Zul-aer Anzeiger
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^r. 136 — 1930
Fulda, Freitag, 13. Juni
7. Jahrgang
Krisenzeichen.
An der Berliner Börse erzählte man sich am Mittwoch, der Reichsfinanzminister Dr. Moldenhauer werde z u r ü ck t r e t e n; dies Gerücht wurde so eifrig kolportiert, daß es sogar eines amtlichen Dementis gewürdigt wurde, worin allerdings dex vielbeachtete Zusatz zu lesen war, daß „zurzeit" ein Rücktritt nicht in Frage komme. Aber die politisch interessierte Öffentlichkeit denkt: „Wo Rauch aufsteigt, da ist auch Feuer" und weiß, daß der Reichsfinanzminister mit seinen vorpfingstlichen Steuervorschlägen auf eine fast allgemeine Ablehnung gestoßen ist. Daß sogar sehr große Teile seiner eigenen Partei, der Deutsch-Volksparteiler also, ihm und seinen Plänen einen auffallend schroffen und deswegen in der Öffentlichkeit viel bemerkten Widerstand entgegenstellen. Die geplante Erhöhung der direkten Besteuerung durch die „Reichshilfe" ist diesen Angriffen ganz besonders ausgesetzt, weil ja diese Art der Defizitdeckung sich mit der bisherigen Haltung der Deutschen Volkspartei gar nicht vertrage, vielmehr, wie ein einflußreiches dieser Partei nahestehendes Blatt schrieb, eine „Schwenk u n g um 180 Gra d" bedeute.
Am Freitag soll ja nun, nach Beendigung der ministeriellen Ferien, die Regierung sich in einer Kabinettssitzung mit den Einzelheiten der Gesetzesvorlagen, vermutlich aber vor allem mit der politischen Lage beschäftigen, die sich seit der Ankündigung der neuen Steuerborschläge entwickelt hat und über diè man sich nun erst einmal ordentlich klar werden muß, um entscheiden zu können, was denn nun eigentlich geschehen soll. Der Reichstag tritt ja „schon" am nächsten Montag — nach zweieinhalb Wochen Ferien — wieder zusammen und muß dann die Beratung des Etats fortsetzen. Man hatte bei Beginn dieser Verhandlungen gehofft, mit ihm und dem Gesetz über die Osthilfe bis zum 30. Juni fertig zu werden, nachdem schon vor Ostern das Agrarprogramm und die Steuererhöhungen angenommen waren, man dadurch auch den Weg für die Etatsberatungen mit heißer Mühe und harten Kämpfen freigemacht hatte. Aber nun sitzt der Karren schon wieder fest im Loch des Defizits, will — und muß — die Regierung ein paar neue Steuer- pakere darauf laden, um die Ausgaben ourch Einnahme- erhöhung auszugleicheu, und erst dann wird versucht werden, die vermehrte und geänderte Fracht des Reichshaushalts dem Endziel näherzubringen. Vorläufig freilich streitet man sich noch heftig darüber herum, welches der Inhalt jener neuen Steuerpakete sein wird. Sie müssen außerdem erst noch vor den Reichsrat kommen, von ihm geprüft, untersucht, kritisiert werden — wobei es wahrscheinlich mindestens zu Änderungen kommt —, und bis zum Ende Juni bleiben dann bestenfalls noch zwei Wochen. Das Ost Hilfegesetz harrt auch noch der parlamentarischen Erledigung, soll mit dem Reichsetat durch ein Mantelgesetz — um das politisch schon etwas „an- geknaxte" Wort „Junctim" zu vermeiden — eng verbunden werden; der deutsch-polnische Handelsvertrag wartet auch darauf, im Reichstag endlich Gegenstand einer sicherlich nicht gerade kurzen und friedfertigen Behandlung Hub Beschlußfassung zu werden; und schließlich soll ja auch noch — ebenfalls durch ein „Junctim" diesmal mit den Steuergesetzen verknüpft — das Ausgabensenkungsgesetz vor den Reichsrat und den Reichstag kommen, — kurz, die Liste der Aufgaben für Regierung und Volksvertretung ist weder schön noch kurz.
Wenn es nur und allein die sachlichen Schwierigkeiten wären, die mit dieser Liste bewältigt werden sollen! Wenn es nur gälte, Gesetzesvorlagen zu machen! Die Regierung taufe sie' doch auch durchzubringen versuchen! Muß sich über die einzuschlagende politisch-parlamentarische Taktik möglichst klar werden, um ihre strategischen Ziele zu erreichen! Von außen her drückt unvermindert die W i r t s ch a f t s n 0 1, die die Zahl der Arbeitslosen nur ganz langsam sinken läßt, — und wir haben bald die ersten sechs Monate des Jahres hinter uns, dafür aber 1,2 Millionen Arbeitsloser mehr als im Vorjahre.
