ZulSaer Anzeiger
I Zulöo / ölaar
Nr. 137 Samstag, 14 Juni 1930
Laß dich bilden!
1. Kor. 15, 46: Der geistliche Leib ist nicht der erste, sondern der natürliche; danach der geistliche.
Wir wurden durch die Staatliche Porzellanmanufaktur geführt und sahen da, wie aus dem formlosen Erdklumpen in mühsamer Arbeit endlich das kunstvolle Gebilde entstand, an dem Auge und Herz ihre Freude haben, das wir zu unserem Nutzen gebrauchen können, vom schlichten Teller bis zur kunstreichen Figurengruppe. Immerfort war es zweierlei, was geschah. Zuerst wurde zermahlen; ausgeschieden wurden alle unedlen Stoffe, daß die edlen gereinigt brauchbar würden. Dann wurden sie mit anderen edlen gemischt, geschlemmt, dann geformt im Wirbel der Drehscheibe, zurechtgezwungen und gebrannt in Hitze über tausend Grad — bis das Gebilde, das entstehen sollte, auch da stand vor dem Auge, daß man staunte, was aus dem unansehnlichen, unsauberen Erdklumpen geworden war. Der Geist des Menschen hat aus dem natürlichen Stoff die beseelte Figur geschaffen. Viel Mühe hat er darangewandt, das Widerstrebende zu gestalten. Aber die Mühe ist nicht vergeblich gewesen. Das Werk ist gelungen. Die ganze Zeit ließ es mich nicht los, daß so der Gottesgeist sich müht, um uns Menschen zu formen. Es ist ja so viel durcheinander in uns, Edles und Unedles, Gutes und Schlechtes. Solange das so ist, sind wir trotz allem Edlen wertlos, bleiben wir formlos, können wir nicht sein, was wir sein sollen, Bilder einer durchgeistigten Welt, wertvoll und erfreulich. So arbeitet der Gottesgeist, uns zu reinigen, uns zu bilden und zu gestalten. Nicht das heißt ja, sich bilden lassen, daß man alles mögliche lernt, sondern dies, daß man alles Unedle, Schlechte von sich ausscheiden läßt. Auch bei uns kann das nur geschehen durch hartes Mahlen, durch unnachsichtiges Biegen und Umwirbeln, durch heißes Breunen. Wir widerstreben immer wieder, denn das alles ist schmerzlich. Aber weil wir widerstreben, darum ist so viele treue Goltesmühe so vergeblich Ach, daß wir den Mut hätten, dem schaffenden Gottesgeist ftillzuhalten — daß wir williger wären, den ersten, den natürlichen Leib aufzugeben und uns bilden zu lassen zum edlen, geisterfüllten Leib! Sein möchten wir es alle. Aber was sein will, muß erst werden.
Riesenbeirügereien in Breslau.
1 6 Personen verhaftet.
Auf Antrag der Staatsanwaltschaft wurden in Breslau 16 Personen als die Rädelsführer einer vielköpfigen Betrügerbande, durch die zahlreiche Firmen um Waren und Geldbeträge geprellt worden sind, verhaftet. In vielen Fällen gingen die Täter aus folgende Weise vor:. Ans eine Zeitungsanzeige hin meldete sich einer der Betrüger als Provisionsvertreter und nahm dann von anderen, mit ihm im Einvernehmen handelnden Personen Bestellungen entgegen. Die Provision wurde manchmal mit den Bestellern geteilt; die aus Bestellung gelieferten Waren wurden, soweit sie nicht mit Nachnahmen belastet waren, angenommen und in Pfandhäusern versetzt. Anderenfalls verweigerten die Besteller die Annahme. In Zivil- und Strafprozessen, die gegen Mitglieder der Bande aus solchen Geschäften anhängig gemacht wurden, traten dann andere Helfershelfer als Zeugen auf und ließen sich Zeugengebühren zahlen, obwohl sie als Empfänger von Arbeitslosen- oder Wohlfahrtsunterstützung keinen Perlust durch eine Versäumnis erlitten hatten. Nunmehr ist in über 100 Fällen Anklage erhoben worden.
Ver Bedampf über vier
Sharkeys Tiefschlag bei Schmeling.
Die monatclange Spannung ist gelöst. Der Kamps um die Weltmeisterschaft im Nankccstadion zwischen Max Schmeling und dem Amerikaner Sharkey ist zugunsten Schmelings entschieden worden, der damit den Titel des Weltmeisters erworben hat. Der Kamps ist dadurch besonders bemerkenswert, daß zum erstenmal in der Geschichte des Boxsportes die Weltmeisterschaft durch Tiefschlag in der vierten Runde gewonnen wurde.
