Zulöaer /inzeiger
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Nr. 131 — 1930
Fulda, Freitag, 6. Juni
7. Jahrgang
Wege aus der Krise
Seite Kabinettsberatllligen.
Weitere Besprechungen über Lohnsenkungen.
Das Reichskabinett ist am Donnerstag abermals zu einer Sitzung zusammengetreten, um Beschluss darüber zu fassen, wie das Defizit, das über 730 Millionen Mark beträgt, beseitigt werden kann. Das Reichskabinett steht aus dem Standpunk, daß der Haushalt für 1930 unter allen Umständen ins Gleichgewicht gebracht werden must. Vorschlägen, die fehlenden Mittel durch Aufnahme kurzfristiger Anleihen zu beschaffen, soll das Kabinett nicht sympathisch gcgenüberstehen.
Neben den Beratungen der Reichsregierung gehen auch die Verhandlungen der Vertreter der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer weiter über die Steigerung der Wirtschaftsleistung durch Preis- und Lohnsenkungen. Der vom Reichsverband der Industrie und der Zentralvereinigung der Arbeitgeber eingesetzte Unterausschuß war am Donnerstag versammelt.
Eine der schwierigeren Fragen, die noch zu lösen sind, ist, ob die Senkung der Preise und der Löhne gleichzeitig dmchgeführt werden soll, oder ob eine Verständigung über den Umfang des Lohnabbaues erst erfolgt, wenn der Grad der Wirkung, die durch die Preissenkung erzielt worden ist, feststellbar wird, über die Akkordlöhne ist eine Einigung offenbar bereits erreicht. Umstritten sind noch die Tariflöhne.
Weitere Fortschritte
der Sanierungsberatungen.
Einvernehmen der Industrie erzielt.
Nach der Verabschiedung des Gesetzentwurfes über die Arbeitslosenfürsorge setzte das Reichskabinett seine Beratungen über die Deckung des Defizits im Haupt etat fort.
In dem vom Reichsverband der deutschen Industrie und von der Zentralgemeinschaft der Arbeitgeber eingesetzten Unterausschuß ist einer offiziösen Mitteilung zufolge ein Einvernehmen zwischen den Vertretern der verschiedenen Industrien und Verbände über das Preissenkungsprogramm erreicht worden.
Arbeitsgemeinschaft.
Nur ein paar spärliche Nachrichten sind bisher über bestimmte Verhandlungen durchgesickert, die sich zwischen Führern der Arbeitgeber - und Arbeit nehmerspitze norganisationen angesponnen haben. Und es ist gut so, daß eine an sich verständliche, in diesem Falle aber wohl recht unzweckmäßige Neugier nicht gleich die ersten zarten Fäden des Gespinstes gefährdet. Ernst hat schwerste Kriegsnot eine Arbeitsgemeinschaft der deutschen Arbeitgeber und -nehmer geschaffen und am gleichen Tisch saßen Stinnes und Legien, der Führer der Freien Gewerkschaften. Und diese Arbeitsgemeinschaft hat in der Zeit ihres Bestehens von 1918—1923, in den Jahren der Überleitung der deutschen Wirtschafr von der Kriegsnot in die Friedensnot viel zum Ausgleich sozialer Gegensätze und Schwierigkeiten schwerster Art bei» getragen.
Auch jetzt ist diese Not krisenhaft h o ch g e - stiegen, müssen andere, bessere Gedanken und Absichten an die Stelle abgebrauchter, nutzlos gewordener Mittel treten, mit denen der Krise und der Not nicht mehr bei- zukommen ist. Wirtschaftskrise und deren Folge, die Arbeitslosigkeit, die auch so stark mit beiträgt zur Gefährdung der Reichsfinanzen — das sind die beiden Punkte, dcretwegen sich die Vertreter der beiden bisher vielfach in größter Schroffheit gegenüberstehenden sozialen Schichten ^rn Verhandlungstisch zusammengefunden haben. Vorläufig hat man sich gegenseitig nur „abgetastet" —, aber e6 soll hier ja keinen Borkampf geben, sondern der Perpich einer Verständigung gemacht werden. Das Ziel: Her- ubdrückung der Arbeitslosigkeit durch Her- öeiführung einer stärkeren Beschäftigung in Industrie, Handel und Gewerbe. Die Voraussetzung hierfür: senken der Preise an einem Punkt, der soeben im Schiedsspruch für die Streitigkeiten in der nordwestdeutschen Eisenindustrie ins Äuge gefaßt ist: beim Lohn. Wird es auf diese Weise erreicht, daß man sich über eine gleichzeitige und gleichmäßige Lohn- und Preisherabsetzung einigt die Eisenindustrie will die Preise zuerst ermäßigen und dann, nach einem Monat, die Löhne entsprechend herabgesetzt wissen —, dann glaubt man eine Verminderung der Kaufkraft des Lohnes, also ein Sinken des allohnes vermeiden zu können. Das gerade ist der springende Punkt; denn die deutschen Arbeit- uehmervertrcier dürften sich nie oder doch nur als Be- stegle im Arbeitskampf einverstanden erklären mit einer Verminderung des Reallohnes, einer Senkung des ^ebenshaltungsniveaus. . o .