Noch ist ganz unbestimmt, was aus den Verhandlungen zwischen den Arbeitgeber- unb den Gewerkschaftsführern herauskommt unb 0 b ètwas herauskommt; wie die Rückwirkung wirtschafts- and sozialpolitischer Art ist, die der Schiedsspruch i n d e r E i s e n i n d u st r i e haben wird. Aus dem Druck des herannahenden 30. Juni kann man sich ja durch den Beschluß einer Verlängerung des Etatnotgesetzes lösen, um — Zeit zu gewinnen. Denn jene lange Liste könnte, ja dürfte der Reichstag gar nicht in zwölf Tagen erledigen, wenn es nicht auf Kosten der Gründlichkeit geschehen würde. „Ergänzen" sich doch die darin liegenden sachlichen Ichwierigkeiten noch außerdem durch die parlamentarischen. Das Kabinett Brüning hat ja keine Mehrheit im Reichstag, auf die es sich von vornherein oder selbst im Entichel-, dungskamps unbedingt verlassen könnte. Auch die im April genutzte Waffe' der Drohung mit Reichs- Utgsauflösung und Artikel 48 ist in der letzlgen Situation natürlich nicht antvendbar und ein Ermäcytl- gungsgesetz. also weitestgehende Vollmachten, wird das Kabinett Brüning jetzt, nachdem es mit seinen Teckungs- vorschlägen auf einen fast allseitigen Widerstand stieß, den, Reichstag kaum noch abzwacken können. Dazu fehlt letzt "~ das Vertrauen zu der so scharf kritisierten Regierung.
Es bedarf wohl keiner großen Prophetengabe, um voraussagen zu können, daß am 30. Juni die Sommer- >erien des Reichstages bestimmt nicht beginnen werden; 3um „Trost" kann man ja daran erinnern, daß er im <ommer 1925 bis Mitte August zusammenbleiben mußte, er ähnlich bedeutsame Ätufgaben wie jetzt zu erledigen haue.
Schmeling Weltmeister im Boxen.
Sieg über Sharkey. — Disqualifikation Sharkeys.
NewY 0 rk, 13. Juni. Der mit großer Spannung erwartete Weltmeisterschaftskampf zwischen Max Schmeling und Jack Sharkey nahm ein überraschend schnelles Ende. In der 4. Runde brachte Sharkey einen regelwidrigen Schlag an, der Sharkeys sofortige Disqualifikation zur Folge hatte.
Max Schmeling wurde zum Sieger erklärt.
Schmeling gegen Sharkey.
Der Boxen thu sicismus in Amerika.
Die Boxbegeisterung war am Donnerstag in Amerika auf dem Höhepunkt augelangt. Man sprach drüben von nichts anderem als dem Kampf um die Weltboxmeisterschaft. Die Eintrittskarten für das Uankeestadion, in dem die beiden Boxer gegeneinander antraten, waren reißend abgegangen, obwohl die Eintrittspreise ziemlich hoch waren und zwischen 10 und 100 Mark schwankten.
Max Schmeling war schon am Mittwoch in einem Sonderzug aus seinem Trainingsquartier inNewyork ein- getroffen. Auf allen Stationen wurden ihm von seinen Veutschen Landsleuten begeisterte Ovationen dargebracht, in Newyork nahm er Quartier in der Villa eines Freundes. Zwei Detektive bewachten ihn ständig, ebenso unterlag auch seine Kost einer ständigen Kontrolle. Dies verlangte vor allem der Veranstalter des Boxkampfes, der Schmeling auch verboten hatte, im Flug-
Schmeling
zeug nach Newyork zu kommen, da man in Amerika schon tolle Streiche von Wett- und Boxfanatikern erlebt hatte und man jedem frischen Fall vorbeugen wollte.
über beide Kämpfer wird nach Beendigung des Kampfes ein beträchtlicher Dollarsegen niedergehen. Auf Schmelings Teil kommen nach den erforderlichen Abzügen 150 00Ö Dollar. Da er mit seinen bisherigen Kümpfen in Amerika und den Einnahmen aus den Ein- trittsaeldern mm Traininascamp etwa 95 000 Dollar verdient hat, dürfte der deutsche Meister die erste Viertelmillion Dollar in seinem Vermögen buchen können. Er rückt damit, in deutschem Gelde umgerechnet, zum Millionär auf. Sein Gegner, Sharkey, ist längst Dollarmillionär und hat sich mit der Kraft seine Fäuste bisher über 900 000 Dollar erkämpft.