Entsprechend der Bedeutung des Ereignisses war der Besuch des Aanleestadions, das bis auf den letzten Platz besetzt war. 750 000 Dollar betrugen die Kasseneinnahmen. Alles, was in Newyork einen bekannten Namen trägt, sei es beim Film, in der Finanz, der Industrie oder in der Politik, hatte sich eingefunden. Mit größter Spannung wartete die riestae Menschenmenge auf den Augenblick. in dem der Hauptlamps des Abends begann. Schmeling betrat als erster den Ring und wurde von seinen Freunden jubelnd begrüßt. Kurz darauf erschien Sharkey, der eine Schärpe in den amerikanischen Nationalsarben trug. Auch er wurde mit lauten Zurufen begrüßt.
Wegen des einsetzenden leichten Regens hatte die Leitung einige Vorkämpfe ausfallen lassen und den Hauptkampf auf einen früheren Zeitpunkt angesetzt. Das Kampfende, das die Disqualifikation Sharkeys brachte, rief in der Menge einen wilden Tumult hervor. Als der Ringrichter seine etwas verzögerte Entscheidung bekannt gab, ließ sie sich aber von der Tatsache des Tiefschlages überzeugen und begrüßte Schmeling durch Zurufe als Sieger.
Schmeling ist nicht zufrieden.
Bei allem Bedauern über den unerwarteten Ausgang des Weltboxkampfes gibt die gesamte Newyorker Presse einmütig und in loyalster Weise zu, daß ein Tiefschlag von feiten Sharkeys tatsächlich vorgelegen habe. Die Ringrichter hätten danach eine ganz gerechte Entscheidung gefällt. Die Sportkritiker sehen Sharkey als den besseren Boxer an, der Schmeling dauernd überlegen war, fügen aber hinzu, daß „der deutsche Dempsey" tapfer gekämpft und die schwersten Schläge lächelnd eingesteckt habe. Schmeling hätte wohlbegründete Aussichten gehabt, nach der siebenten oder achten Runde den ermüdeten und entmutigten Sharkey knockout zu schlagen. Schmeling erklärte nach dem so schnell zu Ende gegangenen Kampf, daß er tief unglücklich sei, die Krone auf solche Weise errungen zu haben. Selbstverständlich sei er bereit, jederzeit den Herausforderungskampf Sharkeys anzunehmen.
Begeisterung in Deutschland.
Schmelings Weltmeistersieg hat in ganz Deutschland, wie nicht anders zu erwarten war, große Begeisterung hervorgerufen. Sein Sieg über Sharkey war das Tagesgespräch. Bald schwirrten auch schon allerhand schwarze Gerüchte von Mund zu Mund: Schmeling sei noch immer bewußtlos, Schmeling habe eine schwere Nieren- und Leberverletzung erlitten, Schmeling sei tot. Alle diese Gerüchte sind erfreulicherweise grundlos: der neue Weltmeister befindet sich wohlauf. Der Tiefschlag dürfte kaum irgendwelche ernstlichen Folgen für ihn haben, Schmelings Stimmung ist ausgezeichnet, er hat allerhand zu tun, die Masse der Gratulanten zu empfangen bzw. abzuwehren. Der einzige bittere Tropfen in dem Kelch seines Glücks ist die von ihm unverschuldete Tatsache, daß er die Weltmeisterkrone nur durch Disqualifikation seines Gegners errungen hat.
Oie vier Runden.
Die e r st e Runde verlief ziemlich ausgeglichen, beide kämpften noch vorsichtig, Sharkey versuchte Kopftreffer zu landen, wurde aber gut gekontert und gleich darauf nach einem Fehlschlag von Schmeling hart erwischt. Wutentbrannt stürmte er vor, doch wußte Schmeling im Clinch alle gefährlichen Situationen zu vermeiden. Sharkey schien zeitweise vollkommen überlegen, bis Schmeling
seinen ersten Rechten an Sharkeys Kopf landete, der den Amerikaner ein wenig erschütterte, ihn aber auch in Wut zu versetzen schien.
Die zweite Runde begann gleich mit einem harten Schlagwechsel. Schmeling wurde einmal so hart getroffen, daß er das Gleichgewicht verlor. Aber zwei weitere Treffer schienen Schmeling nicht zu berühren, dagegen landete er einen Haken an Sharkeys Kopf, Sharkey antwortete mit einem Linken gegen Schmelings Körper und einem Hecht gegen seinen Kopf, mußte dafür aber ebenfalls einen harten Kopfschlag einstecken. Die zweite Runde zeigte bei gesteigerter Angriffslust Überlegenheit Sharkeys.