„ Es erübrigt sich, darüber zu debattieren, ob die Lohn- cheoricn der Arbeitnehmer oder die der Arbeitgeber — von denen diese Dinge anders betrachtet oder beurteilt werden richtiger sind, sondern es handelt sich hier nicht um Wunschpolitik, vielmehr um ein Wollen, das ^°u gegebenen Tatsachen — und dazu gehören uuch Massenanschauungen — ausgehen muß, um rgendwie zum Ziel zu gelangen. Daß schon lange die -Preisentwicklung für alle^ Erzeugnisse auf dem Weltmarkt mne teils schneller, teils langsamer nach unten stch bergende Linie zeigt, zwingt auch die deutsche Wirtschaft,
sich davon nicht auszuschließen und damit die Arbeitslosigkeit noch größer werden zu lassen. Mittels behördlicher Maßnahmen, durch „Befehl von oben" geht es nun aber nicht, eine Preissenkung durchzuführen, am wenigsten dann, wenn dabei Lohnherabsetzungen mitwirken sollen. Das ist nur möglich durch Einsicht in die Notwendigkeit, durch freiwilliges Zusammenarbeiten beider in Frage kommenden Seiten. Man hat 1926 auch mal versucht, eine solche Preissenkungsaktion vom grünen Tisch aus sozusagen zu kommandieren, — mit absolutem Mißerfolg. Was allein hier Erfolg Haber« könnte, ist eben eine „A r b e i t s - gemeinschaf t", die sich nüchtern fernhätt von jedem wirtschaftspolitischen Dogmatismus und alle Schlagworte vor der Tür ihres Beratungszimmers stehen läßt.
Eigentlich ist ja das ganze so breit verästelte Tarifwesen schon das Werk eines solchen „arbeitsgemeinschaft
Gegen politische Ausschreitungen.
Verbot politischer Uniformen.
Bayern untersagt uniformierte Aufmärsche.
Das bayerische Staatsministerium des Innern hat mit sofortiger Wirkung bis auf weiteres für das ganze Land alle diejenigen Versammlungen unter freiem Him mel, insbesondere Auszüge, Aufmärsche, Propagandamärsche, Kundgebungen verboten, an denen sich Mitglieder von politischen Vereinigungen oder von Schutzeinrichtungen solcher Vereinigungen in einheitlicher Kleidung beteiligen. Den Anlaß zu dieser Anordnung geben die zahlreichen Zusammenstöße von Angehörigen verschiedener politischer Richtungen, die im Laufe der letzten Monate wie im übrigen Reiche so auch in Bayern vorgekommen sind.
Diese bedauerlichen Ausschreitungen, so heißt es in der amtlichen Mitteilung weiter, haben ihren Grund in den scharfen politischen Meinungsverschiedenheiten. Den äußeren Änstoß dazu bildet aber in der Regel der Umstand, daß die politische Gesinnung
durch äußere Abzeichen
zum Ausdruck gebracht wird. Häufig hat schon die bloße Begegnung uniformierter Gruppen zu Zusammenstößen geführt. Auch bei den besten polizeilichen Vorbereitungen müsse damit gerechnet werden. daß Aus-
Internationale Wechselordnung.