Die Newyorker Borkommission hat dem Manager Schmelings, Joe Jacobs, die Erlaubnis erteilt, Schmeling in dem größten Kampf seines Lebens als Sekundant zu begleiten. Nach den Vorschriften der Borbehörde darf eigentlich nur ein Sekundant für jeden Boxer gestellt werden. Gewöhnlich ist der Trainer des Boxers gleichzeitig sein Sekundant. Die Boxkommission hat nun aber 'Schmeling eine Ausnahme zugebilligt und ihm gestattet, neben seinem Trainer MacMachon auch Joe Jacobs als Sekundanten in den Ring mitzubringen.
Haymann zum Schmeling-Kampf.
Der deutsche Schwergewichtsmeister Ludwig Haymann, der dem Weltmeisterscha'ftskampf Schmeling—Sharkey als Zuschauer beiwohnte, äußert sich darüber wie folgt:
„Der Weltmeisterschastskampf sollte nur zeigen, ob Schmelings Training richtig war und weiterhin, ob sich die einjährige Kampfpause auswirkte. Mit gewisser Spannung erwartete ich den Beginn des Kampfes. Leider mußte ich erkennen, daß die viel gerühmte Ruhe Schmelings eigentlich gar nicht vorhanden war. Sharkey machte nach anfänglich nervösen Erscheinungen einen sehr ruhigen Eindruck. In der ersten Runde sah ich Schmelings Art
und Weise, sich mit Neuerlerntem abzuquälen, ohne es völlig zu beherrschen, so daß ich keine Vorteile für ihn erkennen konnte. Schon in der zweiten Runde setzte Sharkeys große Erfahrung sich stark durch. Er vermochte sogar Schmeling schwer zu erschüttern. Die dritte Runde brachte den Amerikaner noch mehr in Vorteil; denn selbst Maxens
starke Rechte blieb wirkungslos, dagegen mußte Schmeling verschiedentlich schwer einstecken. Die vierte Runde brachte das äußerst überraschende Ende. Sharkey duckte auf einen linken Schlag Schmelings, um sofort mit einem linken Haken auf den Magen zu kommen. Dieser Schlag soll nicht korrekt gewesen sein, was ich allerdings von meinem Platz nicht sehen konnte. Es steht für mich fest, daß Schmeling Weltmeister ist. Ich beglückwünsche ihn dazu und hoffe, daß Schmeling recht bald Gelegenheit hat, zu beweisen, daß er es mit Recht ist.
Die Gesamteinnahme von den 80 000 Zuschauern, die dem Kampfe beiwohnten, schätzt man auf 800 000 Dollar.
Reichshaushali 1929/30:
1,2 Milliarden Defizit.
Die e n d g ü l t i g e ,A b r e ch n u n g der Reichsein- nahmen und -ausgaben im Rechnungsjahr 1929 ergibt jetzt folgendes Bild. Im o r d e n t l i ch e n H a u s h a l t war«! Gesamteinnahmen von 10146,1 Mill. Mark zu verzeichnen, denen Ausgaben von 10 545,7 Mill. Mart gegenüberstanden. Zu der Mehrausgabe von 399,6 M i l l. M a r k treten noch für unbeglichene R e st a u s g a b e n 65,4 M i l- l i o ll e n M a r k, so daß sich im ordentlichen Haushalt ein Fehlbetrag von 4 6 5 Mill. Mark ergibt.
Im außerordMlichen Haushalt waren Einnahmen von 481,0 und Ausgaben von 348,2 Mill. Mark zu verzeichnen, mithin eine M e h r e i u n a h m e von 132,8 Mill. Mark. Dazu tritt der Fehlbetrag aus den Rechnungsjahren 1926- 28 von 9 0 4,5 M i l l. Mark. Insgesamt ergibt sich daher im außerordentlichen Haushalt einFeh l- betrag v o n 8 1 8,7 M i l l. M a r k.
Das Gesamtdcfizit des Rechnungsjahres 1929 beläuft sich demnach auf 1,284 Milliarden M a r k. Die schwebende Schuld belief sich am Ende des Rechnungsjahres (31. März) auf 1,938 Milliarden Mark.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Der deutsche Anteil an der Younganleihe ist am ersten Tag stark überzeichnet worden.
* Man rechnet damit, daß der Sklarek-Prozeß im Herbst beginnen und etwa ein Vierteljahr dauern wird.
* General Presan ist vom König Carol mit der Bilduna des Kabinetts beauftragt worden. ”
* Der mit Spannung erwartete Weltboxmeisterkamvi im Schwergewicht zwischen dem Deutschen Schchelina und Lem Amerikaner Sharkey endete mit einem überraschend schnellen Siege Schmelings. wutuen