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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg" Zulöa- un- Haunetal »Zul-aer Kreisblatt

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Nr. 137 1930

Fulda, Samstag, 14. Juni

7. Jahrgang

Alllagssorgen.

Es war einmal ... Erste Young - Anleihe. Das Schicksal der Preissenkungsaktivn. Ein neuer Weltmeister.

Es ist eine Lust, zu leben." Wie aus einer unvor­stellbar weit zurückliegenden Zeit her klingt uns dieses Wort in die Ohren. Wie ein Märchen, das uns die Älteren erzählen. Wie einEs war einmal..." Es war einmal eine Zeit, in der wir Deutsche nicht immer nur mit sorgenvollen Blicken aus das Heute und Morgen sehen mutzten, sondern die Augen dar­über hinaus auch einmal richten konnten auf die Zukunft. Es war einmal eine Zeit, in der diese Sorgen des Alltags uns Deutsche nicht so vom Wirbel bis zur Zehe in Anspruch nahmen, in der uns die Möglichkeit gegeben war, aus dem Alltag zu entfliehen. Jetzt aber nimmt das Heute uns so absolut gefangen, datz wir selbst einem nicht bloß für die Gegenwart, sondern vielmehr noch für eine frühere und spätere Zukunft bedeutsamen Vorkommnis wie der Auflegung der ersten Young-An­leihe nur einen viel zu kurzen Blick gönnen. Und da kommt es doch zuwenig zum Bewußtsein, datz diese Auf­legung, daß diese Anleihe überhaupt für Deutschland recht unbefriedigend ist. Befriedigt davon sind in der Haupt­sache die Bankiers, die an diesem Geschäft vier Prozent Provision verdienen dürfen, was bei den 350 Millionen Dollar, also rund 1400 Millionen Mark, die nette Summe von 53 Millionen Mark ausmacht; denn der Emissions­kurs beträgt ja nur 90 Prozent. Und der tatsächliche Zinsfuß von 6,8 für eine derart langfristige Anleihe er­öffnet wenig befriedigende Aussichten sowohl hinsichtlich der Kosten, die ihre Nachfolgerinnen verursachen werden, wie auch hinsichtlich der Bedingungen, zu denen künftig­hin z. B. Deutschland langfristige Kredite v»n Amerika wird aufnehmen müssen. Deutschland hat mit dieser ersten Teilmobilisierung seiner Zah­lungsverpflichtungen infolge des nackten Egois­mus'der amerikanischen Bankiers die ursprünglich sogar noch mehr daran verdienen. wollten, obwohl doch sonst die Bankiersprovision bei Anleiheemissionen etwa L bis 2,5 Prozent beträgt alfs ei^i

Geschäft gemach t; außerdem werden sich diese harten Bedingungen auch noch weiter auswirken. Nämlich auf die Erzeugungskosten der a n l e i h e b e d ü r f t i g c n deutschen Wirtschaft.

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Hier umgrenzt ja ein ganzes Gebirge von Sorgen den Blick. Zwar hat die Verbindlichkeitserklärung des Schiedsspruches für die Eisenindustrie mit ihrer darin enthaltenen Herabsetzung der übertariflichen Akkordlöhne um 7,5 Prozent nun auch sofort dazu geführt, daß die Eisen- und Stahlpreise mit Rückwirkung bis zum 1. Juni um durchschnittlich drei Prozent gesenkt worden sind, aber die Schwierigkeiten um diesen Schritt be­ginnen doch erst. Sowohl nach der einen Richtung hin, wie nämlich die Arbeiter und Angestellten in der Eisen­industrie diese Maßnahme in der Praxis aufnehmen wer­den. Und dann ist die andere Frage viel wichtiger, ja entscheidend, ob die Preissenkung bei diesereisenschaffen­den," also in der Hauptsache nur Halbfabrikate her- stellenden Industrie sich gleichmäßig und in derselben Höhe nach allen Seiten sich auswirkt, autzer- beni schleunigst zu einer Reihe von entsprechenden Parallel- aktionen überall in der deutschen Wirtschaft führt, so daß wir recht bald zu einer auch für den Konsumenten und namentlich für den ab 1. Juli im Lohn herabgesetzten wirklich spürbaren, allgemeinen Preissenkung kommen. Dafür soll ja die Lohn- und Preisherabsetzung in der Eisenindustrie den sozusagen psychologischen A n t r i e b geben, und es ist einfach wesentlich sogar für unsere allernächste Zukunft, ob damit ein Erfolg erzielt wird. Also nicht erst für übermorgen oder für noch später, son­dern für sofort. Dabei wird sehr viel davon abhängen, daß die ein gleiches Ziel verfolgenden allgemeinen Verhand­lungen zwischen den Spitzenorganisationen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer nicht ergebnislos im Sande verlaufen. Daß es sich hier um außerordentlich komplizierte, schwer )u prüfende, aber auch vielfach ganz verschieden liegende wirtschaftliche Verhältnisse handelt, ist ja das einzig Klare und leicht zu Verstehende dabei; bergehoch aber türmen sich hoch die Kompliziertheiten, wenn nun ebenso vom Welt- kreditmarkt wie vom Reich her Steuererhöhung! vor­läufig noch gar nicht abzuschätzende Schwierigkeiten hinzu- stotzen.