Die erste Genfer Konferenz zur Vereinheitlichung des Wechsel- und Scheckrechts hat mit der Zeichnung von drei Konventionen ihren Abschluß gefunden. Die Konferenz hat sich nur mit der Vereinheitlichung des Wechselrechts befaßt, die Behandlung des Scheckrechts bleibt einer zweiten Konferenz vorbehalten. Die vertragschließenden 32 Staaten haben in der ersten Konvention die Einführung einer einheitlichen Wechselordnung vereinbart. Da eine völlige Angleichuna nicht erreicht und den vertragschließenden Staaten für eine Reihe von Fragen eine abweichende Regelung gestattet worden ist, trifft die zweite Konvention Vorschriften darüber, nach dem Recht welchen Staates international umlaufende Wechsel zu beurteilen sind. Die dritte Konvention bestimmt, daß die Gültigkeit von Wechselverpflichtungen nicht von der Einhaltung fiskalischer Vorschriften der ein- zelnen Staaten abhängig sein soll.
In diesem ersten überstaatlichen Gesebgebungswerk der Nachkriegszeit liegt ein bemerkenswerter Fortschritt in der Richtung der Rcchtsvereinhcitlichung und der Sicherung des internationalen Zahlungsverkehrs.
Das österreichische Sntwaffnungsgeseh.
Schober empfiehlt die Annahme.
Der Justizausschuß begann die Beratung des sogenannten Entwaffnungsgesetzes. Von sozialdemokratischer Seite wurde erklärt, daß sie einem solchen Gesetz, dessen Gefahren in der Handhabung liegen, nicht zustimmen könnte.
Dann begründete Bundeskanzler Dr. Schober die Notwendigkeit' des Gesetzes, durch die ihm wiederholt bei internationalen Besprechungen zum Ausdruck gebrachten W ü n s ch e a u s l ä n d i s ch c r V e r t r e t e r. Er betonte, er habe zwar jede Bindung abgelehnt, sich jedoch nicht verhehlen können, daß die Vertrauensfrage in dem Falle einer freien Anleihe noch eine viel größere Rolle spiele als dies beispielsweise bei der früheren Völkerbundanleihe der Fall war.
Auf Grund zahlreicher Gespräche mit Finanzleuten habe er die Überzeugung gewonnen, daß eine Ergänzung bestehender Gesetze notwendig sei und habe die vorliegende Fassung gewählt.
Eine Zustimmung des Auslandes habe er nicht eingeholt
und er würde es auch in diesem Falle abiebnen, der Stadt- halter des Auslandes in Österreich zu sein. Schließlich richtete der Bundeskanzler an den Ausschuß bie Aufforderung, das Gesetz zu erledigen, damit der Anleihe kein Hindernis im Wege stehe.
lichen" Gedankens, weil hier der Grundsatz des Arbeits- „vertrages" durchgeführt, der absolute Kampfstandpunkt zwischen Arbeitgeber und -nehmer wenigstens für bestimmte zeitliche Dauer ausgeschaltet ist. In England ist man darin schon weiter: hier besteht auch für das Schlichtungswesen eine ganze Reihe „arbeitsgemeinschaftlicher* Institutionen von Arbeitgebern und -nehmern und den staatlichen Zwangsschiedsspruch deutschen Rechts kennt man dort nicht. Die bitteren Erfahrungen des Riesen- kampfes in Englands Bergbau 1926 und seiner verhängnisvollen Folgen haben als eine ernste Lehre gewirkt, geben auch heute noch den verständigungsbereiten Elementen in den Trade-Unions der englischen Arbeiterschaft ein starkes Übergewicht über die auf unbedingten sozialen Kampf eingestellten Kreise. Daß die unzweifelhaft viel stärkere Not der Gegenwart bei uns zur Auftriebskraft ähnlicher Entwicklung werden kann, wäre nur zu wünschen. Einer der größten deutschen Wirtschaftsführer hat ein bekanntes Wort dahin geändert, daß nicht Politik, sondern — Wirtschaft das Schicksal ist. Heute zeigt sich in fast grausamer Deutlichkeit, wie richtig dieses Wort und zutreffend auf uns alle ist.
schreitungen erfolgen. Es bleibe nach den gemachten Erfahrungen nichts übrig, als den äußeren Anlaß zu diesen Vorkommnissen zu beseitigen. Versammlungen unter freiem Himmel, Auszüge und Kundgebungen usw.
ohne die Beteiligung von Uniformierten sind nach wie vor gestattet. Das Verbot gewinnt eine besondere Bedeutung durch die Tatsache, daß der bayerische Stahlhelm für den 14. Juni in Regensburg zum Bayerischen Stahlhelmtag aufgerufen hatte, wie auch dadurch, daß die N a t i o n a l s o z i a l i - st i s ch e Deutsche Arbeiterpartei ihren Parteitag vom 20. bis 25. August in ganz großer Weise in Nürnberg aufzuziehen beabsichtigt.