Die dritte Runde zeigte Sharkey ebenfalls überlegen. Der Kampf wurde auch jetzt auf beiden Seiten erbittert geführt. Beide mußten Treffer yinnehmen, aber Sharkey war durch seine Kaltblütigkeit im Vorteil.
Bald nach Beginn der vierten Runde kam das überraschende Ende: Schmeling mußte infolge eines linken Körpertreffers zu Boden gehen und konnte sich nicht mehr erheben. Es wurde ein T i e s s ch l a g festgestellt. Sharkey wurde disqualifiziert und Schmeling zum Sieger erklärt.
Eine Unterredung mit Schmeling.
Schmeling erklärte in einer Unterredung mit dem Vertreter des WTB.: Es geht mir soweit gut, obwohl ich mich noch nicht ganz von dem Tiesschlag erholt habe. Ich lag die ganze Nacht wach Der Arzt erklärte heute morgen, es werde noch einige Tage dauern, ehe ich wieder hergestellt sei. Ich bin glücklich, als erster Europäer, besonders als erster Deutscher den Meistertitel für Deutschland errungen zu haben. Freilich hätte ich lieber den Kampf anders gewonnen, aber audy so bin ich zufrieden. Es war meine Taktik, die ersten gefährlichen drei Runden totlaufen zu lassen, um Sharkeys Reserve herauszulocken. Zn der 4. Runde glaubte ich Sharkey erschüttert zu haben, als dieser eine linken Tiefschlag landete. Ich bin stolz, daß das amerikanische Publikum sich fair verhielt. Ich bekam Hunderte von Glückwunschtelegrammen aus amerikanischen Kreisen. Ueberall werde ich auf der Straße begrüßt und ich habe das Gefühl, daß das Publikum nicht den Meister in Sharkey sieht. Schmeling erzählte weiter, daß er bereits Angebote für einè Rundreise und Angebote von Filmgesellschaften erhalten habe. Ferner sei ihm aus Griffin (Georgia) ein Telegramm zugegangen, in dem Scales, der Vorsitzende der Eriffiner Voxkom- mission, ihm — Schmeling — 100 000 Dollar und die Hälfte der Einnahmen für einen Kamps mit Poung Stribling am 1. September geboten habe. Schmeling erklärte, er habe vorläufig keine Pläne für 1930. In diesem Jahre käme kein Kampf mehr in Frage wegen der vorgerückten Jahreszeit. Zum Schluß bat Schmeling, das WTB. möge allen Freunden und Bekannten in der Heimat seine Grütze übermitteln.
Wird Schmeling der Weltmeistertitel streitig gemacht?
London, 14. Juni. „Daily Herold" berichtet: Phil Scotts Herausforderung an den Sieger des Sharkey-Schmeling-Kamp- fes ist von der athletischen Kommission von Newyork angenommen worden. Großbritannien hat damit eine glänzende Aussicht den Weltmeistertitel zu gewinnen. Schmeling mutz seine Meisterschaft innerhalb eines Jahres verteidigen und es wird für möglich angesehen, daß der Kampf in England ausgetragen wird.
Demgegenüber meldet „Daily News" and „Ehronicle" aus Newyork: Es bestehe die starke Möglichkeit, daß Schmeling nicht den Titel des Weltmeisters im Schwergewicht behält, wenn die athletische Kommission des States Newyork nächsten Dienstag Zusammentritt. Mindestens zwei Mitglieder der Kommission haben erklärt, daß sie nicht den deutschen Boxer für berechtigt erachten, Tunneys Nachfolger zu werden. Der Vorsitzende der Kommission, Farley, sei der Meinung, daß Schmeling und Sharkey wieder zusammen treffen und versuchen müssen, einen entscheidenden Sieg herbeizuführen.
Hermann von Wissmann.
Zum 2 5. Todestage.
Am 15. Juni 1905 starb in Weißenbach bei Liezen in Steiermark der berühmte Afrikareisende Hermann von Wissmann. Im Jahre 1880 war er im Dienste der Deutschen Afrikanischen Gesellschaft nach Westafrika gegangen und von dort nach Osten aufgebrochen. Im Juni 1882 erreichte er den Tanganjikasee und ein paar Monate später die Ostküste. Nach seiner Heimkehr wurde er vom König Leopold von Belgien zu einer Forschungsreise in das südliche Kongobecken gewonnen. Sie verlief überaus erfolgreich und führte zu wichtigen Entdeckungen. Als Wissmann dann im Begriff war, die Leitung einer Expedition zum Entsatz von EminPaschazu übernehmen, wurde er im Jahre 1888 von der Reichsregierung unter Ernennung zum Reichskommissar berufen, den Araberaufstand in Deutsch-Ostafrika zu bewältigen. Er warf den Aufstand völlig nieder und ließ den Rebellenführer Buschiri hinrichten.