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Trotzdem hat man in Deutschland nun doch einmal für kurze Zeit den Blick von der Wand grauer All- kugsforgen gewandt, die uns rings umgibt. Nicht senken und Dichten, nicht Leistungen der Wissenschaft oder Technik waren es, die Deutschland einen neuen We l t - weisterschaftstitel brachten, sondern der Sport; Schmeling holte ihn sich, diesen Titel desBor- Weltmeisters" in Amerika, das seit mehr als 10 Jahren in Bleser Beziehung unbesiegbar war. Aber in Deutschland ?Un es doch eigentlich erst in der Nachkriegszeit den Vor­wort, wohl dieser gewaltige Gegensatz war es, der auch 111 wenigerbor-begeisterten" Kreisen Deutschlands ein hewisses nationales Interesse für jenen Kampf und eine ?enn auch gemäßigte Freude über den Ausgang erwecken Und wenn man es symbolisch nimmt: kaum mehr Denken und Dichten, wohl aber mit der Kraft feiner »«Ufte muß sich heute der Deutsche Weltgeltung Dampfen. Mit ihnen muß er jene graue Wand der - btagssorgen durchstoßen, um sich Bewegungsfreiheit sur "ne spätere Zukunft zu schaffen. Sr. Pr.

Knanzberatungen des Reichskabinetts.

Aeue Verhandlungen

über Etatsausgleich.

Notopfer und Lastensenkung.

Reichskanzler Dr. Brüning ist am Freitag nach Berlin zurückgekehrt. Auf seiner Rückreise von einem Pfingstferienaufenthalt in Freudenstadt machte der Reichskanzler bei dem Württembergischen Staatspräsi­denten Dr. Bolz einen kurzen privaten Besuch. In feiner Begleitung befand sich der von seinem Genesungsaufent- Halt im Süden kommende Reichstagsabgeordnete und Vorsitzende der Zentrumspartei, Prälat Dr. Kaas, der von seiner schweren Krankheit völlig wiederhergestellt er­scheint und der die parlamentarischen Arbeiten wieder mit frischen Kräften aufnehmen will. Reichskanzler Dr. Brüning sagte, er hoffe, die politischen Schwierigkeiten meistern zu können, im Bewußtsein, daß es eine andere Möglichkeit, der finanziellen und wirtschaftlichen Nöte Herr zu werden, nicht gebe.

Ob sich der Optimismus des Reichskanzlers bewahr­heiten wird, werden ja die nächsten Tage zeigen, in denen die neuen Steuern und das Ausgabensenkungsgesetz im Reichstag vorgelegt werden und zur Verabschiedung kommen sollen.

Am Freitag nachmittag trat das Neichskabinett z u s a m m e n , um nochmals das Ausgabensenkungs­programm durchzusprechen, über das vor den Pfingst­ferien zwar eine grundsätzliche Einigung innerhalb der Reichsregierung erzielt worden war, dessen endgültige Verabschiedung man indessen noch vertagt hat. Zur Kabi­nettssitzung war auch Reichsbankpräsideni Dr. Luther

. » . AbschiuS der deutsch-russischen Besprechungen.

Freundschaftspolitik im Sinne von Rapallo.

Wie von amtlicher Stelle mitgeteilt wird, sind die zwischen Deutschland und der Sowjetunion in Berlin und Moskau geführten diplomatischen Besprechungen zu einem gewissen Abschluß gelangt.