Dreviranus über politische Schießereien.
Reichsminister Treviranus, der sich auf einer dienstlichen Informationsreise durch die süddeutschen Grenzgebiete befindet, beschäftigte sich in einer Rede in Heidelberg eingehend mit den derzeitigen Verhältnissen in Thüringen. Wenn man revolutionär regiere, müsse man damit rechnen, daß man mit den gleichen Mitteln bekämpft werde. Auch mit Schießereien, wie sie sich wieder in Pirmasens zugetragen hätten, ändere und bessere man nichts, sondern zerstöre die Einheitsfront des ganzen Volkes, die unbedingt notwendig sei, um eine gesunde Außenpolitik betreiben zu können, ganz abgesehen davon, daß dem Bruderzwist immer neue Nabruna aeaeben werde
Oie Wünsche -es Gartenbaues.
Eine Abordnung bei Schiele.
Reichsernährungsminister Schiele empfing die Vertreter des Reichsverbandes des Deutschen Gartenbaues zu einer Aussprache über die vom Reichsverband vorgeschlagenen Maß- nahineu zur Förderung der Erzeugung und des Absatzes von Obst, Gemüse, Blumen und Zierpflanzen Seitens des Garten- baues wurde auf die Notwendigkeit einer sofortigen Verbesserung des handelspolitischen Schutzes der Gartenbauerzeugnisse hingewiesen, ohne den unter dem Druck der ausländischen Konkurrenz an eine Weiterführung der Betriebe und gar an eine weitere Durchführung der im Gange befindlichen Ausbaumaßnahmcn kaum gedacht werden könne. Reichsminister Schiele versicherte seine Entschlossenheit, dem Gartenbau mit möglichster Beschleunigung handelspolitisch wie auch durch R e i ch s m i t t e l zur Durchführung organisatorischer Maßnahmen zu Hilfe zu fommeii.
Polen droht mit Vergeltung.
Gegen die deutschen Agrarmaßnahmen.
In einer Pressebesprechung im polnischen Landwirt- schaftsministerium in Anwesenheit des Landwirtschaftsministers Polzinski hielt Ministerialdirektor Rose einen Vortrag über die polnische Landwirtschaftskrise und das Agrarprogramm der Regierung. Er stellte fest, daß die Aussichten für das bevorstehende Wirtschaftsjahr be« sonders trübe seien. Die neue deutsche Agrarpolitik habe die Lage bedeutend verschärft. Das Gleichgewicht des deutsch-polnischen Handelsvertrages sei dadurch erschüttert worden. Zur Abwehr müsse man mit gleichen Maßnahmen gegen Deutschland vorgehen, wie z. B. Schaffung eines Ausfuhrprämiensystems und finanzielle Hilfe aller Art. Sehr wichtig sei die Organisation des Getreidehandels. Der Staat werde vieleicht hierbei sogar mit Monopolsystem arbeiten müssen. Die Ausfuhr landwirtschaftlicher Artikel müsse unter allen Umständen erhöht werden. Der deutschen Dumping-Ausfuhr von Schweinefleisch nach Österreich z. B. müsse man eine polnische Dumping-Ausfuhr entgegensetzen.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Das Reichskabinett trat am Donnerstag zu einer Sitzung zusammen, um über die Deckungsmöglichkeiten des über 780 Millionen Mark betragenden Defizits im Reichshaushalt für das Jahr 1930 zu beraten.
* Der „Graf Zeppelin" hat auf der Rückfahrt von seiner Südamerikareise Sevilla erreicht, und ist kurz daraus zum Weiterflug gestartet.
* Das bayerische Innenministerium hat ein Verbot von poli- tlschen Versammlungen in Uniform erlassen.