Wissmann, der inzwischen geadelt worden war, kehrte dann noch mehrere Male nach Afrika zurück und wurde im Mar 1895 zum Gouverneur von Deutsch-Ostafrika ernannt. Er zog sich jedoch bald ins Privatleben zurück und lebte fortan auf seinem Gute in Steiermark. In Lauterberg im Harz, wo seine Mutter lebte, wurde „Deutschlands größtem Afrikaner", wie man ihn genannt hat, ein Denkmal errichtet.
Die matte Junggesellensteuer.
Geldstrafen und Verlust der Ehrenrechte für Ledigbleibende.
Interessant ist sie ja, die in Aussicht stehende Ledigensteuer — soweit eben eine Steuer interessant sein kann —, aber so neu und modern, wie viele meinen mögen, ist sie bestimmt nicht. Ganz abgesehen davon, daß man ne hier und da schon vor längerer Zeit eingeführt hat — man braucht nur an Mussolinis Italien zu denken —, ist sie schon im grauen Altertum wiederholt erwogen und zunx ^-eil auch in dieser oder jener Form probiert worden. .iur baß die Junggesellen damals nicht besteuert, sondern geradezu bestraft werden sollten, wenn sie sich weigerten, den berühmten „häuslichen Herd" zu gründen. Wer das kann, nehme sich einmal den alten Plaw vor, deutelten, dem wir die „platonische Liebe" zu verdanken haben ^le,er griechische Philosoph hat die Junggesellen für eine geradezu staatsgefährliche und „unmoralische" Einrichtung klart, und demgemäß sollen sie auch behandelt, d. h. be »rast werden.
" Im dritten Buch der „Gesetze", die Plato für das von ihm erdachte Staatswesen — die „Republik des Plato" — erlassen wollte, ist zu lesen: „Wer heiraten will, soll das im Alter von dreißig, höchstens fünfunddreißlg Jahren, tun; wer es bis dahin nicht getan hat, soll in seinem Besitz und in seinen Ehrenrechten bestraft werden: er soll eine bestimmte Geldstrafe zahlen und Schmach erleiden." Man beachte: „Geldstrafe", nicht Steuer. Der grimmige Philo- soph sucht dann seine Strenge gegen die Junggesellen „moralisch" zu rechtfertigen: „Jeder weiß, daß die menschliche Natur in gewissem Sinne an der Unsterblichkeit teil hat . . . Die Menschen verschaffen sich eine gewisse Unsterblichkeit, indem sie eine Generation durch eine andere ersetzen. Es ist also ein Verbrechen, wenn sie sich freiwillig dieses Vorzuges berauben; und wenn sie kein Weib nehmen und keine Kinder haben wollen, berauben sie sich seiner freiwillig. Also soll, wer sich dem Gesetze fügen, wird, nichts zu fürchten haben; aber wer sich widerspenstig zeigen und bis zum Alter von 35 Jahren noch keinD Lebensgefährtin haben wird, soll jährlich eine noch festzusetzende Geldstrafe bezahlen, damit er nicht glaube, daß, das Ledigbleiben eine bequeme und vorteilbringende Sache sei; und er soll mit den älteren Leuten nicht die Ehren teilen, die unsere Jugend ihnen darbrin^."
Man ersieht hieraus, daß der alte Plato noch scharfer und radikaler vorging als unsere Reichsregierung, und daß er den Junggesellen sogar die Ehrenrechte aberkennen: wollte. Er kehrt zu seinem Lieblingsthema — Bestrafung der Junggesellen — immer wieder zurück und bestimmt im sechsten Buche der „Gesetze" sogar schon die Höhe der Geldstrafen. Und man muß sagen: niedrig sind sie nicht. „Wenn jemand," so heißt eS dort, „sich dem Gesetz nicht unterwerfen, wenn er in unserer Gesellschaft ohne eheliche Bindung und wie ein Barbar leben will, kurz: wenn er bet vollendetem 35. Lebensjahre noch nicht verheiratet tftjoa er jedes Jahr eine Strafe von hundert Drachmen zahlen, falls er zur ersten Bürgerklasse gehört, von siebzig, wenn er zur zweiten gehört, von sechzig, wenn er zur dritten gehört, von dreißig, wenn er zur vierten gehört. Diese Geldstrafen sollen der Juno geweiht sein. Das ist ein besonders schlauer Schachzug des rabiaten Heiratsvermittlers Plato. Juno war die Göttin der fruchtbaren Ehen, so daß Plato, indem er ihr das JungKesellengeld zuschanzen wollte, sozusagen einen Iheologijch-stttlichen Zweck erfüllte. Und er bestimmte gleichzeitig, daß der, der freiwillig und gutwillig nichts würde zahlen wollen, das Zehnfache des fälligen Betrages zahlen sollte — al,o Steuerhinterziehungsstrafe —, und daß ihm unter Umständen das ganze Vermögen gepfändet werden mußte.