Ein Teil der beiderseitigen Einzelbeschwerden ist in den Unterhaltungen bereits befriedigend geklärt worden. Die übrigen sollen der dafür in dem Abkommen vom 25. Januar 1929 vorgeschlagenen Schlichtungskommission unterbreitet werden, die einmal jährlich um die Mitte des Jahres sich versammeln soll und die in diesem Jahre am 16. Juni in Moskau zu ihrer ordentlichen Tagung zu- fammentreten wird.

Bei der Behandlung der vorliegenden Einzelfragen gehen beide Regierungen übereinstimmend von dem Wunsche aus, die entstandenen Schwierigkeiten im Geiste des Ra­pallovertrages und der anderen zwischen ihnen be­stehenden Verträge zu überwinden und damit auch bei fort­schreitender internationaler Entwicklung die Politik fortzu­setzen, die sie auf Grund dieser Verträge nun schon lange Jahre hindurch verfolgt haben. In offener Aussprache sind sie sich von neuem darüber klar geworden, daß die grund­sätzliche Verschiedenheit der beiden Staatssysteine

kein Hindernis für die gedeihliche Weiterentwicklung ihrer freundschaftlichen Beziehungen.

zu sein braucht. Dabei gehen beide Regierungen davon aus, daß alle Versuche einer aktiven Beeinflussung der inneren Angelegenheiten des anderen Landes zu unterbleiben haben. Beide Regierungen sind entschlossen, auf dieser Grund­lage die gegenseitigen Beziehungen zu pflegen und an die sich ihnen künftig noch stellenden Aufgaben heranzutreten, mögen diese Aufgaben das unmittelbare Verhältnis zwischen den beiden Ländern oder andere ihre Interessen berührenden Fragen betreffen. Sie sind überzeugt, daß sie auf diese Weise sowohl dem Vorteil ihrer Länder als auch der Siche­rung des Weltfriedens dienen werden.

Sie Gemeinschaftsarbeit der llnternchmel- und Gewerkschaftsvertreter.

Zuversichtliche Verlautbarung des Reichsverbandes der Deutschen Industrie.

Der Reichsverband der Teutschen^ In­dustrie veröffentlicht folgende Mitteilung über die Besprechungen zum Preis- und Lohnabbau: Die 'Her treter der Spitzengewerkschaften, des Reichsverbandes,.... Deutschen Industrie und der Vereinigung der Teutschen Arbeitgeberverbände haben in den Besprechungen der letzten Wochen, ausgehend von der schweren Krisis der Wirtschaft und insbesondere der hohen Zahl der Arbecks­losen, die Fragen der dauernden Sanierung unserer öffentlichen Finanzen, der Selbstkostengestalten der Wirt­schaft, der Preisbildung und der Möglichkelten der Hebung des Absatzes, damit der Produktion und der Wiedereinstellung der Arbeitslosen in den Arbeitsvrozeß behandelt.

Ungeachtet der selbstverständlichen Ver­schiedenheit der Standpunkte sind sie zu der r- zcuaung gekommen, datz weitere Besprechungen der t... seinen praktischen Fragen zu einer Verständigung über positive Maßnahmen zu nützlichen Ergebnissen für unser Volk führen können. Die Besprechungen werden fort­gesetzt.

geladen, um einmal über die internationale Anleihe Bericht zu erstatten, dann aber auch zur Auskunfterteilung über die schwebenden deutschen Anleiyesragen und nötigenfalls zur Mitwirkung beim Finanzprogramm selbst.

LerhandlungenMrLohn-undpreissenkung

91 a d) p r ü f u ii g der Eisenpreise.

Inzwischen sind am Freitag die Verhandlungen der Unternehmcrvertrcter mit den Gewerkschaftsführern über eine Lohn- und Preissenkung nncber ausgenommen worden. In Kreisen der Unternehmer war man ziemlich zuversichtlich über den Ausgang der Aussprache. Es ist damit zu rechne«, datz die Öffentlichkeit über die hinter verschlossenen Türen stattfindcndcn Beratungen bald nähere Aufklärung erhalten wird, zumal man sich vvu den Besprechungen, falls sie tatsächlich zu einem Erfolg führen sollten, allerhand für die Ankurbelung der Wirtschaft verspricht.

