stegerwald, mit auffallender Schärfe gegen das Vorgehen der Teutschen Volkspariei, der es die eigent­liche Schuld an der Krise um Moldenhauer zuschiebt. Und wirklich: niemand weiß, luie die ganze Situation grund- sätzlich anders gestaltet werden soll, wer gegebenenfalls eigentlich die Erbschaft eine höchst unangenehme Erb­schaft! anzutreten hätte, nach der sich wirklich niemand drängt, was man auch niemandem verdenken kann. Weil sich nun schon eine ganze Reihe politischer Größen an dem deutschen Fmanzelend die F i n g e r v e r b r a n n t habe n.

mit weiblichem Publikum besetzt Por der Verlesung der Anklageschrift wurde

der Angeklagte vernommen.

In ausführlicher Weise schilderte er seine Jugend, sein Leben im Eliernhause, seine Schul- und Studentenzeit. Er gab zu, daß er in seiner Jugend zu Schwindeleien und Lüguereien geneigt habe. Daran sei aber nur sein überstrenger Vater, der in Berlin als Zahnarzt lebte und ein wohlhabender Mann gewesen fei, schuld gewesen. Er der Angeklagte sei ein

früh selbständiges Kind gewesen, das seinen Weg allein gehen wollte; nur deswegen habe er sich oft in Lügen verstrickt. Dem unhaltbaren Mitteilungsbedürfnis seines Vaters sei eS zuschreiben, daß er in Bekanntenkreisen als Taugenichts

gsbediirfuis seines Vaters sei eS zu- Bekanntenkreisen als Taugenichts hin» Während seines Staatsexamens habe er

gestellt worden sei

eine Kollegin kennen- und lieben gelernt. Seine Eltern hätten jedoch von einer Verlobung nichts wissen wollen. Er sei C o u l e u r st u b e n t gewesen, sei jedoch wegen einer gering­fügigen Verfehlung in ein Ehrenratsversahren verwickelt und

auS her Korporation ausgeschlossen worden. Sein Vater habe dann durch Geheimrat Moll ein Gutachten erbracht, daß er geistig minderwertig sei. Im März 1914 habe sein Vater ihn gezwungen, nach Amerika zu gehen, wo er sich als Geschirrabwäscher Geld verdient habe. Seine erste Ehe sei anfangs sehr glücklich gewesen und die Praxis in Schwedt sei auch sehr gut gegangen. Später habe er seststcllen müssen, daß seine Frau in Schwedt Schulden gemacht habe, von denen er nichts wußte Auch sei sie M o r p h i n i st i n gewesen Im Dezember 1923 sei sie dann vlötzlich gestorben

Durch Vermittlung cinco Kantors habe er seine zweite Frau kcnncngelernt, die ans Galizien stammte. Wenn er das damals gewußt Hütte, hätte er sie nicht geheiratet. Es sei ihm eine Mitgift von 4000 Dollar versprochen worden. Die Hochzeit habe in Krakau stattgcsundcn, doch sei nicht einmal eine Aussteuer vorhanden gewesen. Auch diese Ehe sei anfangs durchaus glücklich verlaufen. Allmählich seien jedoch seine finanziellen Verhältnisse immer katastrophaler geworden. Seit Januar 1929 habe er die Miete nicht mehr bezahlen können, auch sei die Wohnungseinrichtung größtenteils gepfändet ge­wesen Das Verhältnis zu seiner Frau habe fch allmählich verschlechtert Die ihm zur Last gelegten Wcchselfälschungen könne er nicht leugnen. Durch einen Motorradunfall fei seine Frau auf die Idee gekommen, die Lebcnsverficherungsverträge abzuschließcn.

über die Tatsache, daß die Prämie für die Frau drei Tage vor der Tat bezahlt worden ist, während die Prämie für seine eigene Versicheriiugspolice nichl bezahlt war, kann der An­geklagte keine ausreichenden Erklärungen abgeben.

Er schildert dann, wie aus einer Zänkerei, die er mit seiner Frau gehabt habe, die Bluttat entstanden sei. Seine Frau habe ihn im Verlaufe einer erregten Auseinandersetzung so maßlos gereizt, daß er jede Besinnung verloren habe. Was weiter geschehen sei, wisse er nicht. Er wisse nur, daß er ein Handtuch in der Hand gehabt und dieses der Frau um den Hals geworfen habe.

Wer ihn kenne, werde ihm keinen Mord zutrauen.

Die Sache habe sich wahrscheinlich so abgespielt, daß er in seiner Wut die Frau auf die Ghaiselongue geworfen und daß er ihr dabei die Kehle zugedrückt habe. Gr sei wie ein Wahn­sinniger gewesen. Als er das Bewußtsein wiedererlangt hatte, sei sein erster Gedanke gewesen, alles zu vertuschen. Deshalb habe er die Leiche in das Badezimmer gebracht.

Diskontermäßigung der Reichsbank.

(Eigene Funkmeldung.)

Die Reichsbank hat vom 21. Juni 1930, also von morgen, ab den Diskontsatz um % aus 4 Prozent und den Lombardzins- suß um % auf 5 Prozent herabgesetzt. *

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Reichskanzler Dr. Brünning soll in Gemeinschaft mit dem Reichsfinanzminister an eine Umarbeitung der Steuerpläne gegangen sein, die vor allem eine soziale Staffelung des Not- opfers bringen soll.

* Staatssekretär Dr. Meißner hat sich zum Reichspräsidenten nach Neudeck begeben, wo er ihm Bortrag über die innen­politische Lage halten wird.

* In Prenzlau begann der Prozeß gegen den des Gatten. Mordes bejchuldtgten Zahnarzt Fritz Gutmann.