Zuletzt kommt dann noch die Verachtlichung des Junggesellen: er soll, wie gesagt, auf alle Ehrenrechte verzichten müssen, und „die Jugend soll für den Ehelosen nicht die aermaste Achuws an Lm Lsa an Legen Lrsucher^
Heute wäre das wahrscheinlich reine Strafe mehr, da Die Jugend dem Junggesellen ohnehin keinen besonderen Respekt entgegenbringt, aber schlimm könnte es werden, wenn Platos weitere Rezepte befolgt werden sollten: „Wenn," so liest man bei ihm, „ein Lediger irgendeinen anderen Menschen züchtigen will, so sollen alle, die dabei sind, das Recht haben, für den Angegriffenen Partei zu ergreifen und die Schläge des Junggesellen abzuwehren; noch mehr; das Gesetz soll den, welcher dem Angegriffenen nicht sofort zu Hilfe eilt, für einen feigen und gemeinen Bürger erklären . . ." Das ist der Gipfel! Eine richtige Kampffront gegen alle, die nicht heiraten wollen! So schlimm macht es das Kabinett Brüning glücklicherweise nicht: unsere Junggesellen — Verzeihung: Ledigen — werden zahlen lernen, ohne zu klagen, aber verhauen, weil sie nicht heiraten wollen, wird sie bestimmt kein Mensch, nicht einmal der Exekutor!
Wett und Wissen
w. Raupen als Krankheitserreger. Aus verschiedenen Teilen Deutschlands kommen schlimme Nachrichten von Raupen. Die oft sehr hübsch gezeichneten, aber gefräßigen und schädlichen Tiere sollen diesmal in ungewöhnlich großen Scharen auftreten. Man steht ihnen zwar nicht ganz machtlos gegenüber, denn die Schädlingsbekämpfung hat große Fortschritt« gemacht, aber es gibt doch manches, das ihren Massenaufmarsch bedenklich macht. Durch Raupen werden nämlich auch Krankheiten verursacht, Krankheiten, die nicht gefährlich, aber unter allen Umständen sehr unangenehm sind. Es yandelt sich hauptsächlich um Hautkrankheiten und um Schleimhaut- entzündungen, die zu schwierigen Katarrhen führen. Die Raupe ist mit Härchen oedeckt — mit sichtbaren und unsichtbaren —, und die Raupe scheidet aus ihren Drüsen bestimmte reizende, beizende Stosse aus. Die „Brennhaare" der Raup« können Hauterkrankungen auch dann noch hervorrufen, wenn die Raupe schon tot ist: faßt man Raupen, die sich getrocknet in zoologischen Sammlungen befinden, an. so fühlt man kurze Zeit nachher ein Jucken, Brennen und Prickeln, und besonders empfindliche Menschen bekommen wohl auch einen richtigen Hautausschlag mit juckenden, langwierigen Bläschen zwischen den Fingern. Die kleinen Härchen der Raupen — es ist hierbei vor allem an die Eichen- und Kiefernspinner zu denken — mengen sich oft der Luft bet, werden eingeatmet und können dann auch Nasen- und Rachenkatarrhe erregen; ja, selbst Bindehautkatarrhe sind die Folge solcher Berührung mit Raupenhaar und den diesen Härchen anhaftenden Sekreten. Alle diese Krankheiten werden natürlich in mehr oder minder kurzer Zeit geheilt: verhüten aber lassen sie sich kaum, denn nie- mand ist in der Lage, sich den in der Luft herumfliegenden Raupenharchen zu entziehen. Es ist nur noch zu sagen daß die Behandlung erleichtert wird, wenn der Erkrankte' dem Arzte mitteilen kann, daß er sich seine Krankheit nach dem Besuch von Raupengegenden zugezogen zu haben glaubt Der Arzt weiß dann sofort, woran er ist -