Die von den Arbeitgeberverbänden in der Eisen­industrie gefaßten Beschlüsse über die Preissenkung werden gegenwärtig im Reichsarbeitsministerium sowie im Reichswirtschaftsministerium nachgeprüft. Man will vor allem untersuchen, ob die Herabsetzungen der Arbeitgeber gemäß dem Schiedsspruch als ausreichend anzusehen sind. Im allgemeinen beträgt die Preisherabsetzung nach den Vorschlägen der Arbeitgeber etiva vier bis fünf Prozent. Tie Arbeitgeberverbände erklären, daß bei einer Lohn­kürzung von 7% Prozent, wie sie der Schiedsspruch für die Akkordlöhne vorsieht, eine Senkung der Preise um vier bis fünf Prozent ein Marimuni darstelle, da ja die Höhe des Lohnes nur einen Bruchteil der Höhe des Preises ausmache.

3tNe Kredite für Arbeitsbeschaffung.

Verhandlungen mit Amerika.

Nachdem die Young-Anleihe jetzt mit Erfolg vom internationalen Geldmarkt übernommen worden ist, wird das Deutsche Reich wenn auch auf indirektem Wege sofort versuchen, eine größere langfristige An­leihe für die Zwecke des Arbeitsbeschaf­fungsprogramms in Newyork und London unter­zubringen. Im ganzen sollen allmählich etwa 75 Mil­lionen Dollar als Anleihe ausgenommen werden, die aus­schließlich dazu dienen werden, öffentlichen Stellen die Vergebung von Bau- usw. Aufträgen an die Wirtschaft zu ermöglichen.

Bekanntlich hat das Reich eine ganze Reihe von Außenständen" in Form von Kreditsubventionen an Länder, Kommunen, Kommunalverbände, sonstige öffentlich-rechtliche Körperschaften, Reedereien, Werften usw. Nun sollen diese Kredite in ein n e u z u b e grün­dendes F i n a n z i e r u n g s i n st i t u 1 als Aktien eingebracht werden, alles Kredite, die das Reich für die produktive Erwerbslosenfürsorge" her- gegeben Hal; insgesamt handelt es sich um etwa 375 Mil­lionen hypothekarisch gesicherte Darlehensansprüche des Reiches, die nun durch Umwandlung in ein Aktien­kapital von 15 0 Millionen und 250 Millionen Mark Reserven konsolidiert werden. Das Finanzierungs- institut hat die Aufgabe,

ausschließlich für Reichszwecke im Ausland Anleihen aufzunehmen;

es heißt, daß hierüber bereits Verhandlungen mit dem London-Newyorker Bankhaus Henry Schröder ein­geleitet sind.

Die Rückzahlungen und Zinsen aus den Reichs- subventionen fließen dann also dem neuen Institute zu, das im engsten Zusammenhang mit der D.e utschen Bau -und Bodenbank deren Kapital zu 50 Pro­zent im Besitz des Reiches ist errichtet werden soll. Das gleiche gilt auch für dieArbeitsbeschaffungs"kredite, die aus dem Ertrag der erhofften Anleihen dann der deutschen Wirtschaft zugeleitet werden sollen. Treuhänderin dabei ist die R e i ch s k r e d i t - A.-G., die ja selbst schon als Bank derViag" (Vereinigte Jndustriewerke A.-G.") sämtliche reichseigenen Betriebe kontrolliert. Es ist beabsichtigt, zunächst auf drei Jahre eine Reihe kleinerer Anleihen von alljährlich 15 b is 25 Millionen Dollar aufzunehmen, die natürlich ebenso als unter Reichsgaranti-e stehend zu betrachten sind wie die Aktien des Instituts selbst.

Mecklenburgischer Giädieiag gegen Reichsstädieordnung.

Der Mecklenburgische Städtetag erhebt in einer Ent­schließung Protest gegen den Entwurf der Reichs­städteordnung und setzt sich für eine Beibehaltung der bestehenden Magistratsverfassung ein.

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Kleine Zeitung für eilige Leser.

, »Die Reichsregierung ist mit dem Londoner Bankhaus H. «chroder ,n Verhandlung getreten, um durch Placierung mehrere Anleihen Mittel für das Arbeitsbefchaffunaspro- gramm zu erhalten. ' '

* Reichskanzler Brüning ist von feinem Psinalturloub wieder nach Berlin zurückgekehrt und hat die politischen Be- sprechungen zum Ausgleich des Etats wiederausgenommen